Archive for the ‘Geschichte’ Category

3722: Deutsche Russland-Politik schwach

Dienstag, Januar 18th, 2022

Daniel Brössler ist einer der besten deutschen politischen Analytiker. Angestellt bei der SZ (18.1.22). Heute nimmt er sich die deutsche Außenpolitik gegenüber Russland vor. Dabei bemüht er sich um Verständnis für die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock. Sie muss damit rechnen, in Moskau von dem russischen Außenminister Sergej Lawrow so vorgeführt zu werden wie alle anderen auch. Russland ist eine wirtschaftlich schwache, verkommene Diktatur, die deswegen um so aggressiver agiert. Die haben eine große Fresse. Und nutzen die Unsicherheit um die Ukraine. Keiner weiß, ob Russland seinen Überfall startet oder nur eine Drohkulisse aufgebaut hat. Bundeskanzler Olaf Scholz äußert sich – vorsichtshalber – nur vage. Und die Union entdeckt in der Opposition Sympathien für Waffenlieferungen an die Ukraine, die Angela Merkel stets abgelehnt hatte. Nicht das einzige Übel, das die ehemalige Kanzlerin hinterlassen hat.

Und Deutschland signalisiert, was es nicht will: den Stopp von Nordstream 2, Waffenlieferungen an die Ukraine, das Abkoppeln Russlands vom internationalen Zahlungssystem Swift. Annalena Baerbock weiß es besser, sie will Nordstream 2 nicht, kommt aber an dem internationalen Gemauschel nicht vorbei. Der Westen ist zahnlos. Das steigert die Kriegsgefahr. Und Russland gegenüber, wie Frau Baerbock, auf die Geschichte zu verweisen, den deutschen Mordfeldzug dort im Zweiten Weltkrieg, ist nur die halbe Wahrheit; denn am stärksten war davon die Ukraine betroffen.

Auf wen man bei dem Ganzen gar nicht hören sollte? Die Lobbyisten Gerhard Schröder und Matthias Platzeck! Waren die nicht sozialdemokratische Parteivorsitzende?

3718: Boris Johnson spielt den Premier bloß.

Donnerstag, Januar 13th, 2022

Boris Johnson könnte stürzen, weil er Partys mitgefeiert hat, die nach Regierungsdekret verboten sind. Stefan Kornelius (SZ 13.1.22) hat sich darüber grundlegende Gedanken gemacht:

„Wenn er also Wasser predigt und Wein trinkt, wenn er Freiheit verspricht und Unfreiheit liefert, wenn er von ungeahnten Möglichkeitren schwadroniert und die Supermarktregale leer bleiben.

Nein, Boris Johnson hat sich nie geändert. Er war immer schon ein Verführer und auch ein Großmaul. Er hat immer schon gelogen, wenn es seiner Sache diente. Er ist der Großillusionist der britischen Politik. So war es nur eine Frage der Zeit, dass der Spuk auffliegen musste, dass die jubelnde Menge am Straßenrand feststellte: der Kaiser hat ja gar keine Kleider an.“

Und es war Boris Johnson selbst, der Großbritannien in die Krise geführt hat.

„Johnson trägt mit dem Austritt aus der EU vor einem Jahr die volle Verantwortung für die Geschicke des Landes – und der wird er nicht gerecht. Seine spielerische, unernste Natur hat er nicht abgelegt. Seine Unstetigkeit drückt sich in einem Mangel an Strategie für die Regierungsgeschäfte aus. Das Desinteresse am Zustand des Landes zeigt sich in seinem Snobismus; eine Eigenschaft, die der britischen Oberschicht nicht unbekannt ist.“

„All dies summiert sich zu einer Botschaft: Boris Johnson regiert nicht, er spielt nur Premier. Dass bei all diesen Problemen die überteuerte Renovierung der Dienstwohnung auf Kosten des Steuerzahlers den stärksten Eindruck hinterlassen hat, bestätigt die Regel nur.“

3712: Klaus Wagenbach gestorben

Freitag, Januar 7th, 2022

Der linke Verleger Klaus Wagenbach ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er hatte sich auch vergaloppiert. Etwa mit Ulrike Meinhof. Vor allem aber hatte er uns als junger Wissenschaftler erstmals Franz Kafka erschlossen, der heute immer noch vielen von uns ein Buch mit sieben Siegeln ist. Wagenbach hatte bei S. Fischer gelernt. Sein eigener Verlag wollte immer links, antiautoritär, gesamtdeutsch, genussfreundlich und lebensfroh sein. Er musste manche wirtschaftliche Krise überwinden. Dort erschienen Zeitschriften wie „Freibeuter“ und „Tintenfisch“. Bemerkenswert aber, welche Autoren von Wagenbach entdeckt oder gefördert wurden:

Paul Celan, Wolf Biermann, Michel Houellebecque.

