Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

4200: Hedwig Richter über Freiheit, Demokratie und ökologische Transformation

Donnerstag, Februar 9th, 2023

Die Historikerin Prof. Dr. Hedwig Richter, geb. 1973, forscht und lehrt an der LMU in München. Ihre Schwerpunkte sind Migration, Demokratie- und Geschlechtergeschichte und demokratisch gestützte Klimakrisenpolitik. Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet. In einem Interview mit Jan Feddersen (taz 4.-10.2.23) spricht sie über Freiheit, Demokratie und ökologische Transformation.

taz: Sie plädieren in ihren Texten, in ihren Tweets, auf Kolloquien und öffentlichen Veranstaltungen für Verzicht im Namen der Abwehr des Klimawandels. Ist das nicht besonders unpopulär: Denn wer will schon auf Dinge im eigenen Lebensstil verzichten?

Richter: Zum einen: Es geht doch um unsere Freiheit. Wer nichts tut, wird Freiheit sehenden Auges massiv einschränken. Und dann braucht es für die ökologische Transformation alles – neue Technologien, Anreize durch Preise, aber eben auch Verzicht. Demokratie heißt für mich nicht die Abwesenheit von Zumutungen, im Gegenteil. Die Gewählten sind verpflichtet, wenn nötig, die notwendigen Veränderungen zuzumuten. Wenn etwa eine Flut ansteht, muss Politik evakuieren, auch wenn die Menschen das nicht mögen. Um die Freiheit präventiv zu schützen, muss die Demokratie eine funktionierende Armee haben, damit sie sich gegen die Putins dieser Welt schützen kann. Und so weiter. Demokratische Politik muss im Anthropozän die Lage zur Kenntnis nehmen und für den Schutz und die Freiheit der Menschen sorgen. Übrigens auch die Freiheit der kommenden Generationen, wie das Bundesverfassungsgericht festgestellt hat.

 

4192: Zum Holocaust: „Versöhnung ist Quatsch“.

Sonntag, Februar 5th, 2023

In einem Interview von Alexander Cammann und Christian Staas (Zeit, 19.1.23) mit der Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin,

Stefanie Schüler-Springorum,

und dem israelischen Historiker,

Natan Sznaider (nicht zu verwechseln mit Timothy Snyder),

heißt es am Ende:

„Zeit: Und was bleibt 2023 vom Pathos der Versöhnung?

Schüler-Springorum: Das Bedürfnis nach Versöhnung ist Quatsch, sooft es auch beschworen wurde.

Sznaider: Da sind wir uns einig, ich bin auch gegen Versöhnung: Die Vergangenheit kann nicht wiedergutgemacht werden.“

W.S.: Das könnte uns alle vom Zwang der Versöhnung befreien!

4191: Was haben wir aus der Korona-Pandemie gelernt ?

Samstag, Februar 4th, 2023

Es wird gerne gesagt, dass Krisen immer auch Chancen enhielten. Das ist weithin Gerede. Wir Menschen stehen dem selbst im Wege. Durch unsere Mobilität tragen wir zur Verbreitung von Seuchen bei. Der Klimawandel führt dazu, dass Erreger neue Gebiete erobern. Wir Menschen züchten, töten und verarbeiten Tiere, so dass Keime beste Bedingungen haben, vom Tier auf den Menschen überzugehen. Einsicht?

Beispiel Nerzfarmen. Sie sind da für Modeaccesoires. Beispielsweise Pelzjacken. So könnte es geschehen sein, dass Übertragungen von Säugetier zu Säugetier vorgekommen sind. Hier fehlt es an Forschung. Massentierhaltung führt zu Mutationen. Auch zu Korona-Infektionen kann es durch Nerzfarmen gekommen sein. Die Nerzfarmen dienen dem Luxus. Sie sind verbreitet hauptsächlich in Skandinavien. Vermutlich werden Pelztierfarmen dem nächsten globalen Virus erneut ein ideales Reservoir zur Verbreitung bieten. „Lehren aus der Pandemie? Wohl kaum – wenn es nicht mal gelingt, diese überflüssige wie gefährliche Zucht zu unterbinden.“ (Werner Bartens, SZ 4./5.2.23).

