Archive for the ‘Geschichte’ Category

3876: Serebrennikow über Russland

Mittwoch, Mai 25th, 2022

Der international berühmte russische Regisseur Kirill Sebrennikow hat Russland mittlerweile verlassen. In einem Interview mit Peter Kümmel (Zeit 12.5.22) macht er dazu Bemerkungen:

„Ich wuchs in den letzten Jahren der Sowjetunion auf, und das war ein wirklich verrotteter Staat. Korruption und Alkoholismus waren allgegenwärtig, die Leute spürten, dass sie hier keine Zukunft hatten. Aber an jedem öffentlichen Gebäude hingen riesige Transparente, Plakate mit der Aufschrift ‚Frieden‘. Wir brauchen Frieden für die Welt! Die Ideologie der Sowjetunion war sehr heuchlerisch. Einerseits bestand Einigkeit darüber, dass Krieg das Allerschlimmste ist, etwas, das nie passieren darf. Andererseits führte man Krieg in Afghanistan.“

„… vielleicht hatte ich keine Ahnung, wie dieses Volk ist, und verweilte in romantischen Illusionen.“

„Das Volk unterstützt das Regime. In Russland funktioniert Widerstand nicht.“

„Es war ein großer Fehler des Westens, zu glauben, wenn wir den Rusysen Visa, Mastercard, McDonald’s, Ikea wegnehmen, dann werden sie den Kreml stürmen. Das wird nicht passieren. Der russische Hauptaffekt ist das Gekränktsein, die Verbitterung und die Empfindung, dass die Staatsmacht das Richtige tut.“

3874: Herfried Münklers Kommentare zum Ukraine-Krieg

Dienstag, Mai 24th, 2022

In einem Interview mit Stefan Reinecke (taz 14./15.5.22) macht der emeritierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler Bemerkungen zum Ukraine-Krieg:

„Alice Schwarzer und die Mitunterzeichner des offenen Briefs hätten den Polen (am Beginn des Zweiten Weltkriegs, W.S.) also geraten, sich lieber nicht zu verteidigen, um Tote und eine Eskalation zu vermeiden.“

„Man kann nicht ausschließen, dass nukleare Gefechtsfeldwaffen eingesetzt werden, etwa wenn große russische Einheiten eingeschlossen würden und deren Kapitulation für Putin als eine nicht hinnehmbare Niederlage erscheinen würden. Das ist denkbar. Dagegen ist ein nuklearer Angriff auf ein Nato-Mitglied, der wohl mit entsprechenden Gegenschlägen beantwortet würde, etwas ganz anderes. Hier wirkt die gegenseitige Vernichtungsdrohung deeskalierend.“

„Der moralische Diskurs ist hierzulande vorherrschend. Das hat auch mit der Berichterstattung der hiesigen Presse zu tun. Wir haben relativ wenig Informationen über das Kampfgeschehen. Wenn, dann stammen die aus britischen oder amerikanischen Quellen. Das Fernsehen fokussiert sich auf Opfer. Diese Fokussierung kann den Schluss nahelegen, vielleicht doch besser gleich zu kapitulieren, weil dann vermutlich die Zahl der Opfer geringer sein wird. Die Moralisierung des Geschehens birgt die Gefahr, einen kühlen, analytischen Blick auf die Konstellation zu verlieren.“

„Putins Sprecher Dmitri Peskow hat kürzlich von erheblichen Verlusten des russischen Militärs gesprochen. Die mit solchen Fragen unerfahrene deutsche Presse hat getitelt: Die Russen geben Verluste zu. Dabei hat der Kreml tatsächlich das Narrativ verändert. In die Richtung: „Wir müssen unsere Ziele jetzt erst recht erreichen. Das ist das Vermächtnis unserer heroischen Gefallenen.“ In Deutschland wurde das nicht verstanden, weil man sich hierzulande Opfer nur als Verlust von individuellem Leben vorstellen kann und nicht als geheiligtes oder, profaner gesagt, bewundertes Opfer, das der Nation oder Gemeinschaft gebracht wird.“

3873: Der Holocaust bleibt einmalig.

