Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3773: Gesetzentwürfe zum assistierten Suizid

Dienstag, März 8th, 2022

1. Eine Parlamentariergruppe um die Grünen-Abgeordneten Renate Künast und Katja Keul stellt einen neuen Vorschlag für assistierte Sterbehilfe vor. Danach kann der assistierte Suizid angestrebt werden wegen einer schweren Krankheit oder „aus anderen Gründen“. „Im ersteren Fall soll der Ärzteschaft bei der Prüfung, ob das Hilfsmittel zur Verfügung gestellt wird, eine entscheidende Rolle zukommen.“ Zu den Anforderungen gehört eine schriftliche Dokumentation, dass der Sterbewunsch auf freiem Willen beruht und dauerhaft ist. Sterbewillige müssen von einer unabhängigen Beratungsstelle zweimal im Abstand von mindestens zwei und höchstens zwölf Monaten beraten werden. Neben mehreren Grünen-Politikerinnen und -Politikern unterstützen die SPD-Politikerin Nina Scheer und die Linken-Angeordnete Cornelia Möhring den Antrag. Grüne Rechtspolitiker betonen, dass die Entscheidungen des Einzelnen derart vielfältig sein könnten, dass Staat und Gesellschaft diese unabhängig von Wertvorstellungen, religiösen Geboten und gesellschaftlichen Leitbildern zu respektieren hätten. „All das findet bereits statt. Unsere Aufgabe ist es daher, diese Vorgänge aus dem Klandestinen herauszuholen und klar zu regeln.“

2. Eine weitere Parlamentariergruppe um die FDP-Abgeordnete Katrin Helling-Plahr legt demnächst ebenfalls einen Entwurf vor. Zu den Befürwortern gehörte ursprünglich auch der gegenwärtige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der nun als Minister nicht mehr dabei ist.

3. Eine dritte Parlamentariergruppe aus Abgeordneten von SPD, FDP, Grünen, Union und Linken bremst eher. Danach bleibt assistierter Suizid strafbar, kann aber unter engen Bestimmungen straflos bleiben. Die Abgeordneten befürchten eine „gefährliche Schieflage“, sollte der Zugang zu assistiertem Suizid leichter sein als zu palliativer Versorgung und Psychotherapie (Annette Zoch, SZ 7.3.22).

3772: Lauterbach erwartet Corona-Welle im Sommer.

Montag, März 7th, 2022

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat vor steigenden Corona-Infektionszahlen im Sommer gewarnt. Er hält die Beibehaltung von Schutzmöglichkeiten über den 20. März hinaus für erforderlich. Dann sollen die meisten Corona-Auflagen wegfallen. Die Bundesländer müssten die Möglichkeit haben, frühzeitig zu reagieren (SZ 7.3.22).

3771: Israels Vermittlerrolle ist gefährlich.

Montag, März 7th, 2022

Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sich Israels Ministerpräsident Naftali Bennett zum Vermittler aufgeschwungen. Das ist für Israel nicht ungefährlich.

1. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij, selbst jüdisch, hat Bennett darum gebeten.

2. Bennett möchte diplomatisch an Gewicht gewinnen und aus dem Schatten seines Vorgängers Benjamin Netanjahu treten.

3. Israel eignet sich nur schlecht für eine Vermittlerrolle, weil es sich in seinem eigenen Konflikt mit den Palästinensern oft genug gegen Vermittlung gewandt hat.

4. Als Vermittler muss man sehr stark oder wirklich neutral sein. Das trifft auf Israel nicht zu.

5. Israel muss die russischen Truppen in Syrien fürchten, weil es selbst mit Luftschlägen die aus dem Iran (Israels Hauptgegner im Nahen Osten) massiv unterstützte Hisbollah dort bekämpfen möchte.

6. „Bennett also läuft Gefahr, von Putin nur benutzt zu werden. … Weit gefährlicher für Bennett allerdings wäre es, wenn er durch die Nähe zu Putin Israels Beziehungen zum engsten Verbündeten in Washington belasten würde.“ (Peter Münch, SZ 7.3.22)

7. „Doch je länger der Krieg dauert, desto deutlicher werden die USA wissen wollen, auf wessen Seite Bennett steht.“

3770: Kurswechsel sind eine Stärke der Demokratie.

Sonntag, März 6th, 2022

Als Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in der denkwürdigen Bundestags-Sondersitzung am 27.2.22 die „Zeitenwende“ mit einer Riesen-Aufrüstung der Bundeswehr (100 Milliarden Euro) im westlichen Bündnis verkündete, setzte er – und wahrscheinlich war er sich dessen voll bewusst – seine eigene Partei, die SPD, und die Grünen schwer unter Druck. Die mussten entgegen dem, was sie vorher über Jahrzehnte verkündet hatten, plötzlich dem 2-Prozent-Ziel der Nato zustimmen und der gesamten Bedeutungserhöhung der Bundeswehr.

