Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2586: Gescheiterte US-Syrien-Politik

Dienstag, Oktober 22nd, 2019

Wir haben uns daran gewöhnt, dass die US-Außenpolitik scheitert. Präsident Trump hat kein gutes Verhältnis zur Nato und zur EU. Das einzige Kriterium, das sein Verhalten bestimmt, sind seine – hier und da etwas beschränkten – Stammwähler. Sie sind empfänglich für „America first!“, was in Zeiten der Globalisierung nichts bringt.

Besonders eklatant und gefährlich ist das Scheitern der US-Syrienpolitik. Es verändert das Machtgefüge im Nahen Osten und setzt Europa unter Druck.

Der überstürzte Abzug der USA in Syrien

1. lässt die Kurden, wieder einmal, im Stich, die sich große Verdienste im militärischen Kampf gegen den IS erworben haben,

2. er bestärkt den IS, der teilweise schon aus den Gefängnissen entflohen ist,

3. er bestärkt das iranische Mullah-Regime, das kein Interesse an Menschenrechten kennt, und seine Hisbollah-Miliz wieder gegen Israel ins Feld schicken kann,

4. er bestärkt das massenmörderische Assad-Regime in Syrien,

5. er bestärkt Russlands Einfluss in der Region, auch militärisch,

6. er bestärkt das Erdogan-Regime in der Türkei.

Die US-Außenpolitik bestärkt also die Gegner der USA. Begonnen hat diese falsche Politik schon unter Obama. Und Europa, die EU, ist wieder einmal handlungsunfähig und hat keinen Einfluss auf die Entwicklung. Wir beklagen die Umstände, rufen „Frieden, Frieden, Frieden“ und lassen andere die Drecksarbeit (Irakkriege) machen. Bestimmt nicht zu Europas Gunsten.

Insofern ist der Vorschlag von Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) für eine international garantierte Schutzzone in Nord-Syrien überraschend und – im Grunde – richtig. Aber da werden Grüne und Linke niemals mitmachen. Ihre Analyse der Nahost-Konflikte ist schon falsch. Außerdem fehlt eine europäische Armee. Militärtechnisch ist Europa auf eine Beteiligung bei der Lösung des Konflikts nicht vorbereitet. Außerdem hat der türkische Potentat Erdogan ja damit gedroht, 3,6 Millionen Flüchtlinge nach Europa durchzulassen. Was wollen wir da machen (Vorschläge erbeten!)?

 

2583: Die SED und die westdeutsche Linke bekämpften Israel.

Sonntag, Oktober 20th, 2019

Jeffrey Herf forscht und lehrt an der Universität von Maryland. Er hat sich auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert spezialisiert. In seinem neuesten Buch,

Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche Linke 1967-1989. Göttingen (Wallstein) 2019, 560 S., 39 Euro,

arbeitet er heraus, dass die SED und die westdeutsche Linke (zunächst DKP, SDS, in den siebziger Jahren zusätzlich KPD-ML, KDP-AO, KBW) seit dem Sechstagekrieg (Juni 1967) Israel vehement bekämpft haben. Das lief „theoretisch“ nach dem Motto Zionismus = Rassismus und ging bei der SED (in Form der DDR) bis hin zu Waffenverkäufen (seit 1965). Aus der DDR kamen u.a. MIG-Jagdflugzeuge und Kalashnikows. Es kam vor, dass palästinensischen Terrororganisationen Waffen geschenkt wurden. Das Existenzrecht Israels wurde in Frage gestellt. Das schürte bei den palästinensischen Untergrundorganisationen (PLO, PFLP usw.) die Hoffnung, dass Israel militärisch besiegt werden könnte. Dieser Krieg fand sein Ende mit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Zerfall der Sowjetunion.