Sonntag, Mai 22nd, 2022

Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München, Andreas Wirsching, räsoniert über die Einmaligkeit des Holocaust (Die Zeit 5.5.22):

1. Der Vernichtungskrieg Russlands gegen die Ukraine könnte die deutsche Erinnerungskultur massiv verändern.

2. Der Holocaust könnte relativiert werden.

3. In den fünfziger Jahren fanden konservative Historiker einen bequemen Ausweg aus dem deutschen Geschichtsdilemma des Nationalsozialismus, in dem sie diesen als ein Resultat der Vermassung und Vereinzelung des Menschen verstanden.

4. Verbunden damit wurde die „Dämonisierung“ Adolf Hitlers und seine Charakterisierung als Alleinschuldiger.

5. Solche Vorstellungen machen sich in der Geschichtswissenschaft allmählich wieder breit.

6. Manche der entsprechenden Äußerungen sind antisemitisch unterlegt.

7. Der Holocaust soll in die postkoloniale Betrachtung des Kolonialismus integriert werden.

8. Die genozidale Niederschlagung des Herero-Aufstands 1904 durch kaiserliche Truppen habe eine Vernichtungskapazität begründet, an deren Ende Auschwitz stehe.

9. Die singuläre Betrachtung des Holocaust sei „provinziell“.

10. So würde begonnen, die verbrecherischen Vergangenheiten gegeneinander aufzurechnen.

11. Die Kaiserzeit wird als einigermaßen demokratisch charakterisiert.

12. Einen deutschen „Sonderweg“ habe es nicht gegeben.

13. Das klingt so, als habe der deutsche Nationalstaat von 1871 bis 1945 nicht genug gewalttätige Demokratiefeinde hervorgebracht.

14. 1933 erscheint wie ein zufälliger Betriebsunfall.

15. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari hat kürzlich gemeint, dass die Deutschen nicht mehr beweisen müssten, dass sie keine Nazis seien.

16: Aber: eine Nationalgeschichte, die den industriellen Massenmord an den Juden hervorbrachte, kann nicht geheilt, wiedergutgemacht, durch andere Verbrechen überschrieben oder durch eine weniger auffällige Geschichte ersetzt werden.

3871: Der Nazi Henri Nannen hat den „stern“ geprägt.

Donnerstag, Mai 19th, 2022

Jeder, der sich auch nur oberflächlich für Medien interessiert, weiß, dass Henri Nannen ein übler Nazi-Propagandist war. Und nach 1945 der Macher des „stern“. Durchaus mit Verdiensten. Auch wenn der „stern“ stets mehr „Regenbogenpresse“ war als politisches Medium. Für den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagbücher 1983 war Henri Nannen nicht mehr verantwortlich. Insofern ist es nur Public Relations, wenn die neue „stern“-Führung groß neue Enthüllungen über Henri Nannen publizieren will. Das dient nur dem Geschäft und soll die sinkende verkaufte Auflage und den fallenden Anzeigenbesatz kaschieren (Aurelie von Blazekovic, SZ 19.5.22).

3869: Josef Joffe nicht mehr Mitherausgeber der „Zeit“

Mittwoch, Mai 18th, 2022

Josef Joffe ist nicht mehr Mitherausgeber der „Zeit“. Grund dafür ist ein Brief Joffes vom 5.1.2017 an seinen Freund Max Warburg, einen Miteigentümer der Warburg Bank, die in Cum-Ex-Geschäfte verwickelt gewesen sein soll. Dort schreibt Joffe: „Meiner Intervention war es zu verdanken, dass das Stück geschoben wurde und die Bank die Gelegenheit erhielt, Widerrede zu leisten.“ Der Deutsche Journalistenverband (DJV) sieht Joffes Brief äußerst kritisch. Ans Tageslicht ist er durch den NDR-Rechercheur Oliver Schröm gelangt. Bereits 2016 hatten die „Zeit“ und „Panorama“ (NDR) gemeinsame Recherchen über die Warburg-Bank veröffentlicht. Joffe, 78, war jahrzehntelang Spitzenjournalist bei der „Zeit“ und der SZ, ein Experte für Außenpolitik. Während der Aufregung um die Cum-Ex-Skandale war es zu einem Treffen zwischen Bankenvertretern und der „Zeit“-Redaktion in deren Redaktionsräumen gekommen. „Bei diesem Treffen gab es eine Bemerkung, die man als Erpressungsversuch mit Werbegeldern verstehen konnte.“ (Peter Burghart, Anna Ernst und Bernd Kramer, SZ 18.5.22; Gernot Knödler, taz 12.5.22).

