Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3047: Das Desaster in der Lehrerausbildung

Samstag, September 19th, 2020

Es ist ja eine Binsenweisheit, dass die Zukunft unserer Gesellschaft von der Bildung abhängt. Also von den Lehrern und damit von der Lehrerausbildung.

Unsere Gegenwart übrigens auch.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige Zeitgenossen von Bildung deswegen schlecht sprechen, weil sie ihren eigenen Kompetenzen misstrauen (Musik, Literatur, bildende Kunst und Weiteres). Da tritt dann schnell die Einstellung ein, dass es den Schülern gar nichts nütze, wenn sie so viel wüssten, weil es „bei uns“ im Unternehmen doch nicht gefragt sei. Keine guten Voraussetzungen für Bildung. Ebenfalls nicht gut ist es, so empfinde ich es persönlich-subjektiv, dass viele Kräfte in der Lehrerausbildung tätig sind, denen dazu die Qualifikation fehlt. Sie haben manchmal keine praktische Erfahrung oder es fehlt ihnen an der positiven Einstellung ihren Studenten gegenüber. Die muss man nämlich mögen, wenn man ihnen etwas beibringen will.

Dies bestätigt die aktuelle Studie „Lehrkräftebildung 2021“ des ehemaligen Berliner Staatssekretärs Mark Rackles. Seit seinem Ausscheiden aus der politischen Verantwortung geht er schonungslos und selbstkritisch mit den Prognosen der Kultusministerkonferenz (KMK) um. Seit Jahrzehnten gibt es in Deutschland zu wenige Lehrer und dazu noch in den falschen Fächern und Schularten. Manche Bundesländer weisen Defizite bei den Lehrern von mehr als 50 Prozent auf. Allein wegen der altersbedingten Abgänge müssten 2,9 Prozent des gesamten Personalkörpers pro Jahr ausgebildet werden. Dieses Ziel verfehlten im Jahr 2018 sieben Länder:

Sachsen,

Sachsen-Anhalt,

Berlin,

Mecklenburg-Vorpommern,

Brandenburg,

Hamburg und

Thüringen.

Dabei nehmen die Schülerzahlen bis zum Jahr 2030 wieder zu. Zu viele Länder verlassen sich auf den Lehrerüberschuss in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz. Manche Bundesländer haben Kapazitäten noch abgebaut. Auch beim Referendariat stagnieren die Zahlen. Die Vorbereitungsdienste sind in den Ländern zwar gleichwertig, aber verschieden lang, von 12 Monaten bis zu 24 Monaten. Allein für das Lehramt an Gymnasien gibt es genügend Lehramtsanwärter. Besonder schlecht sieht es aus bei

Berufsschulen,

Sonderschulen und

der Sekundarstufe I.

Es mangelt an Interessenten in den folgenden (zum teil sehr wichtigen) Fächern: Deutsch, Mathematik, Sport, Englisch, Musik und Kunst. Rackles führt das u.a. darauf zurück, dass an Kunst- und Musikhochschulen die Eingangsprüfungen für künftige Lehrer genau so hart sind wie für künftige Künstler. Das Lehramt Sonderpädagogik stagniert.

Rackles schreibt: „Der Mangel ist hausgemacht, da er das Ergebnis von politischen Vorgaben und Prozessen ist. Es handelt sich um eine föderale Sackgasse.“

Er schlägt einen Staatsvertrag vor, in dem die Länder übergreifend Strukturvorgaben und Standards setzen. Beraten soll ein „Beirat Lehrkräftebedarf“, dessen Mitglieder je zur Hälfte von Bildungs- und Hochschulseite berufen werden sollen. Steuerungsgröße sollen die Absolventenzahlen sein. In dem von Rackles vorgeschlagenen Staatsvertrag sollen sich die Länder zur Eigenbedarfsdeckung bekennen.

Nach Rackles haben wir es heute mit einem relativ ungesteuerten System zu tun von fast 5.000 Studiengängen an über 100 Hochschulen. Erforderlich sei eine abgestimmte Begrenzung der Fächerkombinationen. Rackles empfiehlt, das System des polyvalenten Lehramtsstudiums zu beenden, das Studenten mit einer Offenheit der Abschlüsse anzulocken versucht. Er will die Möglichkeit eines Quereinstiegs mit länderübergreifenden Standards in der Auswahl, Qualifizierung und Qualitätssicherung (Heike Schmoll, FAZ 19.9.20).

