Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2762: Die DDR war keine antifaschistische Gesellschaft.

Donnerstag, März 19th, 2020

Der Emeritus für Pädagogik Micha Brumlik, 72, belegt in der „Zeit“ (5.3.20), dass die DDR kein antifaschistischer Staat war. Denn obwohl sie sich das großspurig und propagandistisch auf die Fahnen geschrieben hatte, integrierte sie ehemalige Nazis in Partei, Staat und Wirtschaft. Dagegen gab es in der Bundesrepublik den Versuch der „Aufarbeitung“, nachdem 1963 der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess eingeleitet hatte. Die Studenten protestierten 1968 gegen ehemals nationalsozialistische Hochschullehrer.

Micha Brumlik verweist zu Recht auf das Buch von

Harry Waibel: Die braune Saat. Antisemitismus und Neonazismus in der DDR. 2017.

Darin wertet Waibel ca. 2.000 neue Quellen insbesondere der Stasi aus. „Die Anzahl neonazistischer Vorfälle liegt bei etwa 7.000, und etwa 725 Vorfälle betreffen Rassismus, und 900 Straftaten sind antisemitischer Natur, wovon etwa 145 die Schändungen jüdischer Friedhöfe und Gräber betreffen. Bei über 200 gewalttätigen Angriffen wurden durch Pogrome und pogromartige Angriffe tausende Personen aus über 30 Ländern verletzt, und mindestens 10 Personen wurden zum Teil in Lynchjustiz getötet. (…) Die Angriffe wurden in den allermeisten Fällen von jüngeren Männern durchgeführt und fanden in über 400 Städten und Gemeinden der DDR statt.“

In ihrem Buch

Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. 2019.

hat Ines Geipel geschrieben: „Der Osten (…) blendete in  Wissenschaft, Bildung und Öffentlichkeit die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden weitgehend aus, ja zog sie nicht einmal ernsthaft in Betracht.“

 

2761: Kurt Kister verlässt SZ-Chefredaktion.

Mittwoch, März 18th, 2020

Nach 15 Jahren scheidet Kurt Kister, 62, aus der SZ-Chefredaktion aus. Seine Nachfolgerin soll Judith Wittwer, 42, werden, die dann gemeinsam mit Wolfgang Krach die Redaktion führt. Seit 2018 ist sie Chefredakteurin des „Tagesanzeigers“ in Zürich. Neu in die Chefredaktion sind auch berufen worden Alexandra Föderl-Schmidt, 49, und Ulrich Schäfer, 52. Föderl-Schmidt ist derzeit Israel-Korrespondentin, Schäfer einer der Nachrichten-Chefs, vorher Leiter des Ressorts Wirtschaft. Als Konstante der Spitze bleibt Wolfgang Krach, 56. Er gehört der SZ-Chefredaktion seit 2007 an und hat sie seit 2015 gemeinsam mit Kurt Kister geführt (SZ 18.3.20).

Sie alle verkörpern den seriösen Spitzenjournalismus, den viele Kritiker („Lügenpresse“) offenbar gar nicht kennen. Viele Menschen wissen gar nicht, was Spitzenjournalismus ist.

2760: Jullien lehnt das Konzept der Identität ab.

Dienstag, März 17th, 2020

Der bei uns in Deutschland relativ unbekannte französische Philosoph Francois Jullien, 69, kritisiert das Konzept der Identität. Martina Meister hat ihn Paris dazu interviewt (Die Welt 14.3.20).

Welt: .. Sie haben einen Einwand, wenn das Konzept der Identität auf Gruppen oder Nationen übertragen wird …

Jullien: Richtig. Die Kultur kennt keine Geburt und keinen Tod, keinen Anfang und kein Ende, genauso wenig wie das Kollektiv. Beide kann man daher nicht dem Schema der Identität unterordnen. Letztere geht außerdem mit der Vorstellung von kultureller Differenz einher, die ich für komplett suspekt halte.

Welt: Was entgegnen Sie den sogenannten Identitären, die mit spektakulären Aktionen einen Grenzpass zwischen Italien und Frankreich sperren, um Migranten an der Überquerung zu hindern.

Jullien: Es gibt nur eine Lösung: Wir müssen ganz offen über Migration sprechen. Es gibt das Asylrecht, die Pflicht zur Aufnahme. Daran ist nicht zu rütteln. Aber ich höre von Einwandererfamilien in Frankreich, die ihren Kindern verbieten, zu Hause Französisch zu sprechen. Sie positionieren sich absichtlich außerhalb des Gemeinsamen. Das ist inakzeptabel, und der Staat muss einschreiten. Die Politiker müssen wirklich wachsam bleiben. Sie wissen sehr genau, dass Wladimir Putin den Exodus in Syrien provoziert hat, einzig und allein um Europa zu destabilisieren. Die Flüchtlinge können nicht nach Russland und erst recht nicht nach China. Europa ist ihre einzige Möglichkeit. Putin verfolgt mit diesem Krieg und seinen Massakern ganz gezielt politische Ziele.

