Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2704: CDU-Vorsitzende gegen Zölibat

Sonntag, Februar 2nd, 2020

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer spricht sich gegen den Zölibat aus. Das könne helfen, „mehr Menschen für diesen Dienst zu begeistern“. „Die Lebensentscheidung, ohne Familie zu leben, ist für viele eine zu große Hürde.“ Zudem wünsche sie sich „viel mehr Frauen in der Kirche“. In einem „ersten Schritt“ sollten deswegen Frauen als Diakoninnen zugelassen werden. Annegret Kramp-Karrenbauer ist Mitglied im Zentralkomitee deutscher Katholiken (AFP, FAS 2.2.20).

Das ist nicht der einzige gute Vorschlag von Frau Kramp-Karrenbauer. Auch wenn sie rhetorisch nicht brilliert und kein Englisch kann, ist sie die beste Unions-Kanzlerkandidatin. Sie spaltet nicht. CSU-Kandidaten sind, wie mehrere Bundestagswahlen gezeigt haben, nicht als Kandidaten für ganz Deutschland geeignet. Und Friedrich Merz spaltet. Wenn er Kanzlerkandidat wird, kriegt die Union meine Stimmen nicht.

2703: Alfred Grosser 95

Samstag, Februar 1st, 2020

1933 musste der jüdische Arztsohn mit seinen Eltern nach Frankreich emigrieren. Er fühlte sich bald als Franzose. Er studierte Germanistik und ging in den Untergrund. Nach 1945 widmete er sein Berufsleben der deutsch-französischen Aussöhnung. Ab 1956 am Pariser Institut Sciences Po, das er später zwanzig Jahre leitete. Schon in seinem ersten Buch 1953 unterstrich er, dass die Deutschen nicht nur aus Nazis bestanden hatten, sondern auch aus Antifaschisten, Exilanten, Widerstandskämpfern und Opfern. Dabei war Grosser in seinen Aussagen stets völlig klar und unmissverständlich. Der überzeugte Europäer kritisierte Israels Regierung wegen ihrer völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik. In seinen Memoiren bezeichnete er sich als gar nicht unglücklichen Sisyphus. Im Gegensatz zu Albert Camus betonte er, dass der Stein nie ganz bis unten zurückrolle. Alfred Grosser wird heute 95 Jahre alt (Joseph Haniman, SZ 31.1.20).

2702: Evonne Goolagong statt Margaret Court ?

Freitag, Januar 31st, 2020

Margaret Court (früher: Smith), 77, ist 24-malige Grand Slam-Siegerin. Nach ihr ist bei den Australian Open in Melbourne ein Platz benannt. Dort hat sie besonders häufig gewonnen. In diesem Jahr wurde sie dafür speziell geehrt. Trotzdem gab es Protest und die Forderung, den Margaret Court-Platz in „Evonne Goolagong Arena“ umzubenennen. Evonne Goolagong hat indigene australische Wurzeln. Sie hat sieben Mal einen Grand Slam gewonnen. Sie ist nach Meinung von Martina Navratilova, 63, und John McEnroe, 60, beide mehrfache Wimbledon-Sieger, eine weitaus würdigere Namensgeberin für einen Platz in Melbourne als Margaret Court. Diese hat in Perth eine freikirchliche Gemeinde gegründet und ist durch Polemiken gegen gleichgeschlechtliche Ehen, gegen die LGBTQ+Community und religiös motivierte, homophobe Predigten aufgefallen (Barbara Klimke, SZ 29.1.20).

2701: Werde ich durch Bildung ein besserer Mensch ?

Mittwoch, Januar 29th, 2020

Mit dieser Frage beschäftigt sich sehr kundig Jan Ross, Journalist bei der „Zeit“ (16.1.20), für die er u.a. längere Zeit aus Indien berichtet hat:

1. Macht Bildung uns zu besseren Menschen?

2. „Wir alle kennen belesene, kunstsinnige und intellektuell brillante Wichtigtuer, Egoisten oder Zyniker.“

3. Bildungsdünkel grenzt „die da unten“ und „die da draußen“ aus.

4. Ein gebildeter (Geistesbildung) und guter (Herzensbildung) Mensch zu sein, hängt nur sehr bedingt miteinander zusammen.

