Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2775: USA: Die meisten Infizierten

Freitag, März 27th, 2020

Nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität (USA) gibt es die meisten positiv auf Corona Getesteten mittlerweile in den USA (NDR-Hörfunknachrichten 27.3.20), wo zunächst gar nicht systematisch getestet worden war. Die Entwicklung ist eindeutig. Trotzdem will der amerikanische Präsident Trump Ostern einen Neustart der Wirtschaft. Damit gefährdet er Menschenleben. Ich kann mir vorstellen, dass es noch mehr Infizierte in Russland gibt. Das wissen wir nicht, weil dort nicht umfassend getestet wird. Diktaturen können sich das erlauben.

2774: 5 Grundregeln unseres Wirtschaftens in der Krise

Donnerstag, März 26th, 2020

Marc Beise (SZ 25.3.20) stellt fünf (5) Grundregeln unseres Wirtschaftens in der Krise auf:

1. Ein Zusammenbruch unseres ökonomischen Systems muss verhindert werden, weil er endgültig wäre.

2. Es ist richtig, dass Deutschland gerade so viel Geld einsetzt, weil es möglich ist.

3. Deutschland muss mit seinen europäischen Partnern zusammenarbeiten. Es kann sinnvoll sein, unsere derzeit große Kreditwürdigkeit zu verleihen, z.B. in Form von Eurobonds.

4. Für uns alle ist das Leben nach der Krise grundsätzlich anders als heute. Wir betrachten die Globalisierung dann kritischer.

5. Verstaatlichungen aus Not müssen so schnell wie möglich rückgängig gemacht werden.

2773: Bascha Mika schreibt weiter für die FR.

Mittwoch, März 25th, 2020

Bascha Mika, 66, hat die Chefredaktion der „Frankfurter Rundschau“ niedergelegt. In einer Notlage für das Blatt hatte sie den Posten 2013 übernommen. Vorher war sie elf Jahre lang in gleicher Funktion bei der „taz“. Dabei hat sie sich um den Journalismus in Deutschland verdient gemacht. Ich nehme an, dass die Zurückgebliebenen, die gerne über „die Medien“ herziehen, solche Frauen wie Frau Mika gar nicht kennen. Sie war stets erfolgsorientiert, kritisch, aber nie „überdreht“. Bei ihren Kolleginnen und Kollegen stets bestens beleumdet. Frau Mika schreibt weiter für die „Frankfurter Rundschau“ (Georg Löwisch, taz 18.3.20).

2772: Warum nicht eine Universität nach Hannah Arendt benennen ?

Dienstag, März 24th, 2020

Anna-Lena Scholz (Die Zeit 12.3.20) beschäftigt sich mit der Tatsache, dass keine der 121 deutschen Universitäten den Namen einer Frau trägt. Unter den 216 Fachhochschulen gibt es die Alice Salomon Hochschule in Berlin. Viele Universitäten tragen Namen von Männern. So etwa die Georgia Augusta in Göttingen den des englischen Königs Georg II. Es sind regelmäßig „Herrschaftsnamen“. Gegenwärtig sind nur 24 Prozent aller Professuren von Frauen besetzt, nur ein Viertel aller Hochschulen wird von einer Frau geleitet.

In letzter Zeit haben deutsche Universitäten ihren Namen aufgegeben, weil deren Träger Antisemiten waren: Ernst Moritz Arndt (Greifswald), Christian Peter Beuth (Berlin). Damit hat man den Protest der AfD hervorgerufen. Die deutschen Universitäten sind aber so alt und ehrwürdig (Heidelberg 1386, Greifswald 1456, Bamberg 1647), dass sie es verdient haben, geeignete Namen zu tragen. Wie die Universität Jena den Namen Friedrich Schillers, die Universität Frankfurt den Johann Wolfgang Goethes, die Universität Düsseldorf den Heinrich Heines und die Universität Mainz den Johannes Gutenbergs.

