Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3480: Biermann-Archiv geht nach Berlin.

Donnerstag, Juli 8th, 2021

Das private und berufliche Archiv des Liedermachers Wolf Biermann, 84, und seine privaten Tagebücher sind von der Berliner Staatsbibliothek mit Hilfe des Bundes und der Kulturstiftung der Länder erworben worden. Sie werden am 13.7.21 feierlich übergeben. Wolf Biermann wird Lieder und Gedichte dazu beitragen. Sein Werk spiegele wie kein anderes die Zerrissenheit und Vereinigung Deutschlands. „Er war eine der wichtigsten politischen Stimmen des Widerstands in der DDR. Mit seinen politischen Essays regte er im wiedervereinigten Deutschland wichtige Debatten an.“ Der Hamburger Wolf Biermann reiste 1956 in die DDR aus und lebte in Ost-Berlin. 1976 wurde er ausgebürgert, was einen Sturm der Entrüstung auslöste. Auf der politischen Linken ist Biermann heute unbeliebt (dpa, SZ 8.7.21).

3479: Ernst-Wilhelm Händler über die Rolle von Schriftstellern

Dienstag, Juli 6th, 2021

Ernst-Wilhelm Händler, geb. 1953, ist studierter Philosoph und hat lange Jahre das Familienunternehmen in Regensburg geführt. Seit Mitte der neunziger Jahre veröffentlicht er Romane und Essays. 2003 wurde „Wenn wir sterben“ auf der SWR-Bestenliste als das beste Buch des Jahres ausgezeichnet. In einem Interview mit Thomas E. Schmidt (Die Zeit 24.6.21) spricht er über die aktuelle Rolle von Schriftstellern.

Zeit: Das heißt auch, es gibt für den Autor keine stabile Rolle mehr, weder als Morallehrer noch als Verstörer.

Händler: Nein, überhaupt nicht mehr. Es gibt viele Rollen. Da ist der Typ, der immer gute Figur macht – die Spitze der Pyramide bildet der Bestsellerautor in der Talkshow. Ein anderes Rollenmodell ist für die Älteren: Es besteht eigentlich nur darin, schlechte Laune zu verbreiten.

Zeit: Also Kulturkritik.

Händler: Schlechte Laune als Kulturkritik verkleidet. Mit ist der publizistische Erfolg von Botho Strauß nicht erklärbar – wie man sich auf Carl Schmitt berufen kann, bleibt mir ein Rätsel. Carl Schmitt war der widerlichste von allen Nazi-Intellektuellen. …

3478: Frank Ulrich kandidiert für die SPD.

Montag, Juli 5th, 2021

Frank Ulrich, 63, ist einer der erfolgreichsten Biathleten aller Zeiten. Neun Weltmeistertitel, vier Olympiamedaillen, vier Weltcup-Gesamterfolge holte er für die DDR. Der geborene Thüringer sitzt im Suhler Stadtrat. Er will für die SPD in den Bundestag. Im Wahlkreis 196 kandidiert er gegen den ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen von der CDU, einen Mann vom politischen Zwergenformat eines Ernst Jünger. Sein Vorgänger Mark Hauptmann musste wegen Maskendeals und undurchsichtiger Geschäfte mit Aserbeidschan zurücktreten.

Frank Ulrich ist nicht besonders streitlustig, sondern in Suhl überall bekannt und beliebt. Er ist sich der Probleme wie Deindustrialisierung, Wegzug und Überalterung wohl bewusst. „Man muss den Menschen zugestehen, dass sie nach 30 Jahren sagen: Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen.“ Wir dürfen aber nicht nur auf die Plattenbauten schauen, die abgerissen werden, sondern sollten die neuen Einfamilienhäuser sehen. In Südthüringen herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Sollte Frank Ulrich in den Bundestag gelangen, will er sich insbesondere um den Schul- und Vereinssport kümmern. Einen besseren Interessenvertreter dafür können wir uns kaum vorstellen (Ulrike Nimz, SZ 5.7.21).

3477: Deutschland lässt die afghanischen Helfer der Bundeswehr (2001-2021) im Stich.

Montag, Juli 5th, 2021

Dass Deutschland die zahlreichen afghanischen Helfer der Bundeswehr (Fahrer, Köche, Übersetzer usw.) und ihre Familien im Stich lässt und sie nicht nach Deutschland holt, ist ein riesiger politisch-moralischer Skandal. Sollte es dabei bleiben, dann handelte es sich um eine grundlegende und umfassende Bankrotterklärung, die unserem Gemeinwesen fast prinzipiell den Boden (Menschenrechte, Grundgesetz, Rechtsstaat etc.) entzieht. Die genannten Kräfte sind nunmehr den für ihre Humanität bekannten Taliban ausgeliefert und mit dem Tode bedroht (Tobias Matern, SZ 5.7.21).