3868: Günter Wallraff unterstützt Julian Assange.

Dienstag, Mai 17th, 2022

Der Investigativ-Reporter Günter Wallraff, 79, der sich um den deutschen Journalismus schon mehrfach verdient gemacht hat, obwohl er Kommunist ist, u.a. als Mitarbeiter von „Bild“. setzt sich in einem „taz“-Interview mit Michael Sontheimer für den australischen Journalisten Julian Assange ein, den Begründer von Wikileaks.

taz: Sie selbst haben jahrelang ausbeuterische Arbeitsverhältnisse enthüllt wie auch den Zynismus der ‚Bild‘-Redaktion. Wie sehen Sie ihre journalistische Praxis im Vergleich zu der von Wikileaks?

Wallraff: In einem Aspekt steht mir Assange sehr nahe. Es geht darum, Dinge aufzudecken, die mächtige Interessen verheimlichen. Wobei er in die politischen Machtzentren eindringt, zum Beispiel ins Hauptquartier der CIA, und ich mich nach unten Situationen aussetze, die verborgen bleiben sollen. Assange macht es im Großen, ich im Kleinen.

taz: Hat er deshalb wesentlich schärfere Konsequenzen zu ertragen als Sie?

Wallraff: Auf jeden Fall. Ich kann mich nicht beklagen. Ich wurde in Deutschland zwar von Geheimdiensten überwacht, musste aber für meine Aktionen nie ins Gefängnis. Das passierte in anderen Ländern, etwa in Griechenland zur Zeit der Militärdiktatur. Hier leben wir in einem Rechtsstaat. So hat der Bundesgerichtshof meine Recherchemethoden auch gegen einen übermächtigen Gegner wie den Springer-Verlag in der sogenannten Lex Wallraff mit der Begründung bestätigt: Gehlt es um gravierende Missstände, hat die Gesellschaft ein Recht, darüber informiert zu werden, auch wenn diese Informationen durch Täuschung erlangt wurden.

3867: Linke bedeutungslos

Dienstag, Mai 17th, 2022

Schon bei der Bundestagswahl 2021 wäre die Linke mit 4,9 Prozent der Zweitstimmen aus dem Parlament geflogen, hätte sie nicht drei Direktmandate errungen. Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen hat uns nun vor Augen geführt, dass die Linken bedeutungslos geworden sind. Die Politik der DDR ist überwunden. Das zeigt nicht zuletzt der Vernichtungskrieg Russlands gegen die Ukraine. Die Linke steht vor dem Untergang (Boris Herrmann, SZ 17.5.22).

Müssen wir das bedauern ?

3865: Finnland und Schweden stärken die Nato.

Montag, Mai 16th, 2022

Finnland und Schweden sind eine ideale Verstärkung für die Nato, wie Matthias Kolb (SZ 16.5.22) überzeugend darlegt:

„Da sind zunächst die politischen Aspekte. Finnland und Schweden sind Vorzeigedemokratien, sie passen besser zum Anspruch der Nato, Werte wie individuelle Freiheit und Minderheitenschutz zu verteidigen, als Ungarn oder die Türkei. Als Mitglieder 31 und 32 würden die Nordeuropäer den Betrieb nicht lähmen, sondern konstruktiv mitarbeiten.