 

3046: Karin Baal 80

Samstag, September 19th, 2020

Das vaterlos im Berliner Wedding aufgewachsene Arbeitermädchen Karin Blauermel (als Filmschauspielerin künftig: Baal) bekam 1956 die Hauptrolle neben Horst Buchholz in Will Trempers „Die Halbstarken“. Sie holte die Schauspielausbildung nach und war anschließend auf die blonde Rebellin abonniert (eine schöne Frau übrigens). Sie trat 1958 auf in „Das Mädchen Rosemarie“. Häufig spielte sie Nebenrollen (mit Hans Albers, Heinz Rühmann und Heinz Erhardt) und wurde dann ein Fernsehstar. Rainer Werner Fassbinder besetzte sie in „Berlin Alexanderplatz“ 1980, „Lili Marleen“ und „Lola“ 1981. Thomas Brasch brachte sie 1981 in „Engel aus Eisen“. 1986 spielte sie in Margarete von Trottas „Rosa Luxemburg“. Der große Filmkritiker Hans-Christoph Blumenberg schrieb über sie: „Ich sehe ein Gesicht, das schon viel gesehen hat, eine Kraft, die lange gereicht hat und dünner geworden ist, eine große Beherrschung.“ Karin Baal ist das Gesicht unserer Generation, der Nachkriegsepoche. Sie wird 80 jahre alt (Andreas Kilb, FAZ 19.9.20).

3045: Volksbegehren zur Enteigung zulässig

Freitag, September 18th, 2020

Die Berliner Verwaltung hat das Volksbegehren zur Enteignung großer Wohnungsgesellschaften für zulässig erklärt. Im nächsten Schritt muss sich nun der Senat aus

SPD, Linken und Grünen

zu dem Vorhaben erklären. Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ will erreichen, dass Unternehmen in Berlin, die mehr als 3.000 Wohnungen besitzen, vergesellschaftet werden. Ähnlich wie der Mietendeckel wäre eine Enteignung ein bislang einmalig drastischer Schritt in der Wohnungspolitik. Die Initiative hatte im letzten Jahr 77.000 Unterschriften gesammelt. Notwendig wären nur 20.000 gewesen. Linke und Grüne unterstützen das Vorhaben. Die SPD ist dagegegen. Problematisch sind die Entschädigungen, die bei Enteignungen zu zahlen wären. Nach dem Votum von Senat und Abgeordnetenhaus hat die Initiative vier Monate Zeit, um die Zustimmung von etwa 170.000 Berlinern einzuholen. Der nächste Schritt wäre ein Volksentscheid, der gemeinsam mit den Wahlen zum Bundestag und zum Abgeordnetenhaus im September 2021 stattfinden könnte (Jan Heidtmann, SZ 18.9.20).

 

3044: Rechtsextremistische Strukturen bei der Polizei

Donnerstag, September 17th, 2020

Wie der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) mitteilte, haben 29 Polizisten jahrelang im Netz in fünf Chatgruppen rechtsextremistische Bilder und Texte ausgetauscht. Die 23 Männer und sechs Frauen sind vom Dienst suspendiert worden. Mehr als 200 Polizisten haben in 34 Polizeidienststellen und Privatwohnungen in sechs Städten nach Beweismittreln gesucht. Gegen elf Beamte wurden Strafverfahren wegen Volksverhetzung und wegen Verbreitung von Symbolen von verfassungswidrigen Organisationen eingeleitet. Innenminister Reul sprach von „übelster und widerwärtigster neonazistischer, rasistischer und flüchtlingsfeindlicher Hetze“.

Verbreitet wurden etwa Bilder von Hitler, Hakenkreuze etc. Eine von 126 Bilddateien zeigte die „fiktive Darstellung eines Flüchtlings in der Gaskammer eines Konzentrationslagers“. Eine andere die Erschießung von Menschen schwarzer Hautfarbe. Der Innenminister will bei den insgesamt 50.000 Polizisten in Nordrhein-Westfalen nicht mehr von „Einzelfällen“ sprechen. Er sieht aber keine strukturellen Probleme. Es können weitere Fälle dazukommen. Die Polizei erwartet bei der Auswertung von Handys und Rechnern einen „Schneeballeffekt“. Fast alle Beschuldigten kannten sich aus dem gemeinsamen Streifendienst in Mülheim/Ruhr. Beteiligt war auch der Dienstgruppenleiter. „Das trifft die Polizei bis ins Mark.“ Der Innenminister hat einen Sonderbeauftragten berufen, der ein Lagebild rechtsextremistischer Tendenzen in der NRW-Polizei erstellen soll (Christian Wernicke/Ronen Steinke, SZ 17.9.20).

In den letzten Jahren und Monaten gab es ähnliche Vorgänge bei der Polizei in

Hessen,

Bayern,

Mecklenburg-Vorpommern,

Baden-Württemberg,

Nordrhein-Westfalen und

Niedersachsen.