Welt: Die Entzauberung Europas hängt Ihrer Meinung damit zusammen, dass es sich von seinen christlichen Wurzeln abgetrennt hat. Welch Konsequenzen hat das?

Jullien: Europa vermeidet die Frage des Christentums, weil sie stört, verunsichert und weil man sich einfach nicht mehr traut, sie zu erwähnen. Das wurde deutlich, als die Europäer die Präambel zur Verfassung schreiben wollten. Man wollte definieren, was das Wesen Europas ist. Die Polen sagten: Europa ist christlich. Die Franzosen erröteten und behaupteten: Europa ist laizistisch, aufklärerisch. Man konnte sich nicht einigen. Die Folge: Europa ist in der Krise.

2759: Wie mit China umgehen?

Montag, März 16th, 2020

Der ehemalige Bundesaußenminister Joseph (Joschka) Fischer beantwortet Fragen von Marc Brost und Xifan Yang (Die Zeit 5.3.20).

Zeit: Wie soll der Westen mit China umgehen?

Fischer: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Selbstbewusst kooperieren und keine Unterwerfung. Ich frage die Amerikaner immer wieder: Erst habt ihr China mit zu dem gemacht, was es heute ist, jetzt wollt ihr Chinas Aufstieg stoppen. Habt ihr bewusst einen strategischen Rivalen gefördert? Was war denn euer Plan?

Zeit: Was hören Sie darauf?

Fischer: Nichts. Unabhängig von der politischen Couleur. Die Amerikaner hatten keinen Plan. Ich erinnere mich an ein Treffen mit amerikanischen Wirtschaftsvertretern in New York in meiner Zeit als Minister. Republikaner rechneten mir damals vor, was den USA der Export von Industriearbeitsplätzen nach China bringen würde. China ein strategischer Rivale? Nie im Leben, sagten sie. Heute beklagen die Republikaner den Verlust dieser Arbeitsplätze. Wie viel Kapital die Amerikaner in China investiert haben, wird kaum erwähnt. Oder dass Banken wie Goldman Sachs die wirtschaftliche Transformation in China vorangetrieben haben.

Zeit: Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit eines chinesisch-amerikanischen Großkonflikts ein?

Fischer: Beide Seiten haben kein Interesse daran. Dennoch wird die Rivalität um Technologiedominanz den einheitlichen Weltmarkt beenden, fürchte ich. Deutsche Unternehmen werden zu Loyalitätsbekundungen in die eine oder andere Richtung gezwungen werden. Die Wertschöpfungsketten werden nicht mehr wie bisher funktionieren. Für Europa wird die Situation alles andere als einfach.

2756: Rowohlt bringt Woody Allens Autobiografie „Ganz nebenbei“ raus.

Freitag, März 13th, 2020

Am 7. April bringt Rowohlt Woody Allens Autobiogragie „Ganz nebenbei“ heraus. In den USA kann das Buch nach Protesten nicht erscheinen. Rowohlt musste zunächst rechtlich klären, ob das Buch in Deutschland erscheinen darf. Weil auch Rowohlt-Autoren gegen die Autobiografie protestiert hatten, plant der Rowohlt Verlag laut seinem Chef Floriian Illies eine Auftaktveranstaltung in Berlin zum Thema. Die wird ihre Werbewirkung kaum verfehlen (SZ 13.3.20).

2752: Wladimir Putin – Diktator auf Lebenszeit

Mittwoch, März 11th, 2020

Wladimir Putins Amtszeit als russischer Präsident endet eigentlich 2024. Aber er hat einen – typisch russischen – Taschenspielertrick gefunden, wie er noch 12 Jahre länger, bis 2036, im Amt bleiben kann. Dann wäre er 84 Jahre alt. Und wer weiß, als Diktator ist da noch jung. Vielleicht hängt er dann nochmals eine Verlängerung dran.