4188: Wiederholungswahl zum Berliner Abgeordnetenhaus findet am 12. Februar statt.

Mittwoch, Februar 1st, 2023

Auf Beschluss des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts findet die Wiederholungswahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 12. Februar 2023 statt. Noch ist allerdings nicht endgültig geklärt, ob die Wahl im September 2021 verfassungsgemäß war. Aber das Bundesverfassungsgericht lehnte 40 Eilanträge gegen die Wiederholungswahl ab. Sie waren eingelegt worden, um zu erreichen, dass vor einer Wiederholungswahl das Urteil des Berliner Verfassungsgerichtshofs vom November 2022 überprüft werden sollte. Die Berliner Wahlen im September 2021 waren chaotisch verlaufen. Es fehlte an Wahlzetteln, Wahllokale hatten bis nach 18 Uhr geöffnet. Wähler mussten teilweise stundenlang warten (SZ 1.2.23).

4185: Das Recht der Frauen

Dienstag, Januar 31st, 2023

Ziel eines Schwangerschaftsabbruchs ist es, die Entscheidung einer Frau über ein lebensbestimmendes Ereignis zu respektieren und ihr zu helfen. Zumal ein anderes Leben betroffen ist, das nicht gefragt wird und auch nicht gefragt werden kann. Nach § 218 Strafgesetzbuch ist eine Abtreibung grundsätzlich verboten und nur bei Vorliegen gewisser Voraussetzungen straffrei (am wichtigsten ist die erforderliche Beratung). Dabei gehört die Abtreibung zu den ältesten Eingriffen in der Medizin.

Trotz Aufklärung und der breiten Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln werden in Deutschland pro Jahr etwa 100.000 Abtreibungen vorgenommen. Erst mit der Abschaffung des § 119 a Strafgesetzbuch, der Werbung für Abtreibung verbot, hat die Bundesregierung 2019 beschlossen, eine Leitlinie für Abtreibungen zu erstellen. „Frauen haben ein Recht auf reproduktive Selbstbestimmung und damit auch auf Abtreibung.“ Sie sollte regelmäßig aktualisiert werden. „Das wird hoffentlich dazu beitragen, dass sich wieder mehr Ärztinnen und Ärzte trauen, diesen Eingriff vorzunehmen.“ Bisher gibt es immer noch zu wenig Forschung zum Thema (Christina Berndt, SZ 3o.1.23).

4180: Milliardenprofite mit Impfstoffen

Freitag, Januar 27th, 2023

Die Pharmaunternehmen Biontech, Pfizer und Moderna haben die Preise für Corona-Impftstoffe mitten in der Pandemie um mehr als 50 Prozent erhöht. Die Preise klafften teilweise weit auseinander. Den günstigsten Impfstoff hat Astra Zeneca geliefert. Hier bestellte der Bund im August 2020 mehr als 56 Millionen Dosen zum Preis von 2,34 Euro pro Dosis. Am meisten nahm der US-Konzern Moderna für den Impfstoff. Darüber haben die Pharmakonzerne und die EU Vertraulichkeit vereinbart (SZ 27.1.23).

4179: Die Wirtschaft wächst.

Mittwoch, Januar 25th, 2023

Nach dem Jahreswirtschaftsbericht wächst das Bruttoinlandsprodukt 2023 voraussichtlich um o,2 Prozent. Im Oktober war noch mit einer Schrumpfung um 0,4 Prozent gerechnet worden. 2024 wird ein Wachstum von 1,8 Prozent erwartet. Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, führt das auf die gute Entwicklung bei den Energiepreisen zurück. Das hat Folgen für das Konsumklima. Es hat sich zum vierten Mal in Folge verbessert, wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mitteilte (SZ 25.1.23).

