Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2968: DFG löscht Beitrag von Dieter Nuhr.

Sonntag, August 2nd, 2020

Für den Kabarettisten Dieter Nuhr, 59, bedeutet Wissenschaft, eine „begründete Meinung zu haben“. „Wissenschaft ist gerade, dass sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert.“ Wissenschaft sei „die einzig vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“

Das sehen nicht alle so.

Sie fühlen sich von Dieter Nuhr durch seine Kritik in einem Kommentar bei der DFG an Klimaaktivisten provoziert. Sie bezeichnen ihn als „Wissenschaftsleugner“ und nennen ihn in einem Atemzug mit dem Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen. Sie kritiseren die DFG, weil sie Dieter Nuhr die Möglichkeit zu einem Kommentar eingeräumt hat. Die DFG ist eingeknickt und hat Nuhrs Kommentar gelöscht.

Da rufen andere „Zensur“.

Für Dieter Nuhr ist die Löschung „nicht nur merkwürdig, sondern geradezu alarmierend“. „Es wurde bereits des Öfteren versucht, mich als Wissenschaftsfeind darzustellen, weil ich oft darauf hinweise, dass der Begriff der Wissenschaft nicht missbraucht werden darf, um eine absolute Wahrheit zu proklamieren“. Auch unter Klimawissenschaftlern gebe es zahllose gut begründete Szenarien. „Diese Tatsache zu erwähnen hat mir viel Ärger eingebracht. Es gibt weltweit – Stichwort cancel culture – zunehmend mächtiger werdende Versuche, kritische Stimmen mundtot zu machen. Die DFG hat sich dem nun angeschlossen. Das ist sehr bedenklich.“

In einem Brief an die DFG formuliert Dieter Nuhr: „Die DFG unterwirft sich den Krawallmachern, die im Internet systematisch an der Unterdrückung kritischer Stimmen arbeiten, die in der Mitte des politischen Spektrums stehen.“ (Curd Wunderlich, Welt 1.8.20)

Kommentar W.S.: Dieter Nuhr hat vollkommen recht.

2967: Joseph Vogl liest …

Sonntag, August 2nd, 2020

Die „Literarische Welt“ (1.8.20) gibt Schriftstellern und Wissenschaftlern Gelegenheit uns mitzuteilen, was sie gerade lesen. Joseph Vogl schreibt:

„Ein Roman, nicht noch einmal gelesen, aber stets mitgedacht in diesen Monaten:

Philip Roth ‚Nemesis‘,

erschienen 2010. Es ist ein strahlender Hochsommer in Newark, New Jersey, im Jahr 1944. Aus dem wolkenlosen Himmel bricht eine Polio-Epidemie herein und verbündet sich mit der sommerlichen Gluthitze. Und gerade weil die Schuld an dieser Katastrophe niemanden treffen kann, zerstört sie jedes moralische Maß und wächst ins Mythische an. Am Ende wird dem standhaften und gebrochenen jungen Helden des Romans weder göttliche Gerechtigkeit noch ein tragisches Geschick zuteil, sondern allenfalls ein grenzenloses Erbarmen.“

Joseph Vogl ist Ordinarius für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin.

2966: „Frankfurter Rundschau“ 75 Jahre alt

Sonntag, August 2nd, 2020

Die „Frankfurter Rundschau“ (FR) ist 75 Jahre alt. Ihre erste Ausgabe erschien am 1. August 1945. Gegründet von sieben Männern, die mit der Nazi-Lügenpresse schnellstens aufräumen wollten. Unter dem ab 1954 alleinigen Herausgeger und Chefredakteur Karl Gerold (1906-1973) wurde daraus das linksliberale Blatt in Deutschland. Zunehmend und zusätzlich verankert im akademischen und studentischen Milieu, basierend auf einer guten regionalen Vernetzung im Rhein-Main-Gebiet (Chefredakteur Thomas Kaspar, FR 1./2.8.20)

1946 schrieb Karl Gerold in einem Leitartikel: „Was wir brauchen, ist nicht nur eine geistige Elite, welche diesen Namen wirklich verdient. Vor allem brauchen wir heute ruhige, rechtlich denkende Männer und Frauen, die den Mut aufbringen in aller Öffentlichkeit wie im privaten Kreise, aus eigener Initiative auf das hinzuweisen, was notwendig ist. Männer und Frauen, die ein festes Ja und ein festes Nein in den Dingen des persönlichen und öffentlichen Lebens zu setzen vermögen und dazu stehen können.“ (FR 1./2.8.20)

