Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3716: Journalisten werden auf Demos angegriffen.

Mittwoch, Januar 12th, 2022

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verbands (DJV), Frank Überall, hat Politik und Sicherheitsbehörden aufgefordert, auf Anti-Corona-Demonstrationen für mehr Sicherheit von Journalisten zu sorgen. Diese würden geschubst, geschlagen, bespuckt, über Megafon ausgerufen und vor der eigenen Wohnung belagert. „Menschen steigern sich in dieses Thema Corona-Diktatur so rein, dass man uns als Medienschaffende als Nazis bezeichnet. Da entsteht ein völlig neues Bedeutungs- und Gedankengebäude und dem muss Einhalt geboten werden.“ Die Freiheit der Berichterstattung sei gefährdet. „Wir haben Städte und Bundesländer, wo Kamerateams nicht mehr ohne Bodyguard berichten können.“

Seit Pegida nehmen die Attacken gegen die Medien zu. 2020 gab es 252 Straftaten. Die Einsatzkräfte seien häufig in Unkenntnis darüber, was die Presse dürfe und was nicht. Manche würden nicht einmal das Aussehen eines Presseausweises kennen. Auf Telegram gebe es hunderte von Mordaufrufen gegen Politiker, Wissenschaftler, Ärzte und Journalisten. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) schrieb auf Twitter: „Todesdrohungen sind keine Bagatelldelikte, sondern schwere Straftaten. Wir setzen alles daran, aufzuklären und Täter zur Verantwortung zu ziehen. Wir akzeptieren nicht, dass Anbieter Hundertausenden eine Plattform bieten, aber sich wie Briefkastenfirmen den Regeln entziehen.“ (Ramona Dinauer, SZ 12.1.22).

3714: Peter Bogdanovitchs Filme werden im Himmel gespielt.

Sonntag, Januar 9th, 2022

Den Durchbruch schaffte er mit „The last Picture Show“ (1971): Peter Bogdanovitch, der im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Der Sohn eines serbischen Vaters und einer österreichisch-jüdischen Mutter hatte bei Roger Corman, dem Meister des B-Pictures, gelernt. Ins Kino kamen die Teenager damals, weil sie dort die ersten Küsse und Berührungen austauschen konnten. Das Objekt der Begierde war Cybill Shepherd. In „Is was, Doc“ (1972) war es Barbara Streisand. „Aber es war die Aufgabe der Männer, den Mut und die Schönheit dieser Frauen zu inszenieren.“ (Claudius Seidl, FAZ 8.1.22) Wir sind heute noch schockiert von ihrer erotischen Risikobereitschaft.

Peter Bogdanovitch ging noch einen Schritt weiter. „Einer der Teenager hat endlich das Mädchen, das er so gern küssen möchte, zu einem Kino-Date überreden können. Doch als sie da im Dunkeln sitzen und sie sich ihm zuwendet und die große Knutscherei endlich losgehen könnte, ist er so gebannt von der flimmernden, glitzernden Leinwand, dass er sich lieber den Film weiter anschaut.“ (David Steinitz, SZ 8./9.1.22) An diese beiden Riesenhits konnte Bogdanovitch nie wieder anschließen, obwohl er die Inszenierungskunst eines Orson Welles, die narrative Ökonomie eines Howard Hawks un die emotionale Integrität eines John Ford studiert hatte. Er arbeitete wieder als Journalist. Für das Magazin der SZ hat er Kirk Douglas, Lauren Bacall, Jack Nicholson und Jerry Lewis interviewt.

3713: Novak Djokovic ist ungeimpft.

Samstag, Januar 8th, 2022

Australien lässt Novak Djokovic, den gegenwärtig besten Spieler der Welt, nicht einreisen, weil er nicht geimpft ist. Dabei hatte das Land vorher einen Zick-Zack-Kurs gefahren und eine Sondergenehmigung für Djokovic erteilt. Der serbische Tennisspieler befindet sich in einem Quarantäne-Hotel und soll nach Hause ausreisen. Er ist prinzipieller Impfskeptiker, hängt der Esoterik an und beklagt sich über

die Medien

und verschwörerische Kräfte im Hintergrund. Zu Hause machen sein Vater und der serbische Präsident Aleksandar Vukic für ihn Propaganda. In Belgrad organisierte Djokovics Vater Proteste, an denen auch eine Ministerin teilnahm. Rafael Nadal brachte die Lage auf den Punkt: „Wenn er wollte, würde er hier in Austarlien spielen ohne ein Problem.“ (Pirmin Clossé, FAZ 8.1.22; Florian Hassel, SZ 8./9.1.22).