Klaus Wagenbach ernannte sich voll Ironie stets zu „Kafkas dienstältester Witwe“. Auf dem Weg zur Princeton-Tagung der Gruppe 47 (mit Peter Handkes Azftritt) fuhr Wagenbach aus Flugangst mit dem Schiff. Er spielte Skat mnit Günter Grass (Helmut Böttiger, taz 21.12.21; Iris Radisch, Die Zeit 22.12.21).

3711: Renten steigen seit 2000 stärker als Inflation.

Donnerstag, Januar 6th, 2022

Die Renten sind seit der Jahrtausendwende stärker gestiegen als die Inflation. Das ergibt eine Auswertung der Rentenversicherung. Danach erhöhten sich die Verbraucherpreise zwischen 2000 und 2020 um 32,4 Prozent. Die Standardrente legte gleichzeitig

im Westen um 37,8 Prozent

und

im Osten um 53,8 Prozent

zu. Das Jahr 2021 wird die Bilanz allerdings vermutlich verschlechtern (SZ 4.1.22).

3709: Stalin ist noch beliebt in China und Russland.

Sonntag, Januar 2nd, 2022

In zwei Staaten auf der Welt ist der Massenmörder Josef Stalin (1878-1953) noch beliebt. In der VR China und in Russland. Unter Wladimir Putin (geb. 1952) wurde dort kürzlich die Menschenrechtsorganisation Memorial verboten, die für Menschenrechte eintrat. In der VR China seit Maos (1893-1976) Zeiten hält man an Stalin fest, weil man einen Zusammenbruch wie den in der Sowjetunion (vor 30 Jahren) vermeiden will. Das hat der neue Machthaber Xi Jinping (geb. 1953) gleich bei seiner Machtübernahme 2012 erklärt. Der chinesische Partei- und Staatsapparat ist nach dem Vorbild der Sowjetunion gestaltet. Westliche, liberale Werte gefährden das Machtgefüge. Xi Jinping verlangt eine „Vereinheitlichung des Denkens“. Die Entstalinisierung der Sowjetunion, die Nikita Chruschtschew (1894-1971) 1956 einleitete, war der Grund für den Bruch Chinas mit der Sowjetunion (Friederike Böge, FAS 2.1.22).

3708: Eugen Ruge: Julian Assange nicht an die USA ausliefern !

Sonntag, Januar 2nd, 2022

Eugen Ruge ist vor allem durch seine beiden Erfolgs-Romane „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (2011) und „Metropol“ (2019) hervorgetreten. Jetzt setzt er sich dafür ein, dass Julian Assange nicht an die USA ausgeliefert wird („Die Zeit“ 16.12.21). Ruge stellt fest, dass Assange seit Jahren durch Einzelhaft und Isolation gefoltert wird. Er hatte zahlreiche Kriegsverbrechen der USA nach 1945 aufgedeckt und partiell mit Videos belegt. Beispielsweise hatte er gezeigt, wie GIs irakische Zivilisten ermorden. In den USA drohen Assange ca. 120 Jahre Hadt.

„Was hier seit zehn Jahren passiert, ist eine widerwärtige Verhöhnung jener Werte, die die westliche, besonders natürlich die US-amerikanische Politik unaufhörlich in Anspruch nimmt, um ihre Invasionen und Sanktionen zu rechtfertigen.“

Die schwedische Justiz hatte sich bemüht, Assange der Vergewaltigung zu bezichtigen, um ihn so an die USA ausliefern zu können. „Nein, Assange ist kein Engel. Er hat Fehler gemacht. Er ist, hört man, kein sympathischer Typ. … Worum es hier geht, ist, dass statt des Verbrechers derjenige plattgemacht werden soll, der das Verbrechen offengelegt hat.“ „Trotzdem bitte ich diese neue Bundesregierung, auch im Namen vieler anderer, aber vor allem im Hinblick auf jene verbindlichen und verbindenden Werte, die unsere Verfassung bewahrt, der Auslieferung von Julian Assange ihr Möglichstes entgegenzusetzen.“

