Archive for the ‘Geschichte’ Category

3941: Tories suchen Nachfolgerin/Nachfolger für Johnson.

Mittwoch, Juli 13th, 2022

Die britische Kulturminsterin Nadine Dorries gilt als enge Unterstützerin von Boris Johnson. Sie hat sich den Soitznamen „Boris-Cheerleader“ erworben. Zu dessen Nachfolge sagt sie: „Die Höllenhunde wurden losgelassen. Die Leute werden sich jetzt in den Medien gegenseitig zerreißen, es wird ein Blutbad werden.“ Mehrere Kandidaten sollen Dossiers über ihre parteiinternen Gegner an die Labour Party geleakt haben. Elf Kandidaten haben sich bisher gemeldet. Als Favoriten gelten Außenministerin Liz Truss und Finanzminister Rishi Sunak. Genannt wird auch die frühere Verteidigungsministerin Penny Mordaunt (Michael Neudecker, SZ 12.7.22).

3939: Meron Mendel: Entweder Frau Schormann übernimmt Verantwortung, oder sie gibt sie ab.

Montag, Juli 11th, 2022

In einem Interview mit Jörg Häntzschel (SZ 11.7.22) sagt Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, über die Documenta folgendes:

SZ: Manche erklären nach den Fehlern der Documenta den gesamten Postkolonialismsu für desavouiert.

Mendel: Es ist weniger das Scheitern einer philosophischen Denkrichtung, sondern das Scheitern des Dialogs zwischen bestimmten Denkrichtungen und Perspektiven. Es zeigt, dass sich innerhalb der deutschen Gesellschaft unversöhnliche Lager gegenüberstehen. Die einen, nicht nur Menschen aus dem globalen Süden, auch Künstler aus dem Westen, sehen sich als Opfer, beklagen, dass Zionismus und der Staat Israel die Deutschen kontrollieren. Die anderen sagen, mit Leuten aus Indonesien kann man nichts anfangen, das sind alles Antisemiten. Diese Gruppen sind in ihren Echokammern hermetisch eingeschlossen.

SZ: Kurz nach Ihrem Rückzug hat Hito Steyerl erklärt, sie ziehe ihre Werke von der Documenta ab. Wie kann es jetzt weitergehen?

Mendel: Ohne Struktur in der Organisation sind alle guten Ideen zum Scheitern verurteilt. Frau Schormann steht vor der Wahl. Entweder übernimmt sie die Verantwortung, oder sie gibt sie ab.

3938: Moralischer Bankrott der Documenta-Verantwortlichen

Samstag, Juli 9th, 2022

Die Documenta-Verantwortlichen, allen voran Geschäftsführerin Sabine Schormann, haben zuerst antisemitische Machwerke zugelassen. Dann zu spät beseitigt. Nun behindern sie die Aufarbeitung des Skandals. Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, ein israelisch-deutscher Pädagoge, hatte angeboten, die anderen Kunstwerke der Ausstellung auf weitere Problemfälle zu überprüfen. Mit ihrer Antwort hielt Frau Schormann ihn so lange hin, bis er sich zurückzog (Kia Vahland, SZ 9./10.7.22).

Die Documenta ist gescheitert.

Hoffentlich ist sie nicht insgesamt gefährdet.

Bitte gehen Sie nicht zur Documenta. Sie würden damit die Falschen unterstützen.

3937: Bildung wird immer noch vernachlässigt.

Samstag, Juli 9th, 2022

Es unterliegt keinem Zweifel mehr, dass die Lernleistungen in der Zeit der Pandemie zurückgegangen sind. Das gilt alters-, fächer- und milieuübergreifend. Psychosoziale Entwicklung und körperliche Verfassung haben gelitten. Und die Bildungsungerechtigkeit hat sich im gesamten Bildungssystem verschärft. Diese Entwicklung hat schon vor der Pandemie begonnen. Dabei geht es nicht nur um die Digitalisierung, so wichtig sie ist. Sondern Bildung bedeutet die Erweiterung der Gedanken. Auf drei zentralen Feldern muss es zu entscheidenden Verbesserungen kommen:

1. Der Lehrermangel muss beseitigt werden. Für diesen Beruf kommen aber auch nicht alle Personen einfach in Frage. Deren Qualifikation ist gefragt und muss gefördert werden.

2. Es muss eine Lehrplanreform durchgeführt werden, die a) zu Straffungen und Streichungen führt und b) die Lebenswelt der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Exkursionen und Klassenfahrten sollten das Gelernte vertiefen.

