Ab 1933 gab Hermann Budzislwaski die „Weltbühne“ heraus. Er war 1901 als Kind einer jüdischen Familie in Berlin geboren worden und machte 1919 in Charlottenburg Abitur. In der DDR war er u.a. Direktor der Sektion Journalistik in Leipzig (bis 1978). Nach 1990 wurde er schnell vergessen, obwohl Bertolt Brecht 1947 mit Budzislawski seinen Auftritt vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ geprobt hatte. Budzislawski war höflich, bürgerlich distanziert, konnte aber politisch auch durchgreifen. Wir können ihn als bürgerlichen Sozialisten sehen, welcher der SPD angehört hatte und auch als „Westemigrant“ (1939 war im die Flucht in die USA gelungen) in der DDR manche Probleme hatte. Hermann Budzislawskis Freundschaft mit Dorothy Thompson zerbrach, als Budzislawski sich für den Stalinismus entschied. Für die Ausbildung von Journalisten hat Budzislawski in der DDR eine überragende Rolle gespielt (Jens Bisky, SZ 15.3.22).
Archive for the ‘Wissenschaft’ Category
3790: Hermann Budzislawski – ein bürgerlicher Sozialist
Sonntag, März 20th, 20223789: FC Chelsea gerät unter die Räder.
Freitag, März 18th, 2022Für uns Fußballfans ist London das Paradies:
FC Arsenal, Tottenham Hotspur, FC Chelsea, West Ham United, Crystal Palace, FC Fulham, FC Watford, Queens Park Rangers. Leyton Orient
spielen da. Und noch einige andere mehr.
In der 117-jährigen Vereinsgeschichte des FC Chelsea (bei dem früher so großartige Akteure wie Jimmy Greaves spielten) gibt es nun einen Bruch. Weil dessen Besitzer, Roman Abramowitsch, ein mit Wladimir Putin befreundeter Oligarch ist. Er hat London bereits nach Moskau verlassen und ist bereit, seinen Verein zu verkaufen. Ende für Gebote ist der heutige Freitag. Unter den Interessenten soll auch der Staatsfonds Saudi-Arabiens sein. Nun, dann werden Journalisten wie Kashoggi in Istanbul wenigstens umgebracht. Das lässt einiges erwarten. So können auch Fußball-Weltmeisterschaften wie in Katar immer wieder durchgeführt werden. Beihilfe zur Kriegstreiberei ist da eher eine Kleinigkeit.
Der FC Chelsea spielt an der Stanford Bridge im Londoner Südwesten in einem Künstlerviertel. An der Stanford Bridge haben 1066 die Normannen parallel zur Schlacht von Hastings („Teppich von Bayeux“) eine zweite große Schlacht gegen die Angelsachsen zur Eroberung des heutigen United Kingdom gewonnen. Dann immer weiter so mit den Schlachten! (Sven Haist, SZ 15.3.22; SZ 18.3.22)
3786: Evangelische Journalistenschule gefährdet
Donnerstag, März 17th, 2022Mehr als 500 Journalisten und Kirchenvertreter haben in einem offenen Brief den Erhalt der Evangelischen Journalistenschule (EJS), Berlin, gefordert. Anscheinend ist beim Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) deren Bestand gefährdet. Bei der Kirche ist das Geld knapp. Unterschrieben haben u.a.
Anne Will, Pinar Atalay, Caren Miosga, Carolin Emcke, Ingo Zamperoni.
Das sagt wohl alles. Nie ist es eine so kompetente und unabhängige Schule wie die EJS so wichtig gewesen wie heute. Und vieles von dem, das wir gerne wie selbstverständlich nehmen, ist nicht selbstverständlich. Auf dem Gebiet des freien Journalismus hat die evangelische Kirche größte Verdienste.
Bei der Verabschiedung des 13. Jahrgangs 2021 sagte der SZ-Journalist Heribert Prantl: „Kirche ist eine Gemeinschaft, die vom Wort lebt wie keine andere. Sie darf nicht sprach- und sprechunfähig werden. Also braucht es diese Journalistenschule.“ (Clara Lipkowski, SZ 16.3.22)
3783: Intel investiert in Magdeburg.
Mittwoch, März 16th, 2022Der US-Chiphersteller Intel investiert 17 Milliarden Euro in Magdeburg. In die Errichtung von zwei einzigartigen Halbleiterfabriken. Das bringt tausende von Arbeitsplätzen (SZ 16.3.22).
