Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2571: Die DDR war ein Unrechtsstaat.

Mittwoch, Oktober 9th, 2019

Cerstin Gammelin (SZ 9.10.19) kritisiert scharf die Versuche der mecklenburg-vorpommerschen Ministerpräsidentin (SPD) und des thüringischen Ministerpräsidenten (Linke), für die DDR den Begriff Unrechtsstaat zu vermeiden:

„Es ist gefährlich, wenn sich Politiker jetzt daran machen, die Definition des Begriffs Unrechtsstaat, der auf die DDR damals zutraf, an die heutigen Bedürfnisse anzupassen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Manuela Schwesig (SPD), Regierungschefin in Mecklenburg-Vorpommern, werfen sich mit heroischer Geste vor ihre ostdeutschen Landsleute und lehnen den Begriff Unrechtsstaat für die DDR ab. Man kann darüber nur staunen. Glauben sie wirklich, dass sie mit dieser absurden Beschützergeste den Bürgern im Osten helfen, ja neue Wähler gewinnen?“

Im Osten habe eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem real existierenden Sozialismus nie stattgefunden.

„Es liegt auch an diesem Versäumnis, dass der AfD im Osten das Unfassbare gelungen ist, die friedliche Revolution teilweise für sich zu kapern. Wer nur gelernt hat, in radikalen Strukturen zu denken, der schwenkt eher von ganz links nach ganz rechts als zur demokratischen Mitte. Man beschmutzt also nicht die Bürger im Osten, wenn man die DDR einen Unrechtsstaat nennt.“

 

2568: Der nette Nazi von nebenan

Dienstag, Oktober 8th, 2019

Die Landflucht bringt es mit sich, dass es in Deutschland auf dem Land immer mehr freie Flächen, leerstehende Bauernhöfe und Häuser gibt. Da ziehen auch Nazis hin, „Identitäre“ und rechte Ökologen. Das belegen Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem Buch

„Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“. Berlin (Christoph Links) 2019, 208 S., 18 Euro.

Wie viele es sind, ist dort nicht geklärt. Dafür aber, dass es ihnen um „politische Raumgewinnung für antiemanzipatorische und antihumanistische Ressentiments“ geht. Sie denken nicht von Wahlperiode zu Wahlperiode, „sondern in viel größeren Zeiträumen. Es geht ihnen um eine nachhaltige politische Wende.“ Aufgeräumt wird mit dem Vorurteil, dass es einen Widerspruch gebe zwischen Rechtsextremismus und ökologischer Lebenseinstellung. Schon bei den Nazis haben Natur-, Umwelt- und Heimatschutz eine sehr große Rolle gespielt.

„Wenn völkische Siedler Bauernhöfe in ländlicher Region kaufen, Vieh artgerecht und ökologisch halten, sich in der Gemeinschaft nützlich machen, Schulen aufbauen und sich aktiv in Elternvertretungen, im Waldschutz und in Umweltinitiativen engagieren, schlüpfen sie also keineswegs in den Schafspelz, um andere zu täuschen, sie leben vielmehr eine der Blut- und Bodentradition und völkischem Brauchtum verbundene Einstellung.“

Und plötzlich wohnen freundliche Nazis in unserer Nachbarschaft. Sie sind hilfsbereit und kümmern sich um Alte. Sie wenden sich gegen „Überfremdung“. Das wirkt vielleicht anfangs noch harmlos und unverfänglich, ist aber dem höheren Ziel der rassischen Gesellschaft untergeordnet. Kunst, Literatur, Musik und Theater gelten ihnen als „kulturelle Mittel zur völkischen Platzgewinnung im vorpolitischen Raum“. Sie nehmen an Veranstaltungen von Pegida und AfD teil. Es ist bisweilen von einer „Rückeroberung“ die Rede. Und es gibt den Hinweis, dass leere Gehöfte und örtliche Kameradschaften vorrätig seien und dass es nur einer Führung bedürfe (Angelika Benz, SZ 7.10.19).

2567: Wem nützt Homöopathie ?