3712: Klaus Wagenbach gestorben

Freitag, Januar 7th, 2022

Der linke Verleger Klaus Wagenbach ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er hatte sich auch vergaloppiert. Etwa mit Ulrike Meinhof. Vor allem aber hatte er uns als junger Wissenschaftler erstmals Franz Kafka erschlossen, der heute immer noch vielen von uns ein Buch mit sieben Siegeln ist. Wagenbach hatte bei S. Fischer gelernt. Sein eigener Verlag wollte immer links, antiautoritär, gesamtdeutsch, genussfreundlich und lebensfroh sein. Er musste manche wirtschaftliche Krise überwinden. Dort erschienen Zeitschriften wie „Freibeuter“ und „Tintenfisch“. Bemerkenswert aber, welche Autoren von Wagenbach entdeckt oder gefördert wurden:

Paul Celan, Wolf Biermann, Michel Houellebecque.

Klaus Wagenbach ernannte sich voll Ironie stets zu „Kafkas dienstältester Witwe“. Auf dem Weg zur Princeton-Tagung der Gruppe 47 (mit Peter Handkes Azftritt) fuhr Wagenbach aus Flugangst mit dem Schiff. Er spielte Skat mnit Günter Grass (Helmut Böttiger, taz 21.12.21; Iris Radisch, Die Zeit 22.12.21).

3710: Rekordwerte am Arbeitsmarkt

Mittwoch, Januar 5th, 2022

Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich trotz der Corona-Wellen im Jahr 2021 gut entwickelt. Bundesarbeitsminister Huberts Heil (SPD) sagte, dass die Jugendarbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung sei. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat einen Höchststand erreicht. Die neue Corona-Welle dürfte allerdings zu einem Rückschlag führen (SZ 5./6.1.22).

3709: Stalin ist noch beliebt in China und Russland.

Sonntag, Januar 2nd, 2022

In zwei Staaten auf der Welt ist der Massenmörder Josef Stalin (1878-1953) noch beliebt. In der VR China und in Russland. Unter Wladimir Putin (geb. 1952) wurde dort kürzlich die Menschenrechtsorganisation Memorial verboten, die für Menschenrechte eintrat. In der VR China seit Maos (1893-1976) Zeiten hält man an Stalin fest, weil man einen Zusammenbruch wie den in der Sowjetunion (vor 30 Jahren) vermeiden will. Das hat der neue Machthaber Xi Jinping (geb. 1953) gleich bei seiner Machtübernahme 2012 erklärt. Der chinesische Partei- und Staatsapparat ist nach dem Vorbild der Sowjetunion gestaltet. Westliche, liberale Werte gefährden das Machtgefüge. Xi Jinping verlangt eine „Vereinheitlichung des Denkens“. Die Entstalinisierung der Sowjetunion, die Nikita Chruschtschew (1894-1971) 1956 einleitete, war der Grund für den Bruch Chinas mit der Sowjetunion (Friederike Böge, FAS 2.1.22).

3706: Unser Begriff von Freiheit

Freitag, Dezember 31st, 2021

Das Problem beim Start der Ampel ist, wie nicht anders zu erwarten, die FDP. Darunter „die wohl halbseidenste Figur der Liberalen seit

Jürgen Möllemann“,

Wolfgang Kubicki (Peter Fahrenholz, SZ 30.12.21). Ihn treibt die Sorge um, dass die Ungeimpften unter Druck gesetzt werden. In der Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht sieht er eine gezielte Rache und Vergeltung der großen Mehrheit der Impfbefürworter. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat Kubicki „verantwortungslos“ genannt. Er reiht sich ein in die Reihe der Gegner einer wirksamen Pandemiebekämpfung. In den USA wird der Chef-Virologe, Anthony Fauci, von vielen Republikanern mit KZ-Arzt Josef Mengele verglichen.

„So verschieden die Protagonisten auch politisch gestrickt sind: Sie eint ein falsches Verständnis von Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft. Es ist, auch wenn die Begriffe ähnlich klingen, der entscheidende Unterschied zwischen libertär und liberal. Libertäre Hardliner unter den britischen Konservativen und den US-Republikanern sehen in Eingriffen des Staates stets eine Bedrohung der individuellen Freiheit. Liberale wissen dagegen – oder sollten es zumindest wissen -, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören. Und dass die Freiheit einzelner dort endet, wo sie andere schädigt oder unzumutbar beeinträchtigt. Der Staat muss immer abwägen zwischen individuellen Freiheiten und den Folgen für die Allgemeinheit – und er tut dies auch, indem er mit Regeln, Vorschriften und Verboten auf vielfältige Weise ins Leben seiner Bürgerinnen und Bürger eingreift.

Der Streit ums Impfen weckt Erinnerungen an die erbitterten Debatten um Rauchverbote vor gut 15 Jahren. Auch damals wollte eine lautstarke Minderheit nicht hinnehmen, dass ihre persönliche Freiheit beschnitten wird, um die Gesundheit anderer zu schützen.“

3705: Lehrerverbände nähern sich allmählich Schulschließungen.

