In die Debatte über die künftige Sterbehilfe in Deutschland kommt Bewegung. Zwei Gruppen von Bundestagsabgeordneten, die bisher unterschiedliche Vorstellungen hatten, präsentierten einen gemeinsamen Entwurf. Dieser sieht vor, dass Ärzte Medikamente zur Selbsttötung verschreiben dürfen, wenn die Patienten volljährig sind und eine Beratung absolviert haben. Im Juli könnte im Bundestag abgestimmt werden (SZ 14.6.23).
Archive for the ‘Gesellschaft’ Category
4370: Breiter Konsens bei Sterbehilfe
Freitag, Juni 16th, 20234369: Frances Haugen warnt vor den Wirkungen von sozialen Medien auf Kinder.
Freitag, Juni 16th, 2023Die ehemalige Facebook-Produktmanagerin Frances Haugen warnt vor den Auswirkungen sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche. „Da erreichen wir demnächst einen kritischen Punkt. Die Suizidraten für Kinder und Jugendliche gehen in den USA steil nach oben.“ Die US-Gesundheitsbehörde CDC ermittelte, dass der Anteil der Mädchen im Teenageralter, die schon mit Suizidgedanken gespielt hätten, von 2011 bis 2021 von 19 auf 30 Punkte gestiegen sei. Der oberste Gesundheitsbeamte des Landes hat Ende Mai 2023 soziale Medien zum Gesundheitsrisiko erklärt. Das geschehe selten, so Haugen. Etwa als publiziert wurde, dass Zigaretten Krebs verursachten, dass Sicherheitsgute Leben retteten, dass Stillen für Babys gesund sei. Frances Haugen hatte im Sommer 2021 Tausende Dateien aus der Facebookzentrale (heute: Meta) geschmuggelt (SZ 13.6.23).
4368: Schwere Vorwürfe gegen Boris Johnson
Freitag, Juni 16th, 2023Boris Johnson hat das britische Parlament mehrmals vorsätzlich belogen. Das ist die Ansicht eines Untersuchungsausschusses. Es geht um Äußerungen im Partygate-Skandal. Der Ausschuss empfahl, Johnson 90 Tage aus dem Unterhaus zu verbannen. Johnson kam der Sanktion in der vergangenen Woche zuvor, indem er sein Mandat niederlegte (SZ 16.6.23).
4367: Gerichtsstreit Springer gegen Julian Reichelt
Samstag, Juni 10th, 2023Das Haus Springer hat den früheren „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt verklagt und geht auch arbeitsrechtlich gegen ihn vor. U.a. möchte Springer die zwei Millionen betragende Abfindung zurück. Da wird nun vor Gericht schmutzige Wäsche gewaschen. Reichelt war im Herbst 2021 nach Vorwürfen des Machtmissbrauchs entlassen worden. Damals hatte er noch ein sehr gutes Verhältnis zum Springer-Chef Matthias Döpfner. Die Abfindungszahlung wurde im Oktober fällig. Vier Monate später verlangte Springer zusätzlich 192.000 Euro von Reichelt, weil dieser „Bild“-Angestellte für sein Start-up entgegen den Bestimmungen der Trennungsvereinbarung angeworben hatte. U.a. Ralf Schuler.
Außerdem hatte Reichelt vertrauliche interne Verlagsinformationen an den Verleger der „Berliner Zeitung“, Holger Friedrich, geleakt. Dieser hielt sich nicht an das Gebot des Informantenschutzes, sondern verpetzte Reichelt bei Döpfner. Zum Gütetermin beim Arbeitsgericht Berlin waren Döpfner und Reichelt nicht erschienen. Dafür viele ander Medienvertreter. Auch der inzwischen ebenfalls entlassene Reichelt-Nachfolger Johannes Boie. Die „Berliner Zeitung“ hatte über die geleakten Informationen nicht berichtet, dafür der „Stern“. Vor Gericht liegt die Beweislast auf der Klägerseite. Reichelt selbst hat Widerklage eingericht, u.a. auf die Herausgabe aller Daten aud dem Springer-internen Compliance-Verfahren. Würde man die Unterlagen herausgeben, würden Namen und Daten von Hinweisgebern bekannt. Der nächste öffentliche Kammertermin ist für November anberaumt (Anna Ernst, SZ 10./11.6.23).