3782: Der vergessene Westbalkan
Dienstag, März 15th, 2022Angesichts der massiven russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine geraten manche Versäumnisse der EU in ihrer Ostpolitik leicht in Vergessenheit. Dazu gehört die Politik in Bezug auf den Westbalkan, dessen Staaten die EU 2003 einen Beitritt in Aussicht gestellt hatte. Bisher sind nur
Slowenien und Kroatien
beigetreten. Mit
Serbien und Montenegro
laufen die Verhandlungen.
Nordmazedonien und Albanien
haben immerhin den Kandidatenstatus.
Bosnien-Herzegowina und Kosovo
nicht einmal den.
So geht es nicht. Man darf die Beitrittspolitik nicht einfach zurückgebliebenen sozialdemokratischen Haushaltspoltikern überlassen. Denen fehlt es an der richtigen Einstellung. Zweifellos trägt auch die zähe Entwicklung in Bezug auf Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf dem Westbalkan zur Verzögerung bei. Entscheidend ist aber, dass es um die Arrrondierung der
Macht
auf dem Balkan geht. Denn wenn die Beitrittspolitik der EU nicht bald gelingt, stößt das verbrecherische Russland in die Lücken. In Montenegro hatte Putin 2016 schon einen Putschversuch unternommen. Heute ist die territoriale Integrität Bosniens bedroht.
Putins brutaler Angriffskrieg in der Ukraine kann ein Weckruf für die EU sein. Ans Werk!
(Paul.Anton Krüger, SZ 14.3.22)
3781: Chodorkowski: Wir gehen sehr schnell auf Putins Ende zu.
Montag, März 14th, 2022Der Ex-Oligarch Michail Chodorkowski ist derzeit ein sehr gefragter Experte. Zita Affentranger und Bernhard Odethal haben ihn für die SZ (14.3.22) interviewt.
SZ: Waren Sie überrascht, als Putin seine Truppen in der Ukraine einmarschieren ließ?
Chodorkowski: Im Kopf habe ich sie erwartet, auf intellektueller Ebene. Ich habe auch in Interviews gesagt, dass Putin keinen anderen Ausweg hat. Aber vom Gefühl her habe ich es nicht geglaubt. Als der Krieg dann begann, war das ein Schock für mich.
…
SZ: Warum begann Putin diesen Krieg?
Chodorkowski: Ich bin davon überzeugt, dass er – wie alle Diktatoren – mit der Zeit den Bezug zur Realität verloren hat. Die Leute um ihn herum haben ein eigenes Informationsfeld geschaffen. Die Informationen wurden so zurechtgebogen, dass sie Putin gefallen. Leute, die das nicht taten, verschwanden aus seinem Umfeld. Und dann kamen zwei Jahre Pandemie. Putin war im Bunker, der Kreis um ihn hat sich massiv verkleinert. Er verlor den Bezug zur Realität.
…
SZ: Will Putin die Ukraine vernichten?
Chodorkowski: Er will den ukrainischen Staat vernichten.
SZ: Was hat er eigentlich gegen die Ukraine?
Chodorkowski: Die Revolution auf dem Maidan 2014 war ein Schock für Putin, sein Statthalter Wiktor Janukowitsch wurde vom Volk gestürzt. Er fürchtet eine erfolgreiche Ukraine als Beispiel für das russische Volk. Es ist eine Sache, wenn es demokratische Länder wie Großbritannien oder Deutschland gibt – die sind weit weg. Aber wenn ein Volk an deiner Grenze viel besser lebt als du, das ist eine ganz andere Sache.
SZ: Was muss Europa jetzt tun?
Chodorkowski: Im Westen sagen manche: Das ist nicht unser Krieg. Doch das ist kein Krieg zwischen Russland und der Ukraine, es geht nicht um die Besetzung von Territorium. Das hier ist ein Krieg zwischen Diktatur und Demokratie.
…
SZ: Würde Putin einen Krieg mit der Nato riskieren?
Chodorkowski: Sie sagen das so, als machte ein Krieg mit der Nato Putin Angst. Er ist fest überzeugt, dass die Nato eigentlich nicht existiert. Bis heute hat die Nato nie gezeigt, dass sie zu einer echten Kriegshandlung bereit ist. Für Putin zählen nur die Amerikaner. Wenn die Amerikaner Schwäche zeigen, wird Putin versuchen, Polen und das Baltikum zu bestrafen. Weil er es kann.
…
SZ: Unterstützen die Russinnen und Russen Putin in diesem Krieg?
