Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2876: Israel ist bereit zur Annexion.

Mittwoch, Juni 3rd, 2020

Im Koalitionsvertrag für die gegenwärtige israelische Regierung steht, dass die Annexion von 32 Prozent des Westjordanlands vorgesehen ist. Verteidigungsminister Benny Gantz hat der Armee den Befehl erteilt, sich auf die im Juli bevorstehende Annexion vorzubereiten. Das stellt den Palästinensern einen Staat in Aussicht, der lediglich aus zerstückelten Flächen besteht. Kürzlich fanden Gespräche zwischen der israelischen Regierung und US-Vertretern statt (Botschafter David Friedman, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, Nahostberater Avi Berkowitz).

Das Verhandlungsangebot von US-Außenminister Mike Pompeo hatte der palästinensische Präsident Mahmud Abbas im Mai abgelehnt. Er zog Teile der palästinensischen Sicherheitskräfte aus dem Westjordanland ab. Die Auflösung der Autonomiebehörde käme einer palästinensischen Selbstausschaltung gleich. UN und Weltbank warnten in getrennten Berichten vor einem wirtschaftlichen Kollaps auf der Westbank. Die Palästinenser hatten die für sie weit besseren Verhandlungsangebote der israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barack und Ehud Olmert (von der Arbeitspartei) abgelehnt (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 3.6.20)

Die falsche Politik der israelischen Regierung und der Trump-Administration sind eine Katastrophe für Nahost. Programmiert ist die Eskalation der Gewalt. Russland und Iran in Syrien, beide keine Friedensbringer, warten auf ihre Chance. Die Lage in Irak und Jemen ist äußerst instabil. Das wird böse enden. Israel ist militärisch in der Region eindeutig am stärksten, aber offenbar nicht in der Lage, Friedenspolitik zu betreiben. Die EU hat mit ihrer Nahostpolitik versagt, kann sich jetzt aber nicht mehr davor drücken, wirklich Verantwortung zu übernehmen. Ich bin hier äußerst skeptisch.

2875: Horst Krüger über M. R.-R.

Dienstag, Juni 2nd, 2020

Zum einhundertsten Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki ist die Literaturflut natürlich groß. Altes und Neues. Über Reich-Ranickis Temperament schreibt der Schriftsteller Horst Krüger:

Es war damals „fast beängstigend, Unruhe, Leidenschaft, Energie beflügelte das Gespräch. Es hielt ihn nicht im Sessel. Er lief durch das Zimmer, kampfeslustig. Er redete dauernd. Er war im höchsten Maße erregt. Und das Komische war: Der Grund seiner Erregung war nicht Konrad Adenauer, nicht die deutsche Wiederbewaffnung, auch nicht die Atombombe, worüber sich damals die westdeutschen Intellektuellen erregten. Der Grund seiner Erregung war –

die deutsche Literatur.“

(Jens Bisky, SZ 2.6.20)

2874: Wie gehen wir mit Verschwörungstheorien um ?

Dienstag, Juni 2nd, 2020

Unter Nr. 2846 „Wie funktionieren Verschwörungstheorien?“ habe ich hier am 12.5.20 bereits geschrieben. Mittlerweile ist erschienen:

Pia Lamberty/Katharina Nocun: Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen.

Quentin Lichtblau (SZ 2.6.20) befragt Katharina Nocun.

SZ: Wie beginnt man so ein Gespräch?

Nocun: Ein guter Weg sind Fragen: Woher hast du das? Wieso glaubst du das? Inwiefern hältst du diese Quelle für vertrauenswürdig? Auch wichtig ist die Frage: Wie geht es dir eigentlich?

SZ: Einfach, um Interesse zu zeigen?

Nocun: Genau. Menschen verfallen Verschwörungsmythen oft in Phasen großer persönlicher Unsicherheit. Wenn man es schafft, auf der rein menschlichen Ebene einen Zugang zu finden, ist es für den Betroffenen vielleicht weniger attraktiv, sich in Verschwörungsmythen zu flüchten. Viele Verschwörungsmythen haben allerdings auch einen klar

antisemitischen oder rassistischen

Hintergrund, da braucht es bei allen Verständigungsversuchen eine rote Linie.