5. Wir Deutschen, das „Volk der Dichter und Denker“, haben das schlimmste völkerrechtliche Massenverbrechen begangen, den Holocaust.

6. „Die Hoffnung auf Bildung als historische Fortschrittsenergie, aber auch schlicht als Garantie menschlicher Anständigkeit und Zivilisiertheit, scheint durch die Erfahrung gründlich widerlegt.“

7. Dass Bildung moralische Kraft besitzt, ist aber keine komplette Illusion. Den Imperialismus charakterisiert Joseph Conrad in seiner 1899 erschienenen Erzählung „Herz der Finsternis“. 1979 hat Francis Ford Coppola daraus den Film „Apocalypse Now“ gemacht.

8. „Geisteswerke schicken uns auf intellektuelle Abenteuer und machen uns mit außerordentlichen Frauen und Männern bekannt (…). Sie brechen den Käfig unserer Routine und Beschränktheit auf, sie erweitern unser Einfühlungsvermögen und unsere moralische Fantasie. Bildung ist das Gegenprogramm zu einer Mentalität, die satt und träge um sich selbst kreist. Zum geistigen und seelischen Daumenlutschertum. Zum Narzissmus.“

9. Für die britische Schriftstellerin George Eliot (Mary Ann Evans) ist „Kunst“, „die Sache, die dem Leben am nächsten kommt; sie ist ein Weg, die Erfahrungen zu mehren und unseren Kontakt mit unseren Mitmenschen über die Grenzen unserer persönlichen Bekanntschaft hinaus auszuweiten“ (1856).

10. Heute ist an die Stelle der Klassengesellschaft eine Blasengesellschaft getreten, ein Nebeneinander verschiedener Peergroups und Milieus, die sich bestens darauf verstehen, „sich in ihren Lieblingsvorstellungen behaglich einzurichten und das Unerfreuliche draußen zu lassen“.

11. Bildung beruht auf der Relativierung unserer Vorlieben und unserer Selbstgenügsamkeit, sie steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass wir das „Maß aller Dinge“ seien.

12. Wir können selbst herausfinden, dass viel gepriesene Werke nichts taugen oder dass sie uns nichts sagen.

13. „Der schlimmste Feind – der wahre Gegenspieler – des gebildeten Menschen ist nicht der Barbar: Es ist der Spießer, der alles auf sich bezieht, alles schon zu wissen meint und selbstzufrieden in seinem Denken und Dasein ruht.“

14. Sigmund Freud hat die großen Kränkungen benannt, welche die Psychoanalyse (Wir sind nicht die Herren im eigenen Haus.) und große wissenschaftliche Erkenntnisse wie der Heliozentrismus (Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt.) und die Evolutionstheorie (Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.) darstellen.

15. Ein zentraler Bestandteil von Bildung ist die Fähigkeit zur Bewunderung. „Bewunderung macht nicht klein. Ebenso wie Achtung oder Verehrung hat sie nichts mit Unterwürfigkeit zu tun und nichts mit Gehorsam; man schuldet sie niemandem und keiner Sache, sie wird freiwillig gegeben. Sie ist ein Ausdruck innerer Größe: davon, dass man gelten lässt und gönnen kann.“

2700: Was ist Bildung ?

Dienstag, Januar 28th, 2020

Die US-amerikanische Historikerin Lorraine Daston, 68, hat das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte geleitet. Sie gibt uns ihren Begriff von Bildung:

„Für mich ist das Wort ein Fremdwort. Und ein sehr deutsches Wort. Bildung kommt von Abbildung – und bis Ende des 18. Jahrhunderts war damit wirklich nur ein Bild gemeint. Erst durch Goethe hat das Wort die Bedeutung von

‚gestalten, sich formen‘

angenommen. Es bleibt bis heute sehr von der deutschen Tradition der Romantik und des Individualismus geprägt. Anders als das englische ‚education‘ oder ‚upbringing‘ hat der Begriff Bildung keine kollektive Dimension.“ (Die Zeit 16.1.20)