Chodorkowski: Jetzt ist Putins Ranking gestiegen. Die Menschen unterstützen den Krieg hysterisch. Das heißt: ohne verständliche Logik. Einfach nur mit einer emotionalen Begeisterung. Das bietet Putin einen gewissen Schutz und Unabhängigkeit. Und es gibt ihm die Möglichkeit, den Krieg fortzusetzen. Was aber wichtig ist: Der Konsens über den Krieg kann zerfallen. Und das muss beschleunigt werden – mithilfe finanzieller Sanktionen.
…
SZ: Unterstützt die russische Elite den Krieg?
Chodorkowski: Der Anteil jener in der Politischen und wirtschaftlichen Elite, die den Krieg unterstützen, ist marginal. Der Großteil ist im Schockzustand, verständlicherweise: Viele haben Verwandte in der Ukraine, und sie verstehen, dass es auch ein Anschlag auf ihre Art zu leben ist. Aber: Sie haben keinen Mut, Widerstand zu leisten. Und deshal kann Putin ihre Ressourcen nutzen, wen er sie braucht. Deshalb müssen auch sie sanktioniert werden.
…
SZ: Ist ein Regimewechsel in Russland überhaupt möglich?
Chodorkowski: Die Geschichte lehrt: Nach jedem verlorenen Krieg steckte die russische Staatsführung in großen Schwierigkeiten. Nach dem Krimkrieg musste der Zar umfangreiche Zugeständnisse machen. Nach dem Russisch-Japanischen Krieg kam es zur Revolution 1905, die letztlich den Sturz des Zaren 1917 einleitete. Heute sind wir in einer ähnlichen Situation: Wenn es dem Diktator nicht gelingt, das Volk von seinem Sieg im Ukraine-Krieg zu überzeugen, wird er in zwei Jahren seine Macht verloren haben.
SZ: Wir sehen jetzt also den Anfang vom Ende des Zaren Putin?
Chodorkowski: Ich denke, der Angriff auf die Ukraine war ein enormer Fehler. Wir gehen nun sehr schnell auf Putins Ende zu.
3780: Carolin Emcke über die Strukturen der Demokratie
Sonntag, März 13th, 2022Die Kolumnistin der SZ (12./13.3.22), Carolin Emcke, schreibt über die Strukturen der Demokratie.
„Was jetzt ‚Zeitenwende‘ genannt wird, ist die verspätete, aber bedeutsame Einsicht in Europa, dass nicht nur die Demokratien der anderen verwundbar sind, sondern auch die eigenen, dass die duldsame Gleichgültikeit gegen der Menschenverachtung eines Autokraten nicht nur andere Gesellschaften schutzlos ausliefert, sondern auch die eigenen. Zerstoben der bequeme Glaube, die Demokratie sei eine stabile Ordnung, nichts Fragiles, was wir alle substantiell nähren und stützen müssen.“
„Das hatte schon die Pandemie vorgeführt, dass sich die wohlfahrtsstaatliche Substanz nicht unbegrenzt aushöhlen lässt, dass es gut ausgebaute Praxen, Kliniken, Gesundheitsämter in der Fläche braucht, dass das unterschätzte und unterbezahlte Personal im Gesundheitswesen nicht schadlos ausgenutzt werden kann.“
Zu den lebenswichtigen Strukturen gehört auch die Energieversorgung.
„Es wäre nötig, auch die Öffentlichkeit als Struktur zu erkennen, die verwundbar und schutzbedürftig ist. Eine demokratische Ordnung ist abhängig von einer intakten Öffentlichkeit, in der gesellschaftliche Meinungs- und Willensbildungsprozesse stattfinden können. Es sind diese Selbstverständigungsdiskurse, in denen wir, Bürgerinnen und Bürger, verhandeln können, wie wir leben wollen. Es sind diese diskursiven Strukturen, durch die sich das Regierungshandeln kritisch reflektieren und potenziell auch korrigieren lässt.“
„Eine Öffentlichkeit, die keinerlei Orientierung an Wahrheit oder einer gemeinsamen Wirklichkeit mehr bietet, eine Öffentlichkeit, in der Ressentiment und Wahn sich gegenseitig stimulieren, unterwandert nicht nur unser Verständnis von der Welt und voneinander, sondern zerstört die Demokratie.“
Zwei Beispiele: a) der Brexit und b) der Sturm aufs Kapitol.
„Zuletzt muss allerdings auch schonungslos analysiert werden, ob nicht in manchen Teilen des Journalismus durch die sukzessive Aufweichung argumentativer Standards, die kalkulierende Lust am Tabubruch und die absurde Aufsplitterung der Wirklichkeit in ‚Pro und Contra‘ die deliberative, also die überlegende Demokratie zusätzlich geschwächt wurde.“
3778: Protestanten treten aus der Kirche aus.
