Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2600: Darf man in Deutschland alles sagen ?

Montag, November 4th, 2019

Mit dieser Frage befasst sich Charlotte Parnack in der „Zeit“ (24.10.19):

1. „Ausgerechnet heute, wo es mehr Meinung denn je gibt, auf allen Kanälen, rund um die Uhr, soll die Meinungsfreiheit in Gefahr sein? Man könnte es sich nun leicht machen und das Gefühl für abwegig erklären. Das ist es aber gar nicht. Es hat einen logischen Ursprung: Wo es immer mehr Meinungen gibt, gibt es auch immer mehr Gegenmeinungen. Und mit den Standpunkten ist es wie mit Kindern: Je mehr aufeinandertreffen, desto lauter muss der Einzelne sein, um aufzufallen. Und desto grober und schriller.“

2. Elisabeth Noelle-Neuman vertrat die These der „Schweigespirale“. Danach werden Standpunkte seltener geäußert, je mehr sie von der Einschätzung des wahrgenommenen

Meinungsklimas

abweichen.

3. „Neu ist nicht dieser Aushandlungsprozess an sich. Neu ist, wie viele Milieus dabei ihre jeweils eigenen Wahrheiten gegeneinander abgleichen. War man früher dem peinlichen NPD-Onkel allenfalls bei Familienfesten ausgeliefert, prallen heute in sozialen Medien alle Milieus aufeinander. Unentwegt, ungebremst, ungefiltert.“

4. Die Meinungsfreiheit wird von Gerichten neuerdings sehr weit ausgelegt. In einem Urteil des Landgerichts Berlin wurde festgestellt, es sei keine Beleidigung die Grünen-Politikerin Renate Künast ein „Stück Scheiße“ oder eine „Drecksfotze“ zu nennen.

Kommentar W.S.: das ist m.E. ganz falsch.

5. „Die Gesellschaft hat reagiert. Sie hat ihre Reflexe nicht verlernt – sondern verändert. Öffentliche Meinung ist ein Kulturprodukt, das erstritten wird, nicht erschwiegen. Der Attentäter von Halle teilte seinen Hass nur in obskuren Foren. Kaum jemand hatte die Chance zu widersprechen.“

Zusätzlich: Friederike Haupt, FAS 3.11.19; Harald Staun, FAS 3.11.19.

2599: Kampf gegen die „Verrohung der Gesellschaft“

Montag, November 4th, 2019

Das Ausmaß der Verrohung unserer Gesellschaft hat inzwischen ein Ausmaß erreicht, das mir bis vor kurzem unvorstellbar war: politische Morde, Morddrohungen, Hasstiraden und Hetze im Netz, gewalttätiger Antisemitismus, NSU-Morde, usw. Hauptursachen sind die Angst vor sozialem Abstieg, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und die Möglichkeiten, entsprechende Aufrufe im Netz anonym zu platzieren. Die Verrohung kommt weit überwiegend

von rechts (wie schon in der Weimarer Republik), sie ist rechtsextrem.

Dem muss ernsthaft Einhalt geboten werden. Staatsversagen wie beim NSU oder bei Anis Amri (Bund, Länder, Kommunen) können wir uns nicht mehr leisten.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) kündigte den Verfassern der Morddrohungen gegen Cem Özdemir (Grüne) und Claudia Roth (Grüne) die „vollste Härte“ des Rechtsstaats an. „Die hässlichen Drohungen mutmaßlicher Rechtsextremisten gegen Herrn Özdemir und Frau Roth sind unsäglich und ein Angriff auf die freiheitliche Demokratie insgesamt.“ Jeder im Land habe das Recht, „seine Meinung in der politischen Debatte frei zu äußern und ein Mandat auszuüben, ohne Drohungen ausgesetzt zu sein“.

Claudia Roth: Die Todesdrohungen reihten sich ein „in eine lange Liste versuchter Einschüchterungen – gegen Kommunalpolitikerinnen und die Zivilgesellschaft, gegen Jüdinnen und Muslime, gegen Künstlerinnen und Menschen mit Migrationshintergrund“.

Auch Robert Habeck (Grüne) und Mike Mohring (CDU) hatten kürzlich Morddrohungen erhalten.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Eva Högl, unterstrich, dass der Rechtsstaat „mit voller Kraft hinter den Bedrohten“ stehe. Mit einem Maßnahmenpaket habe die Bundesregierung den „Verfolgungsdruck“ gegen die Täter erhöht (Constanze von Bullion, SZ4.11.19).

2595: Peter Handke leugnet die serbischen Kriegsverbrechen.