Die FR nahm in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren auch ökonomisch eine positive Entwicklung. Die verkaufte Auflage stieg stetig. Aber es gab auch angesichts der wachsenden Konkurrenz wirtschaftliche Probleme, die 2006 einen Verlagswechsel nach sich zogen. Gerolds Nachfolger bei der FR von 1973 bis 1992 war Werner Holzer (1926-2016). Er war gestartet als Auslandskorrespondent und wurde führend in der „Dritte-Welt“-Berichterstattung. Bei ihm finden wir schon Auseinandersetzungen mit der Weltwirtschaftsordnung, mit Globalisierung und Kolonialismus, wie sie heute allmählich durchgesetzt werden. Die FR war lange Zeit auf diesen Feldern das führende Blatt.

Wir können uns nur wünschen, dass diese Stimme noch lange zu hören ist und gehört wird.

(Gewidmet Angela und Edgar Heunisch, Adelebsen).

 

2965: USA ziehen 12.000 Soldaten ab.

Donnerstag, Juli 30th, 2020

Die USA ziehen 12.000 von 36.000 Soldaten aus Deutschland ab. Das ist militär-strategisch zwar falsch, aber es geht gar nicht um Strategie, sondern Donald Trumps Wahlkampf. US-Verteidigungsminister Mark Esper war dazu eingeteilt, das Ganze politisch-diplomatisch zu verkleistern. Auch er bezieht sich darauf, dass Deutschland nicht 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung ausgibt, sondern 1,38.

Das militärische Hauptquartier wird von Stuttgart nach Mons/Belgien verlegt (Christian Zaschke, SZ 30.7.20). Alles nicht so schlimm. Eine Verlegung nach Polen wäre wegen des russischen Aggressors sogar sinnvoll gewesen. Aber wir können bei der Verfassung von Trumps Wählerschaft nicht einmal wissen, ob sie überhaupt weiß, wo Polen liegt. Die Hauptleidtragenden des Vorgangs sind die deutschen Zivilangestellten der USA. Darum kümmert sich nun die deutsche Politik.

Die US-Truppenverlegung soll angeblich binnen Wochen vor sich gehen. Das ist unmöglich. Außerdem wird sie sehr teuer. Das ist Trump alles egal. Tatsächlich ist es so, dass die EU sich von den USA militärpolitisch lösen muss. Da müssen dann noch mehr als zwei Prozent unserer Wirtschaftsleistung für Verteidigung ausgegeben werden. Die linken Pazifisten wollen das nicht (Grüne, Linke). Aber während die Grünen noch einigermaßen glaubhaft erscheinen, sind die Linken moralisch verkommen. Sie verteidigen nämlich die russische Annexion der Krim.

2964: Jeder vierte Deutsche hat einen Migrationshintergrund.

Mittwoch, Juli 29th, 2020

Jeder vierte Einwohner hat in Deutschland einen Migrationshintergrund. Die Zahl stieg im letzten Jahr erstmals über 21 Millionen Menschen. Das waren 26 Prozent der Bevölkerung. Der Zuwachs hat sich abgeschwächt. Er lag gegenüber dem Vorjahr mit 2,1 Prozent auf dem niedrigsten Niveau seit 2011 (dpa, SZ 29.7.20).

2963: Deutsche trennen ihren Müll falsch.

Mittwoch, Juli 29th, 2020

Jeder Deutsche entsorgt im Schnitt 128 Kilo Restmüll im Jahr. Aber nur ein knappes Drittel dessen, was gemessen am Gewicht in den Restmülltonnen landet, gehört da auch hin. Bei 50 Kilo pro Kopf im Jahr handelt es sich stattdessen um Garten-, Küchen- und Essensabfälle. Sie müssen in der Biotonne entsorgt werden, um anschließend zu Kompost und Biogas weiter verarbeitet werden zu können.

Der zweite große Fehlwurf entfällt auf Wertstoffe wie Altpapier, Altglas und Kunststoffe. Vor allem vom Kunststoff wird vieles über den Restmüll entsorgt. Insgesamt 700.000 Tonnen Plastik entgehen so dem deutschen Recyclingsystem. Das entspricht 8,6 Kilo Kunststoff pro Kopf. Bewohner von Städten trennen ihren Müll tendenziell schlechter als Menschen auf dem Land (Sz 29.7.20).

2962: „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ reformieren.