3043: Jean Seberg – ein unglückliches Leben

Mittwoch, September 16th, 2020

In Jean-Luc Godards „A bout de souffle“ („Außer Atem“) 1959 wurde Jean Seberg (geb. 1938) zur

Stilikone der „Nouvelle Vague“.

Als amerikanische Studentin verkaufte sie auf den Champs-Elysées Zeitungen, darunter die „International Herald Tribune“, und brachte einen Kleinkriminellen (Jean-Paul Belmondo) zu Fall. Godard brach mit vielen Konventionen des Kinos, inhaltlich wie ästhetisch, räumte mit veralteten Geschlechterrollen genau so auf wie mit alten Kameraeinstellungen und Schnittrhythmen. Sebergs Kurzhaarschnitt und ihr Gesicht prägten die Vorstellungen von der „neuen Welle“. Ich habe den Film 1962 zum ersten Mal gesehen, aber nicht in unserem Dorfkino, sondern in einem Seminar für politische Bildung im Jugendhof Steinkimmen. Und war begeistert.

Entdeckt hatte Jean Seberg 1957 Otto Preminger für seinen Film „Die heilige Johanna“. 1964 überzeugte sie an der Seite von Warren Beatty in Robert Rossens „Lilith“. Aber sie spielte auch in vielen Filmen, an die wir uns heute nicht mehr erinnern. Ihre letzte Rolle hatte sie 1976 an der Seite von Bruno Ganz und Anne Bennent in Hans W. Geißendörfers „Die Wildente“. Jean Sebergs Privatleben konnte mit ihrer Filmkarriere nicht mithalten. Sie war drei Mal verheiratet. Ihr Sohn wurde 1962 geboren, ihre Tochter starb 1970 kurz nach der Geburt. Seberg engagierte sich politisch für die Black-Panther-Bewegung. Damit zog sie den alltäglichen Rassimus auf sich. Und das FBI unter seinem fanatischen Chef Herbert J. Hoover. Von dort wurden Schmutzkampagnen gegen sie gestartet. Seberg fühlte sich verfolgt. Drogen- und Alkoholexzesse waren die Folge. 1979 wurde sie, wohl zehn Tage nach ihrem Tod, in Paris nackt in ihrem Auto gefunden. Ihr dritter Mann, Romain Gary, hat zeitlebens behauptet, Jean Seberg sei vom amerikanischen Geheimdienst ermordet worden. Auf den Filmfestspielen in Venedig 2019 lief Benedict Andrews Film „Seberg“ (David Steinitz, SZ 16.9.20).

3042: Angesichts von Antisemitismus – Der Zentralrat der Juden 70 Jahre alt

Mittwoch, September 16th, 2020

Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist 70 Jahre alt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (NIF, SZ 16.9.20) bezeichnete ihn als „fest verankerte Institution und bedeutende Stimme in unserem Land“. Die Juden könnten stolz darauf sein, „was sie im Vertrauen auf sich selbst und im Vertrauen in unser Land aufgebaut und geleistet“ haben. Der andere Teil der Wahrheit sei, dass sich viele Juden in Deutschland angesichts des grassierenden Antisemitismus nicht mehr sicher und respektiert fühlten. „Es ist eine Schande und beschämt mich zutiefst, wie sich Rassimus und Antisemitismus in diesen Zeiten äußern.“

Joachim Käppner schreibt dazu (SZ 16.9.20): „Man vergisst leicht, welch ein Geschenk und Vertrauensbeweis dieses Leben ist für die deutsche Gesellschaft. Gleichzeitig ist dieses neu erblühte jüdische Leben auch ein Gradmesser für den inneren Zustand dieser Demokratie. Der zunehmende

Antisemitismus,

dieses Erbübel aus

Verschwörungsmystik, Bösartigkeit und Dummheit,

beunruhigt die jüdischen Deutschen. Die Vorgänge um den Terroranschlag von Halle, der die Juden dort treffen sollte, lassen zweifeln, ob das Ausmaß der Bedrohung tatsächlich überall verstanden wurde. Deutschlands Juden brauchen die Solidarität der Gesellschaft.“

3041: Homöopathie bringt nichts.

Dienstag, September 15th, 2020

Christina Berndt ist promovierte Immunologin und Biochemikerin und schreibt in der SZ über Medizin und Psychologie. Über Homöopathie sagt sie (15.9.20): „Für ihren Nutzen gibt es keinen Beleg durch wissenschaftlich solide Studien. Immer wieder wurde in umfassenden Analysen überprüft, ob homöopathische Therapien Patienten wirklich helfen können.

