Archive for the ‘Geschichte’ Category

3424: Deutschland erkennt Völkermord an.

Sonntag, Mai 30th, 2021

Deutschland hat den Völkermord an den Herero und Nama (1904-1908) als solchen anerkannt. Bundesaußenminister Heiko Maas hat Namibia um Verzeihung gebeten. Die Bundesrepublik hat sich zu Wiederaufbauhilfen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro verpflichtet. Wie nicht anders zu erwarten, kritisierten dies einige namibische Opferverbände als zu gering. Die namibische Regierung sagte: „Die Anerkennung vonseiten Deutschlands, dass ein Völkermord begangen wurde, ist der erste Schritt in die richtige Richtung.“ (clb./fhau., FAZ 29.5.21; Bernd Dörries, FAZ 29.5.21; pes, FAZ 29.5.21; Christian Putsch, Die Welt 29.5.21).

3422: Dan Diner 75

Freitag, Mai 28th, 2021

1946 wurde Dan Diner in einem Lager für Displaced Persons in München geboren. Seine Eltern waren Juden, die Mutter aus Litauen, der Vater aus Polen. Diner pflegte den Spruch: „Meine Eltern sind vor dem Holocaust in den Gulag geflohen.“ 1949 reiste die Familie nach Israel aus, kam aber 1954 schon zurück nach Frankfurt am Main. Dort hat sich Dan Diner vehement entwickelt zum Historiker. Seine Habilitationsschrift 1980 hatte den Titel „Israel in Palästina“. Die Historikerzunft insgesamt in Deutschland war Diner nie ganz geheuer.

Der undogmatische Linke war fest im Universalismus verankert. Als Redakteur verschaffte er der Zeitschrift „links“ Wirkung und Einfluss. Dan Diner scheute sich nicht, 1982 eine „Lanze für die Nato“ zu brechen und ein sehr pazifismuskritisches Interview mit André Gorz ausgerechnet zum Frankfurter Friedenskongress zu veröffentlichen.

Mittlerweile hat er als langjähriger Direktor des von ihm gegründeten Simon-Dubnow-Instituts in Leipzig die siebenbändige „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“ (1750-1950) herausgegeben. Das ist eine Aufbereitung jüdischer Geschichte ohne die nachkriegsdeutsche Fixierung auf den Holocaust. Sein neuestes Buch trägt den Titel „Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935-1942“ und ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Von Dan Diner können wir alle viel lernen (Claus Leggewie, taz 20.5.21).

3421: Schweiz lässt Vertrag mit EU platzen.

Donnerstag, Mai 27th, 2021

Wegen substanzieller Differenzen lässt die Schweiz das angestrebte institutionelle Rahmenabkommen mit der EU platzen. Das entspricht der Schweizer Mentalität des größten Effekts bei geringstem Aufwand. Bisher gibt es ein Geflecht von bilateralen Verträgen mit EU-Staaten. Die EU hat angekündigt, dann keine neuen Verträge mit der Schweiz zu schließen (Schwexit). Einer engeren Zusammenarbeit zwischen der EU und der Schweiz wird dadurch eine Absage erteilt. Es wäre kein fairer Deal gewesen (Matthias Kolb/Isabel Pfaff, SZ 27.5.21).

3418: Lukashenko agiert für Putin.

Dienstag, Mai 25th, 2021

Belarus ist alleine nicht wirtschaftlich überlebensfähig. Es kriegt riesige Subventionen aus Russland. Verlässlich. Und ebenso verlässlich agiert der belarussische Diktator Alexander Lukashenko für den russischen Diktator Wladimir Putin. Bis hin zum organisierten Staatsterrorismus in Form von Flugzeugentführungen mit Hilfe von Kampfjets. Dies um so mehr, als er keine Mehrheit hat und Wahlen fälscht. Das ist bei diesen postsozialistischen Herren nichts Besonderes. Und Sanktionen sind ihnen hauptsächlich gleichgültig.