Herf schreibt: „Die Sowjetunion, die DDR und die westdeutschen linksradikalen Gruppen tragen .. eine schwere Verantwortung im Nahost-Konflikt, weil sie einer Kompromisslösung zwischen Israel und seinen Gegnern im Wege standen.“ Nach der Aufnahme beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen (UN) 1973 setzte die DDR ihre Politik fort. Die SED und ihre westlichen Verbündeten nannten ihren Kampf gegen Israel „antifaschistisch“. Damit setzten sie Israel gleich mit Nazi-Deutschland. Als palästinensische Terroristen im September 1972 bei den Olympischen Spielen in München Israelis ermordeten, feierte Ulrike Meinhof von der RAF das als großartige revolutionäre Tat. Die Flugzeugentführungen nach Entebbe 1976 und nach Mogadischu 1977 wurden propagandistisch von der Linken unterstützt. In Entebbe trennten die deutschen Terroristen die jüdischen von den nicht-Jüdischen Passagieren (Rainer Hermann, FAZ 12.10.19).

2582: Hajo Seppelt braucht einen Bodyguard.

Sonntag, Oktober 20th, 2019

Hajo Seppelt leitet seit 2007 die Doping-Redaktion der ARD. Das war in der Zeit, als der ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf zurücktrat und der Sportreporter Tom Bartels zur ARD zurückkam. Schon vorher war Seppelt ein gefürchteter Mann, der sich darauf spezialisiert hatte, systematisch Doping-Betrug im internationalen Spitzensport aufzudecken. Schon 2006 wurde er für seine Recherchen über die Radsportler Jan Ulrich und Floyd Landis ausgezeichnet. Inzwischen hat er für seine Verdienste sogar das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen. Am 23. Oktober 2008 war er bei uns im Institut, referierte im Literarischen Zentrum Göttingen und diskutierte mit über 50 Studierenden über Sportberichterstattung im Fernsehen.

„Er ist eine Mischung aus Staatsanwalt, Großinquisitor, Beichtvater. Einer, der dahin geht, wo es wehtut, wo es auch ihm oft wehtut. ‚Ich will den Leuten die andere Seite der Medaillen zeigen.'“ (Cathrin Gilbert, Die Zeit 2.10.19) Seppelt verdirbt vielen Leuten das Geschäft, er hat inzwischen viele Feinde. Und, keine Frage, auch sein Arbeitgeber, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, profitiert davon, wenn die Show im Spitzensport weitergeht. Besonders viel recherchieren musste Seppelt in Russland, weil dort mehr als anderswo gedopt wird. Inzwischen braucht er ständig einen Bodyguard. In Potsdam-Babelsberg hat Seppelt inzwischen ein eigenes Studio, wo er mit einer jungen Mannschaft seine Dokumentationen selbst produziert. Kürzlich hat Seppelt über intersexuelle Sportler berichtet, von denen einige lebenslänglich gebrochen sind, weil ihnen operativ die Hoden entfernt wurden, damit sie als Frauen starten konnten. Dazu ist es dann nicht mehr gekommen.

Natürlich ist Hajo Seppelt durch seine Arbeit desillusioniert worden. „Ich habe manche Illusion komplett verloren, irgendwann glaubst du fast gar nichts mehr.“ „Ich glaube, Doping ist eine Win-win-Situation für den Sport – solange nicht darüber geredet wird.“ Und was passiert, wenn Doping durch Journalisten wie Seppelt aufgedeckt wird? „Der Athlet verliert seine Kohle, der Manager verliert seine Kohle, der Sponsor verkauft seine Produkte nicht mehr. Der Verband verliert seine Sponsorengelder. Der Physiotherapeut kann nicht mehr so schön verreisen.“

Hajo Seppelt kann kaum noch undercover recherchieren, weil er auf der ganzen Welt zu bekannt geworden ist.

2581: Tempolimit im Bundestag abgelehnt

Samstag, Oktober 19th, 2019

Deutschland ist der einzige Staat in der EU (28 Staaten) ohne ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Laut einer Umfrage würden 56,5 Prozent der Bevölkerung eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung aber befürworten. Nur 16,8 Prozent lehnen eine Maximalgeschwindigkeit auf Autobahnen generell ab. Unter den Ablehnenden vermute ich vor allem solche Autofahrer, die nicht wie ich jedes Jahr mit dem Auto durch die Schweiz nach Italien oder durch Belgien nach Frankreich fahren. Sie können nicht wissen, wie angenehm der dort per Limit (120 bzw. 130 km/h) regulierte Verkehr verläuft. Und auch die Inländer zahlen (dies an die Adresse der Befürworter der rechtswidrigen Ausländermaut). Die Ausländermaut wird der Union (CDU/CSU) wegen der schon vor Vertragsschluss eingegangenen Verpflichtungen noch zu einem Problem. Dem unfähigen CSU-Verkehrsminister sowieso.

