Archive for the ‘Geschichte’ Category
Sonntag, August 14th, 2022
Der deutsche Schriftsteller Stephan Thomas stand mehrmals auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Er lebt in Taipeh (Taiwan). Er schreibt über die einschlägige deutsche Berichterstattung (SZ 13./14./15.8.22):
„Gibt es eine Lehre, die sich aus der Erfahrung der vergangenen Woche ziehen lässt? Ja. Von Ausnahmen abgesehen zeigt sich in der deutschen Medienlandschaft insgesamt derselbe Mangel an China-Kompetenz, der die Gesellschaft als ganze plagt. Das mag damit zu tun haben, dass die Sinologie in Deutschland eher als Orchideenfach gilt, während der Asiuen-Bezug in anderen Studienfächern, gerade in den Geiszteswissenschaften, immer noch zu kurz kommt. Darunter leidet die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit einer Region, deren Dynamik unsere Gegenwart maßgeblich mitbestimmt.
Wir hören, was sie sagen – aber wir verstehen nicht, was sie meinen.“
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Samstag, August 13th, 2022
1988 erschienen Salman Rushdies „Satanische Verse“. Daraufhin ordnete der Ayatollah Chomeini eine Fatwa an, nach der Rushdie ermordet werden sollte. Jetzt wurde in Chautauqua im US-Bundesstaat New York auf einer Bühne ein Mordanschlag auf Rushdie von einem 24-Jährigen verübt. Der Schriftsteller wurde in den Hals gestochen. Er soll eine Auge verloren haben, seine Leber ist beschädigt, und er wird in einer Klinik künstlich beatmet. Der Täter ist festgenommen worden (SZ 13./14./15.8.22).
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Freitag, August 12th, 2022
Aus Verärgerung über das Verhalten der deutschen Seite wollen etwa zwei Dutzend israelische Hinterbliebene der Opfer des Olympia-Attentats von 1972 nicht zum Gedenken nach Fürstenfeldbruck kommen. Es geht um die Entschädigung. Die Sprecherin der Hinterbliebenen, Ankie Spitzer, hat mehrfach von einem „Trinkgeld“ gesprochen, mit dem die Hinterbliebenen abgespeist werden sollten. Das Ganze ist völlig unwürdig.
Inzwischen scheint es unklar, ob der israelische Staatspräsident Isaac Herzog angesichts der Absage der Hinterbliebenen noch kommen kann. Er hat prinzipiell sehr gute Beziehungen zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Eine Aufarbeitung des Olympia-Attentats am 5. und 6. September 1972 hat immer noch nicht stattgefunden. Die Ampel-Regierung will einen Historiker-Kommission einsetzen. Die deutsche Verantwortung für das damalige Desaster steht völlig außer Frage. Der Bund, das Land Bayern und die Stdt München haben nochmals 5,4 Millionen Euro für Entschädigungen bereitgestellt. Das genügt anscheinend nicht. Die Bundesrepublik und Israel verhandeln noch (Daniel Brössler, Roman Deininger, Paul-Anton Krüger, Georg Mascolo, Uwe Ritzer, SZ 12.8.22).
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Donnerstag, August 4th, 2022
Wieder einmal melden sich Hedwig Richter und Bernd Ulrich (Die Zeit 4.8.22) mit einem grundsätzlichen Beitrag zur deutschen Geschichtsbetrachtung zu Wort. Sie gelten als konservativ. Aber was, wenn sie Argumente nur anders als andere so gewichten, dass sie die Historiograhie besser machen? Anlass ist hauptsächlich der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Es ist leicht zu verstehen, dass unser Verhältnis zu Russland und zur Ukraine angesichts von 24 Millionen Kriegstoten im Zweiten Weltkrieg dort ein besonderes ist. Bei Licht betrachtet ist der deutsche Angriff auf Polen 1939 nur ein Produkt des Hitler-Stalin-Pakts, der verbrecherischen Aufteilung Polens unter beiden Besatzerstaaten.
Die daraus abgeleitete deutsche Sonderrolle in der internationalen Politik kam und kommt zum Ausdruck darin, dass wir weniger als andere an internationalen Militäreinsätzen beteiligt waren. Wir haben das billige Gas sozusagen als Kompensation für die Kriegslasten gesehen. In Deutschland haben viele ein zwiespältiges Verhältnis zur Staatsmacht. Bei Volkszählungen, gegen Steuern, gegen die Bundeswehr, gegen ein Tempolimit, gegen Windräder, im Misstrauen gegen Anti-Corona-Maßnahmen, etc.