Ihre Macht erhalten sie mit Hilfe von Polizei, Geheimdienst und Militär, mit Gewalt also. Nach den gefälschten Wahlen in Belarus wurden Tausende friedliche Demonstranten gefoltert, führende Oppositionelle eingesperrt oder ins Ausland vertrieben. Eine freie Presse gibt es nicht. Alles wie in Russland.

Ob dies eine grün-rot-rote Bundesregierung (unter Einschluss der linken Russlandfreunde) erkennen und entsprechend darauf reagieren würde?

Und was ist eigentlich mit Nordstream 2?

3415: Götz Aly über den Umgang mit Raubgut

Montag, Mai 24th, 2021

Götz Aly hat schon häufiger gegen den Mainstream der Historiker gestanden. In seinem neuen Buch beschäftigt er sich mit deutschem Raubgut aus der Südsee:

Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2021, 240 S.; 21 Euro.

Dazu interviewt ihn Ijoma Mangold in der „Zeit“ (12.5.21). Aly sagt:

„Wir verfügen in Berlin über etwa 65.000 Objekte aus der Südsee. Weit überwiegend sind sie auf räuberische oder unredliche Art zu uns gelangt. Das Luf-Boot, das einzige, das von Hunderten solcher Boote die Zeit überdauert hat, ist hier in Berlin konserviert. Es ist ein Stück Weltkulturerbe. Mit solchen Schiffen wurde die Südsee vor vielen tausend Jahren, als wir in Europa noch in Höhlen lebten, gezielt erschlossen. Wir haben es mit einer Hochkultur zu tun, davon legt das Boot Zeugnis ab. Die Umstände, unter denen es von einem deutschen Händler beschafft wurde, sind sehr, sehr unschön, sie beruhen auf Krieg, Ausrottung, Menschenverachtung und Rassismus. Aber das Luf-Boot ist nun einmal hier, Kuratoren haben dieses Prachtboot und tausende andere Objekt sorgfältig gepflegt – wir stehen bewundernd und neugierig davor. Was tun? Zunächst sollten wir uns – konkret die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – als Treuhänder und Bewahrer dieser Kulturschätze verstehen. Ich bin unbedingt dafür, dass sie öffentlich gezeigt werden. Ich plädiere aber auch dafür, in den Museen endlich damit zu beginnen, die kolonialen Gewaltgeschichten zu erzählen. Der Betrachter soll mit dem Zwiespalt zwischen jahrtausendealter Hochkultur und moderner Brutalkultur konfrontiert werden. Wie der Staat Papua-Neuguinea auf die Dauer reagiert, das werden wir sehen, aber ich bin dafür, dass wir diesen Staat rückwirkend als Treugeber betrachten und uns nicht als Eigentümer sehen. Wie es dann weitergeht, das ist eine Aufgabe für die nächste Generation. Es sollte nichts übereilt geschehen.“

3414: Andrej Sacharow 100

Montag, Mai 24th, 2021

Der Physiker, Menschenrechtsaktivist und Friedensnobelpreisträger des Jahres 1975, Andrej Sachacharow, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. In der Sowjetunon hatte er zunächst eine steile Karriere gemacht. 1947 absolvierte er seine Promotion und wurde in der Folge in den „militärisch-industriellen Komplex“ kommandiert, um an der Entwicklung der Atombombe mitzuwirken. Mit 32 Jahren 1953 wurde er jüngstes Mitglied in der Akademie der Wissenschaften. In dem Jahr zündete die UdSSR ihre erste Wasserstoffbombe.

Ab 1957 entwickelte sich Sacharow zum Rüstungskritiker. Mit guten Argumenten. Einer seiner Partner im Westen war Heinrich Böll. Sacharow verfasste viele Memoranden zur Abrüstung, Friedenspolitik und zur friedlichen Koexistenz. Er setzte sich für die Rückübersiedlung Russlanddeutscher nach Deutschland ein. Durch den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 fühlte Sacharow sich bestätigt. Er forderte die Welt zum Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 auf. Er wurde in Moskau auf der Straße verhaftet und in die Verbannung nach Gorki geschickt. Mit seiner Frau, Jelena Bonner, lebte er dort bis 1986, als Michail Gorbatschow an die Macht kam. 1989, in seinem Todesjahr, wurde er Abgeordneter der Duma. Auch hier noch äußerte er sich kritisch zur offiziellen Politik der UdSSR (Gerhard Gnauck, FAS 23.5.21).