Bei einer Umfrage der „Zeit“ unter den Spitzen der Wissenschaft sprudelten die Vorschläge für Namensgeberinnen nur so. Häufig genannt wurde etwa die Philosophin und politische Theoretikerin Hannah Arendt (1906-1975). Sie hat die Begriffe „totale Herrschaft“ und „Banalität des Bösen“ wissenschaftlich vermessen und zeitlebens die Verantwortung der Wissenschaft unterstrichen und gegen Dogmatismus gekämpft. Sie war die Philosophin der Freiheit. Bei den Kommunisten war die jüdische Emigrantin aus Deutschland nicht beliebt. Dem Feminismus stand sie reserviert gegenüber. Nach 1945 hat sie den Deutschen mit zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst verholfen. Dafür wurde sie beschimpft und bedroht. Ihre Geburtsstadt Hannover erinnert seit 20 Jahren mit den Hannah-Arendt-Tagen an sie. Sie ist wohl die am ehesten als Namensgeberin einer deutschen Universität geeignete Frau.

Die Historikerin und Rektorin des Wissenschaftskollegs Berlin, Barbara Stollberg-Rilinger, wünscht sich Arendts Namen für ihre Heimatuniversität Münster. Denn die heißt heute (2020) noch nach Kaiser Wilhelm II. Eine Sache der Unmöglichkeit. Aus Wissenschaftlerkreisen wurden auch andere gute Vorschläge für Namensgeberinnen gemacht: die Universalgelehrte Hildegard von Bingen, Caroline von Humboldt, die Frau Wilhelm von Humboldts, die Medizinerin Dorothea Christiane Erxleben, die Mathematikerin Emmy Noether und die Physik-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard.

Dorlis Blume, Monika Boll, Raphael Gross (Hg.): Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert. München (Piper) 2020, 288 S.

2771: Der Wildtierhandel ist die Ursache von Epidemien.

Montag, März 23rd, 2020

Der US-amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond und der US-amerikanische Virologe Nathan Wolf verfassen seit 2003 gemeinsam Artikel über neu auftretende Krankheiten, hier über Covid-19 (SZ 23.3.20):

1. Covid-19 ist eine Tierkrankheit.

2. Sie wird von anderen Säugetieren auf uns Menschen übertragen.

3. Auf chinesischen Wildtiermärkten werden getötete oder gefangen genommene Tiere zum Verzehr oder für andere Zwecke verkauft.

4. Sars fand seine Weg über Larvenroller, kleine fleischfressende Schleichkatzen, die sich bei Fledermäusen infiziert hatten.

5. Solche Tiere nehmen Jäger gezielt ins Visier, um sie auf Märkten anzubieten.

6. China hat mehr Einwohner als alle anderen Länder der Welt. Und die Welt vernetzt sich mehr und mehr.

7. Covid-19 wird von einem Coronavirus verursacht, der Sars ähnlich ist. Die Viren entstehen in Fledermäusen.

8. China hat mit der Strenge einer Diktatur auf die Epidemie reagiert und dadurch die Lage stark verbessert.

9. Mit lebenden Tieren wird auch für die traditionelle chinesische Medizin gehandelt.

10. Fachhändler für traditionelle Heilmittel kaufen solche Tiere.

11. Für viele Chinesen haben Wildtiere eine tiefere Bedeutung als der Rotwein für die Franzosen.

12. Zur Sicherheit muss der Wildtierhandel weltweit beendet werden.

13. Covid-19 wird sich auf den Alltag und die Lebensgrundlagen von sehr vielen Menschen auf der ganzen Welt auswirken.

14. Wegen der zunehmenden Vernetzung der Weltgesellschaft können Epidemien den Planeten in jahrzehntelange Depressionen stürzen.

15. Wenn die Chinesen den Wildtierhandel beenden, helfen sie sich selbst am meisten.

2768: „Freud“ auf Netflix

Sonntag, März 22nd, 2020

Als achtteilige Serie erscheint „Freud“ bei Netflix. Sie funktioniert mit bizarren Übertreibungen, verdreht Historie und Medizin und klaubt sich aus der Wissenschaftsgeschichte ein paar Details. „Was dabei herauskommt, ist ein Quark mit Serienmord, ferngesteuerten Tätern, Verschwörungen und Geheimbünden, eine haarsträubende Räuberpistole, die vollkommen zu Unrecht ‚Freud‘ genannt wurde. Über das unglaublich interessante Ereignis, wie ein Mann fast im Alleingang die Psychoanalyse erfindet, sagt die Serie praktisch nichts. Und dass sich dieser Freud permanent in Wasser gelöstes Kokain in den Hals schüttet, ist biografisch auch nur maximal halb akkurat.“ (tlin, FAS 22.3.20).