3. Verstärkt werden muss die individuelle Förderung des einzelnen Kindes. Wir können es uns nicht leisten, verantwortungslos auf Kompetenzen zu verzichten. „Hierfür ist ein Austausch zwischen Lernenden, Eltern, Lehrpersonen, Wissenschaft, Bildungsverwaltung, -politik und -öffentlichkeit nötig – aber nicht nur als Feigenblatt oder als Alibiveranstaltung, sondern mit aller Wucht und Verbindlichkeit. Unsere Kinder und Jugenlichen haben mehr Aufmerksamkeit verdient.“

(Klaus Zierer, SZ 8.7.22)

3934: Diktatoren und Autokraten sind heute flexibler als früher.

Mittwoch, Juli 6th, 2022

Diktatoren und Autokraten können sehr wohl lernen. Sie betreiben ein Management der öffentlichen Meinung. Sie sind heute „Spin Dictators“. Ihnen ist bekannt, dass es nicht immer die „großen“ Medien sind, die entscheiden, sondern häufig die lokalen. Deswegen investieren sie dort. Dazu benötigen sie halbwegs plausible Wahlen. Allzu große Mehrheiten sind dabei nicht gewünscht. Stalin hatte einmal bei den Wahlen zum Moskauer Stadtparlament 131 Prozent.

Bestimmte Schritte sind weit verbreitet: Angriffe auf die Justiz, Diffamierung freier Medien, Verbreitung von Fake-News, Hetze gegen Minderheiten. Die Regierungskunst nennen wir heute „soft autoritär“. Insofern können wir Bolsonaro und Modri mit Recht so betrachten wie Putin. Die Menschen sind den Repressionen der herrschenden nicht mehr so ungeschützt ausgesetzt wie früher. Unzufriedene Ungarn finden schnell einen Arbeitsplatz in der EU. Putin wird sich wohl freuen, dass vier Millionen Bürger das Weite gesucht haben. Für Russland eine Katastrophe, für Putin weniger Opposition. An den Machenschaften der Diktatoren und Autokraten haben auch viele Banker, Anwälte und Immobilienmakler im Westen sehr gut verdient (Jan-Werner Müller, Zeit 23.6.22).

3933: Herrschaft einer Minderheit

Mittwoch, Juli 6th, 2022

Das Urteil des Supreme Courts gegen die Abtreibung dokumentiert die Herrschaft einer rechten, religiösen Minderheit. Für die Trump-Anhänger war es ein Jubeltag. Richter Clarence Thomas, 74, kündigte bereits an, um was die rechten Populisten sich demnächst kümmern wollen: die gleichgeschlechtliche Ehe, die Straffreiheit von Sex unter Männern und die Empfängnisverhütung. Das ist die Linie von verklemmten Männern, die um ihre Herrschaft fürchten. In Polen ist es ja kaum anders. Dort unterstützt die katholische Kirche die Beschneidung der Menschenrechte. Besonders von Frauen. Verheerend ist es, wie solch eine moralisch verkommene Organisation Macht über andere ausübt. Sie liegt auf der Linie von Jerry Falwell, einem Evangelikalen, der für die Rassentrennung eintrat (Annika Brockschmidt, taz 1.7.22; Andrian Kreye, SZ 2./3.7.22; Katharina Riehl, SZ 6.7.22).

3929: Neuwahl in Israel

Montag, Juli 4th, 2022

Israel bezeichnet sich stolz als einzige Demokratie im Nahen Osten. Zu Recht. Das wird aber nicht besser, wenn man oft wählt. Wie jetzt. Es ist die fünfte Wahl innerhalb von dreieinhalb Jahren. Die Acht-Parteien-Koalition von Ministerpräsident Naftali Bennett, der sogar eine arabische Partei angehörte, hat keine Mehrheit mehr. Es wird wohl einer der schmutzigsten Wahlkämpfe der israelischen Geschichte, weil der langejährige Regierungschef Benjamin Netanjahu, dem wegen Korruption eine Verurteilung droht, wieder an die Macht drängt. Dieser enge politische Weggefährte von Donald Trump bedroht das land Israel. Der noch amtierende gegenwärtige Ministerpräsident Jair Lapid spricht im Zusamenhang mit Netanjahu von den „Kräften der Finsternis“. Für den Staat Israel wird es eine Richtungswahl, vielleicht sogar eine Schicksalswahl (Peter Münch, SZ 1.7.22).

