Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

4405: Der Westen gibt uns die Werte.

Montag, Juli 10th, 2023

Der langjährige Mitherausgeber der „Zeit“, Josef Joffe, erläutert uns den „Westen“ (29.6.23). Ich numeriere einige Argumente, andere lass ich weg.

1. Imperialismus, Kolonialismus und Sklaverei sind keine Erfindung des Westens (ab 1776), sondern schon viel früher in die Welt gekommen.

2. Das Böse gibt es nicht erst seit den Raubzügen des weißen Mannes (ab 1500).

3. Sklaverei gab es im alten Ägypten, in China, Indien, Mittelamerika, eigentlich fast überall auf der Erde.

4. Die indigenen Machthaber haben ihre eigenen Leute versklavt und verkauft.

5. Die Azteken hielten Sklaven Jahrhunderte vor den spanischen Conquistadores.

6. In Afrika fingen die Häuptlinge die Menschen ein, arabische Mittelsmänner verkauften sie, in die USA wurden etwa sieben Millionen verbracht.

7. Die Briten haben den Handel mit Menschen 1807 verboten, darufhin wurde allmählich die Sklaverei abgeschafft.

8. Die Sklaverei wurde in der islamischen Welt erst ab 1950 beseitigt.

9. Die Perser drangen bis Salmis vor, die Türken bis Wien.

10. Ein Übel des Westens ist der Toralitarismus. Robespierre entfesselte den Terreur ab 1793.

11. Den Totalitarismus perfektionierten die Bolschewiken und die Nazi-Deutschen.

12. Danach Mao Tse Tung, Koreas Kims und Saddam Hussein.

13. Die Chinesen haben über tausend Jahre Vietnam beherrscht. die Russen die Völker der Sowjetunion. Entschuldigt haben sich beide bisher nicht.

14. Das Schuldbekenntnis ist ein Kern der jüdisch-christlichen Ethik.

15. Die Migranten drängen heute nicht nach China und Russland, sondern nach Europa und Amerika.

16. Michel Foucault, die Dekonstruktivisten und Postkolonialisten lehren, dass die noblen Werte des Westens nur die Machtinteressen der Eliten verschleiern.

17. Vorher tat das schon die kritische Theorie (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno).

18. Zu den Stärken des Westens gehört die Selbstkritik.

19. Litereaturnobelpreisträger Octavio Paz: „Die Besiegten zu idealisieren ist so trügerisch, wie die Sieger zu idolisieren. Das Unmenschliche kommt nicht von Hautfarbe, Glauben oder Herkunft. Die Geschichte kann nicht exorziert werden. Wir sollten sie studieren und konfrontieren.“

 

4404: Tageszeitungen fehlen.

Sonntag, Juli 9th, 2023

Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) rechnet vor, dass bis 2025 4.400 Kommunen in Deutschland gar keine Tageszeitung mehr haben werden. Das sind 40 Prozent. Schuld daran sind u.a. gestiegene Kosten bei Logistik, Papier und Energie. In den USA sieht es traditionell noch weit verheerender aus. Dort gibt es für 70 Millionen Bürger „News Deserts“. Die deutschen Verleger, auch die von Gratisblättern, drängen auf Unterstützung. „Fallen kostenlose Wochenzeitungen weg, ist dies aufgrund der ökonomischen Verflechtungen eine zusätzliche Gefaht für regionale Tageszeitungen.“ Der BDZV hat das Motto ausgegeben „Mehrwertsteuer Null“.

Die deutschen Verlag lassen sich aufgrund der Krisenlage zunehmend auf riskante Manöver ein. Sie lassen Pressereisen von Unternehmen finanzieren, veröffentlichen als Journalismus getarnte PR-Beiträge und verzichten auf Recherche. Dadurch verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Reformvorschläge wie öffentlich-rechtliche Tageszeitungen sind bisher über zögerliche Ansätze nicht hinaus gekommen. Die Ampelregierung hat in ihren Koalitionsvertrag geschrieben: „Wir wollen die flächendeckende Versorgung mit periodischen Presseerzeugnissen gewährleisten und prüfen, welche Fördermöglichkeiten dazu geeignet sind.“ Es ist allen Wohlmeinenden klar, dass Qualitätsjournalismus in vielfältiger Weise dem Gemeinwohl dient. Was würde unserer Gesellschaft blühen, wenn es bald keinen mehr geben sollte? (Leif Kramp/Stephan Weichert, SZ 6.7.23)