Nebenbei wird zudem klar, dass die Linken (KPD-AO, KPD-ML, KBW, KB, DKP und pazifistischer Taumel) die 1979 dem sowjetischen Überfall auf Afghanistan innerlich zugestimmt hatten, nun ihre moralische Kompetenz unterstreichen. Dabei hatten sie allen kommunistischen Repressionen nach 1945 zugestimmt (17. Juni 1953 in der DDR, die Volksaufstände in Polen und Ungarn 1956, Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, sowjetischer Überfall auf Afghanistan 1979). Heute verurteilen sie die völkerrechtswidrige russische Annektion der Krim 2014 nicht. Dadurch sind sie moralisch diskreditiert. Und für eine deutsche Außenpolitik nicht zu gebrauchen. Heute gehören ihre Reste zu der Linken, den Grünen und der SPD.

3476: Allianz-Konzernchef fordert höhere Erbschaftssteuer.

Montag, Juli 5th, 2021

Allianz-Chef Oliver Bäte hat sich für eine höhere Erbschaftssteuer ausgesprochen. „Das wäre sinnvoll, bevor man andere Steuern erhöht.“ Auch Ausnahmen und Freibeträge „würde ich mir genau ansehen“. Bäte begründete den Vorstoß damit, dass Vermögensanhäufungen im Moment vor allem über Erbschaften stattfinden (SZ 5.7.21).

3474: Neuer ZDF-Intendant muss weiter modernisieren.

Sonntag, Juli 4th, 2021

Der neue ZDF-Intendant, Norbert Himmler, hat als Programmdirektor schon gut mit dem alten, Thomas Bellut, zusammengearbeitet. Er hat die erste Welle der Digitalisierung  geleitet. So kommt es, dass das ZDF in vielem moderner und technisch weiter wirkt als manche ARD-Anstalt. Man traut dem ZDF eine weitere Modernisierung zu.

Seit Jahren versuchen die Öffentlich-Rechtlichen, außerhalb eines Programms mit festen Sendezeiten ein jüngeres Publikum zu erreichen. ZDF-Kultur und ZDF-Neo sind gute Beispiele. Der neue Intendant muss möglichst diejenigen überzeugen, die das öffentlich-rechtliche System abschaffen wollen. Er muss sparen, braucht mehr Frauen in Spitzenpositionen. Das ZDF-Programm muss in der Mediathek und auf Social Media zu finden sein. Wenn das klappt, ist die leicht lächerliche Begleitmusik etwa aus dem Hause Springer bedeutungslos, die ohnehin einen ziemlich kläglichen Journalismus kaschiert (Claudia Tieschky, SZ 3./4.7.21).

3473: Amsterdams Bügermeisterin entschuldigt sich für Sklavenhandel.

Samstag, Juli 3rd, 2021

Amsterdams grüne Bürgermeisterin Femke Halsema hat sich für die Beteiligung der niederländischen Hauptstadt am Sklavenhandel (1578-1863) entschuldigt. „Es ist an der Zeit, das große Unrecht der kolonialen Sklaverei in die Identität unserer Stadt einzumauern – mit einer großzügigen und bedingungslosen Anerkennung.“ Die Hälfte der 139 Bürgermeister aus besagter Zeit amtierte zugleich als Direktor der Kolonialgesellschaft. Die Niederlande profitierten vom Handel mit Sklaven.

Linda Nooitmeer vom Nationalen Institut für die niederländische Sklavereigeschichte: „Mit einer Entschuldigung wird die Tatsache anerkannt, dass Sklavenhandel ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war.“ Dadurch wird die Tür zu möglichen Entschädigungszahlungen geöffnet. Meistens kommt es dazu aber nicht. Eine Mehrheit der Niederländer lehnt eine solche Geste ab (Thomas Kirchner, SZ 3./4.7.21).

3472: Documenta 15 findet planmäßig 2022 statt.

Samstag, Juli 3rd, 2021

Die Documenta 15 findet planmäßig vom 18. Juni bis 25. September 2022 in Kassel statt. Das gab Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) bekannt. Vorher war wegen der Corona-Pandemie über eine Verschiebung nachgedacht worden. Zur Begründung verwies Geselle auf die „gesellschaftspolitische und kulturelle Verantwortung“, die mit der Documenta verbunden seien. Es gehe darum, ein Zeichen für „Hoffnung, Zuversicht, Glauben und Liebe“ zu geben.