Seit Ende des kalten Krieges war gar nicht mehr die Sowjetunion unser Hautgegner, sondern kleinere Staaten wie Serbien u.a. Wir tun uns nach wie vor damit schwer, Waffen in Kriegsgebiete zu liefern. Der ukrainische Präsident Selenskyi im Deutschen Bundestag: „Ich wende mich an Sie im Namen aller, die hörten, wie Politiker jedes Jahr beteuern: ‚Nie wieder!‘ Und die gesehen haben, dass diese Worte nichts wert sind. Denn abermals versucht man in Europa, ein ganzes Volk zu vernichten.“ In Deutschland verstehen wir häufig: „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft.“ Wie die deutsche Erinnerungspolitik eingesetzt wird, ist eine ziemliche Heuchelei. Das muss sich ändern!
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Donnerstag, Juli 28th, 2022
Auf der Documenta sind neue antisemitische Bilder aufgetaucht. „Ein Bild zeigt einen roboterartigen Soldaten mit Davidstern auf dem Helm, der einen erschrockenen Jungen an den Kopf greift. Im Hintergrund sind Arme und Beine erkennbar, die schlaff aus dem Boden ragen – wohl ein Massengrab. Auf einem anderen Bild nimmt eine Frau einem Soldaten mit Hakennase und einem Davidstern auf dem Helm ihr Knie in den Bauch.“ (Jörg Häntzschel, SZ 28.7.22) Die „Kunstwerke“ stammen von einer algerischen Gruppe aus dem Jahr 1988. Geschäftsführer Alexander Fahrenholz teilte mit, dass eine Frau schon vor drei Wochen auf die Stücke aufmerksam gemacht habe. Behörden und Documenta-Leitung seien aber zu dem Schluss gekommen, dass „es nicht um die Diffamierung von jüdischen oder vermeintlich jüdischen Personen geht“. Deswegen liegen die Stücke im Fridercianum weiter öffentlich aus. Leider sei die Besucherin, die darauf aufmerksam gemacht habe, nicht informiert worden. Fahrenholz: „Was ich in den Bildern gesehen habe, waren nur die israelischen Soldaten, die möglichst unsympathische Darstellung von militärischer Gewalt gegen die, an deren Seite sich die algerischen zeichner fühlten.“ Nun soll es einen erklärenden Text zu dem Vorgang geben. Die Serie „Guernica Gaza“ und die Pro-Palästina-Filme von Subversive Film sind beide noch auf der Documenta zu sehen.
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Samstag, Juli 23rd, 2022
Die Legende von der Lohn-Preis-Spirale geht wieder um. Gedroht wird mit der Stagflation (hohe Inflation bei gleichzeitig geringem Wachstum). Aber eine Lohn-Preis-Spitale kann nur unter zwei Bedingungen entstehen: 1. Wenn Arbeitnehmer und Gewerkschaften die Preise diktieren können, und 2. wenn sie sich bei ihren Lohnforderungen nicht an der realistischen Inflationsrate orientieren. Das ist in der Vergangenheit praktisch kaum vorgekommen. Und in der Gegenwart ist damit nicht zu rechnen. Die Kaufkraft wird bei einer Lohnerhöhung von 4 bis 5 Prozent und einer Inflationsrate von 7 Prozent sinken. Dabei fahren einige große Unternehmen hohe Gewinne ein und schütten entsprechende Dividenden aus. Der Anstieg der Lohnstückkosten ist eher moderat.
Die Macht der Gewerkschaften ist in der letzten Zeit erkennbar gesunken. Weniger als die Hälfte der Beschäftigten ist heute über Tarifverträge abgedeckt. Und je stärker die Kaufkraft schrumpft, desto höher ist in der Regel der Schaden für die Wirtschaft. Insofern ist es generell am besten, wenn es Arbeitgebern und Gewerkschaften gelingt, sich zu verständigen. Unternehmerischer Erfolg und hohe Löhne gehören zusammen. Deutschland hat bisher von der hohen Produktivität und der Qualität seiner Produkte profitiert. Ohnehin sollten die Kosten von Pandemie, Krieg und Inflation von den stärksten Schultern getragen werden (Marcel Fratzscher, taz 12.7.22).
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Dienstag, Juli 19th, 2022
1. 1948 erreichten die Juden mit ihrem militärischen Sieg in Palästina die Voraussetzung für ihre Staatsgründung. Die Palästinenser erlebten die Nakba, ihre Katastrophe.