Freitag, November 1st, 2019

Die Schriftstellerin Jagoda Marinic´zeigt in der SZ (31.10./1.11.19), dass Peter Handke die vom UN-Kriegsverbrechertribunal in den Haag festgestellten serbischen Kriegsverbrechen leugnet, die zwischen 1992 und 1995 von Serben an muslimischen Bosniern begangen worden sind. Die „Mütter von Srebrenica“ verlangen von ihm deswegen, den Literaturnobelpreis zurückzugeben. 1996 erschien in der SZ der einschlägige Handke-Text „Gerechtigkeit für Serbien“, der später in serbischen Zeitungen nachgedruckt worden ist. Der serbische General und Kriegsverbrecher Ratko Mladic hatte von seinen Anwälten verbreiten lassen, einige Massaker hätten die bosnischen Muslime wohl selbst inszeniert, um die Serben als Täter dastehen zu lassen. Die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic bezeichnete Handke 2007 als „Westhure“. Als sie verlangte, dass Handke statt auf die Beerdigung von Slobodan Milosecic mit einer Trillerpfeife zur Gegendemonstration gehen möge, sagte Peter Handke: „Ach, die soll sich ihre Pfeife …“

2594: Wer wird kriminell ?

Donnerstag, Oktober 31st, 2019

Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe. Er arbeitet vor allem als forensischer Gerichtsgutachter. Zum Erscheinen seines neuen Buchs

„Das Böse – Die Psychologie der menschlichen Destruktivität“ (Ecowin), 227 S., 24 Euro,

hat Wiebke Hollersen ihn für „Die Welt“ (26.10.19) interviewt. Vorher halten wir hier einige grundlegende Erkenntnisse fest: 1. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind inzwischen zwei Drittel der Gewaltdelikte Beziehungstaten. 2. In der Regel gibt es ein Ursachenbündel. 3. Mitentscheidend ist die „kindliche Prägung“. 4. Tatsächlich treten häufig die „böse Mutter“ und der „abwesende Vater“ auf. 5. Das Risiko, dass man selbst einmal Täter wird, ist wesentlich höher, wenn man einmal Opfer gewesen ist. 6. Etwa 20 Prozent der Menschen, die einmal Tötungsverbrechen begehen, sind psychisch krank. 7. In wenigen Fällen spielen Alkohol- und Drogeneinfluss eine entscheidende Rolle.

Welt: Wenn wir von einem schweren Verbrechen hören, sagen wir: Der Täter muss gestört sein. Wer so etwas tut, kann nicht normal im Kopf sein.

Haller: Das ist aber ein Fehlschluss. Es können auch ganz normale Gehirne schwere, abnorme Taten hervorbringen. Denken Sie an den Terroranschlag vom 11. September 2001, eines der abnormsten Verbrechen der jüngeren Geschichte, aber die Täter waren offensichtlich erschreckend normal. …

Welt: Sie verweisen oft auf einen Faktor, der in der Kriminologie noch nicht richtig erforscht ist: die Macht der Kränkung.

Haller: Ich halte das für ein Phänomen, das man in der Psychologie völlig unterschätzt hat. Es fängt damit an, dass es keine Diagnose gibt, keine wissenschaftlich anerkannte Definition. Man hält es für eine Kleinigkeit. Aber im Leben spielt es eine enorme Rolle, weil jeder Mensch seine Kränkungen hat, weil wir alle gekränkt sind, aber auch andere kränken. Es wird tabuisiert, gilt als nicht der Rede wert. Das ist für mich das Wesen der Kränkung: Dass es objektiv gesehen eine Kleinigkeit ist, subjektiv aber die Welt bedeuten kann.

Welt: Und man traut sich nicht, darüber zu sprechen.

Haller: Darauf gedeihen Kränkungen. Auf Verdrängung, Tabuisierung. Die Menschen wollen sich nicht lächerlich machen. Wegen so einer Kleinigkeit schläft der Mann nicht! Kränkungen spielen bei vielen, vielen Tötungsdelikten eine enorme Rolle. Bei

Schulamokläufen

ist der einzige Befund, den es bei allen 350 Fällen weltweit gab, dass es vorher zu einer Kränkung gekommen war.

Welt: Das Böse geht aus dem Bösen hervor, haben Sie geschrieben. Lässt sich dieser Kreislauf nicht durchbrechen?

Haller: Ich fürchte nicht. Wo es Licht gibt, muss es auch Schatten geben. Die Philosophen sagen, wenn der menschliche Wille wirklich frei ist, dann muss er sich auch zum Bösen entscheiden können. Die Aggressionsforscher sagen, das Böse ist letztlich eine Vitalkraft. Das Böse wandelt nur sein Gesicht. Die Verbrechen werden inzwischen auch digitalisiert. Mir ist es lieber, wenn jemand seine Aggressionen auf diese Weise auslebt.