3927: Hans Litten – ein bedingungsloser Kämpfer gegen den Rechtsextremismus

Sonntag, Juli 3rd, 2022

Die Nazis haben den Rechtsanwalt Hans Litten 1938 in Dachau ermordet. Der 1903 geborene Jurist war zum Ende der Weimarer Republik ein prominenter Gegner der Rechtsextremisten. Es gelang ihm einmal, Hitler als Zeugen vor Gericht laden zu lassen. Seine Biografie

Knut Bergbauer/Sabine Fröhlich/Stefanie Schüler-Springorum: Hans Litten. Eine Biografie. Göttingen (Wallstein) 2022, 384 Seiten, 26 Euro,

ist gerade erschienen. Der aus einer bürgerlichen Familie jüdischer Herkunft stammende Litten studierte in seiner Jugend den Talmud und begeisterte sich für jüdische Mystik. Als Jurist war er anscheinend exzellent. Er verteidigte häufig kommunistische Angeklagte in einer Justiz, die auf dem rechten Auge blind war. 1929 ging es darum, dass ein Angeklagter Gustav Noske (SPD) als „Lumpen“ und „Schurken“ bezeichnet hatte. Litten verlangte die Ladung eines Sachverständigen, der erklären könne, dass Noske durchaus als „Lump“ zu bezeichnen sei. Der Staranwalt Hans Litten litt an Geldmangel, da die Zahlungen der „Roten Hilfe“ häufig dürftog ausfielen. Er wurde gleich am 28. Februar 1933 von den Nazis festgesetzt. Er durchlitt eine Odyssee der Erniedrigungen und der Folter bis zu seiner Ermordung 1938 (Klaus Hildenbrand, taz 25./26.6.22).

3926: Ukrainische Regierung korrigiert Andrij Melnyk.

Samstag, Juli 2nd, 2022

Die ukrainische Regierung hat ihren Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, korrigiert. Der hatte den früheren ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera (1909-1959) in Schutz genommen. Der wiederum ist in Polen sehr beliebt. Kiew dankte Polen für die Hilfe im Krieg gegen Russland. Melnyk hatte im Gespräch mit dem Journalisten Tilo Jung gesagt: „Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen.“ „Ich bin dagegen, dass man all die Verbrechen Bandera in die Schuhe schiebt.“

In der Ukraine gibt es seit dem Regierungssturz von 2014 einen regelrechten Bandera-Kult. Er war der ideologische Führer des radikalen Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nationalistische Partisanen hatten 1941 in Lemberg (Lwiw) und anderen ukrainischen Orten an der Ermordung von Juden durch deutsche Einsatzkommandos mitgewirkt und waren 1943 für ethnisch motivierte Vertreibungen aus dem Westen der Ukraine verantwortlich, bei denen zehntausende polnischer Zivilisten ermordet wurden. Bandera floh nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland, wo er 1959 von einem KGB-Agenten ermordet wurde (SZ 2./3.7.22).

3923: Ernst Jacobi ist tot.

Mittwoch, Juni 29th, 2022

Er hat große Personen der Weltgeschichte verkörpert: Jakob Fugger, Emile Zola et alii. Trotzdem war seine gezähmte Bürgerlichkeit sein Markenzeichen. Vor allem auf dem Theater. Schon als Jugendlicher hatte Ernst Jacobi Sprechrollen beim RIAS übernommen. In seiner Karriere war er beim Schillertheater in Berlin, bei den Münchener Kammerspielen und beim Wiener Burgtheater. Und er war dabei in der Experimentierphase des Fernsehens. „Am Tag, als der Regen kam“ (1959), „Schwarzer Kies“ (1961), er spielte den Gauleiter in Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“. In Jan Troells „Hamsun“ gab er den „Führer“ neben Max von Sydow als Hamsun. Vielleicht sein größter Erfolg: in „Deutschland, bleiche Mutter“ von Helma Sanders-Brahms (1980). Jacobis Markenzeichen war sein unverkennbare Stimme. Er stellte uns dar, dass nicht nur die Städte in Deutschland in Trümmern liegen, sondern auch das System der gesellschaftlichen Rollen. Den Höhepunkt erreichte Ernst Jacobi als Erzähler in Michael Hanekes „Das weiße Band“. Mehr geht nicht (Fritz Göttler, SZ 24.6.22).