Archive for the ‘Geschichte’ Category

3337: Joseph Beuys 100 – die Legende

Freitag, April 2nd, 2021

Im Mai wäre Joseph Beuys (1921-1986) einhundert Jahre alt geworden. Er hat sein ganzes Leben so an seiner Legende gestrickt, dass die einen ihn heute für einen „Erlöser“ halten, die anderen für einen Scharlatan. 2021 wird in zahlreichen Ausstellungen Joseph Beuys‘ gedacht. Manche sehen in ihm den größten Erweiterer des Kunstbegriffs in viele Richtungen („Jeder Mensch ist ein Künstler“, Kunst als Aktion, als Prozess), für andere hat er den „teuersten Sperrmüll aller Zeiten“ produziert.

Joseph Beuys hat die Grünen mitbegründet und für sie 1980 für den Bundestag kandidiert. Trotzdem schreibt Hanno Rauterberg (Zeit 25.3.21): „Beuys war nicht der, als der er jetzt gefeiert wird. Er war nicht links, kein Systemsprenger und erst recht kein Kämpfer der Aufklärung.“ Er fühlte sich wohl im Geseiere der Esoterik, im Nebel der Begriffe, schätzte anthroposophische Kernsätze und passte gut unter die Aluhut-Träger einer „Querdenken“-Demonstration.

Er nahm Fußwaschungen vor. Ganz im Reich des Aberglaubens. Die 7.000 Bäume, die Joseph Beuys auf der Documenta in Kassel 1982 pflanzte, kommentierte der Künstler mit dem Satz: „Die Bäume sind nicht wichtig, um dieses Leben auf der Erde aufrechtzuerhalten, nein, die Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten.“ Bis in die sechziger Jahre hinein nahm Beuys an den Kameradschaftstreffen seiner Stuka-Fliegerkameraden teil. Über die Bundesrepublik sagte er: „Diese Gesellschaft ist letztlich noch schlimmer als das Dritte Reich.“

Joseph Beuys wurzelte in der deutschen Romantik. In seiner Jugend war er begeisterter Nationalsozialist. 1941 meldete er sich für zwölf Jahre zur Luftwaffe. Dort soll er die Lehren Rudolf Steiners verinnerlicht haben, auch dessen spezielle Lehren zu Inkarnationen und höheren Wesen, wie sie in Waldorfschulen verbreitet sein sollen. Er begeisterte sich für Urvölker, Schamanen und keltische Symbole (Peter Richter, SZ 27./28.3.21). 1944 wurde er über der Krim abgeschossen. Daraus machte er den Mythos vom „Absturz über der Tundra“. Vielleicht ist das, wie Niklas Maak meint, „essentialistischer Kitsch“ (FAS 14.2.21). Möglichgerweise ist Joseph Beuys der deutscheste aller Künstler – auch, weil man oft nicht sagen kann, ob er in seinem Werk etwas Irrationales, Dunkles, potentiell Gewalttätiges kritisch reflektiert, gebannt oder doch gefeiert wird.

Scharfe Kritiker wie Frank Gieseke und Albert Markert sagen, Beuys sei „in dem Zug sitzen geblieben, in den er 1933 eingestiegen ist, und hat gewartet, bis die Gleise modernisiert wurden“. Für Peter Riegel steht Joseph Beuys ganz im Bann von Rudolf Steiner. Auch da, wo es um einen Volksgeist und die Auserwähltheit der Kelten und Germanen geht. Beat Wyss schrieb: „Im Künstlerhabitus hat Beuys Ideen und Symbole verinnerlicht, die er als Hitlerjunge eingeimpft bekam.“ Ihm gelinge die Verschmelzung von „völkischem Wandervogel“ und „Achtundsechziger-Rebell“.

Nach 1945 hatte der in Kleve geborene Joseph Beuys seinen Lebensschwerpunkt in Düsseldorf. Dort studierte und arbeitete er, seit 1961 als Professor (Catrin Lorch, SZ 27./28.3.21). Er sammelte auch unter den Studierenden viele Fans um sich und gebärdete sich wie ein charismatischer Führer. Dabei blieb sein Demokratiebegriff antiparlamentarisch. Angeblich ging es ihm um die Erneuerung der Gesellschaft. Zur Wissenschaft hatte er auf Grund seiner esoterischen Basis ein gestörtes Verhältnis. Kunst verstand er auch als „Heilung“, er stand der Homöopathie nahe.