Montag, Oktober 7th, 2019

20 Millionen zahlen die gesetzlichen Kassen jedes Jahr für homöopathische Mittel. Dabei sagt die Wissenschaft, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus keine Wirkung hat. Seit der Neuregelung der Kassenleistungen 2012 gibt es die entsprechende Erstattung. Die Idee dafür war ökonomisch. Der Wettbewerb zwischen den Kassen sollte gestärkt werden. Die Folge war, dass fast alle Kassen die Erstattung homöopathischer Präparate einführten. Der Schaden ist immens, wenn Kassenchefs der Homöopathie einen Glaubwürdigkeitsbonus durch die Erstattung geben.

Fälle wie der Tod eines homöopathisch behandelten Siebenjährigen in Italien 2017 sind zwar selten, aber in HNO-ärztlichen Praxen ist zu sehen, dass Kinder mit einer homöopathischen „Therapie“ vertröstet und somit unnötig verlängertem Schmerz ausgesetzt werden. Es gilt doch das „primum non nocere“. Eine Gesundheitspolitik, die sich wider alle Fakten von einer vermeintlichen Beliebtheit der Homöopathie beeinflussen lässt, trägt zudem eine Mitverantwortung für die Zunahme von Wissenschafts- und Faktenferne in der Bevölkerung und damit zum Beispiel zur „Impfskepsis“. Letztlich wird die Ehrlichkeit und Redlichkeit gegenüber den Patienten preisgegeben (Christian Lübbers, Die Zeit 26.9.19).

2565: Martin Lauer ist gestorben.

Montag, Oktober 7th, 2019

1959 stellte Martin Lauer (ASV Köln) einen neuen deutschen Rekord im Zehnkampf auf mit 7.955 Punkten. Im gleichen Jahr lief er im Züricher Letzigrund über 110 m Hürden Weltrekord mit 13,2 Sekunden. Und er gewann bei den Olympischen Spielen 1960 im Stadio Olimpico in Rom mit Walter Mahlendorff, Manfred Germar und Armin Hary die Goldmedaille über 4 x 100 m in Weltrekordzeit. Eine große, aber wegen Krankheit kurze, steile Karriere. Danach war er als Schlagersänger erfolgreich. Nun ist er im Alter von 82 Jahren gestorben (SZ 7.10.19).

2564: Die Widerspruchslösung widerspricht der Würde des Menschen.

Sonntag, Oktober 6th, 2019

Bei der Organspende besteht die Widerspruchslösung, die Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) vorschlägt, darin, dass mir ein Organ oder Organe bei meinem Tod entnommen werden dürfen, wenn ich vorher nicht rechtzeitig widersprochen habe. Dabei werden die Fundamentalfragen der Menschenwürde und der Totenruhe berührt. Der Staat darf nicht mein Nicht-Handeln vor dem Tod als Bequemlichkeit bezeichnen und beiseiteschieben. Ein staatlicher Zwangsakt in dieser Angelegenheit passt nicht zu dem Wort „Spende“. Der Staat denkt auch nicht daran, einen Teil des Vermögens eines Verstorbenen zu konfiszieren, um es dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zur Verfügung zu stellen.

„Der Staat darf mir meinen Körper nicht wegnehmen, er darf es noch sehr viel weniger, als er Grundstücke enteignen darf.“

Der Mensch gehört sich selbst, nicht der Gesellschaft, nicht dem Staat. „Es ist nicht hoch genug zu würdigen, es ist Selbsthingabe, wenn ein Mensch im Fall des Hirntodes bereit ist, Organe zu spenden, um einem anderen, der ihm in der Regel fremd ist, das Leben zu retten. Aber dieser Rettungsakt darf nicht dekretiert werden.“ Und Schweigen ist keine Zustimmung. „Es wäre .. die Umkehrung jeglichen Rechtsverständnisses, wenn man gezwungen würde, das Normale, das Selbstverständliche, also die Achtung vor Integrität, Unantastbarkeit und Sebstbestimmung durch eine Erklärung erst sicherstellen zu müssen.“

Jeder Mensch hat das Recht, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden mit Bildern, in denen die Entnahme seiner Organe gezeichnet wird. Menschen dürfen feige sein. Es ist ihnen erlaubt,  Auseinandersetzungen über die Organspende auszuweichen. „Es ist ein Gewaltakt, Menschen unter Druck zu setzen, sich Vorstellungen von Explantationen und Amputationen an seinem beatmeten sterbenden Leib auszusetzen.“ (Heribert Prantl, SZ 5./6.10.19)

Die Widerspruchslösung widerspricht der Würde des Menschen (Art. 1 GG).