4366: Gerardo Soane neuer Trainer In Mönchen-Gladbach
Freitag, Juni 9th, 2023Mit dem Schweizer Gerardo Soane bekommt Borussia Mönchen-Gladbach in fünf Jahren den fünften Trainer. Das liegt am Misserfolg. Soanes Vorgänger waren Dieter Hecking, Adi Hütter, Marco Rose und Daniel Farke. Selbst Sportchef Roland Virkus empfindet das als zuviel. Soane war im Oktober 2022 nach nur 15 Monaten bei Bayer Leverkusen entlassen worden. Neuer Sportdirektor in Mönchen-Gladbach wird Nils Schmadtke, 34, der Sohn des neuen Liverpooler Sportdirektors Jörg Schmadtke (59) (Ulrich Hartmann, SZ 9.6.23).
4365: New York im Rauch der kanadischen Waldbrände
Freitag, Juni 9th, 2023New York und große Teile der US-Ostküste sind in den Rauch der außer Kontrolle geratenen kanadischen Waldbrände geraten. In New York wird Mundschutz dagegen auf den Straßen verteilt. Die Luftqualität ist so schlecht wie noch nie zuvor. Besserung wird frühestens am Wochenende erwartet. Gouverneurin Kathy Hochschul sagte: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass das eine Weile dauert.“ (SZ 9.6.23)
4364: Das Unbewusste steuert unser Gewicht.
Donnerstag, Juni 8th, 2023Der Neurobiologe Stephan Guyenet hat das Buch „The Hungry Brain“ geschrieben. Im Interview mit Barbara Vorsamer (SZ 20./21.5.23) äußert er sich klipp und klar.
„Körpergewicht wird zu oft moralisch aufgeladen, zu viele Menschen sind der Meinung: Ah, da ist jemand dick, diese Person hat keine Selbstkontrolle und lässt sich gehen. Diese Art der Verurteilung ist unfair, denn die Gehirne von Menschen mit Übergewicht funktionieren anders,
und das wiederum ist vor allem genetisch bedingt.
Zwillingsstudien belegen, dass der Einfluss der Gene auf das Körpergewicht bei etwa 70 Prozent liegt.“
„Der präfrontale Kortex, also der Teil unseres Gehirns, der Menschen von den meisten Tieren unterscheidet, ist tatsächlich ziemlich anpassungsfähig. Doch je tiefer wir in das Gehirn gehen, desto weniger beweglich wird es, bis wir im Stammhirn sind, wo es vor allem fest verdrahtete Verbindungen gibt. Grundfunktionen wie
Herzschlag, Atmung, Verdauung
werden von hier gesteuert, bewusst regulieren können wir da wenig. Auch das Gefühl, satt zu sein, kommt aus dem Stammhirn. Dort sammeln sich zahlreiche Informationen aus dem Magen, dem Darm, dem Blutkreislauf und geben irgendwann dem bewussten Teil des Gehirns das Signal: Es reicht. Aber bis zu diesem Punkt passiert alles unbewusst, weswegen wir daran nichts ändern können, auch nicht durch Weiterbildung oder Psychotherapie.“
4363: Gunnar Hinck: Die DDR bleibt umstritten.
Mittwoch, Juni 7th, 2023Gunnar Hinck hat 2007 das Buch „Eliten in Ostdeutschland“ veröffentlicht. Jetzt beschäftigt er sich (taz 3.-9.6.23) mit den gerade publizierten Trotzbüchern Dirk Oschmanns „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ und Katja Hoyers „Diesseits der Mauer“. Es herrscht offenbar weiter großer Gesprächsbedarf über den Arbeiter- und Bauernstaat DDR. Wirkungsvoll sind die beiden Trotzbücher, weil sie nicht differenzieren. Oschmann findet es beispielsweise empörend, dass Franziska Giffey 2018, als sie Familienministerin wurde, als Quotenfrau bezeichnet wurde. So sieht man es heute noch in ostdeutschen Kleingärten und Kantinen. Es ist dort nicht gelungen, individuelle Lebenserfahrungen mit dem diktatorischen DDR-Staatsrahmen zu verbinden. Geredet wird von flächendeckenden Kitas und der „wirtschaftlichen Unabhängigkeit“ der Frauen. Verschwiegen wird der Verfall der Altbauten und die Wohnungsnot.