Die Grünen sind im Bundestag nun mit dem Antrag gescheitert, ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen einzuführen. Bei einer namentlichen Abstimmung haben mehrheitlich

CDU/CSU, SPD, AfD und FDP

insgesamt mit großer Mehrheit den Antrag abgelehnt. Für die Grünen zeigen lokale Tempolimits, dass die Zahl der bei Unfällen Getöteten und Verletzten bei einem Limit deutlich sinkt. Zugleich führt eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu Einsparungen von CO 2-Emissionen. Auch der Verkehrssicherheit allgemein dient ein Tempolimit. Außerdem zeigt eine Studie der Denkfabrik Agora Verkehrswende, dass ein Tempolimit von 130 km/h von 2020 an die Kohlendioyxyd-Emissionen des Autoverkehrs in Deutschland um 1,1 bis 1,6 Prozent senken würde. Um die gleiche Reduktion mit weniger Autos zu erreichen, müssten 500.000 Mittelklassewagen auf einen Schlag aus dem Verkehr gezogen werden. Die ganze Maßnahme kostet nicht mehr als die Montage von ein paar Schildern. Günstiger kann ein Beitrag zum Klimaschutz nicht sein (epd/dpa 18.10.19; Christina Kunkel, SZ 18.10.19).

2580: Grünen-Parteitag: Glaubenskrieg um Homöopathie ?

Freitag, Oktober 18th, 2019

Die Grünen eilen von Sieg zu Sieg. Manche werden das für unverdient halten, andere für verdient. Ich glaube, dass es verdient ist, weil die Grünen seit Jahrzehnten nachvollziehbar ihren ökologischen Linien folgen. Natürlich gibt es außerhalb davon ebenso wichtige Politikfelder: Außenpolitik, Sicherheitspolitik (äußere und innere), Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Bildungspolitik, Hochschulpolitik usw. Die gezielt behutsame Führung der Grünen hat den Nachteil, dass man manchmal nicht so genau weiß, was die Grünen überhaupt wollen. Es kann sogar sein, dass der eine oder andere deswegen die Grünen nicht wählt, weil es dort zu viele Altkommunisten gibt, die gerne mit den Linken zusammen arbeiten. Wie demnächst in Thüringen.

Nun droht auf dem Parteitag im November ein Glaubenskrieg um die Homöopathie. Manche Mitglieder halten sie für teuren Humbug (Hokuspokus). Sie machen darauf aufmerksam, dass die Grünen doch stets auf die Wissenschaft verweisen, wenn sie gegen Klimaleugner argumentieren. Und dass die Grünen sich grundsätzlich klar gegen Esoterik und Wissenschaftsfeindlichkeit positionieren. Vor allem gegen die Erstattung der Homöopathie durch die Krankenkassen wendet sich der Hauptzweig der Grünen. Und tatsächlich: wenn jemand seinen Hokuspokus selbst bezahlt, darf er machen, was er will.

Traurigerweise gibt es bei den Grünen eine starke Strömung, welche die Homöopathie verteidigt. Sie befürwortet ein breites Therapieangebot, das auch Naturheilkunde und Komplementärmedizin umfasst. Sie will gemeinsame Therapien aus Naturheilkunde und Schulmedizin stärker erforschen lassen. Die Grünen-Bundestagsfraktion hat sich erst kürzlich ausdrücklich dafür ausgesprochen, dass sich Menschen für verschiedene Wege in der Therapie entscheiden können. Und erst vor kurzem hat die Grünen-Bundestagsfraktion eine Impfpflicht gegen Masern beschlossen. Viele Grünen-Wähler schwören auf die Produkte der Demeter-Bauern, die Böden dadurch vitalisieren, indem sie Rindermist in Kuhhörner stopfen und vergraben.