2563: Die falsche Idylle von der Einfachheit

Samstag, Oktober 5th, 2019

1. Der erste, der in unserer Hinsicht in die Irre ging, war der US-amerikanische Schriftsteller David Henry Thoreau. 1845 baute er sich bei Concord eine Hütte und zog sich von der Zivilisation zurück. Fortan beobachtete er Eichhörnchen und lauschte dem Quaken der Ochsenfrösche. Immerhin schrieb er darüber den Welt-Bestseller „Walden oder das Leben in den Wäldern“. Was Thoreau besonders verachtete, waren Zeitungen. All dieses News-Gewäsch.

2. Zu Zeiten von Donald Trump sind die Thoreau-Fans zurück. Sie beklagen sich über das Medien-Spektakel der Sinnlosigkeit und ziehen sich in ihren Behaglichkeitskosmos zurück.

3. Der deutsche Schriftsteller Botho Strauß ekelt sich erkennbar vor der Penetranz des Populären und pflegt seine „Aristokratie des Beisichseins“.

4. Mancher neue Lebens-Philosoph lobt die Freuden der Gartenarbeit und verachtet den Selfie-Tourismus.

5. Rolf Dobelli liest seit zehn Jahren keine Zeitungen mehr und schaut kein Fernsehen. Das mache krank, dumm und traurig.

6. All diese Frustrierten haben das Recht auf ihre Meinungen und die Verfolgung ihrer Interessen. Aber sie haben der Gesellschaft nichts zu bieten. Die Egozentriker der neuen Einfachheit sind mal elitär und mal romantisch. Aber die Stoßrichtung ihrer Lösungssuche ist das Loblied auf die Vereinzelung. Sie wollen keine gesellschaftliche Lösung. Auf der Suche nach dem Seelenfrieden gebärden sie sich als Seher.

7. Dabei treten drei Grundprobleme zutage: a) das Problem der Masse der Informationen, b) die nicht immer gegebene Qualität der Nachrichten, c) wie lässt sich das Verhältnis von Information und Aktion, von Wissen und Handeln sinnvoll neu bestimmen angesichts der riesigen öffentlichen Probleme (etwa Klimawandel, Digitalisierung, Bekämpfung des simplifizierenden Populismus).

8. Die Informations-Spießer und die Philosophen der asozialen Einsamkeit machen es sich zu einfach: sie leugnen das Dilemma zwischen Auswahl und Dosierung von Informationen einerseits und Ignoranz und Indifferenz andererseits.

(Bernhard Pörksen, SZ 2./3.10.19)

9. Die gegenwärtige Welt ist hochkomplex und kann nur auf dieser Ebene treffend analysiert werden.

10. Dafür sind wir selbst verantwortlich.

2561: Wahl und Regierungsbildung in Thüringen

Freitag, Oktober 4th, 2019

Wir haben uns daran gewöhnt, dass nach knappen Mehrheiten bei Wahlen bisher ungewohnte Koalitionen gebildet werden. Z.B.

„Kenia“ (CDU, SPD, Grüne)

wie in Sachsen-Anhalt. So könnte es auch in Brandenburg und Sachsen kommen. Besonders schwierig wird die Regierungsbildung möglicherweise nach den Landtagswahlen (27.10.19) in Thüringen. Dort regiert seit fünf Jahren Rot-Rot-Grün unter Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Die Koalition hat eine Stimme Mehrheit. Das hat schon häufiger zu ungewohntem Verhalten innerhalb und außerhalb des Parlaments geführt.

Um die Spitze konkurrieren in Thüringen die Linke und die CDU. Gegenwärtig (4.10.19) liegt die Linke vorne, was ihr aber wenig nützen könnte, wenn die FDP in den Landtag einzieht. Die pendelt in den Umfragen verlässlich zwischen den beiden Seiten der Fünf-Prozent-Marke. Mit Björn Höcke (AfD) möchte keiner koalieren. Ins Gespräch gebracht wurde zuletzt auch

„Simbabwe“ (CDU, SPD, Grüne, FDP).

Eine andere Empfehlung hat Ex-Bundespräsident Joachim Gauck (früher: SPD) ausgesprochen:

CDU und Linke

(Cornelius Pollmer, SZ 4.10.19).

2560: Cheerleaders abschaffen ?