2766: Annalena Baerbock zum „Wiedereinstieg“

Samstag, März 21st, 2020

Zur gegenwärtigen Krise wird die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock vom Chefredakteure der „Welt“, Ulf Poschardt, befragt (21.3.20).

Welt: Wie bewerten Sie das „Whatever it takes“ der Bundesregierung bei dem Versuch, die abrutschende Wirtschaft zu stabilisieren?

Baerbok: Als total richtig. Es droht uns eine Wirtschaftskrise, die über die Finanzkrise 2008/2009 hinausgeht. Das betrifft dann alle: Unternehmen, Beschäftigte, die komplette staatliche und soziale Infrastruktur. Gut, wenn da jetzt ideologische Scheuklappen abgelegt werden, etwa das Klammern an die schwarze Null. …

Welt: Wie lange hält dieses Land und diese Gesellschaft diesen Ausnahmezustand aus?

Baerbock: Ausnahme muss Ausnahme bleiben. Ich sehe nicht, wie wir monatelang Schulen und Kitas schließen und die Produktion komplett einstellen können. Wir müssen auch die ökonomischen, soziokulturellen und gesellschaftlichen Auswirkungen immer wieder im Blick haben. Die jetzigen, absolut notwendigen Maßnahmen müssen natürlich voll greifen, nach einer Zeit aber immer wieder neu bewertet und abgewogen werden. Neben dem akuten Handeln müssen wir uns auch Gedanken machen, wie wir einen

Wiedereinstieg

schaffen. Das wird nicht leicht, aber dauerhaft hält die Gesellschaft diesen Zustand nicht aus.

2765: Borwin Bandelow über Angst

Samstag, März 21st, 2020

Der Göttinger Angstforscher Prof. Dr. Borwin Bandelow ist Psychologe und Psychiater. Er wurde von Clara Ott telefonisch zur gegenwärtigen Angst befragt (Welt 21.3.20).

Welt: Angst führt zu Egoismus: Wir sichern uns Vorräte, Regierungschefs riegeln ihre Länder gegen ehemalige Verbündete ab. Zeigen wir unter Angst unser wahres Gesicht?

Bandelow: Das ist tatsächlich so. Es gibt nämlich noch ein anderes primitives, archaisches System im Gehirn, das Belohnungsgehirn, es reagiert unter anderem auf Essen. Hamsterkäufe kommen daher, dass wir früher vor dem Winter hamstern mussten, um zu überleben. Wer das nicht tat, ist verhundert. Die ängstlichen Bedenkenträger aber haben überlebt. Das hat sich in unserer DNA tief verankert: Obwohl uns alle Politiker versichern, dass die Lebensmittelgeschäfte weiter geöffnet haben, sind wir trotzdem in großer Sorge, Hungers zu sterben. Das Belohnungssystem funktioniert so: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ …

2764: Was auf uns zukommt

Samstag, März 21st, 2020

1. Angesichts der Einschränkungen, Auflagen, Quarantänen, Isolierungen, der düsteren Szenarien und der erwarteten langen Zeiträume der Corona-Pandemie kündigt sich für unser Leben eine veritable

Weltwirtschaftskrise

an.

2. Wie die einzelnen Krisen und Rezessionen sich detailliert darstellen, hängt von der Vorbereitung der davon betroffenen Institutionen ab.

3. Europa hat bereits zu tun mit der Niedrigzinspolitik der EZB, der Flüchtlingskrise und dem Brexit.

4. Das öffentliche Leben ist ja durch Absagen fast auf Null gebracht: Filmfestspiele Cannes, DFL, Händelfestspiele Göttingen, Pause bei den Automobilherstellern, Break bei den Fluggesellschaften, Zusammenbruch der Tourismus-Industrie usw.

5. Optimismus ist nicht angebracht. Europa muss jetzt finanziell zusammenstehen (Peter Bofinger, Sebastian Dullien, Gabriel Felbermayer, Michael Hüther, Moritz Schularick,Jens Südekum, Christoph Trebesch, FAZ 21.3.20).

6. Opfer werden neben den Arbeitnehmern zuerst Einzelunternehmer, Freiberufler, Kleingewerbetreibende und Soloselbständige. Für sie hat die Bundesregierung Hilfsprogramme in Höhe von 500 Milliarden Euro aufgelegt.

