Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2982: Die Stärke der Wissenschaft

Dienstag, August 11th, 2020

„Die vermeintliche Schwäche – dass Forschungsergebnisse immer wieder umgestoßen werden – ist also in Wirklichkeit die Stärke der Wissenschaft: Ihr Weltbild ist jederzeit offen dafür, durch neue, bessere Einsichten korrigiert zu werden. Der Erkenntnistheoretiker

Karl Popper

hat daher die ‚Falsifizierbarkeit‘ zum wichtigsten Merkmal wissenschaftlicher Theorien erhoben: Absolute Wahrheit gibt es in der Wissenschaft nicht, keine Erkenntnis kann abschließend verifiziert werden, sie kann nur falsifiziert, durch Gegenbeweise widerlegt werden. Das unterscheidet sie auch von

Verschwörungstheorien,

die sich im Besitz der Wahrheit wähnen und hermetisch gegen jedwedes Gegenargument abschotten.“ (Maximilian Probst/Ulrich Schnabel, Die Zeit 30.7.20)

2979: Journalistischer Machtkampf

Freitag, August 7th, 2020

1. Seit die „New York Times“ ihren Kommentator James Bennett und die prägende Kolumnistin Bari Weiss verloren hat, steht fest, dass im Journalismus ein Machtkampf tobt, der noch wesentlich schärfer werden wird.

2. Grund für den Verlust war der Gastkommentar des Republikaners Tom Cotton, der gegen Randalierer den Einsatz von Militär gefordert hatte.

3. Der Kampf wird ausgetragen zwischen identitätspolitisch Aufgeklärten und Liberalen (vorzugsweise alte weiße Männer, zu denen ich auch gehöre).

4. Die Identitätspolitiker wollen die „richtigen“ Ansichten zu Wort kommen lassen für bislang unterdrückte Gruppen, sie wollen keine Gefühle verletzen und Minderheiten fördern.

5. Die alten Liberalen wollen Aufklärung und einen freien Austausch zwischen allen.

6. Die Identitätspolitiker sind eher nach 1980 geboren, die alten Liberalen davor.

7. In Deutschland hat sich der Streit an dem (nach der Meinung von W.S. völlig unmöglichen) Kommentar von Hengameh Yaghobifarah (in der „taz“) entzündet, in dem sie Polizisten auf den Müll wünschte.

8. Nach Meinung des stellvertretenden „Welt“-Chefredakteurs Robin Alexander steht uns in Deutschland die harte Auseinandersetzung erst noch bevor.

9. Die Massenmedien selbst sind permanent zum Gegenstand massiver Kritik („Lügenpresse“, „Mainstream-Medien“) geworden.

10. Sie werden kritisiert wie die Gesellschaft insgesamt.

11. Die „sozialen Medien“ bilden inzwischen so etwas wie eine digitale Gegenwelt.

12. Die Mainstream-Medien sind nur noch eine Quelle unter vielen.

13. Immer häufiger stehen die Namen von Journalistinnen und Journalisten auf rechtsextremen Todeslisten.

14. Journalisten überschätzen den Einfluss von „sozialen Medien“ eher, weil sie selbst dort häufiger unterwegs sind als andere.

15. Die Medienskepsis ist nicht unbedingt größer als früher, aber sichtbarer. Damit verunsichert sie.

16. Journalisten und Politiker sind in hohem Maße aufeinander angewiesen. Dadurch beeinflussen sie die gesellschaftlichen Machtverhältnisse.

17. Im Journalismus fehlen Vertreter von Einwanderern.

18. Gatekeeping war einmal das Vorrecht der Massenmedien. Es ist zum Verdachtsgegenstand diskriminierender Verhältnisse geworden (Meredith Haaf, SZ 7.8.20).

2977: Ehrendoktorwürde für Wolf Biermann

Donnerstag, August 6th, 2020

Der Fachbereich Philologie/Kulturwissenschaften der Universität Koblenz-Landau verleiht dem Autor und Liedermacher Wolf Biermann die Ehrendoktorwürde. Damit werden seine besonderen Verdienste um Literatur und Wissenschaft geehrt. Die Verleihung findet am 28. Oktober im Theater Koblenz statt (SZ 5.8.20).

2976: dpa mit zentralem Desk

Mittwoch, August 5th, 2020

Aus Einsparungsgründen arbeitet die „Deutsche Presse-Agentur“ (dpa) neuerdings mit einem zentralen Desk. Alle Meldungen und Berichte des Basisdienstes und der zwölf Landesdienste werden in Berlin herausgegeben. Dadurch würden Einsparungen „im niedrigen sechsstelligen Bereich“ erzielt, so die stellvertretende Chefredakteurin Jutta Steinhoff. Insgesamt sei das zentrale Desk um 16 Stellen erweitert worden. Bei den Landesdiensten seien zehn Stellen weggefallen (SZ 5.8.20).

