Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2893: Horst Teltschik 80

Samstag, Juni 13th, 2020

Horst Teltschik war der Berater der deutschen Einheit. Er hatte in den sechziger Jahren in Berlin Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Völkerrecht studiert und war ein führendes Mitglied des RCDS. Spezialisiert auf Außen- und Deutschlandpolitik. Als solchen holte Helmut Kohl ihn in die Staatskanzlei nach Mainz und nahm ihn mit nach Bonn. In der Phase von Mauerfall und Wiedervereinigung war er Kohls engster Berater. Ein Erfolgsmann. 1990 wechselte er in die Privatwirtschaft. Seither kennen wir ihn als Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz. Er wird 80 (elo, FAZ 13.6.20).

2892: Die Garnisonkirche (Potsdam) wieder aufbauen ?

Freitag, Juni 12th, 2020

Den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam haben SPD, CDU, Grüne und ein Bürgerbündnis beschlossen („Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ 2004) . Das ist nicht unumstritten. 1968 war die im Krieg zerstörte Kirche von der DDR gesprengt worden. Zahlreiche Prominente wie Günther Jauch, Wolfgang Joop, Christian Thielemann, Katarina Witt und Lea Rosh unterstützen den Wiederaufbau.

Das Problem ist, dass in dieser Kirche am 21. März 1933 der „Tag von Potsdam“ stattgefunden hat, die Verbrüderung von Nazis und Preußen (Hohenzollern). Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg schüttelten sich die Hand.

Aus noch anderen Gründen hat sich in Potsdam 2014 eine Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ gegründet. Sie wird u.a. unterstützt von der Politikerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) und dem Theologen und Friedenspreisträger Friedrich Schorlemmer. 1971 war an der Stelle der Kirche von der DDR ein Rechenzentrum errichtet worden.

Die vom „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) ab 1730 gebaute Kirche war ein Symbol der Einheit von Preußentum, Militär und reformierter Kirche. Hier befanden sich die Sarkophage von Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. (dem Großen, 1740-1786). Sie wurden im Lauf der Jahrhunderte von vielen Prominenten (u.a. Napoleon) besucht. In der Weimarer Republik war die Garnisonkirche eine „Trutzburg“ von Nationalisten, Antidemokraten und Antisemiten. Ganz dem Bündnis von Nazis und Hohenzollern entsprechend. Hier hatten nach der Wiedervereinigung Rechtsextremisten sich für die Garnisonkirche eingesetzt.

Mittlerweile ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Schirmherr der Fördergesellschaft. 2014 war die Rekonstruktion des Potsdamer Stadtschlosses eingeweiht worden. Ermöglicht durch eine 20-Millionen-Spende des SAP-Mitbegründers Hasso Plattner. 2016 eröffnete der Palast Barberini, der die Kunstsammlung von Plattner beherbergt (Marlene Militz, taz 9.6.20).

Ohne Frage ist der Wiederaufbau von Gebäuden, die im Zweiten Weltkrieg zerstört oder schwer beschädigt worden sind und die in der Regel von der DDR für ihre Zwecke benutzt wurden, ein nicht leicht zu lösendes Problem. Bei der Frauenkirche in Dresden hat es geklappt. Sie wurde in der Nacht zum 14. Februar 1945 zerstört. In der DDR blieb die Ruine erhalten und diente als Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung. 1994 begann gestützt auf viele und große Spenden aus aller Welt der Wiederaufbau, der 2005 abgeschlossen werden konnte. Aus der Ruine wurde ein Symbol der Versöhnung.

Schwieriger ist es mit dem Berliner Schloss. Es diente den Hohenzollern 1443 bis 1918 als Winterresidenz. 1945 brannte es fast ganz aus. Die Ruine wurde 1950 gesprengt. 1973 bis 1976 wurde hier von der DDR der „Palast der Republik“ errichtet, der 2006 bis 2008 wieder abgerissen wurde. Obwohl es ein zentraler Ort der Hohenzollern war, die bekannt sind für ihre Angriffskriege und Annexionen (z.B. Schlesien) und die hauptverantwortlich waren für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, konnte ein Förderverein 1992 erreichen, dass der Wiederaufbau in Gang kam. Der Bundestag hatte ihn beschlossen. Seit 2013 entsteht hier das Humboldt Forum (Fertigstellung 2021), das einer internationalen musealen Nutzung zugeführt werden soll (es ist allerdings wegen aktueller Querelen um den Kolonialismus sehr umstritten).