2873: taz-Dokumentation: AfD verunglimpft Nazi-Opfer.

Dienstag, Juni 2nd, 2020

Björn Höcke hatte 2017 die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert. Der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland sah im 8. Mai 1945 für Deutschland den „Verlust von Gestaltungsmöglichkeit“. Darin erkennt Peter Laudenbach (taz 26.5.20) die Gestaltungsmöglichkeit, Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Schwule, Roma, Behinderte und Zwangsarbeiter zu ermorden.

Die taz publiziert einen kurzen (unvollständigen) Überblick über die Übergriffe, Beschädigungen, Beschmierungen auf und von NS-Gedenkstätten in vier Jahren (Mai 2016 – Mai 2020). Es sind 53. Hin und wieder werden uns bekannte Namen erwähnt. So wurden aus einer Besuchergruppe der AfD-Abgeordneten Alice Weidel in Sachsenhausen die NS-Morde in Frage gestellt. Im Zusammenhang mit den Übergriffen wurden folgende NS-Opfer genannt: der Schriftsteller Wolfgang Borchert („Draußen vor der Tür“), der Priester Heinrich König, der Theologe Werner Sylten, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde in München, Charlotte Knobloch, der Teenager Anne Frank.

2870: Neuer Radikalenerlass ?

Sonntag, Mai 31st, 2020

Union und SPD streiten in der großen Koalition darüber, wie mit Beamten aus dem extremistischen Teil der AfD umgegangen werden soll. Die innenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Ute Vogt, sagte: „Es muss künftig einfacher möglich sein, demokratiefeindliche Beamtinnen und Beamte aus dem Dienst entfernen zu können.“ Der rechtspolitische Sprecher der Union, Jan-Marco Luczak, hält eine „Änderung des bestehenden Rechtsrahmens“ nicht für erforderlich. FDP und Grüne warnen vor einem neuen „Radikalenerlass“.

Gespannt bin ich auf die Reaktion der Linken im Land, Kämpfern gegen den „Radikalenerlass“. Sind sie hier doch anderer Meinung?

Der wegen Neonazi-Sprüchen aus dem Dienst entfernte Kommunalpolitiker und ehemalige Bundespolizist Bernd Pachal ist aus der AfD ausgetreten. Die Partei wollte ein Auschlussverfahren gegen ihn anstrengen (jbe, FAS 31.5.20; Justus Bender, FAS 31.5.20).

2869: Marcel Reich-Ranicki wird 100.

Sonntag, Mai 31st, 2020

Am 2. Juni 2020 wird Marcel Reich-Ranicki 100 Jahre alt. Das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) widmet ihm dann eine „Spezialausgabe“. Es sind neue Bücher über Reich-Ranicki erschienen. U.a. Volker Weidermann: Das Duell – Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. Köln (K & W) 2020, 320 S., 22 Euro.

Die FAZ (30.5.20) bringt Auszüge aus dem Tagebuch von Volker Hage (zuerst FAZ, dann „Zeit“ und „Spiegel“). Darin heißt es am 29.9.1983: „R-R ein gewidmetes Exemplar meiner Frisch-Monographie auf den Schreibtisch gelegt. Er dankt und gibt sich verschwörerisch: ‚Sagen Sie es niemandem und schreiben Sie es nicht, was ich Ihnen jetzt sage. Max Frisch ist ein zweitrangiger Schriftsteller. Aber unter den zweitrangigen ist er der Beste.'“

