Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

4627: Hans-Peter Blossfeld: „Gleiche Bildungschancen für alle sind eine Illusion.“

Donnerstag, Dezember 21st, 2023

Der Bildungsforscher Prof. Dr. Hans-Peter Blossfeld (Bamberg) forscht seit Jahrzehnten zu Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit: Auf die Frage von Martin Spiewak (Zeit 23.11.23) „Schaffen es andere Länder?“ antwortet er:

„So wirklich schafft es kein Land auf der Welt. In England gibt es den großen Sektor der Privatschulen, auf den bildungsbewusste Familien ausweichen können. In Frankreich wählen Schüler aus besseren Familien prestigereichere Fächer wie Deutsch oder Latein, die ihre Chance auf ein Studium erhöhen. Und in den USA hängt die Schulqualität extrem vom Wohnviertel ab. Wer eine gute Schule will, muss sich eine gute Wohngegend suchen. Kurzum: Gleiche Bildungschancen für alle sind überall eine Illusion.“

4624: Papst erlaubt Segnung homosexueller Paare.

Mittwoch, Dezember 20th, 2023

Papst Franziskus hat die Segnung homosexueller Paare in der katholischen Kirche erlaubt. Unter Einhaltung ganz bestimmter Regeln. Das darf zum Beispiel nicht im Gottesdienst stattfinden. In Deutschland werden Segnungen homosexueller Paare in vielen Gemeinden schon praktiziert. In einer Grauzone (SZ 19.12,.23).

4621: Masha Gessen: „Es gibt bislang keinen zweiten Holocaust.“

Sonntag, Dezember 17th, 2023

In einem Interview mit Sonja Zekri (SZ 16./17.12.23) sagt die mit dem Hanah-Arendt-Preis ausgezeichnete US-Schriftstellerin (russisch-jüdischer Herkunft) Masha Gessen, um deren Preis es einen Skandal gab:

„Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es nicht nur erlaubt ist, sondern sogar unsere moralische Verpflichtung, den Holocaust mit anderen Ereignissen zu vergleichen. Wir sind im 21. Jahrhundert nicht schlauer, besser und moralischer als die Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Holocaust hinter uns liegt, und sie hatten ihn vor sich. Sie haben Derartiges nicht für möglich gehalten. Wir wissen, dass es möglich ist. Und ich sehe nur eine Möglichkeit, um eine Wiederholung zu verhindern: immer wieder danach zu fragen, was genau geschieht. Das bedeutet gerade nicht, etwas mit dem schlimmsten Verbrechen gleichzusetzen, dessen Menschen fähig sind. Es gibt bislang keinen zweiten Holocaust.“

Auf die Frage „Hätte Hanah Arendt eine Chance, heute den Hanah-Arendt-Preis zu bekommen?“ antwortet Gessen: „Die leichteste aller Fragen: Nein.“

4620: Plagiatsverdacht gegen Alice Weidel (AfD)

Samstag, Dezember 16th, 2023

Die Universität Bayreuth prüft, ob die Doktorarbeit (2011) von Alice Weidel (AfD) ganz oder in Teilen ein Plagiat ist. Mit der Arbeit wird sich die „Kommission für wissenschaftliche Integrität“ der Universität beschäftigen. Zwei Plagiatesucher hatten der Universität ein 36 Seiten umfassendes entsprechendes Gutachten vorgelegt. Danach sollen in der Arbeit fremde Quellen übernommen worden sein, ohne dass dies bekanntgemacht wurde. Weidel wies die Vorwürfe zurück (SZ 16./17.12.23).

4617: Bund bekämpft Einsamkeit.

Donnerstag, Dezember 14th, 2023

Mit einer gemeinsamen Strategie und 111 Maßnahmen agiert die Bundesregierung gegen die Einsamkeit. Sie beschloss die von Familienministerin Lisa Paus (Grüne) vorgelegte „Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit“. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit für das Thema zu erhöhen sowie die Forschung und Unterstützungsangebote auszubauen. Die Wartezeit auf Therapieplätze soll verkürzt werden. Die Bundesregierung will damit ein Signal setzen. Die Weltgesundheitsorganisation hat 2021 mehr Forschung zu Ursachen und Folgen gefordert (SZ 14.12.23).

4610: Deutsche Schüler so schlecht wie nie

Donnerstag, Dezember 7th, 2023

Nach den neuesten Pisa-Daten sind deutsche Schüler so schlecht wie nie vorher (15-Jährige in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften). Auch international ist die durchschnittliche Leistung drastisch gesunken. Das teilte die OECD mit. Die deutschen Schüler stürzten besonders in der Mathematik ab (SZ 6.12.23).

4607: Vodafone-Chef kritisiert Telekom.

Dienstag, Dezember 5th, 2023

Der Vodafone-Chef Philipp Rogge kritisiert die Deutsche Telekom. Sie zwinge Vodafone zu sinnloser Baggerei, da sie kontrolliere, wer Leerrohre unter den Straßen nutzen dürfe, die „vor vielen Jahren an zahlreichen Orten auch von der Bundespost verlegt worden“ seien. Wollten andere Konzerne Kabel in die Rohre legen, müssten sie „beträchtliche“ Gebühren zahlen (SZ 5.12.23).