Wenn das mal gutgeht!

Allerdings wissen wir, dass so etwas schon vorher vorgekommen ist. Und nicht zum Nachteil des politischen Wegs der Bundesrepublik. 1979 stimmte Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) dem Nato-Doppelbeschluss zu, einer Aufrüstung mit Mittelstreckenraketen. Und 1999 genehmigte die Regierung von Gerhard Schröder (SPD) Kampfeinsätze der Bundeswehr über Serbien und dem Kosovo.

A propos: schwerer als die SPD hatten es dabei die Grünen. Bundesaußenminister Joseph (Joschka) Fischer (Grüne) hatte sich eigens selbst ein Bild von der Lage im Kosovo gemacht und daraufhin dem Kampfeinsatz vehement zugestimmt, ihn geradezu angeführt. Dafür wurde auf einem Grünen-Parteitag gegen ihn Gewalt geübt, wie wir wissen. Da sehen wir wieder, wie gewalttätig Pazifisten agieren können.

Bereits Konrad Adenauers Politik der Westintegration (ab 1949), die sich als ausschließlich richtig und erfolgreich erweisen hat, musste gegen Widerstände in der eigenen Partei (CDU/CSU), vor allem aber bei FDP und DP durchgesetzt werden, die damals zur Regierungskoalition gehörten. So konnte Konrad Adenauer (CDU) 1952 die Stalin-Note klar ablehnen, die im Sinne der Interessen der Sowjetunion eine Neutralisierung Deutschlands zum Ziel hatte.

2011 vollzog Angela Merkel (CDU) nach der Atomkatastrophe von Fukushima eine radikale Kehrtwende in der Energiepolitik.

2015 sagte sie zur Flüchtlingskrise den legendären Satz: „Wir schaffen das.“

Grundlegend aber für schwerwiegende Kurswechsel in der deutschen Politik war die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) am 8. Mai 1985: „Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft. die zum Kriege führte. … Wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.“

Das hat der große Publizist Peter Bender so ausgedrückt, diese Worte „wären weit weniger beachtet und noch mehr kritisiert worden, wenn ein sozialdemokratischer Präsident gesprochen hätte, Wirkung und politische Bedeutung dieser Mahnung lagen auch darin, dass sie von ‚rechts‘ kam. Nicht ein Emigrant, sondern ein Frontoffizier, nicht ein Atheist, sondern ein ehemaliger Kirchentagspräsident, nicht ein Linker, sondern ein führender CDU-Politiker zerstörte die Lebenslüge der Bundesrepublik, nur das Opfer ungünstiger Umstände zu sein.“

(Joachim Käppner, SZ 5./6.3.22)

 

3768: Russland hat das Atomkraftwerk Saporischschja angegriffen.

Samstag, März 5th, 2022

3765: Gysi kritisiert Wagenknecht.

Mittwoch, März 2nd, 2022

Wie gestört Sahra Wagenknecht wohl sein muss, geht aus der Kritik von Gregor Gysi an ihr hervor. Darin bemängelt Gysi, dass Wagenknecht und sechs andere Linken-Politiker am Sonntag (27.2.22), dem Tag der „Zeitenwende“, die deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine und Sanktionen gegen Russland abgelehnt hatten. Gysi wirft der Gruppe „völlige Emotionslosigkeit hinsichtlich des Angriffskriegs, der Toten, der Verletzten und des Leids“ vor. Damit sprächen Wagenknecht et alii der „Ukraine faktisch ein Selbstverteidigungsrecht ab“. Sie seien damit indirekt dafür, dass die Ukraine „nur die Chance zur bedingungslosen Kapitulation bekommt“ (SZ 2.3.22).

3764: Internet-Riesen ergreifen Partei.

Dienstag, März 1st, 2022

Das Social-Media-Unternehmen Meta meldete am Montag, ein Netzwqerk aus etwa 40 Konten auf Facebook und Instagram abgeschaltet zu haben. Dort sollten ukrainische Nutzer manipuliert werden. Über gefälschte Profile und gefäschte Nachrichtenseiten sei Desinformation verbreitet worden. Die Facebook-Konten mehrerer Militärs, Politiker und Journalisten seien in der Ukraine von Hackern angegriffen worden. Die Bundesregierung macht die Hackergruppe „Ghostwriter“ für versuchte Angriffe auf Bundestagsabgeordnete verantwortlich und ordnet sie dem russischen Geheimdienst zu. Der Google-Konzern „Alphabet“ lässt auf seinem Kartendienst Maps keine Live-Informationen mehr über die Ukraine anzeigen. So werden auch keine Staus abgebildet, die zur Überwachung von Truppenbewegungen oder Fluchtrouten dienen könnten (JAB, SZ 1.3.22).

3763: EU verbietet russische Propagandamedien.