Das Ergebnis war jedes Mal niederschmetternd.

Gleich, ob die britische Regierung, die Cochran Collaboration oder Universitäten Analysen vornahmen: Die Wirkung der Homöopathie ging nicht über einen Placebo-Effekt hinaus. Doch Gefahren bergen die Mittel durchaus: Sie können zu Allergien führen. Besonders problematisch wird es, wenn im Glauben an die Homöopathie wirksame Behandlungen unterlassen werden.“

3040: Terrorverdacht gegen Soldaten in Mecklenburg-Vorpommern

Dienstag, September 15th, 2020

Bei einem 40 Jahre alten Soldaten sind in der Nähe der Stadt Neubrandenburg Wohn- und Büroräume durchsucht worden. Er steht im Verdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Er soll Kontakte in die rechtsextremistische Szene haben. Ermittelt hatten MAD, Verfassungsschutz und Strafverfolgungsbehörden.

In den vergangenen Jahren hatte es in Mecklenburg-Vorpommern immer wieder Hinweise auf Kontakte von Sicherheitskräften (Polizei, Bundeswehr) zur rechten Szene gegeben. Führende Köpfe der Prepper-Gruppe Nordkreuz gehörten dem Reservistenverband an. An dem Einsatz gegen den Soldaten waren auch Angehörige des Spezialkommandos (SEK) der Landespolizei beteiligt. Vornehmlich sei es um die Sicherstellung von elektronischen Medien gegangen. Der Soldat ist nebenberuflich im Feld der Sicherheit tätig.

Ein ehemaliges SEK-Mitglied, das ebenfalls zur Nordkreuz-Gruppe gehörte, wurde bereits wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verurteilt. Anhänger der Prepper-Szene bereiten sich mit dem Horten von Vorräten auf den Tag X vor, den Katastrophenfall. Zum Teil legen sie illegale Waffenlager an und führen Listen mit den Namen politischer Gegner (Ronen Steinke, SZ 15.920).

3039: VAE und Bahrain: diplomatische Beziehungen zu Israel

Dienstag, September 15th, 2020

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Bahrain nehmen diplomatische Beziehungen zu Israel auf. Bisher haben von den arabischen Staaten nur Ägypten und Jordanien diplomatische Beziehungen zu Israel. Es geht gegen Iran. Verlierer der Entwicklung sind wieder die Palästinenser, die Unterstützung aus der arabischen Welt verlieren. Geschmiedet worden ist das neue Bündnis auch von den USA. Israel erwartet Milliarden Investitionen aus den neuen Partnerstaaten. Es bietet Know how. Eröffnet werden sollen Shopping Touren nach Dubai und Abu Dhabi. Die VAE wünschen sich F-35-Kampfjets aus den USA. Das könnte Israels militärische Überlegenheit in Nahost relativieren. Weitere Kandidaten für diplomatische Beziehungen zu Israel sind Oman, Sudan und Marokko. Israel wünscht sich Saudi-Arabien (Peter Münch, SZ 15.9.20). Der Vorgang könnte als Erfolg der Außenpolitik von Donald Trump verstanden werden.

3038: Was Nawalny für Putin bedeutet

Dienstag, September 15th, 2020

Silke Bigalke schreibt dazu (SZ 15.9.20): „Putin ist nur am Erhalt der eigenen Macht interessiert. Dem ordnet er alles unter, wirtschaftliche Interessen genauso wie Russlands Beziehungen zu anderen Ländern. Was Nawalny angeht, so führt der Kreml ein verstörendes Argument an: Er könne mit dem Anschlag schon deswegen nichts zu tun haben, weil dieser ihm doch nur Probleme bereite. Der Umkehrschluss könnte lauten: Der Kreml trachtet sehr wohl Gegnern nach dem Leben, wenn er dabei gewinnt. Und zweifellos profitiert Putin davon, dass Nawalny weg ist.

Nawalny ist der Oppositionsführer, der die meisten Menschen hinter sich versammeln kann. Er bietet Wählern mit seinem Programm, was Putin fürchtet: eine Alternative. Nawalnys Vergiftung bringt dem Kreml auch Nachteile. Es drohen Sanktionen des Westens, und an jenem Tag, an dem die Diagnose aus Berlin kam, Nawalny sei mit Nowitschok vergiftet worden, sank der Kurs des Rubel. Aber egal wer hinter dem Anschlag steckt: der Kreml wird die Täter schützen, und wenn das die Beziehungen zum Westen noch so sehr belastet. Nicht weil Putin Sanktionen egal sind. Sondern weil er sein System mit allen Mitteln erhalten will.“