Die Dresdener Frauenkirche ist heute unbestreitbar ein Symbol der Versöhnung. Das Berliner Schloss/Humboldt Forum ist fast fertig. Wir können ihm nur Glück wünschen. Und die Potsdamer Garnisonkirche muss nicht fertig gebaut werden. Einiges ist ja geschehen. Für manche von uns sind die Erinnerungen an die Hohenzollern nicht mit guten Gefühlen verbunden.

2889: Für Präsenzlehre

Donnerstag, Juni 11th, 2020

Roland Borgards ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Frankfurt am Main. Er hat einen offenen Brief auf den Weg gebracht, in dem die

Präsenzlehre gegen digitale Herausforderungen

verteidigt wird. Inzwischen haben nicht nur Geisteswissenschaftler unterzeichnet, sondern auch Mathematiker, Juristen, Physiker. In einem Interview mit Anna-Lena Scholz („Die Zeit, 10.6.20) sagt Borgards:

„Die Corona-Krise wird auch für die Unis finanzielle Auswirkungen haben. Wir werden Debatten führen, was man einsparen kann. Und in digitaler Lehre steckt viel Sparpotential: Man braucht weniger Räume, weniger Lehrende. Wir brauchen aber mehr Räume, mehr Personal.

Ich brauche zum Unterrichten eine Tafel im Raum. Zudem sind wir gar nicht dagegen, digitale Lehrformate weiterzuentwickeln, wir stecken ja mittendrin. Wir sollten aber nicht vergessen, welch grundlegenden Wert für uns die gemeinsame Anwesenheit hat. Die Universität ist angewiesen auf Präsenz.“

2886: SPD-Vorsitzende fordert Aufarbeitung von Rassismus bei der Polizei

Dienstag, Juni 9th, 2020

Die SPD-Vorsitzende, Saskia Esken, verlangt die unabhängige Aufarbeitung von Gewalt und Rassismus bei der deutschen Polizei. Sie schlägt dazu eine eigenständige Beschwerdestelle vor. „Deutsche Demonstranten schauen aber auch auf die Verhältnisse vor der eigenen Haustür: Auch in Deutschland gibt es latenten Rassismus in den Reihen der Sicherheitskräfte, die durch Maßnahmen der Inneren Führung erkannt und bekämpft werden müssen.“

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) wies die Vorwürfe zurück. „Der Polizei und ihren Beschäftigten .. eine solche Grundhaltung vorzuhalten, ist abwegig und trägt populistische Züge.“ Der Vorsitzende der Deutschen Polzeigewerkschaft, Rainer Wendt, sieht in der Polizei „erheblich weniger“ Rassismus als in der Gesamtbevölkerung. Mathias Middelburg (CDU) kritisiert Eskens „Generalverdacht“ als überzogen (epd, dpa, SZ 9.6.20).

Da sind ja wieder die richtigen (rechten) Kräfte beieinander.

Das Schlimme ist: Saskia Esken hat Recht.

Denken wir nur an das Polizeiversagen in den Fällen NSU und Anis Amri.

2885: 70 Jahre ARD

Dienstag, Juni 9th, 2020

Vor 70 Jahren wurde die ARD („Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“) gegründet. Zunächst überwiegend als Gemeinschaft von Radiosendern. Dann übernahm das Fernsehen die Dominanz. Vielfalt war stets ihr Markenzeichen. Uneinigkeit manchmal auch. So beschlossen kürzlich acht Sender ein gemeinsames digitales Kulturangebot, nur der Bayerische Rundfunk (BR) war dagegen.

Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung bestimmen den Programmauftrag. Ihre Leistungsfähigkeit hat die ARD bewiesen als Informationskanal (Tagesschau, Tagesthemen, politische Magazine, Wirtschaftsmagazine, Kulturmagazine, Dokumentationen). Das hat sich wieder gezeigt in der Corona-Krise. Und diejenigen, welche die ARD hauptsächlich bei der „Lügenpresse“ einordnen, haben ihre Rundfunk-Sozialisation wohl überwiegend im Propagandasystem der DDR erhalten. Da kann man nicht mehr erwarten.

Die ARD bietet nicht nur „Das Erste“, sondern die Dritten, ca. 60 Hörfunkprogramme, Phoenix, KiKa, Arte, 3 Sat, den Deutschlandfunk (DLF), die Deutsche Welle (DW). Die ARD unterhält 50 Gemeinschaftseinrichtungen von „ARD aktuell“ bis zur Degeto. Kritik und Selbstkritik tragen zur Verbesserung bei. Und Sparsamkeit ziert denjenigen, der sein Metier beherrscht.

2884: Digitalisierung der Lehre allein ist keine Lösung.

Dienstag, Juni 9th, 2020

Viele Universitäten in Deutschland loben sich für die Digitalisierung der Lehre. Manchmal klingt es fast so, als solle der gegenwärtige Zustand auf Dauer gestellt werden. Aber das wäre falsch. Denn die Anwesenheitslehre ist durch nichts ganz zu ersetzen. Die Universität ist der Idee nach eine Lebensform und eine Begegnungsgemeinschaft zwischen Lehrenden und Lernenden. Die digitale Lehre ist deshalb eine sinnvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für die lebendige Universität.

Einige besonders lehrunwillige Kollegen wollen sich vor ihrer Verantwortung für im Idealfall bildungshungrige junge Menschen davonstehlen. Die Universität ist keine Fernuniversität. Hart betroffen sind von der Reduzierung der Wissenschaft Doktoranden und Studenten, die an Haus- und Examensarbeiten sitzen. In besonderem Maß können einem Erstsemester leidtun, die kaum eine Chance haben, Kommilitonen kennenzulernen (Peter Oestmann, FAZ 6.6.20; Heike Schmoll, FAZ 6.6.20).

2883: RAF-Terroristen in der DDR

Montag, Juni 8th, 2020

Als der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker 1987 seinen Staatsbesuch in Bonn machte, da glaubten viele Bundesbürger an die Gleichwertigkeit der beiden deutschen Staaten, DDR und BRD. So, als begegneten sie sich auf Augenhöhe.

Welch schwerwiegender Irrtum!

1989 war es dann mit der DDR schon vorbei. Und am 6. Juni 1990 wurde in Berlin-Marzahn Susanne Albrecht verhaftet. Sie hatte am 30. Juli 1977 als RAF-Mitglied den Mord am Chef der Dresdener Bank, Jürgen Ponto, ermöglicht.

„Nach ihrer Festnahme ging es Schlag auf Schlag: Am 12. Juni 1990 wurde Inge Viett in Magdeburg festgenommen; zwei Tage darauf Monika Helbing und Ekkehard von Seckendorff-Gudent sowie in Senftenberg Christine Dümlein und Werner Lotze. Am 15. Juni waren Sigrid Sternebeck und Ralf Friedrich in Schwedt an der Reihe, am 18. Juni Silke Maier-Witt und Henning Beer in Neubrandenburg. Zehn steckbrieflich gesuchte RAF-Terroristen waren in nur zwölf Tagen aufgespürt worden.

Die Ermittlungen ergaben, wie es die zehn Linksextremisten in die DDR geschafft hatten. Susanne Albrecht etwa war nach etwas mehr als drei Jahren im Untergrund im September 1980 über Prag nach Ost-Berlin gekommen. Eingefädelt hatte diese Art von ‚Exil‘ die Terroristin Inge Viett, die über gute Beziehungen zur DDR-Staatssicherheit verfügte.“ (Sven Felix Kellerhoff, Die Welt 6.6.20)

Alle RAF-Terroristen bekamen milde Strafen und wurden in den Neunzigern bereits aus der Haft entlassen.