Der Briefeschreiber Reich-Ranicki ist weniger bekannt. Da ist noch manches zu erwarten. Die FAS (31. Mai 2020) bringt sechs Briefe. U.a. einen an Martin Walser (24. April 1986). Da heißt es: „Ihre Postkarte vom 21. April habe ich erhalten. Ich darf annehmen, dass das von Ihnen ausgewählte Gedicht von Peter Hamm (‚Niederlagen‘) zu den Höhepunkten des poetischen Werks dieses Autors gehört. Nun werden also die Leser das Niveau der Lyrik von Hamm genau erkennen können. Zugleich wird ihr Beitrag allen ihren literarischen Geschmack deutlich machen. Dass ich dieses Gedicht für miserabel halte und in ihm keine einzige Zeile finde, die ich als poetisch bezeichnen könnte, braucht Sie nicht im geringsten zu stören. Ich halte zu meinem Wort. …“

2868: 10 Militärrabbiner für die Bundeswehr

Samstag, Mai 30th, 2020

Mit einer fraktionsübergreifend großen Mehrheit hat der Bundestag beschlossen, ein Militärrabbinat analog zu den christlichen Militärbischofsämtern einzurichten. Bis zu zehn (10) Rabbiner sollen dann in der Bundeswehr arbeiten. Gegenwärtig dienen etwa 300 Juden in der Armee. Nach den Nazis war dies lange Zeit gar nicht vorstellbar. Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird künftig einen Militärbundesrabbiner benennen. Der Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, begrüßte die Bundestags-Entscheidung. Im Ersten Weltkrieg hatten ca. 100.000 deutsche Juden für das Kaiserreich gekämpft. 1920 wurde das Militärrabbinat abgeschafft. Die Nazis ermordeten die Juden (kna, SZ 29.5.20).

Nun brauchen wir natürlich auch noch Militär-Imame für die Armee.

2867: Seehofer (CSU) hält an Irrtümern fest.

Freitag, Mai 29th, 2020

Im Maut-Untersuchungsausschuss des Bundestages („Ausländermaut“) hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) als Zeuge ausgesagt. Er hält unbeirrt an seinen Irrtümern fest. Die Verantwortung hätten allerdings die ihm nachgefolgten Minister Alexander Dobrindt (CSU) und Andreas Scheuer (CSU). Der ehemalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat ausgesagt, dass er Seehofer auf die europarechtliche Fehlerhaftigkeit der Ausländermaut aufmerksam gemacht habe. So schiebt man sich in der CSU die Schuld gegenseitig zu. Toll!

Seehofer unterstreicht, dass er seine Wahlversprechen habe einlösen müssen. Der Europäische Gerichtshof hat das

CSU-Projekt

im letzten Jahr für rechtswidrig erklärt. Das könnte den Steuerzahler im Ergebnis viele hundert Millionen Schadensersatz kosten. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte bei den von ihm voreilig abgeschlossenen Verträgen nicht aufgeklärt.

Er sollte zurücktreten.

Die Bundestags-Opposition (FDP, Grüne) hat scharfe Kritik an Horst Seehofer (CSU) geübt (Markus Balser, SZ 29.5.20).

2866: Was Deutschland in Europa tun muss

Donnerstag, Mai 28th, 2020

Marcel Fratzscher ist Direktor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und lehrt Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin. Er macht Vorschläge, was Deutschland in Europa ökonomisch tun muss (taz 23./24.5.20). Ich fasse seine Argumente in 10 Punkten zusammen:

1. Nach der Wiedervereinigung, der EU-Osterweiterung, der Umsetzung der Wirtschafts- und Währungsunion schien Europa auf gutem Wege. Dem machte die globale Finanzkrise 2008 ein Ende.

2. Sie führte zu einer tiefen Nord-Süd-Spaltung. Dem folgte die Flüchtlingskrise 2015 und das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU 2020.

3. Auf Grund der Spaltung Europas sind viele Bürger skeptisch gegenüber den europäischen Institutionen, manche sogar feindselig gegenüber ihren Nachbarn.

4. Nationalismus und Protektionismus greifen um sich.

5. Deutschland hat bei der Energie-, Klima- und Flüchtlingspolitik Alleingänge unternommen.

6. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank (EZB) befördert eine nationale Geldpolitik.