Dienstag, Juli 28th, 2020

Nach einer von Kulturtaatsministerin Monika Grütters vor zwei Jahren beim Wissenschaftsrat in Auftrag gegebenen Evaluation soll die „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ reformiert werden. Heute umfasst die SPK 15 Museumssammlungen, die Staatsbibliothek, das Ibero-Amerikanische Institut, das Institut für Musikforschung und das Preußische Staatsarchiv. Das Haus mit seinen 2.000 Mitarbeitern soll in vier selbständige Einheiten verwandelt werden. Der SPK-Präsident Hermann Parzinger unterstützt die Reformvorschläge. Die Museen arbeiten bisher unterhalb ihres Potentials, die Sammlungen können sich auch im Vergleich mit London und Paris sehen lassen, erreichen aber zu wenig Publikum.

Preußen wurde 1947 vom Alliierten Kontrollrat aufgelöst, weil in ihm ein Wegbereiter des Nationalsozialismus gesehen wurde. Völlig zu Recht. Für Hitler war Preußen allerdings eher ein Hindernis. Die Bundesrepublik und die Bundesländer übernahmen die Verantwortung vor der Geschichte. Preußen gehört zur deutschen Vergangenheit. So oder so. Die SPK organisierte so etwas wie ein „kulturelles Gedächtnis“. Das wurde insbesondere nach der Wiedervereinigung 1990 eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Die Mitte Berlins wurde neu erfunden. 1980 hatte es in der Bundesrepublik und in der DDR bereits eine Preußen-Renaissance gegeben. Dafür standen eine Preußen-Ausstellung und die Aufstellung des Reiterstandbilds von Friedrich dem Großen Unter den Linden.

„Das Preußen nicht des Generalstabs, sondern das der Reformer Stein und Hardenberg und der Weltgelehrten Alexander und Wilhelm von Humboldt wurde zur Bezugsgröße der neu geschaffenen Republik, für die Museumsinsel genauso wie für den Reichstag.“ (Ijoma Mangold, Die Zeit 16.7.20)

Insofern ist eine Reform der SPK möglich, ohne Preußen zu verleugnen. Es gehört zur deutschen Geschichte. Wer Preußen exorziert, kann sich mit der Vergangenheit nicht mehr kritisch auseinandersetzen. „Diesen Gedächtnisverlust können wir nicht wollen.“

2958: Rechtschreibung: Hohe Hürde für den Polizeidienst

Sonntag, Juli 26th, 2020

1. Der Polizeidienst ist in Deutschland sehr beliebt. In NRW standen 2019 10.000 Bewerber 2.500 Plätzen im gehobenen Dienst gegenüber.

2. Hauptschüler kommen dafür nicht in Frage, nur Gymnasiasten und Realschüler. In NRW braucht man einen Bachelor-Abschluss.

3. Überall ist ein dreitägiger Eingangstest zu bewältigen.

4. Erster Tag: Rechtschreibung, Grammatik, Mathematik, Reaktionsschnelligkeit. Zweiter Tag: Ein Thema muss bearbeitet werden.

5. Die Polizei Niedersachsen hat auf ihrer Homepage einen Übungstest eingestellt, bei dem Gesichter und Namen gemerkt, Zahlenreihen ergänzt und Rechtschreibfehler erkannt werden müssen.

6. Dennoch scheitert in Niedersachsen jeder zweite Bewerber.

7. Die Achillesferse für die meisten Bewerber ist die Rechtschreibung. Die Durchfallquote liegt bei 30 Prozent.

8. Gefolgt von Intelligenztest und Referat mit 27 Prozent.

9. 20 Prozent der Abiturienten und 45 Prozent der Bewerber mit mittlerer Reife scheitern am Diktat.

10. Die sportlichen Anforderungen haben nur sechs (6) Prozent nicht erfüllt (dpa, Die Welt 25.7.20).

2957: Das deutsche Volk bewies 1990 Vernunft.

Samstag, Juli 25th, 2020

Reinhard Mohr hat den Vorteil, dass er als ehemaliger Linker die Verirrungen der einschlägigen Intellektuellen besser und schärfer be- und verurteilen kann als andere. Er zeigt (Die Welt 25.7.20), dass Autoren wie

der Schriftsteller Günter Grass und der Philosoph Jürgen Habermas

die Vereinigung Deutschlands vor 30 Jahren nie wollten.