7. Die Tarifpartner haben bereits vernunftgeleitete Verträge geschlossen wie in der Metallindustrie.

8. Die Covid-Fallzahlen in Italien, Spanien und Deutschland steigen nach wie vor zu schnell.

9. Das medizinische System in Deutschland wird stets als leistungsfähig beschrieben. Wir könnten aber schon in zwei Wochen den Kollaps zu verzeichnen haben (Christian Geinitz/Andreas Mihm, FAZ 21.3.20).

10. „Die Erfahrungen mit früheren Krisen, selbst wenn hart und unter Aufbietung übler Ressentiments gestritten wurde, legen immerhin die Vermutung nahe,

dass die EU weiterbestehen wird.

Aus den Erfahrungen bei der Bewältigung der Pandemie werden EU und Migliedstaaten hoffentlich die richtigen Konsequenzen ziehen. Man wird auch zu Vorhaben, die jetzt liegengelassen wurden, zu guten Vorsätzen zurückkehren. Einer dieser Vorsätze lautet: Die EU will ein geopolitischer Akteur werden. Das wird erst einmal verschoben.“ (Klaus-Dieter Frankenberger, FAZ 21.3.20).

2763: Angriffe von rechts auf die Weimarer Republik

Donnerstag, März 19th, 2020

Von Anfang an wurde die Weimarer Republik von Rechtsextremisten, Völkischen und Rassisten angegriffen. So beim sogenannten Kapp-Putsch (13.-17.3.1920). Damals wurde u.a. das Berliner Regierungsviertel besetzt. Benannt ist der Putsch nach dem Generallandwirtschaftsdirektor Wolfgang Kapp (1858-1922). Militärisch geführt wurde er von General Walther von Lüttwitz (1859-1942). Beteiligt waren einer der obersten Steigbügelhalter Adolf Hitlers, General Erich Ludendorff (1865-1937), und Major Waldemar Pabst (1880-1970), der die Federführung bei der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durch die Gardekavallerie-Schützendivision am 15.1.1919 gehabt hatte. Beendet wurde der Putsch ziemlich schnell durch einen Generalstreik (ausgerufen von SPD, Gewerkschaften, USPD, Beamtenbund).

Die Putschisten hatten Verbindungen zu dem Industriellen Hugo Stinnes und zum Chef der Heeresleitung, Genraloberst Hans von Seeckt (1866-1936). Gestützt wurden sie vom preußischen Adel, ostelbischen Rittergutsbesitzern, konservativen Politikern, Teilen der Reichswehr und den völkisch-nationalistischen Bewegungen. Ihr militärischer Arm waren die Freikorps, die sich auf Grund der Verkleinerung der Reichswehr nach dem Versailler Vertrag gebildet hatten (Rudolf Walther, taz 13.3.20).

In seinem neuen Buch nimmt sich Klaus Gietinger des Kapp-Putsches an:

Kapp-Putsch. 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee (Schmetterling-Verlag), 328 S., 19,80 Euro.

Er ist, wie immer, nicht zimperlich. Seiner Meinung nach müsste der Putsch „Kapp-Lüttwitz-Pabst-Putsch“ heißen. Es habe sich gezeigt, „dass die Rechten keine Chance haben, wenn von den Linken bis zu den Bürgerlichen alle zusammenhalten“. Wir bemerken die bewusste Aktualisierung. Und: Gietinger könnte Recht haben. Mit guten Gründen lehnt er die Gleichsetzung von rechtsextremer und linksextremer Gewalt auch schon für die Weimarer Republik ab (unter Insidern war das immer bekannt) (Oliver Stenzel, Kontext 14.3.20). Nicht ganz so schlüssig ist er da, wo er den Sozialdemokraten (SPD) und der „Weimarer Koalition“ eine Mitverantwortung „am Aufkommen des Faschismus“ zuschreibt. Das gilt gewiss für Verteidigungsminister Gustav Noske und Innenminister Wolfgang Heine. Aber für die ganze SPD?

Zumindest müssten wir dazu auch noch auf die Entwicklung der KPD schauen (gegründet am 30.12.1918). Das können wir kurz und sehr gut anhand von Hermann Webers Schlager

Von Rosa Luxemburg zu Walter Ulbricht. Wandlungen des deutschen Kommunismus. Hannover (Verlag für Literatur und Zeitgeschehen) 1961 (Sonderdruck der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung), 112 S.