Andreas Veiel, der 2017 einen Film über Joseph Beuys gedreht hat, meinte sehr dezidiert. „Ich finde bei ihm nichts Völkisches.“ Auch Hanno Rauterberg meint, dass er kein Rassist und Chauvinist sei. Beuys selbst schrieb 1972: „Ich will ja nicht zur magischen oder mythischen Welt zurück, sondern ich will anhand dieser Bilder Geschichtsanalysen betreiben.“ Möglicherweise muss Beuys heute viel stärker als bisher historisch gesehen werden. Es gibt einige Filme über sein Werk, die uns dabei behilflich sein können.

3336: EU verklagt Polen.

Donnerstag, April 1st, 2021

Die EU-Kommission verklagt Polen vor dem höchsten europäischen Gericht wegen der polnischen Justizreform. „Die nationalen Regierungen sind frei, ihre Justizsysteme zu reformieren, aber sie müssen sich dabei an die EU-Verträge halten.“ Polen wird vorgeworfen, die Unabhängigkeit von Richtern zu untergraben und sie davon abzuhalten, EU-Recht anzuwenden. Das entsprechende polnische Gesetz verstößt also gegen EU-Recht (SZ 1./2.4.21).

3328: War der Holocaust gar nicht singulär ?

Donnerstag, März 25th, 2021

1. Sehr gut kann ich mich noch an die Zeiten erinnern, als wir die Singularität des Holocausts gegen Nationalisten verteidigt haben.

2. Im „Historikerstreit“ von 1986 formulierte Ernst Nolte seinen berüchtigten Satz: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische Tat‘ vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potenzielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen Tat‘ betrachteten? War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglichger als Auschwitz? War nicht der Klassenmord der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords der Nationalsozialisten‘?“ (zit. nach W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2. Aufl. 2009, S. 44)

3. Heute hat sich die politische Perspektive ins Gegenteil verkehrt. „Einst relativierte die Rechte, heute die Linke.“ (Charlotte Wiedemann, taz 17.3.21)

4. Wiedemann kennzeichnet als Besonderheiten des Holocaust: a) die Totalität des Vernichtungswillens, b) die Systematik  des Mordprogramms, c) die geografische Reichweite und d) die Einbeziehung des Volksgemeinschaft in die Verbrechen.

5. Thomas Schmid nennt als Besonderheiten des Holocaust, dass die Vernichtung der Juden der alleinige Zweck war. Und zwar aus einem Grund: weil sie Juden waren (Literarische Welt 27.2.21).

6. Nach Wiedemann dürfen wir den Porajmos nicht vergessen, dem eine halbe Million Roma und Sinti zum Opfer fielen.

7. Eine qualitative Veränderung verlangte Jürgen Zimmerer in seinem Buch „Von Windhuk nach Auschwitz“ schon 2011. Er betrachtet den Völkermord an den Herero durch kaiserliche Truppen 1904 (ca. 50.000 Menschen ließ man in der Wüste sterben) als Vorläufer von Auschwitz und bestreitet damit die Singularität des Holocaust.

8. In einer Stellungnahme für Achille Mbembe 2020 formulierten ca. 70 deutsche „Kulturschaffende“: „Die historische Verantwortung Deutschlands darf nicht dazu führen, andere historische Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung moralisch oder politisch pauschal zu delegitimieren.“

9. Als andere Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung sind stets gemeint:

der Archipel Gulag, der Völkermord an den Armeniern, die Vernichtung der Indigenen in Amerika, die Sklaverei, die Terrorherrschaft von Pol Pot und andere.

10. „Die Ermordung von ganzen Bevölkerungsgruppen ist eben nicht einzigartig in der Geschichte, sondern kam und kommt durchaus häufiger vor.“ (Claudius Seidl, FAS 28.2.21)

11. In letzter Zeit ist es besonders der in Los Angeles forschende und lehrende Literaturwissenschaftler Michael Rothberg, der im Zuge seiner „Postcolonial Studies“ darauf besteht, dass die Erinnerung an die deutschen Verbrechen nicht unbedingt bedeuten sollte, dass man darüber die anderen Verbrechen vergisst.

12. Rothberg sieht den Holocaust als ein Phänomen des Kolonialismus.

13. Dem hat schon 1977 der Holocaust-Überlebende Jean Amery über das 20. Jahrhundert entgegengehalten: „Alles wird untergehen in einem ’summarischen Jahrhundert der Barbarei‘.“

14. An Michael Rothberg kritisiert Thomas Schmid: „In diesen Kreisen muss es so etwas wie großen Neid auf die Juden (und Israel) geben.“

15. An Hannah Arendt kritisiert Rothberg ihre, wie er findet, letztlich eurozentristische Sichtweise.

16. „Der Universalismus – etwa: Alle Menschen sind gleich und haben gleiche Rechte – sei eine europäische Waffe, um die Welt zu unterwerfen.“

3323: Stasi-Unterlagen-Behörde arbeitet im Bundesarchiv weiter.