7. Der Vorschlag Frankreichs und Deutschlands für einen 500 Milliarden Euro schweren europäischen Aufbaufonds geht in die richtige Richtung.

8. Die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung sind Exporte. Die Hälfte der Exporte gehen in die Länder Europas.

9. Auch infolgedessen kann Deutschland den Wettbewerb mit China und den USA nicht allein bestehen, sondern braucht die Hilfe seiner europäischen Nachbarn.

10. Der Erfolg der deutschen Wirtschaft hängt von offenen Grenzen, fairem Wettbewerb und robuster Globalisierung ab.

 

2865: Unterläuft unsere Sprechweise den Gender-Fortschritt ?

Mittwoch, Mai 27th, 2020

Aufgeklärte Menschen wissen seit eh und je, dass unsere Sprache sehr wichtig ist. Aber nicht nur ihr Stil und ihr Inhalt, sondern gerade unsere Sprechweise selbst. Es ist bekannt, dass es viele befremdete, wenn Elias Canetti über seine Romane mit seiner

dünnen Fistelstimme

sprach oder aus ihnen las. Eigentlich waren Frauen und Männer dabei, sich stimmlich anzunähern. „In Ländern, in denen die Emanzipation besonders weit fortgeschritten ist, zum Beispiel in Skandinavien, sprechen Frauen besonders tief.“ (Darüber schreibt Martin Hecht in der „Zeit“ vom 14.5.20.)

Nun bekommen wir es mit einer Gegenbewegung zu tun. Sie interessiert sich nicht für Politik oder Schönheit, sondern stammt aus der Werbung. Und da zählen nur verkaufte Produkte und Dienstleistungen oder Wählerstimmen. Quietschende weibliche Stimmen klingen für viele emotional und erotisch. Das männliche Pendant dazu kommt möglichst tief und kernig daher. Anscheinend kann Werbung (auch in den Medien) so erfolgreich sein. Die so inszenierte Sprache zeigt „die Sehnsucht nach der traditionellen binären Ordnung zwischen den Geschlechtern, dem starken, kraftvollen und auch stimmlich markanten Mannsbild und dem süßen, schutzbedürftigen Weibchen“. Dahinter steht ein Frauenbild, „das Frauen als Mädchen präsentiert, die süß, goldig und ungefährlich sind – und als Gegenpart einen Retter und Helden brauchen“.

Sprachwissenschaftler beobachten einen Trend zu mehr infantil-weiblicher Piepsigkeit und männlichem Brummsprech in Nachmittagsserien, im Spielfilm, in Videospielen und in der Werbung. Das geht in eine Richtung, „in der Frauen wieder sexy-feminin rüberkommen wollen, während die klassische Virilität von den männlichen Sprechern wiederentdeckt wird“. In der Synchronisation kommen beim Eindeutschen von Serien und Spielfilmen statt Profis alter Schule vermehrt Akteure zum Einsatz, die das Sprechen in Crashkursen gelernt haben. „Ausgebildete Stimmen“ gelten zunehmend als zu glatt und distanziert. Es setzt sich allmählich die Sprechweise durch, in der verkauft und aufgeschwatzt wird.

Früher waren die Chefrhetoriker Priester und Pastoren. Sie waren von der Kanzel zu hören. Ihnen folgte das Sprechtraining in Schauspielschulen. Heute (ungefähr seit den sechziger Jahren) tritt mehr „Launigkeit“ in den Vordergrund, mehr die Persönlichkeit des Akteurs. Wahrscheinlich manifestiert sich im medialen Sprechen eine regelrechte Geschlechter-Restauration. „Im Buhlen um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts inszenieren die Teilnehmer vermehrt Weiblichkeit oder Männlichkeit. Und dann piepst und brummt es eben wie in der Fernsehwerbung.“

Falls es stimmt, dass die Gegenbewegung in der Sprechweise eher unserer unbewussten Triebstruktur entspricht, dann hat das gender-bezogene Modernisieren kaum eine Chance. Wäre das schlimm?