3413: BBC

Sonntag, Mai 23rd, 2021

„Für die BBC geht es jetzt um alles. Die British Broadcasting Corporation steht seit fast 100 Jahren für all das, was öffentlich-rechtlichen Rundfunk und guten Journalismus ausmacht: Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Trotz mancher Fehltritte erwuchs über die Jahrzehnte ein Vertrauen in die BBC, das nun zutiefst erschüttert wurde. Eine Untersuchung kam zu einem vernichtenden Urteil: 1995 kam das Interview mit Prinzessin Diana, einer der größten Scoops in der Geschichte der BBC, offensichtlich nur zustande, weil ein Reporter sich das Vertrauen mit gefälschten Dokumenten erschlich.

Dieser Betrug trifft die BBC in ihren Grundfesten. Ein Mitarbeiter hat gegen jene Leitlinien verstoßen, die den Granden der BBC stets heilig waren. Die Guidelines sind eine Art Glaubensbekenntnis, und darin heißt es: ‚Unser Publikum vertraut uns und erwartet von uns, dass wir uns an die höchsten redaktionellen Standards halten.‘ Es liegt jetzt an der BBC zu beweisen, dass dieser Satz trotz des Skandals noch gültig ist.

Einfach wird das nicht, denn einige der größten BBC-Kritiker sitzen in der Regierung. Und die wird den Skandal zum Anlass nehmen, das zu tun, was sie ohnehin vorhatte: die Macht der BBC beschneiden, womöglich die Rundfunkgebühr abschaffen und die Aufsichtsgremien nach ihrem Gusto besetzen. Die BBC muss um ihre Daseinsberechtigung kämpfen. Und damit um das, was sie so bedeutend gemacht hat: unbestechlichen und unparteiischen Journalismus.“ (Alexander Mühlauer, SZ 22./23./24.5.21)

3411: KPD-Überläufer zur NSDAP 1933

Freitag, Mai 21st, 2021

Sozialstrukturell war die NSDAP eine Partei der Mitte. Das zeigen alle wissenschaftlichen Analysen ihrer Mitglieder, Wähler und Anhänger. 1933 aber kam es dazu, dass auch relativ viele Kommunisten aus dem Widerstand zur Nazi-Partei überliefen. Das zeigt eine Untersuchung von Udo Grasshoff:

Gefahr von innen. Verrat im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Göttingen (Wallstein) 2021, 471 Seiten, 52 Euro.

Ausgewertet worden sind dazu die Daten von ca. 400 Personen (Renegaten, Abtrünnige, Polizeispitzel, Aussagewillige), Listen des Geheimdienstapparates der KPD, Gehaltslisten der Gestapo, Akten der Stasi, nach Moskau geschickte Berichte der KPD. Nach Aussagen aus der Gestapo sind sogar 70 Prozent der 1933 neu in die SA aufgenommenen Mitglieder Kommunisten gewesen. Die Gestapo verfügte über die unumschränkte Macht, sie bot soziale Sicherheit und materielle Absicherung, und sie konnte durch Haft, Folter und Zwang fast alles, was sie wollte, erreichen. Die Kommunisten genießen grundsätzlich den Ruf, stabil und widerstandsfähig zu sein. Aber in einer schwierigen Sondersituation wie 1933 wurden doch mehr von ihnen schwach. Menschlich vollkommen verständlich (Knud von Harbou, SZ 17.5.21).