2975: Wilhelm Schmid bekämpft das *.

Dienstag, August 4th, 2020

Der Philosoph Wilhelm Schmid ist gegen das * (FAS, 2.8.20).

„Das Anliegen. Es steht mehrheitlich wohl kaum in Frage, auch wenn viele glauben, es gehe nur darum, dass das weibliche neben dem männlichen Geschlecht Anerkennung findet. Die Akzeptanz unterschiedlicher gesellschaftlicher Orientierungen, auch solcher, die über Homosexualität hinausgehen und neutral als ‚divers‘ bezeichnet werden können, ist jedenfalls in dieser freiesten Gesellschaft, die je unter deutschem Namen firmierte, wenig umstritten.“

„Ein umfangreicheres Problem des Gendersternchens besteht darin, dass damit keineswegs nur ein drittes oder viertes Geschlecht, sondern darüber hinaus auch noch ein dreißigstes und vierzigstes gemeint sein soll. Asexuell, bisexuell, pansexuell, transsexuell, intersexuell und so weiter, tendenziell jede, jeder und divers mit individuellem Geschlecht. Das ist vielen zu viel. Dem berechtigten Anliegen einer Anerkennung sämtlicher Diversitäten erweist das ausufernde Sternchen einen Bärendienst. Es ist zu einem quasi-religiösen Symbol geworden, das für eine Überzeugung steht, nämlich dass so altbackene Phänomene wie Mann und Frau überholt sein sollen.“

„Wie starr Identitäten sind, zeigen alle ihre Varianten. Identitätspolitik, welcher Art auch immer, heißt abgrenzen, ausgrenzen, die eigenen Reihen schließen, Andere zurückweisen. Nationale Identitäten und rechtslastige identitäre Bewegungen werden gerne beklagt, um dasselbe in Grün zu betreiben. Das Gemeinsame ist, auf den Ausschluss von Anderen und Anderem angelegt zu sein. Wie menschenverachtend das auch unter emanzipatorischen Sternchen ausfallen kann, stellte jüngst der vieldiskutierte Artikel in der alternativen Berliner „taz“ unter Beweis, wonach Polizisten auf den Müll geworfen werden sollten. Identitätsgesättigt bringen auch ausgewiesene AntidiskriminiererInnen wieder nichts als blinde Diskriminierung hervor. Kommt heftige Widerrede auf, handelt es sich dabei aus ihrer Sicht wieder um Diskriminierung. Und prompt erschallt der Ruf nach der Polizei, denn wer sonst könnte sie wirksam schützen, also wieder runter vom Müllhaufen.“

2974: Was halten wir eigentlich von der Kleinfamilie?

Dienstag, August 4th, 2020

Thomas Steinfeld stellt in der SZ (28.7.20) Überlegungen zur Kleinfamilie an, die ich um einige Gedanken ergänze.

1. Alva und Gunnar Myrdal, die schwedischen, sozialdemokratischen Sozialforscher, dekretierten 1935: „Dass ein erwachsener Mensch, meistens die Mutter, die Tage zu Hause und mit der Aufsicht von ein oder zwei Kindern verbringen sollte, erscheint als mehr oder minder unangemessen.“

2. In der Coronakrise hat die Kleinfamilie, meistens die Mütter, Aufgaben übernommen, die vorher anders erledigt wurden.

3. Zu meiner Studienzeit (1968-1972) erschien vielen Studierenden die Kleinfamilie als Kernzelle des Faschismus.

4. „Schlüsselkinder“ wurden in der BRD bedauert und in der DDR als Zeichen des Fortschritts verstanden.

5. Immer noch geistert das Märchen herum, in der DDR habe es für Frauen mehr Chancen gegeben als in der BRD.

6. Die Corona-Krise kann von wohlhabenden Eltern, die sich Haushaltshilfen, Therapeuten und Nachhilfelehrer leisten können, besser bewältigt werden als von anderen, so der US-Journalist David Brooks.

7. Generationen folgen seit den neunziger Jahren in Abständen von fünf Jahren oder weniger aufeinander.

8. Weltanschauung, Habitus und Stil sind an die Stelle der Genealogie getreten.

9. „Am Ende tragen die Eltern die gleiche Kleidung wie die Kinder, reden dieselbe Sprache, hören dieselbe Musik, sodass die Kleinfamilie sich gleichsam von innen heraus in eine Wohngemeinschaft verwandelt …“

10. „Zugleich entpuppt sich das Heranziehen von Kindern nicht nur als teures und im Resultat höchst unsicheres Unterfangen, selbst wenn die Eltern beieinander bleiben sollten.“

11. Alva und Gunnar Myrdal (1935): Die Familie sei „eines vorsichtigen Umgangs nicht wert und verlange nach einer radikalen Operation“.