Mit ihrem auf Teilhabe und Gemeinschaft gerichteten Konzept gehöre die Documenta genau in diese Zeit. Geselle kündigte an, dass sich die Gesellschafter um die Deckung der Mehrkosten für höhere Sicherheitsanforderungen und geringere Teilnehmerzahlen kümmern würden. Die Documenta-Kuratoren gaben bekannt, spätestens im September 2021 die Liste der 53 Künstlerinnen und Künstler bekannt zu geben, die eingeladen würden (Ingo Abend, SZ 3./4.7.21).

3471: Steinmeier: Für Zwei-Staaten-Lösung

Samstag, Juli 3rd, 2021

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich bei seinem Israel-Besuch, der erfreulich freundschaftlich verlief, für eine Zwei-Staaten-Lösung ausgesprochen. Dabei stellt er es außer Frage, dass die palästinensischen Raketenangriffe auf Israel „nicht hinnehmbar“ seien. Israel müsse sich verteidigen können. Aber zu einer Zwei-Staaten-Lösung sähe er bisher keine Alternative. Das tat er, obwohl sein Freund, der israelische Präsident Reuven Rivlin, zu den ersten gehört hatte, die eine Föderation in einem einzigen Staat Israel präferiert hatten. Ein Treffen Steinmeiers mit dem künftigen israelischen Präsidenten Isaac Herzog stand auf dem Plan (Stefan Braun, SZ 2.7.21).

3470: Wer ist heute noch Sozialist ?

Donnerstag, Juli 1st, 2021

Kristian Niemietz untersucht den Sozialismus:

K.N.: Sozialismus. Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt. München 2021.

Das gefällt vielen, die sich heute noch als Sozialisten sehen, gewiss nicht:

Nun, der reale Sozialismus ist von Karl Marx (1818-1885) und Friedrich Engels (1820-1895) theoretisch entwickelt worden. Politisch erfolgreich wurde er dann in der russischen Version der W.I. Lenin (1870-1924) und Josef Stalin (1878-1953). Und Mao Zedong (Tse Tung) (1893-1976) führte ihn zum großen chinesischen Erfolg. Verbunden war das hauptsächlich mit Massenmorden, Massenelend und der Unterdrückung der Menschenrechte. Trotzdem wurde diese Politik – nicht zuletzt auch von sogenannten Intellektuellen – bis zuletzt, bis zur Gegenwart gerechtfertigt. Unter den Deutschen war der Schriftsteller Lion Feuchtwanger der größte Lobredner des Stalinismus (1929-1955).

Niemietz stützt sich auf die klassische Definition von Sozialismus: Abschaffung des Privateigentums und stattdessen staatliche, planwirtschaftliche Lenkung von Produktion, Distribution und Konsum.

Die Linken betrügen sich bis heute gerne selbst bei der Definition des Sozialismus. Die deutsche Partei „Die Linke“ etwa sieht im Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in der DDR nicht ein Fanal gegen den Sozialismus, sondern einen Aufstand gegen Lohndrückerei und Leistungsdruck, als hätten die Arbeiter für Sozialismus demonstriert und nicht dagegen. Die beliebteste Ausrede: „Das war kein echter Sozialismus.“ Der US-Linguist und genuine Linke Noam Chomsky sagt über die Sowjetunion: „Es gab nicht einen Hauch von Sozialismus in der Sowjetunion. … Es hatte mit Sozialismus nichts zu tun.“

Alle sozialistischen Versuche, Massenwohlstand zu erzeugen, die Sowjetunion, das maoistische China, Castros Kuba, die DDR bis zum heutigen Venezuela, endeten in bitterer Not und einer totalitären Diktatur. Wir konstatieren Hyperinflation, Versorgungskrise, existenzielle Armut und Massenemigration. Es herrscht die „Um ein Omelett zu machen, muss man Eier zerschlagen“-Theorie. Der US-Schriftsteller Upton Sinclair: „Es gab in der Menschheitsgeschichte noch nie große soziale Veränderungen ohne Tötungen.“ Ja, wo gehobelt wird, da fallen Späne.

Die ganze Ignoranz linker Ideologen hat Simone de Beauvoir in den sechziger Jahren in einem Statement über China auf den Punkt gebracht: „Das Leben in China ist außergewöhnlich schön. … Ein Land, wo die Generäle und Staatsmänner Gelehrte und Poeten sind, …, erlaubt es, liebevolle Träume zu träumen.“ (Philip Plickert, FAS 17.6.21)

Ja, dann träumt mal schön!