Der Soziologe Oskar Negt und der „postsozialistische Wendehals“ Gregor Gysi

stellten ab auf das „unsterbliche Ideal des Sozialismus“ und die „sozialistische Renaissance“.

Schon 1990 fragte Monika Maron, die den real existierenden Sozialismus besser kannte als die Sozialisten aus dem Westen, zurück, warum denn, bitte schön, nur die DDR die angeblich von „der Geschichte“ verhängte Kollektivstrafe absitzen musste. Grass tat so, als sei es uns „auferlegt“, „in zwei Staaten zu leben“. Auf der Linken kam schnell die Parole auf „Nie wieder Deutschland“, die Rede war von „nationalem Taumel“, von „Hinrichtungsvorbereitungen“ und vom „Vierten Reich“. Darauf konnten und können wir komplett verzichten.

„Das Resümee 30 Jahre später: Sieht man von den Rechts- wie Linksterroristen aller Couleur ab, von durchgeknallten Reichsbürgern, depperten Vollautonomen, verwirrten Aluhutträgern, Islamisten, Erdogan-Fans, Putin-Apologeten und Sektenpredigern, dann hat das deutsche Volk einschließlich aller Neubürger weitaus mehr Vernunft bewiesen als alle jene Kulturschaffende, deren Hauptaufgabe schon von Berufs wegen das klare Denken sein müsste. Wenn das nicht Mut zur Zukunft macht.“

Bei manchen Protagonisten frage ich (W.S.) mich, wie viel tausend Seiten sie eigentlich schreiben müssen, um zu belanglosen Ergebnissen zu gelangen oder sich vollkommen zu irren. Seien wir froh, dass sie politisch keinen allzu großen Einfluss haben. Ihre Verweigerung der Wiedervereinigung Deutschlands korrespondiert wohl am ehesten mit denjenigen, welche die Bundesrepublik Deutschland insgesamt ablehnen.

2956: Die Nazis kamen aus allen Schichten.

Freitag, Juli 24th, 2020

Der Politologe Prof. Dr. Jürgen W. Falter hat Zeit seines Berufslebens über die Struktur der NSDAP geforscht. 2012 wurde er emeritiert. In einer Publikation aus dem Jahr 1991 formulierte Falter sein Fazit folgendermaßen:

„Volkspartei des Protestes mit Mittelstandsbauch“.

Das modifiziert Falter in seiner neuesten Publikation zum Thema:

Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945. Frankfurt (Campus) 2020, 584 S., 45 Euro.

Er gleicht seine Daten mit gängigen Theorien ab: „Panik des Mittelstands“, „Extremismus der Mitte“. Er gelangt zu dem Schluss, dass zu jeweils bestimmten Phasen einige Theorien besser passen, aber niemals für die komplette Zeit (Robert Probst, SZ 22.6.20).

Christian Staas hat Jürgen W. Falter interviewt (Die Zeit, 25.6.20):

Zeit: Aus welchen sozialen Milieus rekrutierte die Partei ihre Mitglieder?

Falter: Aus allen. Sie war, wenn man so will, die erste deutsche Volkspartei. Auch damit widersprechen die Daten einer gängigen These – dass die NSDAP ganz überwiegend eine Mittelstandspartei gewesen sei. Diesen Befund muss man zumindest relativieren, denn mit bis zu 40 Prozent hatten auch die Arbeiter einen hohen Anteil. … Überproportional vertreten waren Angestellte und Beamte. Rund 60 Prozent aller Beamten dürften in der Partei gewesen sein, darunter auffallend viele Lehrer.

Zeit: Nur wenige Hundertprozentige, sozialer Druck, Opportunismus – Ihr Blick auf „Hitlers Parteigenossen“ fällt recht nachsichtig aus.

Falter: Es geht um Differenzierung, nicht um Nachsicht. Und nur weil jemand opportunistisch gehandelt hat, spricht ihn das noch lange nicht davon frei, als Partreimitglied das Regime gestützt zu haben. Es wäre außerdem irreführend, zu meinen, „echte Nazis“ seien nur in der NSDAP zu finden gewesen. Vor allem aber gab es sehr viel mehr Deutsche, die dem Regime zugestimmt haben, als die Partei Mitglieder hatte. Wie viel Schuld einer auf sich geladen hat, lässt sich nur im Einzelfall und gewiss nicht allein anhand des Parteiausweises bestimmen. Der individuelle Handlungsspielraum war im Guten wie im Schlechten größer, als viel im Nachhinein glaubten.