Gegangen ist das so: In der Duma hatte die Abgeordnete Walentina Tereschkowa vorgeschlagen, die bisherige Amtszeit Putins auf Null zu setzen. Tatsächlich läuft seine vierte Amtszeit. Das hohe Haus folgte ohne Gegenstimmen. Putin trat auf und war auch dafür. Am 22. April gibt es dann einen Volksentscheid. Das Ganze erinnert an die Tricksereien 2008 und 2012. Solche politischen Betrugsmanöver sind in Russland üblich. Vielleicht gibt es ja „Massenproteste“ (Clara Lipkowski/Frank Nienhuysen, SZ 11.3.20; Silke Bigalke, SZ 11.3.20).

2750: Russland verweigert Hajo Seppelt (ARD) die Einreise.

Montag, März 9th, 2020

Erneut verweigert Russland dem wichtigsten Doping-Aufklärer Hajo Seppelt (ARD) die Einreise. Sein Visumsantrag wurde abgelehnt. Hajo Seppelt hatte mit seinem Team erstmals das Staatsdoping in Russland bewiesen. Insofern ist die Einreise-Verweigerung durch die Russen konsequent. Einmal Doper – immer Doper (Die Welt, 7.3.20).

2746: Protest gegen Woody Allens Autobiografie „Apropos of Nothing“

Donnerstag, März 5th, 2020

Bei Hachette erscheint am 7. April Woody Allens, 84, Autobiografie „Apropos of Nothing“ in den USA, Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien. Dagegen protestiert Allens Sohn Ronan Farrow, 32, der selbst bei Hachette ein Buch herausbringt. Eines über mächtige Männer, die sich ihrer Verantwortung für sexuellen Missbrauch entziehen. Farrow hatte die „MeToo“-Debatte in Gang gebracht.

Woody Allen wurde von seiner Ex-Partnerin Mia Farrow wiederholt beschuldigt, die gemeinsame Adoptivtochter Dylan 1992 sexuell missbraucht zu haben. Allen bestreitet das. Er ist nicht verurteilt worden.

Ich halte Woody Allen für einen der größten Filmregisseure. Mit Filmen wie „Der Stadtneurotiker“ (1977), „Manhattan“ (1979), „Hannah und ihre Schwestern“ (1986) und „Matchball“ (2005) hat er Filmgeschichte geschrieben (dpa, SZ 5.3.20).

2745: Beschönigen der Verhältnisse in der DDR

Mittwoch, März 4th, 2020

2019 tönte der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch: „Der Schaden, den die Treuhand angerichtet hat, ist bis heute eine wesentliche Ursache für den ökonomischen Rückstand des Ostens und für politischen Frust vielerorts.“ Kurz vor den Landtagswahlen forderte er einen Untersuchungsausschuss. Den hatte es allerdings 1994 schon gegeben. Petra Köpping (SPD) verlangte eine „Wahrheitskommission“. Ähnlich Björn Höcke (AfD): „Die Verelendung und Heimatzerstörung hier bei uns hat einen Namen. Dieser Name lautet Treuhand. Und die Machenschaften dieser Treuhand gehören rücksichtslos aufgeklärt.“ (Nikolaus Piper, SZ 29.2./1.3.20)

Hier sind die richtigen „Aufklärer“ beieinander. Besonders dreist erscheint mir Dietmar Bartsch, dessen SED die gesamten Verhältnisse in der DDR bekanntlich vor die Wand gefahren hatte. Ohne Menschenrechte, ohne Demokratie, ohne Rechtsstaat, mit einer nicht leistungsfähigen Wirtschaft usw. Solche Versager haben es gerade nötig, über die Verhältnisse im Osten zu klagen. Besonders, wenn sie ihre Stimmen an die AfD verlieren. Sie beabsichtigen eine Legendenbildung zur Beschönigung der Verhältnisse in der DDR.

Die Treuhand war ursprünglich eine Idee des „Runden Tischs“. Sie sollte aber nicht wie in Russland nach der Methode der Coupon-Privatisierung verfahren. Dieses Vorgehen hat uns in Russland nur die Oligarchen beschert, die das Land ausbeuten.

Die Treuhand stellte schnell fest, dass es beim DDR-Industrievermögen überhaupt nichts zu verteilen gab. Die Staatliche Plankommission der DDR bescheinigte der DDR am Ende die Zahlungsunfähigkeit. Die Menschen verließen die neuen Bundesländer. Die Bundesregierung bot eine Währungsunion an, um die Entvölkerung zu stoppen. Die Einführung der D-Mark bedeutete für die DDR-Unternehmen eine Aufwertung, der sie nicht gewachsen waren. Dazu kam die neue Tarifpolitik der DGB-Gewerkschaften. Der DDR-Wirtschaft brachen mit den Ländern des früheren Ostblocks die Kunden weg. Und eine DDR als Niedriglohngebiet konnte bei nun offenen Grenzen nicht funktionieren.