2699: Paul Celan – rätselhaft, widersprüchlich und fremd

Montag, Januar 27th, 2020

Briefe waren für Paul Celan (1920-1970) sehr wichtig. Uns können sie zum Verständnis dienen. Neben anderen sind in der letzten Zeit Celans Briefwechsel mit Nelly Sachs (1993), Gisèle Celan-Lestrange (2001), Ilana Shmueli (2004), Peter Szondi (2005) und Ingeborg Bachmann (2008) erschienen. Eine faszinierende Lektüre, die uns allerdings nicht immer aufklärt. Nun ist ein neuer Band erschienen:

Paul Celan: „Etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934-1970. Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin (Suhrkamp) 2019, 1.286 S., 78 Euro.

Bei insgesamt 691 Briefen enthält er 330 „Erstdrucke“. Helmut Böttiger (SZ 27.1.20) bestreitet das, er sieht den ganzen Band kritisch. Je mehr wir über Paul Celan erfahren, desto widersprüchlicher und rätselhafter wird sein Bild. Ja, sagen wir es offen, dass der Dichter aus Czernowitz uns in mancher Hinsicht fremd bleibt. Sein Judentum war nicht religiös und mystisch, sondern ganz auf zeitgeschichtliche Erfahrungen gegründet. Von 1940 bis 1945 hatte Celan den Nazi-Terror in der Bukowina miterlebt. Er überlebte in einem Arbeitslager. Seine Eltern wurden von den Nazis ermordet.

Celans weiterer Weg führte ihn über Bukarest und Wien nach Paris (1948), wo er auch als Übersetzer tätig war. Seine poetischen Wurzeln lagen bei Stefan George, Georg Trakl und, vor allem, bei Rainer Maria Rilke. Bei den „Obergefreiten“ der Gruppe 47 fand er 1952 in Niendorf/Ostsee kein Verständnis, als er die „Todesfuge“ vorlas. Bei der Gruppe 47 war Celan danach nie mehr. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1979 bei der Analyse von Marvin Chomskys Hollywood-Fernseh-Serie „Holocaust“ meinen Studenten die „Todesfuge“ vorgelesen habe.

Schwer verständlich sind manche Züge Celans. So traf er sich 1967 zum ersten Mal mit Martin Heidegger, der Celans Gedichte studiert hatte. Gemeinsam wanderten sie nach Todtnauberg. Celan galt als Linker. Aber kaum in dem westeuropäischen Sinn von 1968. Celan wechselte Briefe mit Rolf Schroers, der im Zweiten Weltkrieg die „Abwehr“ von Partisanen in Italien kommandiert hatte. Unter dem Antisemitismus litt Paul Celan am meisten. Das kommt uns heute wieder verständlicher vor.

Helmut Böttiger kritisiert die Briefauswahl Barbara Wiedemanns als zu willkürlich. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie 2020 „Paul Celan – ein Leben in Briefen“ herausbringen will. Ob die Herausgeberin dabei nach Böttigers Meinung stets die „spezifische Dynamik“ des Verhältnisses von Ingeborg Bachmann und Paul Celan erfasst, muss offen bleiben. Celans zahlreiche Liebesbeziehungen sind für manche wohl zu fremd. Im neuen Band wird erstmals die Beziehung zu Inge Waern erwähnt, einer Freundin von Nelly Sachs. Ihretwegen hatte Celan 1964 anscheinend seine Übersiedlung nach West-Berlin erwogen. An den DDR-Lyriker Erich Arendt schrieb Celan: „Ich sagte Ihnen schon, wie einsam wir sind; wir sind es auch mit unseren Vorstellungen vom Arbeiten und Leben.“ (Oliver Jungen, FAZ 21.12.19; Eberhard Geisler, taz 6.1.20)

2698: „Der Verrat des ADAC“

Sonntag, Januar 26th, 2020

Der ADAC vertritt 21 Millionen Mitglieder. Er ist die stärkste Interessenvertretung von Autofahrern in Deutschland. Seit langem hat er die Vorstöße für ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen abgelehnt. Nun ändert er seine Position vor dem 58. Verkehrsgerichtstag in Goslar. Er ist nicht mehr grundsätzlich gegen ein Tempolimit, weil seine Mitglieder dazu etwa fifty-fifty stehen. Der ADAC fordert eine Versachlichung der Diskussion und spricht sich für eine umfassende Studie aus. „Diese würde eine belastbare Entscheidungsgrundlage liefern.“ Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass durch ein Tempolimit die Zahl der Verkehrsunfälle zurückgehe und der CO 2-Ausstoß verringert werde.