Samstag, März 20th, 2021

Der Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, Roland Jahn, hat seinen letzten Tätigkeitsbericht abgeliefert. Die Behörde wird ins Bundesarchiv integriert, arbeitet aber mit allen Dienststellen (insbesondere in Ostdeutschland) weiter. Dadurch besteht die Möglichkeit zur Transparenz, es wird weiter aufgeklärt. Wir können den real existierenden Sozialismus sehr gut kennenlernen und verstehen. Wenn wir wollen. Die Behördenchefs Joachim Gauck, Marianne Birthler und Roland Jahn haben sich darum verdient gemacht.

Die während der friedlichen Revolution gesicherten Stasi-Akten machen 111 Kilometer aus. Es wird die Stelle eines Opferbeauftragten geschaffen, der insbesondere die Belange der SED-Opfer vertreten soll. Bei der Behörde wurden bisher 7,3 Millionen Anträge gestellt. Von Privatpersonen, aber auch von Behörden, Wissenschaftlern und den Massenmedien. Immer mehr Menschen in Deutschland interessieren sich für das Schicksal ihrer Eltern und Großeltern unter der SED-Diktatur (mwe., FAZ 20.3.21).

3320: Käppner: Das Kaiserreich war ein Vorläufer des Naziregimes.

Mittwoch, März 17th, 2021

Joachim Käppner ist promovierter Historiker („Der Holocaust im Spiegel der DDR-Geschichtswissenschaft“ 1998) und Ressortleiter und Leitartikler der SZ. Er fasst die vielfältigen Auseinandersetzungen der letzten Zeit über die Rolle des deutschen Kaiserreichs schlüssig zusammen (SZ 17.3.21):

Das wilhelminische Kaiserreich war ein Vorläufer des Nationalsozialismus.

1. Kaiser Wilhelm II. 1900: „(Reichskanzler) Bülow soll mein Bismarck werden, und so wie dieser und mein Großvater Deutschland äußerlich zusammenhämmerten, so werden wir im Innern den Dreck des Parlaments- und Parteiapparates wegräumen.“

2. Deutsche Historiker streiten 2021 darüber, ob das Kaiserreich einen deutschen Sonderweg einleitete oder ob es eine Modernisierung ermöglichte.

3. Fritz Fischer hatte 1961 mit „Griff nach der Weltmacht“ eine deutsche Hauptschuld am Ersten Weltkrieg behauptet.

4. Der deutsche Sonderweg führte vom Wilhelminismus und seinem Völkermord an den Herero und Nama 1904 zu Auschwitz.

5. Eine gemäßigtere Version wäre wahrscheinlich gewesen, wäre Friedrich III. als Nachfolger Wilhelms I. nicht schon 1888 gestorben.

6. Typisch für das von den Hohenzollern geführte Kaiserreich waren Hass, Nationalismus, Antisemitismus, die Erweiterung des Reichs nach Osten, Militarismus, Bedrohungsfantasien vom inneren Feind.

7. Oliver Haardt: „Die Gründung des deutschen Kaissereichs war Bismarcks Versuch, die Zeit einzufrieren.“

8. Die nationale Einheit der Deutschen 1871 war nicht das Werk freier Bürger, sondern eines brutalen Obrigkeitsstaats.

9. Das Parlament hatte wenig zu bestimmen, der Kaiser hatte die militärische Kommandogewalt.

10. Die Schlüsselpositionen des Staates waren mit antidemokratisch gesonnenen Eliten besetzt: Militär, Richter, Beamte, die gesamte Exekutive, im Osten herrschten die Junker, im Westen die Kohle- und Stahlbarone.

11. 1918: „Die jäh an die Macht gespülte SPD beging nun den Todfehler, die meisten Institutionen der alten Ordnung zu belassen, im Interesse der Legitimität, was ehrenwert, aber eine folgenreiche Illusion war.“

12. Die alten Eliten wurden zu Steigbügelhaltern des Nationalsozialismus. Mit ihm verband sie nicht alles, aber Weltmachtträume, Revanchismus, Rassismus, Ablehung der Demokratie.

13. Auch wenn im Kaiserreich der Parlamentarismus, die Frauenbewegung, die Arbeiterschaft, vor allem aber Kultur, Literatur, Wissenschaft und die Urbanität (Mark Twain 1892: „Berlin ist die modernste Stadt der Welt.“) reüssierten, besteht kein Grund, den Ruf dieses Reiches retten zu wollen. Das meiste davon entstand trotz des Gesellschaftssystems, nicht seinetwegen.