Donnerstag, Dezember 30th, 2021

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) und der Deutsche Lehrerverband ziehen Schulschließungen in Erwägung. Dazu schreibt Paul Munzinger (SZ 29.12.21):

„Dass die Lehrerverbände mahnen und warnen, ist ihr gutes Recht. Dass sie sich um die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer sorgen, ist ihre Pflicht. Dass sie die Länder auffordern, Vorbereitungen für Wechsel- und Distanzunterricht zu treffen und sich schon vor dem 7. Januar einmal zusammenzusetzen, ist nur vernünftig. Aber dass die Lehrerverbände kaum verhohlen auf das Ende des Präsenzunterrichts drängen, dass sie in der Person von

Heinz-Peter Meidinger

darum bitten, im Fall eines Lockdowns die Schulen nicht zu vergessen, ist ein schlechter Witz.

Nach allem, was mittlerweile über die eher bescheidene Rolle von Schulen für das Infektionsgeschehen und die verheerenden Folgen von Schulschließungen bekannt ist, darf man von den lehrerverbänden erwarten, dass sie sich endlich nicht nur als Sachwalter ihrer eigenben Interessen verstehen – sondern auch der Interessen von Schülerinnen und Schülern.

Niemand kann ausschließen, dass im neuen Jahr weitere Schulen schließen müssen, auch flächendeckend. Dafür ist Omikron einerseits zu bedrohlich und andererseits noch zu diffus. Doch spätestens seit zweiten Lockdown im letzten Jahr hat sich ein Konsens durchgesetzt, den man als großen Fortschritt ansehen muss: dass Schulen so lange offenbleiben, wie es geht – und das heißt im Zweifel auch: länger als

Restaurants, Bars, Fußballstadien.

Es ist eine bittere Pointe, dass nun ausgerechnet Lehrerverbände hinter diesen Konsens zurückfallen.“

3704: Impfgegner verursachen hohe Kosten.

Mittwoch, Dezember 29th, 2021

Mit friedlichen Protesten haben die über’s Internet orchestrierten „Spaziergänge“ von Impfgegnern, einer kleinen Minderheit (Querdenker, Reichsbürger et alii), nichts zu tun. Am letzten Wochenende kam es zu einer großen Zahl von Straftaten und 16 verletzten Polizeibeamten. Sie müssen, wie immer, für unseren Staat eintreten. Durch die permanenten Demonstrationen ist die Polizei chronisch überlastet und kann andere Aufgaben nicht adäquat erfüllen. Die Impfgegner gehören zu denen, die unseren Staat destabilisieren wollen. Dass sie im Osten so viel häufiger auftreten, liegt daran, dass hier u.a. ehemalige DDR-Bürger ihren „Widerstand“ nachholen, den sie „seinerzeit“ nicht üben durften. Bei der Aburteilung der Straftäter scheinen sich „Schnellverfahren“ (wie in Bayern) zu bewähren. Versuche, über eine Impfpflicht aufzuklären, sind zum Scheitern verurteilt.

Wir brauchen den starken Staat mit seinem Gewaltmonopol.

Als friedliches, demokratisches Gegenmittel sind Menschenketten geeignet (Markus Balser/Peter Fahrenholz, SZ 29.12.21).

3703: 30 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz

Dienstag, Dezember 28th, 2021

Vor dreißig Jahren trat das Stasi-Unterlagen-Gesetz in Kraft. „Jeder Einzelne hat das Recht, vom Bundesarchiv Auskunft darüber zu verlangen, ob in den erschlossenen Unterlagen Informationen zu seiner Person enthalten sind. Ist das der Fall, hat der Einzelne das Recht auf Auskunft, Einsicht in Unterlagen und Herausgabe von Unterlagen nach Maßgabe dieses Gesetzes.“ Das hatten die DDR-Bürger erreicht, die nicht wollten, dass die vom „Ministerium für Staassicherheit“ (MfS) gesammelten Informationen, einfach verschwanden. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde das Geheimwissen einer Diktatur der demokratischen Öffentlichkeit übergeben.

Dabei kamen Details aus dem persönlichsten Umfeld der Bespitzelten ans Tageslicht. Spitzel kamen aus der nächsten Umgebung, waren Freunde, Familienmitglieder, Ehepartner. Diffizil gestaltete sich die Frage nach dem Schutz der Persönlichkeitsrechte anderer Betroffener oder Dritter. Die Namen von hauptamtlichen oder „inoffiziellen Mitarbeitern“ (IM) blieben jedoch ungeschwärzt. Das Recht, Klarnamen der IM zu erfahren, ist gegeben. Auch öffentliche Einrichtungen dürfen nachfragen.

1990 bestand die Stasi aus 91.000 hauptamtlichen Mitarbeitern und mehr als 170.000 „inoffiziellen“. Sie hatten Akten über sechs Millionen Menschen angelegt.

Insbesondere durch den Sturm auf die Zentrale des MfS in Berlin-Lichtenberg am 15. Januar 1990 konnten die Akten im Wesentlichen erhalten werden. Vieles, was von der Stasi bereits zerschnipselt war, wurde wieder zusammengesetzt. Es war ein großer Sieg der friedlichen Revolution. Man konnte sehen, was die Stasi wusste und wer daran beteiligt gewesen war und wer nicht. 2021 wurden die Akten ins Bundesarchiv übertragen. Die Auskunftsrechte bestehen weiter (Robert Probst, SZ 28.12.21).