Donnerstag, Oktober 3rd, 2019

Es musste so kommen. Und es ist so gekommen. Der Basketball-Bundesligist Alba Berlin schafft seine Cheerleaders ab. „Bei unseren Heimspielen ist der Eindruck entstanden, dass Frauen bei Alba vor allem für die tanzende Pausenunterhaltung zuständig sind, während Männer Basketball spielen.“ Alba will also keine zu besichtigenden Sexualobjekte mehr und dem männlichen Voyeurismus keinen Vorschub leisten. Der Verein greift hier gewissermaßen ein, um der Verbreitung sexistischer Stereotype Einhalt zu gebieten. Das liegt im Zug der Zeit und wird gewiss Zustimmung finden.

Ich bin häufig genug bei Albas Heimspielen, um das Phänomen aus eigener Anschauung beurteilen zu können.

Johanna Dürrholz (FAS 29.9.19) nennt einige Gegenargumente, falls sie als solche überhaupt anerkannt werden dürfen. Etwa: „Warum nicht einfach Menschen tanzen lassen?“ Dürrholz verweist auf den geplanten Pausenauftritt von Jennifer Lopez und Shakira beim Superbowl 2020. Da sind gewiss genug Donald Trump-Wähler anwesend. „Der Verdacht liegt nahe, dass die Cheerleaderinnen zwar nicht nur, aber eben auch gerade deswegen bei männlichen Fans beliebt sind, weil sie so toll aussehen …“ Ja, tatsächlich?

Dürrholz findet, dass Frauen selbst entscheiden können, ob sie einen Cheerleader-Auftritt mitmachen oder nicht. „Allein, das ist ihr Bier. Ihre Entscheidung. Ihr Körper, ihr Leben, ihr Sport, ihre Präsentation des Ganzen. Und wenn sie es vielleicht sogar schön finden, dass einige Männer (und Frauen) sie sexy finden, na und? Ist es Sache des Vereins, darüber zu richten.?“

Alba: „Wir wollen zukünftig noch stärker fördern, dass Frauen im Basketball als Spielerinnen sichtbar und zu Vorbildern werden.“

Dürrholz meint, dass es allein die Sache der Frauen ist, „wie sie aussehen und tanzen und ob sie dabei einem – auch das kann man feststellen – recht heteronormativen und durch den meist männlichen Blick sexualisierten Bild von Weiblichkeit entsprechen wollen. Niemandem, vor allem keiner Sportlerin, ist geholfen, wenn Männer oder Vereine oder die Gesellschaft jetzt wieder Frauen vorschreiben, was sie zu tragen, wie sie sich zu geben haben. … Emanzipation sieht anders aus.“

Halt!

Wir leben ja in einer Zeit, in der die Mehrheit der Gesellschaft beschlossen hat, dass wir LGBTTI eine ernste Chance geben müssen. Weil es den Bedürfnissen vieler Individuen entspricht. Damit sind nicht alle einverstanden, aber eine große, seriöse gesellschaftliche Mehrheit. Und damit fangen wir erst an.

M.E. gibt es nur einen Punkt, an dem sich klären lässt, was in einem Fall wie dem Albas angesagt ist. Nämlich den, ob durch die Abschaffung von Cheerleadern gefährdet wird, dass Frauen und Männer aneinander Gefallen finden und sich zusammentun. Diese uralte Übung (eine sehr schöne und bewährte) ist aber – zum Glück – unverrückbar und nicht wegzukriegen. Und wer sich einen klaren Blick bewahrt hat, erkennt, dass die heteronormativen Strukturen die Gesellschaft heute noch klar dominieren.

Deswegen können Cheerleaders ruhig abgeschafft werden.

Meinetwegen hätten sie bleiben dürfen.

2559: „Spiegel“-Korrespondent Ulrich Schwarz – Kronzeuge in der DDR

Mittwoch, Oktober 2nd, 2019

Seit der „Spiegel“-Affäre 1962 (und der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 1966) hatte „Der Spiegel“ einen sehr guten Ruf als investigatives Nachrichten-Magazin (ganz anders als zu Zeiten von Claas Relotius und Rafael Buschmann). Auch für Berichte aus der DDR. Korrespondent dort war

Ulrich Schwarz.