Der Autoherstellerverband VDA lehnt ein Tempolimit ab.

Deutschland ist das einzige Land in der EU, in dem kein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen gilt. Überall sonst gibt es Begrenzungen zwischen 120 und 130 km/h. Als bei einem Test 2012 auf einem 63 km langen Abschnitt in Brandenburg das Höchsttempo 130 km/h eingeführt wurde, sank dort die Anzahl der Unfälle und Verletzten um 50 Prozent. Für ein Tempolimit von 130 km/h sind die SPD, ihre Umweltministerin Svenja Schulze, Umweltorganisationen und die Polizeigewerkschaften (Markus Balser, SZ 25./26.1.20).

Dazu schrieb der Chefredakteur der „Welt“ und Porschefahrer Ulf Poschardt: „Der Verrat des ADAC.“ (Welt 25.1.20)

2697: Kretschmanns Rechtschreibung

Samstag, Januar 25th, 2020

Die Grünen sind so erfolgreich beim Wähler (24 Prozent bei der Sonntagsfrage) und ihre Führung macht anscheinend so wenig Fehler, dass mancher, der ihnen am Zeuge flicken will, sich auf Nebenkriegsschauplätze begibt, um sie dort zu bekämpfen. Etwa die Äußerungen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried

Kretschmann zur Rechtschreibung.

Der Deutschen Presse-Agentur hat er gesagt: „Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir ja heute nur noch selten handschriftlich schreiben.“ Es gebe ja „kluge Geräte“, um Grammatik und Fehler zu korrigieren. Insgesamt glaube er nicht, „dass Rechtschreibung jetzt zu den großen gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört“. Dabei denkt mancher gewiss daran, dass Kretschmann Lehrer für Biologie und Chemie war. „Ein einfacher Naturwissenschaftler“, wie einige meinen. FAMU in der „Süddeutschen Zeitung“ (25./26.1.20) nimmt das Ganze gelassen.

Anders Jacques Schuster in der „Welt“ (25.1.20). Für ihn ist Kretschmanns Argumentation „abenteuerlich“. Nähme man sie ernst, brauchte kein Schüler mehr rechnen oder Fremdsprachen zu lernen, Romane zu lesen oder unsere Geschichte zu kennen. „Es gibt doch Wikipedia“.

„Schulfach für Schulfach ließe sich auf diese Weise umkrempeln. Am Ende verließen nicht Schüler die Schule, sondern Trottel. … Trotzdem ist Kretschmanns Gedanke zu bedrohlich, um sich darüber lustig zu machen. Er steht für die breite Neigung der Politik, die Digitalisierung in der Schule zum Allheilmittel zu erklären und mehr über die Anschaffung von Laptops zu reden als über die Inhalte, die mit ihrer Hilfe vermittelt werden sollten.

Soziale Tugenden und grundlegende Kulturtechniken wie Texterschließung, Rechtschreibung und logisches Verständnis bleiben die Voraussetzung für den Bildungserfolg. Mehr als das: Sie sind die Grundlage für die Persönlichkeitsbildung und Urteilsfähigkeit und damit die Voraussetzung dafür, dass der Mensch auch in Zukunft den Computer beherrscht und nicht der Computer den Menschen.“

Was meinen Sie?

2696: Wahlrechtsänderung – dringlich, aber schwierig

Freitag, Januar 24th, 2020

1. Obwohl das Bundestagswahlrecht mit seiner Kombination aus Persönlichkeitswahl und Verhältniswahl grundsätzlich einen guten Ruf hat, wird über eine Wahlrechtsänderung seit 2013 diskutiert. Nicht zuletzt auf Grund der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.

2. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat eine Reduzierung der Wahlkreise von 299 auf 270 vorgeschlagen, Grüne, FDP und Linke auf 250.

3. Die SPD-Bundestagsfraktion hat sich noch nicht auf einen Änderungsvorschlag einigen können.

4. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion lehnt eine Verringerung der Wahlkreise nicht mehr prinzipiell ab, weil sie sich nicht in den Ruf bringen will, eine Wahlrechtsänderung grundsätzlich abzulehnen.

5. Gegenwärtig haben wir 709 Abgeordnete. Nach den Berechnungen von Politikwissenschaftlern ergeben neun von zehn Modellen zur Veränderung eine Erhöhung der Abgeordnetenzahl.

6. Die Zeit drängt. In der Unionsfraktion erwägt man deshalb, eine Wahlrechtsreform noch in dieser Legislaturperiode zu beschließen, die Verkleinerung der Wahlkreiszahl aber erst für die Wahl 2025 wirksam werden zu lassen.

7. Vier Veränderungen sind im Gespräch:

a) die Verringerung der Zahl der Wahlkreise,

b) die Überhangmandate, die eine Partei A erzielt, nicht mit Ausgleichsmandaten von anderen Parteien zu kompensieren, sondern in einem anderen Bundesland der Partei A weniger Listenmandate zu geben, als ihr dort nach altem Recht zustehen,

c) darauf verzichten, alle Überhangmandate auszugleichen. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2012 bis zu 15 nicht ausgeglichene Überhangmandate für zulässig erklärt,

d) darauf verzichten, allen Wahlkreissiegern ein Mandat zu geben. Wenn eine Partei in einem Bundesland (Landesliste) zehn Mandate gewinnt, nach dem Zweitstimmenergebnis aber nur Anspruch auf sieben Sitze hat, den drei Wahlkreissiegern mit dem schlechtesten Ergebnis kein Mandat zu geben. Dies wird in der Union abgelehnt.

8. Die gegenwärtige Sitzverzteilung im Bundestag: CDU/CSU 246 (231 direkt), SPD 152 (58 direkt), AfD 90 (2 direkt), FDP 80, Linke 69 (5 direkt), Grüne 67 (1 direkt).

(Christian Endt/Benedict Witzenberger, SZ 18./19.1.20; Robert Rossmann, SZ 23.1.20)

2694: Renate Künast (Grüne) gibt nicht auf.

Donnerstag, Januar 23rd, 2020

Im September 2019 war die Klage der ehemaligen Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) wegen 22 vermeintlich beleidigenden Kommentaren auf Facebook vom Berliner Landgericht  abgewiesen worden. Danach durfte sie z.B. „Drecksfotze“ genannt werden. Nicht-Juristen erschloss sich diese Rechtsprechung gar nicht. Renate Künast hat nicht aufgegeben und dagegen Beschwerde eingelegt. Nun gelten sechs der 22 Kommentare doch als Beleidigungen. Aber Künast darf z.B. noch als „perverse Drecksau“, „altes grünes Dreckschwein“ oder als „gehirnamputiert“ bezeichnet werden. Nun muss das Kammergericht entscheiden, ob Facebook Künast in den noch fehlenden 16 Fällen die Namen der Nutzer nennen darf, damit sie gegen sie Strafantrag stellen darf.

Im Interview mit Detlef Esslinger (SZ 23.1.20) sagt Renate Künast dazu:

„Die Leute müssen lernen, wo die rote Linie ist, und der Staat muss sie zeigen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass man im Netz folgenlos Beleidigung und Volksverhetzung betreiben kann. Der Brandenburger Kriminologe Thomas Rüdiger hat den Ausdruck ‚Broken Web‘ geprägt, analog zu den ‚Broken Windows‘ früher in der analogen Welt. Lässt man zerbrochene Fenster in einem Haus erst einmal zu, wird über kurz oder lang der ganze Stadtteil zerstört.“