2593: Werner Seelenbinder – vor 75 Jahren von den Nazis ermordet

Mittwoch, Oktober 30th, 2019

Die „Werner-Seelenbinder-Halle“ in Berlin kannten wir Sportfans irgendwie alle. Aber wer Seelenbinder gewesen war, wusste nicht jeder. Am 24. Oktober 1944 wurde Werner Seelenbinder von den Nazis im Zuchthaus Brandenburg unter dem Fallbeil ermordet. Geboren worden war er 1904 in Stettin. Aufgewachsen in Berlin, musste er mit zwölf Jahren mit der Großmutter die Familie ernähren, weil die Eltern gestorben waren. 1917 trat er dem Arbeiter-Sportklub Eiche bei und zeigte von Anfang an eine große Begabung im Gewichtheben und Ringen (griechisch-römisch).

Er wurde einer der Großen der Arbeitersportbewegung. Von 1918 bis 1932 gewann er zahlreiche Berliner Titel im Ringen. 1928 trat er bei der ersten Spartakiade in Moskau an. Sein Markenzeichen war sein risikofreudiger Kampfstil und viele technische Finessen. In der DDR wurde er hochverehrt. Bereits 1945 erhielt er ein Ehrengrab auf dem Gelände des Sportparks Neukölln.

Werner Seelenbinder erschien bescheiden und hilfsbereit. Und er war ein unbeugsamer Streiter wider die soziale Diskriminierung der Arbeiter und wurde früh Kommunist. Im Ring glänzte er durch Fairness. Als er 1933 seinen ersten deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht gewann, verweigerte er den Hitlergruß. Dafür wurde er 16 Monate gesperrt und von der Grestapo gefoltert. Vermutlich dadurch geschwächt, erreichte er bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin nur den vierten Platz. 1938 ging seine Sportlerkarriere zu Ende.

Seelenbinder hatte keine Ausbildung und arbeitete als Page, Hausdiener, Transportarbeiter und Hilfstischler. Von 1929 bis 1935 war er arbeitslos. Seine Erfahrungen aus der Sowjetunion nutzte Seelenbinder auf seinen Auslandsreisen als Kurier und Verbindungsmann. 1939 schloss er sich der kommunistischen Widerstandsgruppe um Robert Uhrig an. Die Gruppe flog 1942 auf. Es begann Seelenbinders Weg durch Gefängnisse und Straflager bis zu seiner Ermordung 1944. Mithäftlinge von Seelenbinder berichteten dem Schriftsteller Stephan Hermlin später, er habe trotz schwerster Misshandlungen im Zuchthaus Brandenburg stets an seinen politischen und sportlichen Überzeugungen festgehalten (Fritz Heimann, SZ 24.10.19).

2592: EU dereguliert die Märkte besser als die USA.

Dienstag, Oktober 29th, 2019

1. „Räuberbarone“ wie Rockefeller, Vanderbilt und Carnegie hatten in den USA Ende des 19. Jahrhunderts Märkte monopolisiert und aufgeteilt, Preise manipuliert und die Konkurrenz dezimiert. 1890 kam der „Sherman Antitrust Act“, der mit derlei Missbrauch aufräumte.

2. Nach 1945 lernte Europa in Form der EU, die wesentlich besser ist auf diesem Feld als ihr Ruf.

3. Die EU deregulierte mit Erfolg die Märkte für Airlines, Eisenbahnen, Postdienste und Telefongesellschaften.

4. In der EU können auf diesem Feld die nationalen Regierungen ihre Hände in Unschuld waschen: die EU war schuld. Und der Weg von der Agrarlobby zum Agraminister ist in Brüssel wesentlich länger als zu Hause.

5. Im Europaparlament ist schwerer und umständlicher Einfluss zu kaufen als im US-Kongress.

6. Wahlkampfspenden schlagen in der EU nicht so stark durch wie in den USA.

7. Bei den Airlines ist in den USA die Konzentration dreimal höher als in der EU.

8. Nach 2000 waren in der EU die Bußgelder sechsmal höher als in den USA.

9. Es gilt die klassische Monopoltheorie: Marktmacht ist ein Preistreiber.

10. Die Digitalkonzerne Google, Facebook, Apple und Microsoft schlucken fast täglich kleinere Konkurrenten. Amazon rollt den Einzelhandel auf.