 

2881: Wie wir die USA sehen können.

Samstag, Juni 6th, 2020

Große Teile der US-Bürger, Schwarze, Weiße, Latinos oder Asiaten, fühlen sich von der politischen Klasse im Stich gelassen. Festgesetzt hat sich das Bild von einer Elite, die es sich auf Kosten der Mehrheit gutgehen lässt. Zu dieser Ansicht kann man von rechts oder links gelangen. Einerseits will der ehemalige Berater Stephen Bannon die Zerstörung der gegenwärtigen Gesellschaft. Andererseits will ein Linker wie der Demokrat Bernie Sanders mehr soziale Gerechtigkeit. Die Analysen beider Männer haben aber vieles gemeinsam. Das war übrigens einer der Gründe dafür, dass manche Anhänger von Sanders bei der letzten Wahl in das Lager Donald Trumps gewechselt waren, als Hillary Clinton zur Präsidentschaftskandidatin gemacht wurde.

Sanders will die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Der Universitätsbesuch soll kostenlos sein. Es soll eine Krankenversicherzung für alle geben. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass in einem so reichen Land wie den USA 27,5 Millionen Menschen keine Krankenversicherung haben.

Bill Clinton und Barack Obama haben nicht viel dafür getan, das Vertrauen in die Politik wieder herzustellen. Obama ging in seinen getragenen Reden mit den vielen rhetorischen Pausen vielen US-Amerikanern auf den Geist. Große Worte, keine Taten. Auf einzelnen Politikfeldern hat er vollkommen versagt, etwa in der Syrienpolitik!

Die meisten großen Städte in den USA werden von Demokraten regiert. Dort läuft es nicht besser als auf dem Land. Hier konzentrieren sich die Probleme. Der Mittelstand wird kleiner. Die Polizei benachteiligt systematisch Schwarze. Diese stellen 13 Prozent der Bevölkerung, aber 24 Prozent der von der Polizei getöteten Menschen und 38 Prozent aller Gefängnisinsassen.

„Man mag von dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber Joe Biden halten, was man will. Er ist kein sonderlich beeindruckender Kandidat. Aber er ist ein integrer Mann, er kann zuhören, und er genießt das Vertrauen von großen Teilen der schwarzen Bevölkerung. Vielleicht kann Biden, zumindest für vier Jahre, eben jener Präsident der Heilung sein, den das Land jetzt braucht.“ (Christian Zaschke, SZ 6./7.6.20)

2880: Rassismus: ein Problem im deutschen Journalismus

Samstag, Juni 6th, 2020

Wenn wir die personelle Zusammensetzung der Redaktionen bei der Presse und beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland betrachten, stoßen wir auf ein klassisches Mittelschichten-Phänomen. Menschen mit gefüllten Bücherregalen, mit einem finanziellen Polster in der Einstiegsphase. Jeder fünfte (5.) Einwohner Deutschlands hat einen Migrationshintergrund, aber nur jeder 50. Journalist. Auch mit der Polizeigewalt haben wir Probleme, Das zeigt der Fall Oury Jalloh. Der Mann aus Sierra Leone verbrannte vor fünfzehn Jahren an Händen und Füßen gefesselt auf einer Polizeiwache in Dessau-Roßlau (Ostdeutschland).

Von deutschen Journalisten werden Menschen mit Migrationshintergrund gerne in die Betroffenenecke gestellt, statt in die Expertenecke. Dafür gelten weiße Gesprächspartner als unvoreigenommene Beobachter. Dabei wird objektive, seriöse Berichterstattung über Rassismus nur möglich, wenn die Stimmen der sichtbaren Minderheit gehört werden. Im Journalismus auf Menschen mit Migrationshintergrund zu verzichten, ist ignorant. Wir brauchen die Vielfalt in der Berichterstattung. Nur so ist Ausdifferenzierung möglich (Dunja Ramadan, SZ 6./7.6.20).