2. Israel sah sich als Nation der Opfer. Jeder Dritte war Holocaust-Überlebender.
3. Insofern zahlen die Palästinenser seit über siebzig Jahren den Preis für den deutschen Holocaust.
4. In der deutschen Erinnerungskultur kommt die Nakba bisher kaum vor.
5. Der Holocaust ist die alle anderen Faktoren überschattende Ursache der israelischen Staatsgründung.
6. Inzwischen hat Israel mehr als 500 palästinensische Dörfer unbewohnbar gemacht.
7. Der deutsche Völkermord hat für die meisten Israelis im Hinblick auf Schutz und Identifikation eine Bedeutung, die der Zionismus vorher nicht hervorgebracht hatte.
8. Die Palästinenser stehen letzten Endes mit leeren Händen da.
9. Um so beschämender ist es, dass jüngst in Berlin sämtliche Veranstaltungen zum Jahrestag der Nakba vorab verboten wurden.
(Charlotte Wiedemann, taz 13.7.22)
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Dienstag, Juli 19th, 2022
Alexander Fahrenholtz ist am Montag zum neuen Documenta-Geschäftsführer bestimmt worden. Die Gesellschafter seien froh, einen so erfahrenen und renommierten Kulturmanager gefunden zu haben, hieß es. Er werde seine Aufgabe bereits am 19.7.2022 übernehmen. Sein Vertrag sei bis zum 30.9. befristet. Fahrenholtz war an der Realisierung der Documenta 9 beteiligt und Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes. Der Bund soll wieder in den Aufsichtsrat der Documenta einziehen (SZ 19.7.22).
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Montag, Juli 18th, 2022
Der Documenta-Aufsichtsrat hat beschlossen, die Leiterin der Ausstellung, Angela Schormann, zu entlassen. Wegen des antisemitischen Kunstwerks „People’s Justice“ der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi und der mangelnden Aufklärung der Vorgänge. Die Aufarbeitung wurde verschleppt. Es war wohl viel Dilettantismus im Spiel. Nach Meinung des Aufsichtsrats handelte es sich um eine „klare Grenzüberschreitung“. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hat der Entscheidung zugestimmt. Ebenso Grüne und FDP. Der kulturpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Helge Lindt, sprach von einem „überfälltigen Befreiungsschlag aus einem Teufelskreis von Missmanagement und Misskommunikation“.
So weit, so gut.
Aber reicht das? Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kommt die Entscheidung viel zu spät. „Es sind noch sehr viele Schritte zu gehen.“ Nach Meinung des Documeta-Aufsichtsrats soll die Aufklärung „wissenschaftlich begleitet“ werden. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, nutzte Schormanns Absetzung für eine Ausweitung des Bundestagsbeschlusses gegen die anti-israelische Boykottbewegung BDS.
Schormann hatte wohl bis zum Schluss die Unterstützung von Kassels OB, Christian Geselle. Ohnehin lässt die SPD hier Unklarheiten über ihre Haltung zu. Eine Rolle scheint der „postkolonialistische Ansatz“ in der Kunst gespielt zu haben. In dem Beschluss des Aufsichtsrats werden keine Namen genannt, obwohl die Probleme seit mindestens einem Monat bekannt sind. Wahrscheinlich weiß man noch keine. Kein gutes Zeichen. Schormann hatte ihr Verhalten stets mit der „Kunstfreiheit“ begründet. Eine Kaschierung von Verantwortungslosigkeit (Sonja Zekri, SZ 18.7.22; Jörg Häntzschel, SZ 18.7.22).
Immerhin: eventuell kann trotz des Versagens Einzelner die Documenta insgesamt gerade noch einmal gerettet werden. Hoffen wir es!
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Mittwoch, Juli 13th, 2022
Johannes Willms ist tot, einer der hervorragendsten Journalisten der Bundesrepublik. Er wurde 74 Jahre alt. Er war Redaktionsleiter des ZDF-Magazins „Aspekte“ und ein Anhänger von Karl Poppers Idee der „offenen Gesellschaft“. Ein Feuilletonist und Anti-Spießer. Interesse an Geschichte und Literatur war für ihn selbstverständlich. Mit politischer Korrektheit hielt er sich nicht lange auf, weil er an das Wichtige heranwollte. Willms hat das
„Literarische Quartett“
erfunden, das uns heute noch mit Sigrid Löffler, Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek klar vor Augen steht. Willms machte dadurch Literatur gesellschaftsfähig. Von 1993 bis 2000 war er Feuilleton-Chef der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ). Populäre Kultur, klassische Rezensionen und poltisches Feuilleton bildeten die soliden Stanbeine der Berichterstattung. Willms hatte wenig Interesse für Ansätze und Methoden, bei ihm standen die Inhalte im Mittelpunkt. Der Frankreich-Kenner hat viele Bücher über unseren westlichen Nachbarn geschrieben und dazu beigetragen, dass das gegenseitige Verständnis stieg (Alexander Gorkow/Nils Minkmar, SZ 13.7.22).
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