Hilfe bekommen die Grünen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der darauf verweist, dass für Arzneien jährlich 40 Milliarden Euro ausgegeben werden und nur 20 Millionen für Homöopathie. Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner arbeitet gegenwärtig hinter den Kulissen daran, Homöopathie-Befürworter und -Gegner zu versöhnen. Die Bundesspitze hat Angst vor einem schweren Konflikt. „Es muss eine Lösung geben, die die wissenschaftlich und rational denkenden Menschen nicht vor den Kopf stößt.“ (Ulrich Schulte, taz 14.10.19)

2579: Harold Bloom ist tot.

Donnerstag, Oktober 17th, 2019

Mit Harold Bloom, der im Alter von 89 Jahren in New Haven (Connecticut) gestorben ist, haben wir wahrscheinlich den letzten großen Literaturkritiker verloren, der klar nachvollziehbare Kategorien kannte und seit Jahrzehnten nicht mehr jede literaturwissenschaftliche Mode, wie etwa den Dekonstruktivismus, mitgemacht hatte. Er wirkte manchmal etwas altmodisch, war aber verlässlich und überzeugend. Geboren wurde Bloom in New York als Kind jiddisch sprechender orthodoxer Juden, die aus Russland eingewandert waren. Er studierte hauptsächlich in Yale, wo er seit 1955 auch lehrte.

Bloom entwickelte die These, dass ein Schriftsteller in seinem Streben nach Originalität ständig versucht, sich von seinen Vorbildern zu lösen. Er verglich diese Situation mit dem Ödipuskomplex. Dort, wo er das Verhältnis zwischen Dichtern und ihren Werken untersuchte, stützte er sich wesentlich auf Anna Freud. Harold Bloom sah sich vor allem als Leser, der sich von Literatur auch ergreifen lassen wollte. Das war ihm bei der aufkommenden Literatur von Frauen, Schwarzen, Einwanderern und Autoren aus der dritten Welt nicht immer möglich. Dadurch wurde er zu einem Verteidiger der Literatur „toter weißer europäischer Männer“ (dwems). Er stemmte sich gegen den Niedergang der westlichen Kultur, was heute weithin nicht mehr als politisch korrekt gilt.

Seit den achtziger Jahren hat Bloom mehrfach versucht, einen Kanon zentraler Literatur der westlichen Welt zu bestimmen. 1994 benannte er dazu 26 Autoren (22 Männer und vier Frauen): William Shakespeare, Dante Alighieri, Geoffrey Chaucer, Miguel de Cervantes, Michel de Montaigne, Molière, John Milton, Samuel Johnson, Johann Wolfgang Goethe, William Wordsworth, Jane Austen, Walt Whitman, Emily Dickinson, Charles Dickens, George Eliot, Leo Tolstoi, Henrik Ibsen, Sigmund Freud, Marcel Proust, James Joyce, Virginia Woolf, Franz Kafka, Jorge Luis Borges, Pablo Neruda, Fernando Pessoa, Samuel Beckett. Das begeistert mich. Obwohl natürlich nicht zu verkennen ist, dass wir es hier mit einer anglo-amerikanisch zentrierten Liste zu tun haben. Als Deutscher würde ich noch nennen Georg Büchner und Bertolt Brecht. Aber mit seinem Kanon gibt Harold Bloom uns als denjenigen, die nicht so viel gelesen haben wie er, die Möglichkeit, uns davon abzugrenzen und eigene Vorschläge zu machen.

Als 2003 ein US-amerikanischer Autor, den Bloom nicht sehr schätzte, ausgezeichnet wurde, nannte er vier „amerikanische Schriftsteller“, die noch am Werk sind und die unsere Anerkennung verdienen: Thomas Pynchon, Philip Roth, Cormac McCarthy und Don DeLillo. Wer wollte da widersprechen.

2578: Juan Moreno: „Tausend Zeilen Lüge“

Mittwoch, Oktober 16th, 2019

Der freie „Spiegel“-Mitarbeiter Juan Moreno (47) analysiert in seinem Buch, wie es dazu kommen konnte, dass der Reporter Claas Relotius über Jahre so vielfältig gefälschte Beiträge im „Spiegel“ unterbringen konnte:

Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus.  Berlin (Rowohlt) 2019, 285 Seiten.