4402: Nationalpreis für Anselm Kiefer

Freitag, Juli 7th, 2023

Im Französischen Dom in Berlin erhielt der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer den Deutschen Nationalpreis. Er ist der erste bildende Künstler, der ihn erhält. Bisherige Preisträger waren etwa Wolf Biermann oder Vaclav Havel und andere. Laudatoren waren Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der Philosoph und Schriftsteller Florian Illies. Letzterer betonte Kiefers Verdienste um die deutsche Geschichte. Gerade als nach 1945 die deutsche Gesellschaft den Hang hatte, die Nazizeit unter den Teppich zu kehren, habe Anselm Kiefer zu denjenigen gehört, die auf der Auseinandersetzung damit bestanden hätten. Dies habe man zuerst im Ausland verstanden (Frankreich, Israel, USA), dann auch in Deutschland. Schließlich ging es auch um die Aussicht osteuropäischer Länder, eines Tages in die EU aufgenommen zu werden. Ganz im Sinne des Philosophen Karl Raimund Popper: Gerade wenn die Geschichte keinen Sinn habe, sei es an uns, ihr einen zu geben. In seiner Dankesrede sprach Anselm Kiefer über Sinn, Unsinn und die Dialektik von Grenzen (Peter Richter, SZ 7.7.23).

4401: Wolf Biermann-Ausstellung in Berlin

Freitag, Juli 7th, 2023

Im „Deutschen Historischen Museum“ in Berlin findet eine große Wolf Biermann-Ausstellung statt. Sie wird gespeist aus dem Vorlass Biermanns, der seit zwei Jahren in der Berliner Staatsbibliothek liegt: „Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher aus Deutschland“. Eine Ausstellung am richtigen Ort und zur rechten Zeit. Biermann war ja als 17-Jähriger in die DDR übergesiedelt, um beim Aufbau dieses Staates mitzuhelfen. Seinen Vater hatten die Nazis als Juden und Kommunisten in Auschwitz ermordet. Kurz nach Bertolt Brechts Tod 1956 kam Biermann als Regieassistent ans Berliner Ensemble und begann als Sänger und Liedermacher.

Das konnte in der DDR nicht lange gutgehen. Biermann bestand auf seiner Freiheit und künstlerischen Unabhängigkeit. Er wurde einer der fulminantesten Kritiker des deutschen Arbeiter- und Bauernstaats. Seine Lieder erschienen auch im Westen. Das war für die DDR besonders schmerzlich. In der Ausstellung können wir Biermann vollständig begreifen und verstehen. Nach dem Konzert in Köln 1976 kam es zur Ausbürgerung. Anders wusste die DDR sich nicht zu helfen. Biermann hatte wesentlich zum allmählichen Untergang beigetragen. Es gab den Protestbrief gegen seine Ausbürgerung von Sarah Kirsch, Jurek Becker und anderen. Es gab auch einen Protestbrief aus Paris von Romy Schneider. Biermann musste sich im Westen partiell neu erfinden. Etwa mit dem „Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ des in Auschwitz ermordeten Dichters Jizchak Katzenelson. Als die Mauer fiel 1989, wurde Biermann wieder der preußische Ikarus und hat sich verdient gemacht bei der Verhinderung der Vernichtung der Stasiakten. Davon profitieren wir heute noch (Hilmar Klute, SZ 7.7.23).

4400: Andreas Scheuers (CSU) falsche Verkehrspolitik kostet 243 Millionen Euro.

Freitag, Juli 7th, 2023

Beim politischen Aschermittwoch musste sich der ehemalige Verkehrsminister von der CSU, Andreas Scheuer, Pfiffe gefallen lassen. Seine Macht schmilzt. Der Bund muss 243 Millionen Entschädigung für die Verträge zur Einführung einer PKW-Maut bezahlen. Die waren von Scheuer voreilig und rechtswidrig unterschrieben worden. Beim Umgang mit der Deutschen Bahn hat Scheuer versagt, wobei er da nicht der einzige ist: Peter Ramsauer, Alexander Dobrindt, Hartmut Mehdorn. Wir wissen bis heue nicht, warum Scheuer seinerzeit nicht vorzeitig ausgewechselt worden ist. Er ist mehr „Sprücheklopfer“ als „Sachpolitiker“. In der großen Koalition wurde Einzelkritik an Scheuer geübt. Scheuers Versagen ist auch ein Debakel für die CSU. „Der Bahn geht es nach Scheuers Zeit als Verkehrsminister noch schlechter als vorher.“ (Klaus Ott, SZ 7.7.23)

4395: Monika Schnitzer fordert eine Willkommenskultur.