4177: Neue Studie zum Tempolimit

Dienstag, Januar 24th, 2023

Eine neue Studie des Umweltbundesamts zum Tempolimit hat mehr Einsparungsmöglichkeiten gezeigt, als bisher gedacht, so der Präsident Dirk Messner. Ein Tempolimit ist somit ein wichtiger Baustein für die Einhaltung der Klimaschutzziele im Verkehr. „Und zwar schnell und praktisch ohne Mehrkosten“. Ein Tempolimit von 120 Stundenkilometern auf Autobahnen brächte eine jährliche Reduzierung von 6,7 Millionen Tonnen CO2. Bisher hatte man mit 2,6 Millionen Tonnen gerechnet (SZ 24.1.23).

4176: Andreas Hoffmann neuer Documenta-Geschäftsführer

Dienstag, Januar 24th, 2023

Der Archäologe Andreas Hoffmann, 51, wird zum 1. Mai 2023 neuer Geschäftsführer der Documenta. Er ist zur Zeit Geschäftsführer des Hamburger Bucerius-Kunst-Forums. Dort hat er u.a. 2007 „Etrusker. Luxus für das Jenseits“ kuratiert. Nach den Antisemitismus-Skandalen der Documenta 15 soll Hoffmann aufräumen. Wir brauchen für die Documenta frische Maßstäbe. Die letzte Documenta-Geschäftsführerin hatte die Leitung der Documenta an ein KuratorInnen-Kollektiv abgegeben, sodass sich letztlich niemand für antisemitisch konnotierte Kunstwerke zuständig fühlte. Organisierte Verantwortungslosigkeit. Das darf nie wieder passieren (Petra Schellen, taz 17.1.23).

4172: Stephan Malinowski: Zwischenbericht zum Hohenzollernstreit

Freitag, Januar 20th, 2023

An der Universität München hat der Historiker Stephan Malinowski einen Vortrag gehalten mit dem Thema „Ein Streit um des Kaisers Bart? Vom Nutzen und Nachteil der Hohenzollern-Debatte“. Malinowski ist ausgewiesener Experte. Die Hohenzollern unter Führung von Georg Friedrich Prinz von Preußen streiten seit langem mit Deutschland über die Rückgabe bzw. Entschädigung ihrer Latifundien. Und sie sind sehr prozessfreudig. Sogar Malinowski wurde mit Klagen überzogen, nachdem er 2014 ein  Gutachten zum Thema erstattet hatte. Allerdings wurde nach dem Ende der DDR politisch beschlossen, dass Anspruch auf Entschädigungen nicht erheben kann, wer zum Aufstieg von Stalinismus und Nationalsozialismus „erheblichen Vorschub“ geleistet hat.

Hier geht es um Kronprinz Wilhelm von Preußen. Über ihn schreibt Malinowski: „Er hat .. spätestens mit dem Jahr 1930 den Nationalsozialismus und die NS-Bewegung offen und massiv unterstützt. Als prominent hervorgehobene Figur hat der frühere Kronprinz dem Vormarsch der NS-Bewegung konsequent Vorschub geleistet.“ Dies ist seit längerem in einem dicken Wälzer nachzulesen:

Stephan Malinowski: Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration. 5. durchgesehene Auflage 2022. Berlin (Ullstein) 2021, 752 Seiten.

Es geht hier um die wichtigste geschichtspolitische Debatte des Landes. Malinowski spricht in dem Zusammenhang davon, dass die Hohenzollern einem unangebrachten deutschen Nationalismus die Tür öffnen. „Als der Kronprinz in den 1920er Jahren zu einer Art It-Boy aufstieg, trug dies vielfach lächerliche Züge. Allerdings ist daran zu erinnern, dass die emotionale Bindung von Millionen Menschen an ähnliche Figuren bis in die Gegenwart hinein nicht erloschen ist.“ Beim Rummel um das britische Königshaus wegen Harry und Megan sehen wir, welche Macht royale Symbole heute noch haben (Chris Schinke, taz 12.1.23).