3409: Rahel Varnhagen – vor 250 Jahren geboren

Mittwoch, Mai 19th, 2021

1771 wurde Rahel Varnhagen als Jüdin Rahel Levin in Berlin geboren. 1833 starb sie als Rahel Varnhagen van Ense. Und sie markiert als erste eine zentrale Phase der Aufklärung, der freien Kommunikation. Die in der Zeit üblichen Demütigungen für Juden musste sie alle ertragen, überwand sie aber in ihrem Salon in der Jägerstraße. Sie war gleich dreifach benachteiligt: „nicht reich, nicht schön und jüdisch“, wie Hannah Arendt schrieb. Im Salon traf sich tout Berlin. Der Prinz von Preußen, die Brüder Humboldt, Schleiermacher, Friedrich Schlegel, der Antisemit Brentano, Chamisso, die Brüder Tieck und Jean Paul. Später, nach dem Ende der napoleonischen Besatzung

Heinrich Heine.

Rahel war ein Genie des Zuhörens, ein Genie der Freundschaft und ein Genie der Feder. Geheiratet hatte sie den vierzehn Jahre jüngeren Diplomaten und Historiker August Varnhagen van Ense (1785-1858), der ihre soziale Stellung sicherte und sich nach ihrem Tod um ihr literarisches Erbe kümmerte. Hannah Arendt fühlte sich Rahel Varnhagen anscheinend biografisch verbunden.

Rahel Varnhagen war die Inkarnation des Milieus, das Jürgen Habermas (geb. 1929) für seinen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) analysiert hatte. Kennzeichnend war „Publizität“ an Stelle der Arkanpolitik des Feudalismus. Das räsonnierende Publikum stellte Öffentlichkeit her. Allerdings kam es mit der Pressefreiheit und dem Entstehen der großen Pressekonzerne Ullstein, Mosse und Scherl zu einer „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“. Sie erscheint angesichts der gewalttätigen Hetze in den sozialen Medien heute wie ein Windhauch, auch wenn sie zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hatte (z.B. Hugenberg-Konzern).

Entdeckt hatte Hannah Arendt (1906-1975) Rahel Varnhagen für ihr Habilitationsprojekt „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“, das 1938 in Paris abgeschlossen wurde und auf Deutsch erst 1959 erscheinen konnte. Arendts Rahel-Buch trägt autobiografische Züge. Sie erkannte in Varnhagen eine „seelenverwandte Jüdin“ und entwickelte den Begriff Paria. Rahel hatte 1819 die ersten antijüdischen Pogrome in Preußen erlebt. Ihr Judentum empfand sie zeitweise als Schmach. Arendts Lektor für ihr Buch im Piper Verlag, war, ohne dass Arendt es wusste, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und ein Ex-SS-Mann.

An Gershom Scholem schrieb Arendt: „Die Juden sind ja doch alle heimlich der Meinung, ich sei antisemitisch, sehen nicht, wie gerne ich Rahel hatte, als ich über sie schrieb.“ „Hannah Arendt scheint im Rahel-Buch auch ihre dramatische Liebesbeziehung mit Martin Heidegger zu verarbeiten, die damals noch streng geheim war. Niemand außer Heidegger und ein paar Eingeweihten konnte diesen Subtext verstehen. Erst 1982, als die Sache publik wurde, konnte man die Flaschenpost, die sie in den Tiefen der Biografie versenkt hatte, entkorken.“ (Michael Maar, SZ 19.5.21)

Rahel Varnhagens Kunst lag in ihrer Korrespondenz. Sie schrieb Briefe, wie andere Leute atmen. Varnhagen rühmte sich Jean Paul gegenüber, er besitze an die dreitausend Briefe von ihr. Um Johann Wolfgang Goethe trieb sie einen regelrechten Kult.

„Warum ragt sie so aus ihrer Zeit heraus? Ganz Esprit, ganz Herz, Feministin avant la lettre, für die Judenemanzipation kämpfend, Freidenkerin – alles wahr, aber das Entscheidende ist etwas anderes. Es ist ihre Sprache, ihr Stil, in dem sich ihr freies Denken niederschlägt. Rahel Varnhagen hasste das Klischee.“

3407: Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthass

Montag, Mai 17th, 2021

Theodor Lessing (1872-1933) war Hannoveraner. Er wurde eines der ersten Opfer von Nazimördern. Zu seinen Jugendfreunden hatte Ludwig Klages gehört. Er hatte Medizin und Philosophie studiert und in München in Philosophie promoviert. Dann arbeitete er als Aushilfslehrer und von 1906 bis 1907 als Theaterkritiker bei der „Göttinger Presse“.