Montag, Juli 3rd, 2023

Die Leiterin des Sachverständigenrats der Bundesregierung, Prof. Dr. Monika Schnitzer, will mehr Zuwanderung. „Deutschland braucht 1,5 Millionen Zuwanderer im Jahr, wenn wir abzüglich der beträchtlichen Abwanderung jedes Jahr 400.000 neue Bürger haben und so die Zahl der Arbeitskräfte halten wollen.“

„Wir brauchen dringend eine Willkommenskultur.“

Das neue Fachkräftegesetz gehe in die richtige Richtung. „Allerdingsbraucht es noch mehr. Etwa Ausländerämter, die Ausländer nicht abschrecken, sondern Service bieten. Wir sollten nicht für jeden Job fordern, dass die ausländischen Fachkräfte Deutsch können. Sondern dafür sorgen, dass die Mitarbeiter der Ausländerbehörde Englisch können.“ Auch Kinder müssten besser gefördert werden. „Es ist doch ein Armutszeugnis, dass jeder vierte Viertklässler nicht richtig lesen kann.“ (SZ 3.7.23)

4393: Ganz „normale Menschen“

Samstag, Juli 1st, 2023

Angesichts der sehr guten Umfrageergebnisse der AfD wird zunehmend diskutiert, ob sie tatsächlich, wie behauptet, nicht zuletzt auch von „normalen Menschen“ gewählt wird.

1. Schon zu Helmut Kohls Zeiten war stets auch von der „schweigenden Mehrheit“ die Rede.

2. Es ist eine Konstruktion, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft, die keinen Korridor der Normalität vorschreibt, „normale“ und „unnormale“ Menschen gäbe.

3. Das Angebot, sich selbst „normal“ zu finden und als das Maß aller Dinge zu betrachten, lädt Menschen ein, die sich ansonsten zurückgesetzt fühlen, sich psychologisch aufzuwerten.

4. Die politische Ansprache, ein Publikum als „normal“ zu loben, funktioniert sehr gut, wenn dieses Publikum sich ansonsten mit seinen Perspektiven politisch tabuisiert sieht – etwa mit rassistischen oder wissenschaftsfeindlichen Positionen.

5. Wir befinden uns in einer Krise, in der wir bisher sicher Geglaubtes in Frage stellen.

6. Von „Normaltät“ zu sprechen, ist ein Versprechen an eine bestimmte Wählergruppe, dass sie ihr Verhalten nicht ändern muss.

7. Das Grundmissverständnis der Union (CDU und CSU) ist, dass der Populismus Stimmungen in der Bevölkerung aufgreifen würde. Tatsächlich schüren die Populisten erst solche Stimmungen.

8. Was wir heute bei der AfD sehen, ist das, was in den USA bei den Republikanern unter Trump geschehen ist, bei den britischen Konservativen mit dem Brexit und aktuell in Italien mit Francesca Meloni.

4390: Jens Stoltenberg bleibt Nato-Generalsekretär.

Donnerstag, Juni 29th, 2023

Die Amtszeit des Norwegers Jens Stoltenberg als Nato-Generalsekretär wird ein weiteres Mal verlängert. Die Allianz konnte sich nicht auf einen geeigneten Nachfolger einigen. Stoltenberg führt die Nato seit Oktober 2014. Wegen des russischen Vernichtungskriegs gegen die Ukraine wurde seine Amtszeit bereits einmal verlängert. Traditionell stellen die USA den militärischen Oberbefehlshaber (Saceur), die Europäer stellen den politischen Führer (SZ 29.6.23).

4386: Restitution von Raubkunst aus privatem Besitz

Sonntag, Juni 25th, 2023

Es findet wieder eine Debatte über die Restitution von Raubkunst aus privatem Besitz statt. Kein Land in Europa hat dafür bisher eine gesetzliche Regelung gefunden. Nach der Einigung auf die „Washingtoner Prinzipien“ 1998 haben Bund, Länder und Kommunen 1999 eine „Gemeinsame Erklärung“ zur „Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ abgegeben. Das verpflichtet öffentliche Museen zu Provenienzforschung und Restitution.

Bis heute ungeregelt ist die Restitution bei NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut aus privatem Besitz. Solche Kunstwerke sind de facto unverkäuflich. Im Idealfall einigen sich Privatbesitzer und Anspruchsteller dahingehend, dass entweder das Werk zur Auktion gegeben und der Erlös nach bestimmten Quoten aufgeteilt oder den anspruchstellenden Familien eine Zahlung angeboten wird. Je wertvoller die Arbeiten sind, desto schwieriger sind derartige Lösungen. Die früheren Eigentümer können ihre Ansprüche nach 30 Jahren nicht mehr geltend machen, weil sie dann verjährt sind. Die heutigen Besitzer argumentieren häufig damit, sie hätten die Werke vor mehr als zehn Jahren „in gutem Glauben“ erworben.