Das Buch hat 18 Kapitel, denen je ein Motto vorangestellt ist, das sich meistens direkt auf den Konflikt um Relotius bezieht. So schreibt „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann vor der Einleitung (S. 22): „Worauf ich häufig angesprochen werde: das Buch, das Juan schreiben wird. Ich kann und will ihm das nicht verbieten (er ist freier Mitarbeiter), und ich will das auch gar nicht. Ein Buch über den Fall wird es so oder so geben. Und da ist es mir lieber, es schreibt einer, der wirklich nah dran war, und nicht irgendein Honk.“

Juan Moreno hat den Fall des Fälschers Claas Relotius ziemlich allein aufgeklärt. Gegen den „Spiegel“, insbesondere gegen die Ressorts „Dokumentation“ und „Gesellschaft“. Die Chefs der „Gesellschaft“ waren seinerzeit Ullrich Fichtner und Matthias Geyer. Die sind mittlerweile weg. Auch der Chef der Dokumentation und der zuständige Sachbearbeiter haben das Blatt verlassen. Der Grund für die Schwierigkeiten lag darin, dass Relotius im Hause so überaus beliebt war, ein „Jahrunderttalent“ (S. 31). Er galt als bescheiden, zurückhaltend, sachbezogen. So hat ihn auch Moreno erlebt. Aber er war nur ein Hochstapler und raffinierter Fälscher. Das zog sich über Jahre. Mehr als fünfzig Relotius-Beiträge waren ganz oder in Teilen gefälscht. Meist begnügte sich der Reporter mit der Vorrecherche, um dann im journalistischen Kämmerlein um so süffiger zu formulieren. Das, was die Leser lesen wollten (heute Blase genannt).

Moreno schreibt dazu: „Ob es nur eine Frage der Zeit war, bis er aufgeflogen wäre? Ich bin davon nicht überzeugt. Claas Relotius stand wie gesagt kurz davor, Ressortleiter zu werden.“ (S. 223).

Verständlicherweise wird viel darüber nachgedacht, ob die Gattung der „Reportage“ anfällig ist für Hochstapler, „Menschenfänger“ (S. 245) und Betrüger. Das tut auch Moreno. Dabei wissen wir doch seit Egon Erwin Kisch (1885-1948) („Schreib das auf, Kisch!“), dass jede Art von Information im Kern Werbung ist und dass Kisch nicht etwa die Wirklichkeit beschrieben hat, sondern lange und intensiv an seinen Texten feilte. Jede journalistische Auswahl ist Parteinahme. Das besagt noch lange nicht, dass das System des westlichen Journalismus falsch ist mit der Objektivitätsforderung an Nachrichten und der Trennung von Nachricht und Meinung. Die Alternative sind Agitation und Propaganda (Lenin).

Wir wissen auch, dass in Zeiten zurückgehender verkaufter Auflagen und Werbeerlöse selbst  ein heute immer noch mächtiges Blatt wie „Der Spiegel“ an Verkaufsförderung (S. 260) denken muss. An gut lesbare Geschichten. Die trotzdem wahr erscheinen. Das alles hat die Fälschungen von Relotius befördert. Und das Publikum tut so, als sei es ausschließlich an der Wahrheit interessiert, fährt aber auf gefälschte Geschichten ab. Moreno hält trotzdem an den üblichen journalistischen Grundsätzen fest und bekennt sich als Fan der Reportage. Muss er das?

Was die Problemlage verschärft, sind die unzähligen Journalistenpreise in Deutschland. Über 500 sollen es sein. Sie bringen den Trend zu gefälligen, passenden, letztlich beruhigenden Geschichten, die unsere Vorurteile bestätigen, mit sich. Wir schauen jetzt vorsichtshalber nicht, wer in den einschlägigen Jurys saß. Elke Heidenreich (76) hat gerade mitgeteilt, dass sie Journalistenpreise ablehnt und deswegen nie in einer Jury war.