3706: Unser Begriff von Freiheit

Freitag, Dezember 31st, 2021

Das Problem beim Start der Ampel ist, wie nicht anders zu erwarten, die FDP. Darunter „die wohl halbseidenste Figur der Liberalen seit

Jürgen Möllemann“,

Wolfgang Kubicki (Peter Fahrenholz, SZ 30.12.21). Ihn treibt die Sorge um, dass die Ungeimpften unter Druck gesetzt werden. In der Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht sieht er eine gezielte Rache und Vergeltung der großen Mehrheit der Impfbefürworter. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat Kubicki „verantwortungslos“ genannt. Er reiht sich ein in die Reihe der Gegner einer wirksamen Pandemiebekämpfung. In den USA wird der Chef-Virologe, Anthony Fauci, von vielen Republikanern mit KZ-Arzt Josef Mengele verglichen.

„So verschieden die Protagonisten auch politisch gestrickt sind: Sie eint ein falsches Verständnis von Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft. Es ist, auch wenn die Begriffe ähnlich klingen, der entscheidende Unterschied zwischen libertär und liberal. Libertäre Hardliner unter den britischen Konservativen und den US-Republikanern sehen in Eingriffen des Staates stets eine Bedrohung der individuellen Freiheit. Liberale wissen dagegen – oder sollten es zumindest wissen -, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören. Und dass die Freiheit einzelner dort endet, wo sie andere schädigt oder unzumutbar beeinträchtigt. Der Staat muss immer abwägen zwischen individuellen Freiheiten und den Folgen für die Allgemeinheit – und er tut dies auch, indem er mit Regeln, Vorschriften und Verboten auf vielfältige Weise ins Leben seiner Bürgerinnen und Bürger eingreift.

Der Streit ums Impfen weckt Erinnerungen an die erbitterten Debatten um Rauchverbote vor gut 15 Jahren. Auch damals wollte eine lautstarke Minderheit nicht hinnehmen, dass ihre persönliche Freiheit beschnitten wird, um die Gesundheit anderer zu schützen.“

3703: 30 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz

Dienstag, Dezember 28th, 2021

Vor dreißig Jahren trat das Stasi-Unterlagen-Gesetz in Kraft. „Jeder Einzelne hat das Recht, vom Bundesarchiv Auskunft darüber zu verlangen, ob in den erschlossenen Unterlagen Informationen zu seiner Person enthalten sind. Ist das der Fall, hat der Einzelne das Recht auf Auskunft, Einsicht in Unterlagen und Herausgabe von Unterlagen nach Maßgabe dieses Gesetzes.“ Das hatten die DDR-Bürger erreicht, die nicht wollten, dass die vom „Ministerium für Staassicherheit“ (MfS) gesammelten Informationen, einfach verschwanden. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde das Geheimwissen einer Diktatur der demokratischen Öffentlichkeit übergeben.

Dabei kamen Details aus dem persönlichsten Umfeld der Bespitzelten ans Tageslicht. Spitzel kamen aus der nächsten Umgebung, waren Freunde, Familienmitglieder, Ehepartner. Diffizil gestaltete sich die Frage nach dem Schutz der Persönlichkeitsrechte anderer Betroffener oder Dritter. Die Namen von hauptamtlichen oder „inoffiziellen Mitarbeitern“ (IM) blieben jedoch ungeschwärzt. Das Recht, Klarnamen der IM zu erfahren, ist gegeben. Auch öffentliche Einrichtungen dürfen nachfragen.

1990 bestand die Stasi aus 91.000 hauptamtlichen Mitarbeitern und mehr als 170.000 „inoffiziellen“. Sie hatten Akten über sechs Millionen Menschen angelegt.