Das zeigt das neue Buch von Thomas Philippon von der New York University: The Great Reversal: How America gave up on Free Markets, das Ende Oktober erscheint. Die EU ist besser als ihr Ruf und nicht in erster Linie ein „Bürokratiemonster“. Das sollten sich vor allem die nationalistischen Rechtspopulisten einmal hinter die Ohren schreiben (Josef Joffe, Die Zeit 17.10.19).

2590: Enttäuschendes Ergebnis bei den Wahlen in Thüringen

Montag, Oktober 28th, 2019

Das Ergebnis der Landtagswahlen in Thüringen ist rundherum sehr enttäuschend.

1. Die Extremen von links (Linke 30 Prozent) und rechts (AfD 24 Prozent) haben in Thüringen 54 Prozent der Wählerstimmen errungen.

2. Rot/Rot/Grün (Linke 30, SPD 8,2, Grüne 5,4 = 43,6) kann nicht weiterregieren.

3. Die politische Mitte hat keine Mehrheit (CDU 22; SPD 8,2; Grüne 5,4; FDP 5,2 = 40,8).

4. Die Grünen, die ansonsten andere Ergebnisse kennen, sind in Thüringen Steigbügelhalter der SED-Nachfolgepartei die Linke.

5. Bei der SPD ist vieles möglich.

6. Die AfD ist in Thüringen völkisch.

7. Die Linke arbeitet mit Ramelow-Tarnung.

2589: Michael Hanfeld über den Fälscher Claas Relotius

Samstag, Oktober 26th, 2019

Der Medienredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) (26.10.19), Michael Hanfeld, ironisiert die Bemühungen des „Spiegel“-Fälschers Claas Relotius, in zwanzig Punkten dem Aufklärer Juan Moreno Fehler in seinem Buch „Tausend Zeilen Lüge“ (hier unter Nr. 2578) Fehler nachzuweisen. Entsprechende Anwälte sind eingeschaltet. Es geht um so wichtige Details, wie die Antwort auf die Frage, ob Relotius Bürotür offen oder geschlossen war etc. Man glaubt es kaum. Anscheinend möchte auch der „Spiegel“, der die Fälschungen im Wesentlichen gedruckt hat, am Ruf Morenos kratzen. Claas Relotius hatte über Jahre mehr als 50 Beiträge ganz oder zum Teil gefälscht.

2588: Antisemitismus – nüchtern betrachtet

Mittwoch, Oktober 23rd, 2019

Die antisemitischen Gewalttaten sind furchtbar. Überall. Weltweit. Für uns war Halle der letzte große Anschlag. Aber es kann jederzeit wieder passieren. Bei dem allgemeinen Bedauern darüber ist eine große Portion

Heuchelei

dabei. Wie immer. Der Antisemitismus in Deutschland nach 1945 hat immer Ausmaße von 20 bis 40 Prozent gehabt. Für die DDR gibt es keine verlässlichen Zahlen. Die Westdeutschen wussten immer, dass sie ihren Antisemitismus am besten verschwiegen. Ich habe bei vielen von ihnen Versatzstücke aus den Filmen „Jud Süß“ (1940) von Veit Harlan und „Der ewige Jude“ (1940) von Fritz Hippler erlebt. Reine Propagandastreifen der Nazis. Der Holocaust mit sechs Millionen Getöteten war in seiner mörderischen Schlüssigkeit einmalig.

Insofern war es doch vollkommen verständlich, dass viele Juden nach 1945 sagten, nach Deutschland kommen wir nie mehr. Aber das darf man als Nicht-Jude nicht sagen, weil es den Verdacht hervorruft, dass man sich über die Nicht-Anwesenheit von Juden in Deutschland freuen würde.

Nach 1945 kamen viele Juden als Displaced Persons nicht aus Deutschland raus. Manche arrangierten sich mit dem Land, in dem die sozialpolitischen Verhältnisse bald besser waren als anderswo. Das zu sagen, ist wiederum politisch nicht korrekt.

Der Antisemitismus ist nicht nur wegen des Holocaust der Kern der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, sondern auch weil er funktioniert wie eine Verschwörungstheorie. Wenn es um irgendeines der vielen Grundübel der Menschen geht, wird sogleich ein geheimes Zentrum davon angenommen. Wer wird das wohl sein?

Wenn Juden heute angesichts des anwachsenden Antisemitismus und Rechtsextremismus Deutschland verlassen wollen, kann man dafür viel Verständnis aufbringen. Auch das darf man nicht, weil es so erscheinen könnte, als freue man sich über den Weggang von Juden.

Lassen Sie uns einen Blick auf die alte These von der deutsch-jüdischen Symbiose werfen.