Im übrigen wird hier deutlich, dass diese Kritik am deutschen Journalismus gerade das

Gegenteil

von dem bedeutet, was die Verfechter der These von

„Lügenpresse“

meinen.

2877: Rainer Werner Fassbinder 75

Mittwoch, Juni 3rd, 2020

Am 31. Mai wäre Rainer Werner Fassbinder 75 Jahre alt geworden. Ich vermisse das Rauschen im deutschen Blätterwald und kann es mir nicht erklären. Der Schauspieler, Regisseur und Produzent Fassbinder leidet möglicherweise immer noch an seinem Schmuddelimage (gestorben ist er am 10. Juni 1982 mit nur 37 Jahren in einem Drogen-Exzess). Künstlerisch aber war er der Größte. In 15 Jahren hat er 40 Filme, zwei Fernsehserien und drei Kurzfilme abgeliefert. Dazu kommen sehr viele Theaterproduktionen. Wir sind ungefähr gleich alt, und ich habe Fassbinder immer wegen seiner Kreativität beneidet. Am bekanntesten ist hier gewiss „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (nach einem Roman von Gerhard Zwerenz 1975), in dem ein „jüdischer Immobilienspekulant“ vorkommt, der nach Ignaz Bubis modelliert sein soll. Nach energischen Protesten des jüdischen Establishments wurde das Stück als antisemitisch deklariert und nicht aufgeführt.

Fassbinder hatte keine glückliche Jugend (bis 15 lebte er bei seiner Mutter in München, dann bei seinem Vater in Köln) und keine abgeschlossene künstlerische Ausbildung. Er begann in München am „Action-Theater“ (gemeinsam mit Hanna Schygulla). 1969 brillierte er in Volker Schlöndorffs Fernsehfilm „Baal“ (Bertolt Brecht), heute noch äußerst sehenswert. Fassbinder übernahm das „Antitheater“ und lieferte seine ersten künstlerisch eigenwilligen Filme ab („Liebe ist kälter als der Tod“ 1969, „Katzelmacher“ 1969). Sein Vorbild war der in Hollywood mit seinen Melodramen sehr erfolgreiche Douglas Sirk (der im Nazi-Film als Detlef Sierck gestartet war). Fassbinders sehr schnelle Arbeitsweise wurde unterstützt von seinem „Clan“ (u.a. Irm Hermann, Barbara Valentin, Günther Kaufmann, Gottfried John, Wolfgang Schenck, Ulli Lommel, Katrin Schaake).

Es folgte Film auf Film: „Götter der Pest“ (1969), „Warum läuft Herr R. Amok?“ (1970), „Niklashauser Fahrt“ (1970), „Warnung vor einer heiligen Nutte“ (1971), „Händler der vier Jahreszeiten“ (1971), „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972), „Acht Stunden sind kein Tag“ (1972-1973, fünf Folgen), „Angst essen Seele auf“ (1974), „Fontane Effi Briest“ (1974), „Mutter Küsters Fahrt zum Himmel“ (1975), „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“ (1975), „Bolwieser“ (1976), eine Episode in „Deutschland im Herbst“ (1978), „Berlin Alexanderplatz“ (1980, 14 Folgen), „Lili Marleen“ (1980), „Lola“ (1981), „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982).

Rainer Werner Fassbinder legte im Privatleben nicht allzu großen Wert auf Angepasstheit. Er lebte mit Frauen und Männern zusammen. Seine letzte Partnerin, Juliane Lorenz, seine Cutterin, beerbte Fassbinders Eltern und gründete die Rainer Werner Fassbinder-Stiftung, die nach und nach alle künstlerischen Hervorbringungen Fassbinders erwarb und bald ein Monopol besaß. 2019 überließ Juliane Lorenz fast den gesamten Nachlass dem „Fassbinder Center“ in Frankfurt am Main, das zu einer Forschungs- und Begegnungsstätte des deutschen Nachkriegsfilms ausgebaut werden soll.