Er hatte 1987 einen Verkehrsunfall mit seinem Volvo auf der Fahrt nach Rostock, weil er bewusstlos geworden war. Das war ihm nie vorher und ist ihm nie nachher passiert. Kaum war Schwarz in der Klinik, rief auch schon die Stasi an: ob er transportfähig sei? Es ist bis heute nicht geklärt worden, ob der Unfall von Schwarz ein Anschlag der Stasi gewesen ist. Vorstellbar ist das. 1983 kam der DDR-Fußballnationalspieler

Lutz Eigendorf,

der in den Westen gegangen war, bei einem Autounfall in Braunschweig ums Leben.

Bereits 1978 war das „Spiegel“-Büro in Ost-Berlin geschlossen und Ulrich Schwarz des Landes verwiesen worden. Sieben Jahre lang durften keine „Spiegel“-Mitarbeiter in die DDR einreisen. Erst dann war Schwarz wieder da. Er wurde engmaschig von der Stasi überwacht, aber seine Akte war erstaunlich dünn (das kennen andere DDR-Experten). „Die nassen Sachen hat die Stasi als erstes vernichtet.“ Das waren Morde, Anschläge, alles Kriminelle.

In der Berichterstattung wandelte Schwarz auf dem schmalen Grat zwischen diplomatischen Dienst und journalistischem Anspruch. Er hatte sehr gute Kontakte zu Kirchenleuten, etwa dem Pfarrer Rainer Eppelmann (später CDU) und der Witwe von Robert Havemann. Seine Arbeit erschloss sich den Kollegen im Westen nie wirklich. Weil er seine Quellen entschlossen geheimhielt, waren manche seiner Texte relativ unkonkret. So erschien ja vielen im Westen der Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Schwarz reiste, ohne jemand zu fragen, zur großen Demonstration der Bürgerrechtsbewegung am 9. Oktober 1989 nach Leipzig. Dort skandierten 70.000 Menschen „Wir sind das Volk.“ Schwarz gelangte an ein von den Bürgerrechtlern selber gedrehtes Video über die Demo. Er schmuggelte es nach West-Berlin. Am nächsten Tag lief es in den „Tagesthemen“. Das konnten DDR-Bürger sehen. Eine Woche darauf trat Erich Honecker zurück. Einen Monat später ging die Mauer auf (Annette Ramelsberger, SZ 2./3.10.19).

 

2558: Der Fall Kashoggi

Mittwoch, Oktober 2nd, 2019

Vor einem Jahr wurde der saudi-arabische Publizist

Jamal Kashoggi

im Konsulat seines Landes in Istanbul ermordet. Der Mord „war von langer Hand geplant – und es gibt stichhaltige Beweise dafür, dass der Staat Saudi-Arabien dafür die Verantwortung trägt, insbesondere Kronprinz Mohammed bin Salman“ (Dunja Ramadan, SZ 2./3.10.19).

Kashoggi arbeitete daran, die weithin uninformierten arabischen Menschen über die Politik ihrer Länder ins Bild zu setzen, es fehlt dort vollständig an

Meinungsfreiheit.

Deswegen galt er der saudischen Führung als „Volksverräter“, sie denunzierte ihn als Interessenvertreter der schärfsten Gegner Saudi Arabiens: Iran, Katar und der Muslimbrüder. Da kommt man leicht zu Tode. Und, ob wir es wollen oder nicht, der Westen trägt das Verhalten der Saudis mit. Auch wenn Saudi Arabien seine führende Rolle in der Ölversorgung der Welt verloren hat. Insbesondere die USA unter Donald Trump. Europa schaut – wieder einmal – zu. Die Bundesregierung hat zwar einen „Rüstungsexport-Stopp“ (eine insgesamt politisch sehr fragwürdige Maßnahme) erlassen, tut aber zu wenig dafür, dass die arabische Welt demokratisiert und zivilisiert wird (übrigens: die Hauptgegner der Saudis, die iranischen Mullahs, sind auch nicht besser, sie unterstützen den syrischen Potentaten Assad, eine Bürgerkriegspartei im Jemen und bekämpfen Israel). Die arabische Zivilgesellschaft schreit nach Hilfe, nach Sanktionierung von Menschenrechtsverletzungen. Die Zivilgesellschaft in der Region hört vom Westen die zynische Botschaft, sie setze sich zwar wie wir für die Menschenrechte ein, aber bei ihrer Durchsetzung könnten wir ihr leider nicht helfen.

Das ist moralisch unmöglich.