Wer eine Arbeit auf einer öffentlichen Versteigerung erwirbt, wird laut BGB Eigentümer auch wenn das Bild NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde. Nimmt man die moralische Verpflichtung ernst, geraubtes Kulturgut auch aus privater Herkunft zu restituieren, bleibt kein anderer Weg, als dass der Bund einen Fonds schaffen muss, durch den die Rückgabe erleichtert und ermöglicht wird. Der Eigentümer wird zur Rückgabe eher bereit sein, wenn der Kaufpreis, den er einst gezahlt hat, aus diesem Fonds erstattet wird. „Die Verpflichtung des Staates, Restitution von NS-entzogenem Kulturgut zu ermöglichen, gebietet es, die finanziellen Mittel aufzubringen, um den Weg zur Restitution von Kunst auch aus privatem Besitz zu ebnen. Käufe derartiger Arbeiten liegen häufig viele Jahrzehnte zurück, so dass der damals gezahlte Kaufpreis oft in keinem Verhältnis steht zu dem Wert, den die Arbeiten bedeutender Künstler heute haben.“ (Peter Raue/Felix Stang, SZ 22.6.23)

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt, dass die „Wiederherstellung von Recht und Eigentum“, also die Rückgabe geraubter Kunstwerke, vielleicht die einzige Kategorie sei, in der „wahrhaftig das erlittene Unrecht von Jüdinnen und Juden zumindest in diesem engen technischen Rahmen rückgängig gemacht werden kann“. Opferorganisationen und Erben dringen darauf, dass auch privater Kunstbesitz systematisch erforscht und restituiert werden muss. Sogar der Kunsthandel würde von der Aufarbeitung profitieren, weil sie endlich Rechtssicherheit schafft. Deutsche Kunsthändler und Auktionshäuser fürchten, dass sich der Handel sonst ins Ausland verlagern könnte (Catrin Lorch, SZ 6.6.23).

4384: Wir brauchen einen aufrichtigen Konservatismus.

Samstag, Juni 24th, 2023

Wir beschäftigen uns heute mit dem Basteln von Muttertagsgeschenken, mit Winnetou-Filmen und der Breite von Radwegen. Und das, was heute konservativ sein will, kämpft gegen Cancel Cultur, politische Korrektheit und „Wokeness“. Dabei wissen viele nicht einmal, was damit gemeint ist. Früher stand unser Konservatismus gegen den Kommunismus. Was übrigens auch heute noch angesichts des russischen Vernichtungskriegs und Sahra Wagenknechts angebracht erscheint. Es gibt die Sehnsucht nach Stärke und Schutz, aber viele Politiker können sie nicht mehr erfüllen.

„Denn mit Politikern und Politikerinnen wie Nicolas Sarkozy, Boris Johnson, Sebastian Kurz oder Markus Söder, die für persönliche Ambition, schwindelerregende Wandlungsfähigkeit, fehlenden Ernst und die Bearbeitung mehr oder weniger erfundener Probleme stehen, ist keine konservative Seele zu beeindrucken.“ (Nils Minkmar, SZ 24./25.6.23)

Der Konservatismus heute muss nicht nur die Rechtspopulisten zähmen, sondern auch beim gesellschaftlichen und politischen Wandel mitarbeiten. Tatsächlich ist ja der

Klimawandel

unser größtes Problem. Den hatte in Kalifornien der Konservative Arnold Schwarzenegger als Methode zum Siegen benutzt. Auf Kulturkämpfe sollte sich nur einlassen, wer auch weiß, was Kultur ist.

„Auch die Steine unserer Kirchen, Klöster und Schlösser erodieren, springen und reißen, aber ein Konzept dafür ist von konservativer Seite nicht zu erwarten.“

Das europäische Projekt muss (auch mit konservativer Hilfe) vollendet werden. In Deutschland gibt es viele Mittelständler im Familienbesitz, die keineswegs links sind und gutes Geld verdienen. Ihre Zahl wird noch wachsen.

„Im Sommer surren – mitten im CDU-regierten Hessen – morgens die Deckenventilatoren, grüne Sittiche stoßen tropisch-schrille Schreie aus, und am Nachmittag wird vor Tornados gewarnt. Um zu bewahren, was zu bewahren ist, braucht es einen aufrichtigen Konservatismus, der dem Wandel einen verständlichen, europäischen Rahmen gibt.“