Nach seiner Rückkehr nach Hannover griff er den Kritiker Samuel Lublinski in einer Satire an. Thomas Mann verteidigte Lublinski, der als einer der ersten das Format der „Buddenbrooks“ erkannt hatte. Mann publizierte unter dem Titel „Der Doktor Lessing“ eine Polemik. Lessing wurde zum Begründer der Volkshochschule in Hannover, später Philosophieprofessor. Durch seine Schriften über den Massenmörder Fritz Haarmann (der ein Polizeispitzel war) und den späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg („hinter einem Zero verbirgt sich immer ein künftiger Nero“) machte er sich in Hannover unbeliebt. Studenten der Technischen Hochschule Hannover störten Lessings Vorlesungen mit Gewalt und trieben antisemitische Hetze. Sie vertrieben den Philosophen aus Hannover, ein Schandfleck der deutschen Geistesgeschichte.

Aus seinen Publikationen ragen drei heraus:

„Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“ (1908),

„Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919) und

„Der jüdische Selbsthass“ (1930).

In dieser letzten Schrift ist enthalten die Geschichte von Maximilian Harden (Felix Ernst Witkowsky) (1861-1927). Er wurde in Berlin als Jude geboren und konvertierte 1878 zum Protestantismus. Der Zwölfjährige musste auf Druck seines Vaters das

Französische Gymnasium

verlassen. Er wurde Schauspieler und arbeitete für renommierte Zeitungen als Theaterkritiker. 1892 gründete Harden die Zeitschrift

„Die Zukunft“ (bis 1922),

in der er sich, geprägt von Elitenbewusstsein, scharf zu politischen und künstlerischen Fragen äußerte. In seiner Zeitschrift bekam aber auch die Sexualreformerin Helene Stöcker eine Plattform. Ab 1906 griff Maximilian Harden scharf das homosexuelle Milieu im persönlichen Regiment des Kaisers an (Philipp Eulenburg), es kam zu mehreren Prozessen. Deswegen rechnete sein einstiger Verehrer Karl Kraus aus Wien in seiner Schrift „Maximilian Harden. Eine Erledigung“ mit Harden ab.

Den Ersten Weltkrieg gegenüber wurde Maximilian Harden immer kritischer. Er war von der Kriegssschuld Deutschlands überzeugt. Am Ende des Krieges bezog er sozialistische Positionen. Wenige Tage nach dem Mordanschlag auf seinen früheren Freund Walther Rathenau verübten Freikorps-Männer am 3. Juli 1923 vor seinem Haus im Grunewald einen Mordanschlag auf Harden. Er überlebte schwer am Kopf verletzt. Kurt Tucholsky kritisierte in der „Weltbühne“ die Behandlung der Attentäter durch die deutsche Justiz.

Die Verteidiger der Attentäter sind „deutschnationale Juden, die deutscher sein wollen als Deutsche. Der Vorsitzende des Gerichts ist ein zum Christentum konvertierter Sohn eines Rabbiners. Diese Juden, die keine sein wollen, urteilen nun über den antisemitisch motivierten Mordversuch an einem Juden, der keiner sein will. Und kommen zu dem grausam deutschen Schluss, dass der jüdische Journalist durch seine Artikel selbst schuld war, dass gute Deutsche ihn umbringen wollten.“

In Wien wurden die Täter als „gedungene Meuchelmörder“ verurteilt. Maximilian Harden emigierte in die Schweiz, wo er 1927 starb, ohne die „Die Zukunft“ weitergeführt zu haben. Theodor Lessing wurde im August 1933 in Marienbad/Tschechoslowakei von drei Nazis erschossen.

(Johanna Adorjan, SZ 11.5.21)