Ihr Dementi war der Holocaust (Nachum T. Gidal nennt das in seinem Buch „Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik“. Gütersloh 1988, „Die schöpferische Illusion von der deutsch-jüdischen Symbiose“).

Schaut man auf die Beteiligung von Juden an der Entwicklung in Deutschland seit der Aufklärung (der französischen Revolution), so kommt man auf relativ viele Menschen von großem Einfluss. Hier eine oberflächliche, ganz unsystematische und unvollständige Aufzählung. Ich zähle in der Literatur einige Österreicher und Tschechen zur deutschen Literatur:

1. Literatur: Peter Altenberg, Jean Améry, Günther Anders, Rose Ausländer, Hermann Bahr, Vicki Baum, Rudolf Borchardt, Thomas Brasch, Max Brod, Henryk M. Broder, Paul Celan, Alfred Döblin, Carl Einstein, Kurt Eisner, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Erich Fried, Egon Friedell, Ralph Giordano,Yvan Goll, Käte Hamburger, Maximilian Harden, Walter Hasenclever, Heinrich Heine, Stephan Hermlin, Georg Heym, Wolfgang Hildesheimer, Kurt Hiller, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Mascha Kaleko, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Gertrud Kolmar, Karl Kraus, Anton Kuh, Else Lasker-Schüler, Theodor Lessing, Ludwig Marcuse, Franz Molnar, Erich Mühsam, Robert Neumann, Kurt Pinthus, Julius Rodenberg, Franz Rosenzweig, Joseph Roth, Nelly Sachs, Hans Sahl, Felix Salten, Anna Seghers, Manès Sperber, Ernst Toller, Friedrich Torberg, Kurt Tucholsky, Rahel Levin, Herwarth Walden, Jakob Wassermann, Peter Weiss, Franz Werfel, Friedrich Wolf, Karl Wolfskehl, Arnold Zweig, Stefan Zweig.

2. Verlage: die drei ersten großen deutschen Verlage in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die jüdischen Verlage Ullstein, Mosse und Scherl. Später kamen Verleger wie Samuel Fischer und Siegfried Jacobsohn dazu.

3. Politische Theoretiker und Politiker: Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Bruno Bauer, Walter Benjamin, Ludwig Börne, Martin Buber, Moses Hess, Max Horkheimer, Arthur Koestler, Rosa Luxemburg, Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Walter Rathenau.

4. Journalismus: Ludwig Börne, Willy Haas, Maximilian Harden, Siegfried Jacobsohn, Egon Erwin Kisch, Siegfried Kracauer, Karl Kraus, Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki, Julius Rodenberg, Leopold Schwarzschild, Kurt Tucholsky, Herwarth Walden, Theodor Wolff und viele andere.

5. Theater/Theaterkritik: Max Reinhard, Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Siegfried Jacobsohn, Alfred Kerr, Fritz Kortner, Erwin Piscator, Alfred Polgar, Ernst Toller und viele andere (insbesondere Schauspieler und Kabarettisten).

6. Wissenschaft: Alfred Adler, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Albert Einstein, Sigmund Freud, Max Horkheimer, Ernst Kantorowicz, Julius H. Schoeps, Fritz Stern und viele andere.

7. Philosophie: Moses Mendelssohn, Karl Marx, Theodor Lessing.

8. Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer.

9. Im deutschen Film bis 1933 arbeiteten unzählige Juden.

Alles in allem lagen hier sehr große Potenzen, die wir zensiert und weithin selbst aus dem Land getrieben haben.

 

2587: Bundesbank: Rente mit 70

Dienstag, Oktober 22nd, 2019

Die Bundesbank rät der Bundesregierung, bis zum Jahr 2070 schrittweise eine Rente mit beinahe 70 einzuführen. Damit macht sie sich unbeliebt. In Ruhestand gehen kann man dann erst im Alter von 69 Jahren und 4 Monaten. Anders seien der demografische Wandel und die steigende Lebenserwartung für die Rentenkasse nicht zu bewältigen. Für die große Koalition aus CDU/CSU und SPD kommt dieser Vorschlag ungelegen. Sie hat ja noch nicht einmal die Grundrente geregelt. Und kürzlich erst die teure Rente mit 63 eingeführt.

„Trotzdem hat die Bundesbank recht, jede seriöse Rentenkommission wird zu Ähnlichem raten. Wenn die Menschen älter werden, müssen sie auch länger arbeiten. Das Rentenalter schrittweise anzupassen, wie das heute schon geschieht, ist nur fair.“ (Hendrik Munsberg, SZ 22.10.19)