Die Ostdeutschen möchten sich ihr eigenes Leben nicht von anderen entwerten lassen. Wer sich in einem FDJ-Ferienlager zum ersten Mal verliebt hat, vergisst darüber gerne, dass die FDJ eine Zwangsorganisation des Staates war. Vergessen werden die gesundheitlichen Schäden in Chemiekombinaten und die Stasi-Haft. Die Erinnerung richtet sich auf das kommode Leben bei genügendem Opportunismus. „Die DDR war ein Gefängnis für sehr viele, aber wer aus sogenannten einfachen Verhältnissen kam, mitmachte und funktionierte, konnte Karrierewege einschlagen, die ihm in der frühen Bundesrepublik wahrscheinlich verwehrt geblieben wären.“
Diejenigen DDR-Bürger, die in staatsnahen Berufen gearbeitet haben, erlebten die Wiedervereinigung häufig als beruflichen Abstieg. Nicht zur Kenntnis genommen wurde der relativ stabile Sozialstaat. Die aus dem Westen in die neuen Bundesländer kommenden Führungskräfte wurden oft als arrogantes Pack identifiziert. So kam es schnell zur Resignation. Die Arbeit der Treuhandanstalt wurde nicht verstanden. Nötig wäre auch ein inner-ostdeutsches Gespräch über die bisher weithin beschwiegenen Konflikte in der DDR. „Wer als Kind von SED-Kadern Auslandserfahrungen machen konnte, hatte in der Bundesrepublik bessere Startchancen als der renitente Akademiker, der in der DDR mit Hilfsarbeiterjobs bestraft wurde.“ Und solange die unterschiedlichen Post-DDR-Milieus in ihren abgeschotteten Diskursblasen sitzen bleiben, wird es keine Besserung geben.
W.S.: Gunnar Hinck hat in Göttingen Sozialwissenschaften studiert, darunter auch Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.
4362: „Wagner-Gruppe“ – russische Landsknechte mit Sonderaufträgen
Dienstag, Juni 6th, 2023Die „Wagner-Gruppe“ gehört zu den brutalsten und prägendsten Gruppen auf russischer Seite beim Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Gegründet wurde sie 2014 gegen die Demokratiebewegung auf dem Maidan (Kiew). Russland brauchte kampfkräftige Gruppen, die nicht als Angehörige der Armee zu erkennen waren. „Wagner“-Führer Jewgenij Prigoschin genießt das Privileg, die Armee öffentlich kritisieren zu dürfen. Das ist in das Propaganda-Konzept Russlands integriert. Rekrutiert werden die „Wagner“-Angehörigen überwiegend aus dem Knast. Dort befindet sich in Russland ein großes Reservoir.
„Wagner“ hatte schon in Syrien und in der Zentralafrikanischen Republik aufgetrumpft. Dabei konnten die Kämpfer auch eigenen Geschäftsinteressen nachgehen. Eine Spezialtät von ihnen ist das Foltern. Sie verfolgen Journalisten. Nach dem Ende ihrer „Wagner“-Mitgliedschaft verlassen viele Kämpfer aber auch Russland. Dort sind sie wohl nicht sicher. Sie hinterlassen eine Spur von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen. Sie haben den Ruf, effektivere Kämpfer zu sein als die Armeeangehörigen, unter denen es die Unlust zu kämpfen zu geben scheint (Frank Nienhuysen, SZ 6.6.23).
4361: Henri Kissinger 100
Dienstag, Juni 6th, 2023Hundert Jahre alt ist der US-amerikanische Politiker geworden, von dem viele Analytiker glauben, er habe großen Einfluss auf die Weltpolitik gehabt: Henri Kissinger. Geboren in Fürth/Bayern, promoviert über Fürst Metternich. Und von 1969 bis 1977 Sicherheitsberater des US-Präsidenten Richard Nixon, dann dessen Außenminister. Er galt und gilt als „Erzrealist“, womit auch eine große Portion Zynismus gemeint sein dürfte. Er hat den Vietnam-Krieg ausgeweitet und in Chile Pinochet an die Macht verholfen. Alles im vorgeblichen Interesse der USA. Gebildet hatte er sich an Immanuel Kant und solchen Sozialwissenschaftlern wie Oswald Spengler und Arnold Toynbee. Metternich sah er durchaus kritisch. Kissinger ist auch mitverantwortlich für die falsche Russland-Politik des Westens (Stefan Kornelius, SZ 27./28.5.23).