Russlands Angriff auf die Ukraine hat offenbart, dass die Nato auch nach 73 Jahren unverzichtbar ist für die Sicherheit in Europa. Ihre Attraktivität würde durch eine zügige Aufnahme unterstrichen. Seit dem 24. Februar zeigen sich die Alliierten geschlossen, und auch die Bedenken aus Ankara wegen der angeblichen Unterstützung kurdischer ‚Terroristen‘ durch Helsinki und Stockholm dürften ausgeräumt werden.“

„Auch militärisch hat eine Norderweiterung Vorteile. Schweden und Finnland nehmen seit Jahren an Nato-Übungen teil und sind bereit, mindestens zwei Prozent der Wirtschaftsleistung für Rüstung auszugeben. Schweden verfügt über eine exzellente Luftwaffe und beeindruckende maritime Fähigkeiten, die Finnen sind äußerst versiert in der Landesverteidigung und haben anders als die Bundeswehr ausreichend Material. Dass die russisch-finnische Grenze 1300 Kilometer lang ist, erhöht nicht das Risiko für die Allianz: Finnland war zwar neutral, ist aber seit Jahrzehnten bereit, sich gegen den Nachbarn zu wehren.“

Durch den Beitritt Schwedens und Finnlands wird die Ostsee zum Nato-Binnenmeer. Damit kann auch das Baltikum leichter verteidigt werden.

3861: Der Fall Uwe Tellkamp

Freitag, Mai 13th, 2022

Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ (2008) wurde als wahrheitsgetreue Innensicht der DDR, als „Wenderoman“ gelesen, gelobt und wurde ein Riesenerfolg. Dann kritisierte der Autor ab 2015 die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und den „linken Mainstream“. 95 Prozent der Flüchtlinge flöhen nicht vor Krieg, sondern in die Sozialsysteme der Bundesrepublik Deutschland. Und der Medienmainstream („Spiegel“, „Zeit“, „SZ“ et alii) begleite dies positiv. Noch heute sieht Tellkamp in den Grünen eine Splitterpartei, die der Gesellschaft ihre Weltsicht aufzwingt. Tellkamps Fortsetzung des „Turms“ in Form des Romans „Der Schlaf in den Uhren“, den ich noch nicht gelesen habe, wird von Marie Schmidt in der SZ (12.5.22) gekonnt total verrissen.

Schauen Sie sich am Mittwoch, 18.5.22, um 20.15 Uhr auf 3-Sat die Dokumentation „Der Fall Tellkamp. Streit um die Meinungsfreiheit“ an.

(Markus Pollmer, SZ 12.5.22; Interview Tellkamps mit Lothar Müller, SZ 12.5.22)

3859: Palästinensische Journalistin auf der Westbank erschossen

Donnerstag, Mai 12th, 2022

Die aus Jerusalem stammende, palästinensische Journalistin Schirin Abu Akleh, 51, ist in Dschenin erschossen worden. Seit 20 Jahren hatte sie für den aus Katar stammenden Fernsehsender Al Jazeera von der Westbank berichtet. Aktuell ging es um Razzien der israelischen Armee angesichts von Terrorangriffen. Israel und die Palästinenser beschuldigen sich gegenseitig, den tödlichen Schuss in den Kopf der Journalstin abgegeben zu haben, obwohl sie einen Helm getragen hatte. Über die Feuergefechte mit Terroristen berichtet Israel von 17 Toten, die Palästinenser von 30. Die Journalistin hatte eine Splitterschutzweste mit der deutlich sichtbaren Aufschrift „Presse“ getragen. Sie wurde von einem palästinensischen Kollegen begleitet, der in den Rücken geschossen wurde, aber überlebte.

Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas sprach von einer „Hinrichtung“. Premierminister Naftali Bennett stellte sich hinter die israelischen Soldaten, die im Einsatz seien, „um eine tödliche Terrorwelle zu brechen“. Israels Außenminister Jair Lapid bot den Palästinensern eine gemeinsame Untersuchungskommission an und betonte, dass Journalisten in Gefechten geschützt werden müssten (Peter Münch, SZ 12.5.22).