3311: Wolfgang Petersen 80

Samstag, März 13th, 2021

Wolfgang Petersens größter Film war „Das Boot“ (1981 nach einem Roman von Lothar-Günther Buchheim). Mit einem Großaufgebot an Stars: Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer, Uwe Ochsenknecht, Heinz Hoenig, Günther Lamprecht, Jan Fedder, von denen einige hier den Karriere-Durchbruch schafften. Der Film lebte vom Mythos des deutschen U-Boot-Fahrers und schmückte diesen noch gekonnt aus. Deswegen wurde er ja ein so großer ökonomischer Erfolg. Er versöhnte die deutsche Gesellschaft mit dem Krieg. Der Film ebnete Petersen endgültig den Weg nach Hollywood. Der einzige Kritiker, der sich traute, den Film zu verreißen, war Fritz J. Raddatz (Die Zeit). Er sah in dem Film eine Trivialschnulze und einen „Kriegsfilm am Rande der Verherrlichung“. Damit hatte Raddatz zwar ganz und gar recht, stand aber allein.

Wolfgang Petersen gelangen in Hollywood u.a. „Enemy mine“ (1985 mit Dennis Quaid) und „Air Force One“ (1987 mit Harrison Ford). Er konnte Kriegs- und Gewaltfilme. In seinem Spätwerk findet sich 2016 „Vier gegen die Bank“ (mit Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Jan Josef Liefers). Ziemlich am Anfang der Karriere des Sohns eines Mariners stand 1977 mit dem „Tatort“ „Reifezeugnis“ ein unvergesslicher Film mit Nastassja Kinski und Christian Quadflieg (nicht „Will“, wie Dietmar Dath in der FAZ, 13.3.21, schreibt. Das war der Vater von Christian, den die meisten von uns aus Gustaf Gründgens „Faust“-Film, 1962, kennen). Wolfgang Petersen wird 80 Jahre alt.

3310: Wolfgang Kohlhase 90

Samstag, März 13th, 2021

Wolfgang Kohlhase war der bedeutendste deutsche Drehbuchautor nach 1945. Zuerst in der DDR, dann im vereinten Deutschland. Er ist 90 Jahre alt geworden. Zuletzt hat er Eugen Ruges Familienroman „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (2017) in einen Film übersetzt (Matti Geschonnek). Er hatte vorher aber auch den Film nach Hermann Kants „Der Aufenthalt“ (1982) geschrieben. Kohlhase verzichtete auf die Hollywood-Schule des Drehbuchschreibens. Er gab seinen Charakteren die Zeit, sich zu erklären (z.B. in den Filmen Konrad Wolfs und Frank Beyers).

Seine Wurzeln lagen im Neo-Realismus (Vittorio de Sica, Luchino Visconti, Federico Fellini, Roberto Rossellini). Schauen wir in die Literatur, dann bei William Faulkner und Ernest Hemingway.

Wolfgang Kohlhase  ist ein Sozialist mit westlichen Wurzeln.

Er hat nie das Schicksal der „einfachen Leute“ aus den Augen verloren. „Der Ton existentieller Ratlosigkeit … ist selten in der DDR-Literatur der siebziger Jahre; und vielleicht wäre Kohlhase, wenn er ihn weiter verfeinert hätte, eine der wichtigsten schriftstellerischen Stimmen seines Landes geworden. Stattdessen blieb er der wichtigste deutsche Kinoautor.“ (Andreas Kilb, FAZ 13.3.21)

3300: Alternative zum Begriff „Rasse“ im GG

Samstag, März 6th, 2021

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) haben sich darauf geeinigt, den Begriff „Rasse“ im Artikel 3 GG zu ersetzen durch die Formulierung, dass eine Diskriminierung aus „rassistischen Gründen“ verboten ist. Kommende Woche soll der Entwurf dazu vom Bundeskabinett beschlossen werden. Eine Verfassungsänderung erfordert eine Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat (FAZ 6.3.21).

3298: Klaus Gietinger zum 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg

Donnerstag, März 4th, 2021

Zum 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg ist ihr bester deutscher Kenner, Klaus Gietinger, Saarbrücken, in der FR (3.3.21) von Klaus-Jürgen Göpfert interviewt worden.

Gietinger ist ein bekannter und erfolgreicher Filmemacher. Sein Kultfilm „Daheim sterben die Leut“ stammt aus dem Jahr 1984. Gietinger kämpft gegen Autos und den Autoverkehr. 1993 publizierte er „Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa L.“. Darin weist Gietinger nach, dass Kräfte aus der Reichswehr Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919 ermordet haben. 2017 erschien Gietingers Film „Wie starb Benno Ohnesorg“, in dem er nachweist, dass Ohnesorg 1967 von Karl-Heinz Kurras getötet wurde, einem Stasi-Agenten.