Moreno schreibt: „Die Verbreitung der Falschmeldungen wird durch Algorithmen und sogenannte Bots unterstützt. Mit anderen Worten: Propaganda im digitalisierten Zeitalter. Das Phänomen ist nicht neu. Hannah Arendt schrieb, dass der ‚Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat – die teuflischste Variante, die man sich denken kann – nämlich: das Wahrlügen.'“ (S. 272) Das gilt um so mehr in einer Zeit, in der Menschen wie Donald Trump und Boris Johnson die Agenda bestimmen.

Deswegen brauchen wir heute mehr als je zuvor im Journalismus Typen, die sich von den Verlockungen der Fake-News nicht verleiten lassen. Die so „grau“ sind wie die Welt, so schreibt es Moreno, weder schwarz noch weiß (S. 36). Und er nennt deutsche Beispiele von seriösem Journalismus: „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Das trifft zu. Aber wir wissen, das auch sie schon von Fälschungen betroffen waren. Wir denken außerdem an die „Hitler-Tagebücher“ („Stern“ 1983) und Tom Kummer (2000). An dieser Stelle kann unser Problembewusstsein gar nicht hoch genug sein. Damit Claas Relotius als „Problem“ des schwierigen zeitgenössischen Journalismus gesehen wird und nicht als dessen „Lösung“ (S. 281). Juan Moreno hat dazu einen faktengesättigten Beitrag geleistet. Einen nicht unbedingt wissenschaftlichen, aber einen geeigneten.

„Ein Kollege im ‚Spiegel‘ erreichte Relotius einige Monate nach dem Ende des Skandals. Relotius behauptete, dass er gerade in einer Klinik in Süddeutschland sei. In Behandlung. Ihm werde da geholfen. Die Ärzte würden Fortschritte sehen. Es sei ihm immer nur darum gegangen, die Kollegen, seine Freunde, nicht zu enttäuschen. Das sei das Wichtigste überhaupt. Tags darauf traf dieser Kollege eine ‚Spiegel‘-Sekretärin. Die Frau hatte Relotius gerade auf dem Fahrrad gesehen. In Hamburg.“ (S. 284 f.)

2576: Das dominante Paar: Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass

Sonntag, Oktober 13th, 2019

Als 2006 Volker Weidermanns „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute.“ erschien, war ich als Nicht-Literaturwissenschaftler begeistert wegen Weidermanns analytischem Zugriff und seiner Beschreibungsfähigkeit. Mit „Ostende“ (2014) ist ihm dann nochmals so ein Coup gelungen. Von seinen vielen weiteren Veröffentlichungen habe ich bei weitem nicht alle gelesen. Nun ist er auch noch der Chef des „Literarischen Quartetts“ und formt dieses Format nach seinen Vorstellungen. Erfolg über Erfolg. Das ruft natürlich Neider auf den Plan. Fast habe ich den Eindruck, dass davon sogar die Rezensionen zu Weidermanns

„Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“. Köln 2019, 310 S., 22,70 Euro,

teilweise bestimmt sind. Gut, das übergehe ich dann.

Die Geschichte der beiden Antipoden ist weithin bekannt. Vom ersten Treffen im Hotel „Bristol“ in Warschau 1958 bis zum Tod Reich-Ranickis (2013, Grass starb 2015). Mit Höhepunkten wie der ersten und später revidierten Rezension zu Grass‘ „Blechtrommel“ (1960) oder dem Titel-Cover des „Spiegels“ 1995 zu „Ein weites Feld“. Und noch vieles mehr. Weidermann weiß das alles auch und beschriebt es sehr leserfreundlich. Das kann man ihm ja kaum vorwerfen. Der polnische Jude, der das Warschauer Ghetto überlebt hat (worüber er in „Mein Leben“ 1999 so ergreifend geschrieben hat), und der junge Deutsche, der sich kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS gemeldet hat, sind aufeinandergeprallt. Der eine war der wichtigste Literaturkritiker in Deutschland, der andere der Großschriftsteller.