Montag, Februar 28th, 2022

Die EU verbietet die russischen Staatsmedien RT (früher „Russia Today“) und Sputnik, die generell zur Propaganda und speziell zur Zersetzung der EU dienen. Das teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit. Die betreffenden Sender verbreiten Lügen. Die EU finanziert zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Kauf und die Lieferung von Waffen. Hier an die Ukraine. In Kreisen der EU-Kommission war die Rede von 450 Millionen Euro (SZ 28.2.22).

3762: „Zeitenwende“

Montag, Februar 28th, 2022

Angesichts der vom Bundestag (in einer beeindruckenden Sondersitzung) beschlossenen „Zeitenwende“, der grundlegenden Änderung der europäischen und deutschen Sicherheits- und Außenpolitik gegenüber Russland, fiele es mir leicht darauf zu verweisen, dass ich diese Politik vom ersten Tag meines Blogs im Jahr 2010 gefordert habe:

Dass sich Europa mehr selber helfen können muss (ohne die USA), dass die Bundeswehr so aufgerüstet gehört, dass sie kampffähig ist, dass die Staaten des ehemaligen Jugoslawien, die noch nicht der EU angehören, Mitglieder werden müssen, dass wir mit Polen und Ungarn geduldig sein müssen, usw.

Aber mir liegt ein billiger Triumph fern.

Russland war noch nie eine Demokratie, es war noch nie ein Rechtsstaat, dort herrschen Oligarchen unter der Führung eines Diktators und machen sich die Taschen voll, die Russen stehen seit eh und je unter einem Trommelfeuer der Propaganda („Die Presse ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator.“ 1903), Russland verübt Cyber-Attacken und Giftgasanschläge im Ausland. Da dürfen wir von der russischen Bevölkerung nicht allzu viel Widerstand verlangen.

Die EU ist sich diesmal sogar einig, dass alle Mitgliedsstaaten ukrainische Flüchtlinge aufnehmen.

Die Friedensbewegung würde mit Russland niemals fertigwerden, im Gegenteil sie wird bisher zu einem nicht geringen Teil von dort gesteuert.

Die Russlandversteher wie Matthias Platzeck, der ehemalige SPD-Vorsitzende, liegen mit ihrer Politik grundsätzlich falsch.

Was haben Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht (beide Linke) schon für Unfug über die Russlandpolitik verzapft!

3761: Sonia Mikich hat eine große Karriere gemacht.

Sonntag, Februar 27th, 2022

Sonia Mikich, 70, hat eine große journalistische Karriere gemacht. Nun legt sie ein Buch über ihr Leben vor:

Aufs Ganze. Die Geschichte einer Tochter aus scheckigem Haus. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2022.

Mikich war als Tochter einer Deutschen und eines Serben zunächst in London aufgewachsen, kam dann zu den deutschen Großeltern nach Herne. 1987 ging sie als ARD-Korrespondentin nach Afghannistan, als die Sowjets dort abzogen. 1996 übernahm sie die Leitung des ARD-Studios in Moskau, 1998 in Paris. 2002 wurde sie Redaktionsleiterin von „Monitor“, 2014 (bis 2018) Chefredakteurin des WDR. Mareen Linnartz und Christian Mayer haben sie für die SZ (26./27.2.22) interviewt.

SZ: Wir würden gerne einige prominente Männer nennen, mit denen Sie in ihrer Karriere zu tun hatten, mit der Bitte um eine Kurzkritik – Gerd Ruge:

Mikich: Mein journalistischer Lehrer, Vorbild, Freund, Weltversteher. Der Menschen, Politik und Geschichte erklärte. Es war schön, stundenlang mit ihm zu reden.

SZ: Gerhard Schröder?

Mikich: Trauerspiel. Das Bild vom Mann, von dem man dachte, dass es allmählich ausstirbt. Verräter an der Sozialdemokratie. Emporkömmlingsattitüden, die nicht gut sind.

SZ: Was verübeln Sie ihm?

Mikich: In der Reihenfolge: Gazprom, Nordstream, Hartz IV.

SZ: Von 2014 bis 2018 waren Sie Chefredaktion Fernsehen beim WDR, in die Zeit fiel die „MeToo“-Debatte – auch im Sender gab es Vorwürfe gegen Männer in verantwortlichen Positionen …

Mikich: Eine schreckliche Zeit. Weil ich das Gefühl hatte, ein enorm breites Kreuz haben zu müssen, um alle Ansprüche zu schultern. Ich sollte gleichzeitig Ermittlerin, Staatsanwältin, Richterin sein. Da waren zum einen die Frauen, die sich an mich wandten, weil ich Feministin bin und die dieses Vertrauen hatten: Die wird es doch verstehen, wenn wir jetzt Jahre später womöglich, mit unserem Anliegen kommen. Zum anderen war es mir wichtig, Belege einzufordern und arbeitsrechtlich zu bewerten: Was ist übergriffiges Verhalten und Machtmissbrauch von Männern, was ist sexuelle Gewalt, was fällt unter dümmliches Mackertum? …