4603: Deborah Feldman ist unorthodox und passt in kein Schema.

Samstag, Dezember 2nd, 2023

Seit ihrem Buch „Unorthodox“ über ihre Flucht aus der orthodoxen Satmarer-Sekte in New York ist Deborah Feldman ein literarischer Star. Seit zehn Jahren lebt sie in Berlin. Nun ist ihr neues Werk „Judenfetisch“ erschienen. Sie ist gefragter denn je. Ich führe hier Äußerungen von ihr auf, die sie in einem Interview mit Sonja Zekri (SZ, 21.11.23) gemacht hat:

„Meine Großeltern waren Deutsche, wurden verhaftet, mussten fliehen.“

„.. ich bin genau so berechtigt, mich als deutsche Jüdin zu Wort zu melden. Ich habe die Staatsbürgerschaft meines Urgroßvaters bekommen, ich habe hier meine Wurzeln, ich fühle mich zugehörig. Und das lasse ich mir auch nicht absprechen.“

„Die gesamte Debatte über den muslimischen Antisemitismus dient den Rechten dazu, sich vom Antisemitismus zu entlasten.“

„Solidarität mit Israel ist eine gute Lehre aus dem Holocaust, ich will das nicht anzweifeln. Seit Konrad Adenauer führt Deutschlands Weg zur Wiedergutmachung an die Seite Israels. Deutschland investiert in den Erfolg Israels und befreit sich dadurch aus seiner Verantwortung aus der Geschichte.“

„Dieses Land hat sich sehr früh darauf festgelegt, dass in der bedingungslosen Solidarität zu Israel die Erlösung liegt, vom Antisemitismus, vom Rassismus, von gesamten Hass in der Gesellschaft.“

„Es gibt schon lange eine Bewunderung der europäischen Rechten für das rechtsnationale Israel.“

„Es besteht eine Gefahr für Muslime und dann für Juden. Und das macht mir existentielle Angst als Enkelin eines Großvaters, der 1939 von der Gestapo verhaftet und zur polnischen Grenze gebracht wurde, zu Fuß zurücklief, um Frau und Kinder zu holen und gleich zu fliehen.“

„Der 7. Oktober hat mich näher an die Friedensaktivisten gebracht, an die weltoffenen Israelis und Palästinenser. Er hat mich nicht dem gesamten Judentum näher gebracht. Ich fühle mich doch nicht den rechtsextremen Siedlern in der Westbank nahe, die jetzt Jagd auf Palästinenser machen. Ich fühle mit allen Opfern und ihren Angehörigen. Das Wir, das angegriffen wurde, ist der Frieden, die Menschenrechte, der Humanismus. Für die ich mein Leben lang gekämpft habe.“

„Es gibt viele Stimmen in Israel, die diese Gewalt klar für exzessiv und unverhältnismäßig halten. Der Entzug von Wasser ist völkerrechtswidrig. Die Vertreibung ist völkerrechtswidrig. Die Inkaufnahme ziviler Opfer ist völkerrechtswidrig.“

„Mein eigener Lösungsansatz lautet wie der von vielen Menschen in Israel und in der Diaspora: Lasst uns diese Stimmen lauter machen, die nicht von ‚tilgen‘ reden. Sie sind die einzigen, die eine Lösung herbeiführen können.“

„Primo Levi, Jean Améry und Czeslaw Milosz wollten nur eines vermitteln: Entweder du bist für alle, und alle Menschen sind gleichwertig, denn nur so entgehen wir der Gefahr, dass wir ein neues Opfer aussuchen. Oder du sagst, mir ist etwas Schlimmes passiert, also darf ich wegschauen, wenn anderen etwas Schlimmes passiert. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.“

4602: Wölfe besser schießen

Samstag, Dezember 2nd, 2023

Unter Führung von Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) haben die Länderumweltminister neue Richtlinien für das Abschießen von gefährlichen Wölfen beschlossen. Wenn Schutzzäune überwunden und ein Weidetier gerissen wurde, können im Umkreis von 1000 m 21 Tage lang Wölfe geschossen werden. Es gibt bekanntlich 184 Wolfsrudel in Deutschland, insbesonder im Osten. Landwirte und Weidetierhalter sind mit der Regelung noch nicht einverstanden. Einverstanden ist aber die EU-Kommission (Michael Bauchmüller, SZ 2./3.12.23).

4601: In Russland ist LGBTQI verboten.

Freitag, Dezember 1st, 2023

Der Oberste Russische Gerichtshof hat LGBTQI als „extremistisch“ eingestuft und verboten. Das ist ein typisches Beispiel für die politische Rückständigkeit Russlands insbesondere in Bezug auf die Menschen- und Bürgerrechte. Bisher schon waren queere Personen dort großen Repressalien ausgesetzt. Das nimmt nun noch zu. Die Betreffenden sollen mundtot gemacht werden. Ein Regime, das so brutal gegen Minderheiten vorgeht, schreckt auch vor anderen Grausamkeiten nicht zurück (SZ 1.12.23).