Freitag, März 11th, 2022Im vergangenen Jahr sind 280.000 Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Damit gehörten erstmals weniger als 20 Millionen Menschen einer der 20 Gliedkirchen an. Die hohe Zahl der Austritte wurde durch die hohe Zahl der Sterbefällr ergänzt. Die Zahl der Taufen nimmt mittlerweile wieder zu. Wie viele Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten sind, ist noch nicht bekannt. Die Größenordnung dürfte ähnlich sein. Eine große Rolle scheint die Vertrauenskris im Erzbistum Köln zu spielen. Ein Schwerpunkt ist die sexuelle Gewalt. Unter den Katholiken ist die Ablehnung von Homosexualität groß. „Eine empfundene ‚persönliche Irrelevanz‘ von Religion und Kirche kristalliisiert sich als wichtiger Faktor heraus.“ Besorgt äußerte sich die EKD-Ratsvorsitzende, Präses Annette Kurschus. Die EKD würde die sinkenden Mitgliederzahlen nicht als gottgegeben hinnehmen. Unter anderem wolle man mit Taufaktionen gezielt Familien ansprechen (Annette Zoch, SZ 10.3.22).
3775: Inge Deutschkron ist gestorben.
Donnerstag, März 10th, 2022Im Alter von 99 Jahren ist Inge Deutschkron gestorben. Nach ihrer Autobiografie „Ich trug den gelben Stern“ (1978) hat sie sich energisch für das Gedenken an den Holocaust und für die Versöhnung von Juden und Deutschen eingesetzt. Vorzugsweise in Schulen. Die 1922 im brandenburgischen Finsterwalde geborene Deutschkron hatte mit ihrer Mutter im Untergrund überlebt und dabei partiell Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten. Das war eine Minderheit. Später arbeitete Deutschkron in Israel und Deutschland. Sie gründete den Förderverein „Blindes Vertrauen“ und rief im Rahmen ihrer Stiftung zur Courage auf (SZ 10.3.22).
3774: Russland verliert.
Mittwoch, März 9th, 2022Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist ein Kriegsverbrechen. Und dann steht Russland hinterher auch noch als vollständiger Verlierer da. Russland ist heute schon arm (umgerechnet auf die Bevölkerung), ärmer als Rumänien. Nach dem Ukraine-Krieg wird es noch ärmer. Denn ein militärischer Sieg reicht ja nicht, hinterher müssen die Russen bleiben, um ihre Nachbarn zu unterdrücken. Und sie müssen ihren riesigen Militärapparat finanzieren. Für die USA hat Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ausgerechnet, dass der Irakkrieg (2003-2011) sie mehr als drei Billionen Dollar gekostet hat.
Und Russland hat keinen Dollar, die internationale Leitwährung, sondern nur den Rubel, den niemand haben will. Russland lebt von seinen fossilen Brennstoffen (Kohle, Öl, Gas). Die Sowjetunion war 1991 am Ende, ökonomisch. Das hat Wladimir Putin als KGB-Offizier in Dresden nicht begriffen.
Durch den von Russland begonnenen Angriffskrieg in der Ukraine rüstet der Westen auf. Das erfordert, sofern Russland auf Augenhöhe bleiben will, Nachrüstung. Dadurch wächst die russische Armut. Auch durch so schwere wirtschaftliche Sanktionen, wie der Westen sie nun erstmals beschlossen hat. Putin hat ungefähr 630 Milliarden Dollar aufgehäuft, wovon allerdings zwei Drittel im Westen nunmehr abgesperrt sind. Putins großer Krieg führt zu einer großen Inflation.
Die Russen haben seit 1990 mehrere Inflationen erlebt. Sie fühlen sich ökonomisch nur sicher, wenn die Flucht in Dollar, Schweizer Franken und Euro jederzeit offensteht. Vor seinem Ukraine-Krieg hatte Putin deswegen Devisen in Umlauf gebracht, damit seine Bürger nicht merkten, dass er in der Ukraine Krieg führte. „Für dieses Täuschungsmanöver sollte die Kriegskasse dienen, die nun blockiert ist.“ Heute fließen Devisen nur noch nach Russland bei der Bezahlung von Kohle, Öl und Gas. Der Westen finanziert also weithin Russlands Krieg.
„Wenn nicht bald Frieden herrscht, wird eine Geldentwertung einsetzen, die allen Russen deutlich macht, was dieser Krieg bedeutet: Armut. Vielleicht siegt Putin in der Ukraine militärisch – ökonomisch verliert er. Die Frage ist nur, wie schnell die Russen das begreifen.“
(Ulrike Herrmann, taz 4.3.22)