Die Treuhand schätzte im Herbst 1990 den Wert der DDR-Unternehmen auf 600 Milliarden Mark. Tatsächlich erlöste sie von 1990 bis 1994 40 Milliarden. Außerdem musste sie Altschulden abtragen und ökologische Altlasten beseitigen.

Präsident der Treuhand wurde der hoch angesehene Stahl-Manager Detlev Carsten Rohwedder (SPD). Von ihm stammte die Devise: „Schnell privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stilllegen.“ Er wurde am 1. April 1991 in seinem Haus ermordet. Wahrscheinlich von RAF-Terroristen. Die Täter sind aber nie identifiziert worden. Rohwedders Nachfolgerin wurde Birgit Breuel (CDU), eine qualifizierte Fachfrau.

Der Umbau der DDR-Wirtschaft wurde besonders für die damals 40- bis 50-Jährigen traumatisch. Sie waren zu alt für eine neue Karriere und zu jung für die Rente. Die Treuhand hat 6.456 Betriebe nach 1990 privatisiert, 3.718 wurden liquidiert, 2,5 Millionen Arbeitsplätze verschwanden. Dabei sind Fehler passiert, wie insbesondere Birgit Breuel in ihrer Rückschau eingeräumt hat. Vorher hatte aber noch niemand eine sozialistische Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft umgebaut. Selten waren kriminelle Machenschaften.

Am erfolgreichsten gegen die Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Treuhand hat Richard Schröder (SPD) gekämpft. Ein promovierter Theologe und typischerweise ein Sozialdemokrat. Durch ihn sind „Legenden“ hinfällig geworden wie die, dass die Treuhand die lästige Ostkonkurrenz aus dem Weg geräumt habe, dass es einen massiven Vermögenstransfer von Ost nach West gegeben habe und dass Ost-Betriebe massenhaft plattgemacht worden seien und dass der Maschinenpark dann in den Westen gegangen sei.

80 Prozent der größeren Betriebe wurden von westdeutschen Firmen erworben, 15 Prozent von Ausländern, 5 Prozent von Ostdeutschen. Nach 40 Jahren Sozialismus hatte niemand im Osten Kapital. Allerdings gelangten bei der „kleinen Privatisierung“ viele Gaststätten, Apotheken und Einzelhandelsgeschäfte in die Hände von Einheimischen. Die Treuhand hat den Umbau vom realen Sozialismus in den realen Kapitalismus bewerkstelligt. Das konnte nicht ohne Konflikte abgehen. Und das Gefühl mancher Ostdeutscher, über den Tisch gezogen worden zu sein, erscheint verständlich. Die Wiedervereinigung Deutschlands war ein großes Glück für uns Deutsche, besonders für die Ostdeutschen. Aber einige von ihnen wollen das bis heute nicht wahrhaben. Dann greifen sie zu Legenden und Beschönigungen. Das ist aber nicht die Wahrheit.

2744: Facebook zerschlagen !

Mittwoch, März 4th, 2020

In seiner Kolumne (FAS 23.2.20) nimmt sich Christopher Lauer Facebook vor:

„Wir müssen uns Mark Zuckerberg also als einen Wirt vorstellen, in dessen Restaurant sich Nazis, Rechtsextreme und Verschwörungsideologen treffen, andere Gäste bedrohen und beleidigen, sich im Restaurant zu Straftaten verabreden, der aber, statt sich seines Hausrechts zu bedienen und die Idioten einfach rauszuschmeißen, mehr Regulierung fordert.

Aber neben der Vergiftung des öffentlichen Diskurses verhilft Facebook Demagogen weltweit zu Wahlerfolgen. Facebook spielte eine entscheidende Rolle bei Donald Trumps Wahlsieg 2016 in den Vereinigten Staaten, über Whatsapp verbreitete Propaganda eine entscheidende bei Jair Bolsonaros Wahlsieg 2018 in Brasilien. Für den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2020 hat Facebook bereits angekündigt, auch Wahlwerbung zulassen zu wollen, in der gelogen wird.

Alles in allem ist Zuckerbergs Ruf nach mehr Regulierung vor allem ein Marketing-Stunt in einer Zeit, in der Facebooks gesellschaftliche Rolle und auch Verantwortung immer kritischer betrachtet werden. Dass Zuckerberg es nicht ernst meint, wird auch daran erkennbar, dass er in seinen Forderungen denkbar schwammig bleibt – statt etwa Anwälte in die Spur zu schicken, die dann die konkrete Regulierung schreiben, die er sich wünscht.“