Im Interview präpariert Gietinger heraus, dass die 1871 in Ostpolen geborene Rosa Luxemburg, eine studierte Ökonomin und große Sozialistin, zum linken Flügel der SPD gehörte und den SPD-Vorstand für seine Politik vor dem Ersten Weltkrieg („Bewilligung der Kriegskredite“) und danach scharf kritisierte. Sie war eine militante Antimilitaristin und kämpfte gegen den Imperialismus, der uns die Katastrophen des 20. Jahrhunderts beschert hat, und begründete die KPD mit. Den Bolschewismus, der sich unter Lenin in Russland bereits durchgesetzt hatte, kritisierte sie, weil er undemokratisch und despotisch war. Leider fehlt dieser Aspekt bei Gietinger partiell. Luxemburg setzte sich für die Beteiligung an freien Wahlen ein. Das hat sie wegen ihrer Ermordung 1919 nicht mehr miterlebt.

Insofern hat sie auch den realen Sozialismus der Sowjetunion und ihrer Satelliten nicht kennengelernt. Ihre Kritik daran wäre interessant. Denn dass sie den Kapitalismus ablehnte, kann ja kein Geheimnis sein. Vom Kapitalismus hat sie den „New Deal“ und das deutsche „Wirtschaftswunder“ nicht gekannt. Und in der DDR hat Rosa Luxemburg gefehlt. Das ist auch dann richtig, wenn die deutschen Kommunisten in jedem Jahr zu ihrer Gedenkstätte pilgern. Aber da sind dann Leute wie Gregor Gysi dabei, die Rosa Luxemburgs Werk und Leben nicht beglaubigen können. Privat war Rosa Luxemburg eine freie Frau und große Briefschreiberin (großartige Schreiberin), die uns allen, weit über den Kommunismus hinaus, gefehlt hat. An einem Beispiel sei noch gezeigt, dass es in der Politik einfache Lösungen tatsächlich nicht gibt: Afghanistan. Begonnen hat diesen Krieg 1979 die Sowjetunion durch ihren brutalen Überfall. Dann ist dort politisch und militärisch sehr viel schiefgelaufen. Insofern mag ein Rückzug von dort erwogen werden. Aber nicht so, wie ihn Donald Trump aus inneramerikanischen Gründen wollte. An der falschen Syrien-Politik Obamas sehen wir, dass ein simpler Rückzug nicht genügt. Er hat dazu geführt, dass dort ein Massenmörder mit Hilfe von Wladimir Putin regiert.

3289: Das Elend der katholischen Kirche

Freitag, Februar 26th, 2021

Matthias Drobinski schreibt dazu (SZ 26.2.21):

„Zahlreiche Bistümer lassen derzeit untersuchen, wo die Kirchenleitungen im Umgang mit Fällen von sexualisierter Gewalt gefehlt haben. Die Katholiken sind da weiter als die evangelischen Glaubensgeschwister – und sehr viel weiter als zum Beispiel der Leistungssport.“

„Sie (die Bischöfe) hätten aufklären müssen, ohne sich und ihre Vorgänger zu schonen. Sie hätten die Betroffenen angemessen entschädigen und sich die schmerzhafte Frage stellen müssen: Was hat die Gewalt, was hat der Missbrauch der geistlichen Macht mit unserem Selbstverständnis zu tun? Inwiefern hat unser Bild von der heiligreinen Kirche dazu beigetragen, dass diese Gewalt geschah und so lange vertuscht werden konnte? Wie toxisch ist unsere Vorstellung vom ewig keuschen Priester, der Anspruch auf allgemeine Sexualitätskontrolle der Gläubigen, das Bild der schweigend dienenden Frau? Es wäre die Gelegenheit gewesen, dass die Kirche sich ändert, dass sie sich nicht mehr als Anstalt zur Verwaltung und Zuteilung des Heils sieht, sondern als Gemeinschaft von Menschen auf der Suche nach dem Heil.“

„Sie haben damals die Gelegenheit verpasst, die Bischöfe. Sie haben sie allerdings nicht aus Zufall verpasst. Es ist kein tragisches Schicksal, das sich hier offenbart. Es zeigt sich die zerstörerische Beharrungskraft eines mächtigen und lang gewachsenen autoritären Systems, das den befreienden Glauben verdunkelt, den einst dieser

Jesus

verkündete.“