Insbesondere durch den Sturm auf die Zentrale des MfS in Berlin-Lichtenberg am 15. Januar 1990 konnten die Akten im Wesentlichen erhalten werden. Vieles, was von der Stasi bereits zerschnipselt war, wurde wieder zusammengesetzt. Es war ein großer Sieg der friedlichen Revolution. Man konnte sehen, was die Stasi wusste und wer daran beteiligt gewesen war und wer nicht. 2021 wurden die Akten ins Bundesarchiv übertragen. Die Auskunftsrechte bestehen weiter (Robert Probst, SZ 28.12.21).

3695: Steinmeier dankt der „großen, oft stillen Mehrheit“.

Samstag, Dezember 25th, 2021

In seiner Weihnachtsansprache dankt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier all denen, „die seit Monaten umsichtig und verantwortungsvoll handeln“. „Mehr denn je sind wir aufeinander angewiesen – ich auf andere, andere auf mich.“ Und wir hätten doch auch erfahren, dass wir nicht machtlos seien. „Wir können uns selbst und andere schützen.“ Durch die Impfung habe viel schweres Leid und viele Todesfälle verhindert werden können. Gereiztheit, Entfremdung und offene Aggression seien unangebracht. „Wir müssen uns auch nach der Pandemie noch in die Augen schauen können. Und wir wollen auch nach der Pandemie noch miteinander leben.“

Steinmeier will am 13. Februar 2022 in der Bundesversammlung wiedergewählt werden. Dafür sind die SPD und die FDP. Und die Ampel hat dort eine Mehrheit. Aus der Union war zu hören (Friedrich Merz, Hendrik Wüst), dass man eine Frau ins Rennen schicken könnte. Aber welche? (Nico Fried, SZ 24./25./26.12.21).

3692: Lisa Kötter: Die katholische Kirche ist nicht reformierbar.

Donnerstag, Dezember 23rd, 2021

Lisa Kötter gehörte einem Münsteraner Lesekreis katholischer Frauen der Gemeinde Heilig Kreuz an, der 2019 entstanden war, einer Reformgruppe. Sie glaubt nicht mehr an die Reformfähigkeit der Kirche und ist aus ihr ausgetreten (Interview mit Annette Zoch, SZ 23.12.21).

Kötter: Es gibt viele Gründe, warum ich diese Kirche verlassen habe. Einer davon war, dass mir diese Liturgie – einer steht vorne und zwar mindestens eine Stufe erhöht, diese Machtdemonstration ist in der katholischen Kirche ja sehr wichtig – immer fremder geworden ist. Vor zwei Jahren an Weihnachten haben wir uns stattdessen nachts, nachdem alle Messen vorbei waren, in einem kleinen Kreis in der Kirche getroffen. Wir haben uns vor die Krippe gesetzt, Texte gelesen, gesungen, ich hatte meine Gitarre mit. Wir haben gewissermaßen ein kleines Konzert gegeben, für Jesus zum Geburtstag. Für dieses ohnmächtige Kind, für die Liebe, die es auslöst. Das Gegenteil einer liturgischen Macht.

SZ: 2019 meinten Sie noch, ein Austritt sei für sie keine Option.

Kötter: Ja, ich habe das damals nicht für möglich gehalten. Ich dachte eben, das ist meine Heimat. Aber in diesen drei Jahren hat sich das verändert für mich, auch durch Berichte, Briefe und Gespräche mit vielen Kirchenprofis und Betroffenen von Machtmissbrauch. Ich bin inzwischen zutiefst davon überzeugt, dass sich diese römische Kirche nicht reformieren lässt. Weil sie auf Machtgenerierung und Machterhalt aufgebaut ist. Die römische Kirche in ihrer monarchischen verfasstheit, in diesem unheilvollen Spiel aus Gehorsam und Angst, ist für mich im Grunde ein Verrat an der Botschaft Jesu.

SZ: Mit Ihrem Austritt haben Sie der Kirche auch ihr Geld entzogen.

Kötter: Wir haben uns gefragt: Wie kann unser Geld direkt zu den Menschen kommen? Und haben deshalb den Verein „Umsteuern“ gegründet, mit dem wir zum Beispiel Selbsthilfegruppen, Betroffene sexualisierter Gewalt und Frauenhäuser unterstützen. Wir wollen nicht Verharren im Starren auf die Defizite der Kirche, sondern, um das biblische Bild zu bemühen, Sauerteig sein. Damit sich was ändert. Und katholisch im besten Wortsinn bin und bleibe ich. Ich bin getauft, das kann mir keiner nehmen.