Beide waren sehr politische Autoren. Günter Grass, auf dessen politisch-analytische Unfähigkeit ich noch zu sprechen komme, hat Willy Brandt unterstützt. So gut es eben ging in jenen Zeiten. Aber nicht ganz ohne Erfolg. Er hat einmal immerhin über sich gesagt: „Es spricht nichts (oder nur Gewünschtes) gegen meine zielstrebige Entwicklung zum überzeugten Nationalsozialisten.“

Über Marcel Reich-Ranicki hat Gustav Seibt (SZ 18.9.19) geschrieben: „Als Kritiker ließ Reich-Ranicki Autoren wie Arno Schmidt, Hans Magnus Enzensberger, Heimito von Doderer, Ernst Jünger, später Thomas Bernhard, Peter Hacks, Heiner Müller so gut wie unbeachtet, er lehnte Peter Handke und Botho Strauß rundheraus ab. Der Literaturchef bewegte sich in einem streng abgezirkelten Gebiet.“ Dass er Martin Walser, der ihm den „Tod eines Kritikers“ (2002) widmete, nicht besonders mochte, verstehen wir. Walser kommt in Weidermanns Buch aber zu kurz. Ich (W.S.) persönlich schätzte Reich-Ranicki gerade deswegen so sehr, weil er klare Urteile fällte, deren Begründung ich nachvollziehen konnte. Es waren starke Urteile, bei denen sich der Kritiker nicht darum scherte, wer sich deshalb nun wieder auf den Schlips getreten fühlte oder hätte fühlen können.

Tilman Krause  meint in seiner Rezension zu Weidermann (Die literarische Welt 12.10.19), er sei mit seinen 50 Jahren eventuell zu jung, um die intellektuellen und emotionalen Parameter nachvollziehen zu können, die in Deutschland mindestens bis zur Wiedervereinigung galten. Davon kann keine Rede sein. Krause arbeitet aber überzeugend heraus, dass es drei Publikationen sind, die Grass‘ literarischen Rang ausmachen:

der Roman „Die Blechtrommel“ (1959), die Novelle „Katz und Maus“ (1961) und die „historische Fantasie“ „Treffen in Telgte“ (1979).

Damit liegt er vollkommen richtig.

Günter Grass hat bekanntlich die Wiedervereinigung abgelehnt. Dazu hat Marcel Reich-Ranicki geschrieben: „Ich halte diese Verbindung von Auschwitz-Gedenken und Bedenken gegen die Wiedervereinigung für absoluten Unsinn. Diese Äußerungen gehören zu den vielen politischen Dummheiten, die wir von Grass zu hören bekommen haben.“

Volker Weidermann schreibt in seinem Buch (S. 275) klarsichtig über den Literaturnobelpreis für Günter Grass 1999 und ein „Spiegel“-Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki: „In diesem Gespräch, das im ‚Spiegel‘ am 4. Oktober 1999 erscheint, erklärt er auch, warum er sich so besonders freut, dass Grass diesen Preis bekommt. Deutschland sei einfach mal wieder dran gewesen mit einem Nobelpreis, …, und nun solle man sich mal vorstellen, Martin Walser wäre der Preis zugefallen: ‚Das wäre ein schwerer Schlag für mich. Oder gar dem dümmlichen Peter Handke! Eine Katastrophe.'“

 

2573: Die Grenzen der Meinungsfreiheit

Donnerstag, Oktober 10th, 2019

Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner wegweisenden Rechtsprechung stets eine Linie verfolgt, welche die Meinungsfreiheit ganz hoch handelt, sehr hoch. Es folgt damit einem Diskursparadigma, das darin besteht, dass eine robuste Auseinandersetzung besser ist als obrigkeitsstaatliche Repression. Möglicherweise stammt die einschlägige Rechtsprechung aber noch aus der guten alten Zeit vor dem Internet. Angesichts der Rechtsprechung des Landgerichts Berlin, nach der man Renate Künast (Grüne) eine „Drecksfotze“ nennen darf, werden nun Überlegungen angestellt, wie die Meinungsfreiheit unter den Bedingungen der sozialen Medien neu und besser formuliert werden kann.

1. Eine Schmähkritik ist die einzige vollständig verbotene Kritik, die „in jedem denkbaren Sachzusammenhang als bloße Herabsetzung des Betroffenen erscheint und daher unabhängig von ihrem konkreten Kontext stets als persönlich diffamierende Schmähung aufgefasst werden muss, wie dies möglicherweise bei der Verwendung besonders schwerwiegender Schimpfwörter – etwa aus der Fäkalsprache – der Fall sein kann“.

2. Die Bezeichnung „Dummschwätzer“ kann infolgedessen eine Schmähkritik sein. Oder auch nicht, wenn damit „dumme Aussagen“ gemeint sind.

3. So wie man im Straßenverkehr ein klein wenig zu schnell fahren darf, so darf man auch ein bisschen zu wüst formulieren. Sonst würden zu viele Menschen gleich ganz den Mund halten.

4. Die wissenschaftliche Konfliktforschung hat festgestellt, dass in der Zeit der sozialen Medien die Herabwürdigung von Personen des öffentlichen Lebens durch gezielte Kampagnen zum politischen Kampfinstrument regelrechter Hassgemeinschaften geworden ist.

5. Im Netz haben sich Gruppen zusammengefunden, die gar keinen Diskurs führen wollen. Sie wollen die demokratische Debatte zerstören.

6. „Gerade bei Hassbotschaften im Internet besteht auf Grund der Breitenwirkung von Angriffen zunehmend eher die Gefahr, dass der demokratische Prozess durch einen Overkill an kommunikativer Aggression beeinträchtigt wird.“

7. „Hassrede hat gesundheitliche, psychische und soziale Wirkungen, die aus Mangel an Wissen darüber in Gerichtsverfahren schlichtweg übersehen werden.“

8. Journalisten werden regelmäßig mit verbalen Angriffen verfolgt.

9. Über die Behandlung von Anonymität im Netz kann nur das Bundesverfassungsgericht selbst verbindliche Auskunft geben.

10. „Seine großen und leider zu seltenen mündlichen Verhandlungen sind oft Lehrstunden für die Republik gewesen.“ (Wolfgang Janisch, SZ 10.10.19)

2572: Emil Nolde – ein großer Künstler und ein übler Nazi

Mittwoch, Oktober 9th, 2019

Den Maler Emil Nolde (1867-1956) hatte ich schon auf der Schule kennengelernt und war begeistert von der Leuchtkraft seiner Bilder. Ich habe ihn nie aus meinem Kopf verloren. 1960 habe ich ihn auf einer Radtour nach Dänemark in Seebüll noch besser kennengelernt. Ich halte ihn auch heute noch für einen der größten Künstler des letzten Jahrhunderts. 1968 brachte Siegfried Lenz (1926-2014) seinen Roman „Deutschstunde“ heraus, der sich vage mit Noldes Leben in Nordfriesland auseinandersetzt. Aber nicht vollständig und systematisch auf der Basis historischer Quellen. Das verfilmte Peter Beauvais 1971 mit Wolfgang Büttner als Maler Nansen (Emil Nolde) und Arno Assmann als Polizist Jepsen. Ein sehr sehenswerter und gelungener Fernseh-Film, der mir heute noch relativ klar vor Augen steht.

In den letzten Jahren hatten meine Frau und ich das Glück, mehrmals im Berliner Noldemuseum in der Jägerstraße Nolde weiter verfolgen zu können. Viele von Noldes Bildern hatten die Nazis als „entartet“ eingestuft und verboten. Nolde war einer der Hauptprotagonisten in der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München. Nun bringt Christian Schwochow einen neuen „Deutschstunde“-Film heraus. Mit Tobias Moretti als Nansen (Nolde) und Ulrich Noethen als Jepsen. Der Film wurde sehr gelobt. Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber ich hoffe, dass er dem letzten wissenschaftlichen Erkenntnisstand gerecht wird. Der besteht ja bedauerlicherweise darin, dass eine Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin (12.4.-15.9.2019) gezeigt hat, dass Emil Nolde ein übler Antisemit und Nazi gewesen ist.  Die Schauspieler sind dazu fähig. Moretti hatte etwa in Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ überzeugend den Ferdinand Marian gegeben, der von Goebbels gezwungen worden war, in Veit Harlans „Jud Süß“ (1940) den Juden zu geben.