12. Dann können ja die alle froh sein, die nicht in der Kleinfamilie leben müssen: die Alleine-Lebenden, die Allein-Erziehenden, die Alten-WGs usw. usf. Ich gratuliere.

2972: Netanjahu gegen israelische Medien

Dienstag, August 4th, 2020

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat israelischen Medien vorgeworfen, zu Protesten gegen ihn anzustiften. Sie machten für die Proteste geradezu Werbung. Dagegen würden die Medien Morddrohungen gegen ihn und seine Familie verschweigen.

Netanjahu verhält sich wie andere Rechtspopulisten auch: die Medien sind an allem schuld (SZ 3.8.20).

2971: Tilman Jens ist gestorben.

Montag, August 3rd, 2020

Lebenslänglich hatte Tilman Jens, der jetzt im Alter von 65 Jahren gestorben ist, unter seinem Vater Walter Jens zu leiden. Dem Professor für Rhetorik, Kolumnisten und Festredner. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des DFB hielt der die Festrede.

Tilman Jens‘ erste journalistische Heldentat war 1984 sein Einbruch in das Haus des gerade gestorbenen Schriftstellers Uwe Johnson in Sheerness on Sea. Jens konnte exklusiv aus intimen Notizen über eine gescheiterte Ehe berichten. Der „Stern“ hätte das gerne gedruckt. Stattdessen entließ er den Reporter. Der arbeitete fortan für’s Fernsehen.

1994 lieferte er im „Kulturweltspiegel“ einen Beitrag, in dem Marcel Reich-Ranicki beschuldigt wurde, er habe während seiner Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst anderen Kommunisten geschadet (ohne zu berücksichtigen, dass das bei Kommunisten ja so üblich ist).

2008 machten Inge Jens, die philologisch sehr kundige Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, und ihr Sohn Tilman bekannt, dass Walter Jens an Demenz erkrankt war. Das lief nun auch mit Aplomb durch die Medien. Die Geschichte leerer Gesten und voller Windeln.

Schließlich versuchte sich Tilman Jens noch an Helmut Kohls mit Heribert Schwan geführten Gesprächen. Darin sind einige von Kohls üblen Schmähreden über Parteifreundinnen und Parteifreunde enthalten. Helmut Kohl wollte sie dann doch nicht gedruckt sehen. Nach Kohls Tod wurden die Autoren und der Verlag zu einer Entschädigungszahlung von einer Million Euro verurteilt (Willi Winkler, SZ 3.8.20).

2970: Corona-Gegner, Impfgegner, Rundfunkgebührengegner, Rechtsextreme und Reichsbürger demonstrieren gemeinsam.

Montag, August 3rd, 2020

Und Sympathie finden sie bei der AfD.

2969: „Holocaust-Gedenktag für die Roma“

Montag, August 3rd, 2020

Seit fünf Jahren gibt es am 2. August den „Holocaust-Gedenktag für die Roma“ in der EU. Er dient dem Gedenken an die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma. Von März 1943 bis Juli 1944 deportierte die SS 23.000 überwiegend deutsche Sinti und Roma ins „Zigeuner-Familienlager“ in Auschwitz. Sie kamen aus elf europäischen Ländern. Fast alle fanden den Tod. Durch Vergasen, Verhungern, Krankheiten und Misshandlungen. Der „Antiziganismus“ ist Realität bis heute.

Jahrzehntelang wurde der erst 1982 in Deutschland als Holocaust anerkannte Völkermord an den Sinti und Roma geleugnet. Erst die Bürgerrechtsbewegung der siebziger und achtziger Jahre führte zu einem Bewusstseinswandel. Die Sinti und Roma, die seit 700 Jahren in Deutschland leben, nennen den Völkermord „Porajmos“ (Verschlingung, Zerstörung). Heute leben ca. 70.000 hier. Sie sind neben den Dänen, Friesen und Sorben die vierte nationale Minderheit.

Immer noch müssen die Sinti und Roma als Sündenböcke herhalten. „Dass, wenn es zu Seuchen und Epidemien kommt, Juden sowie Sinti und Roma beschuldigt werden, kennen wir schon aus der Geschichte.“ (Romani Rose, Zentralratsvorsitzender deutscher Sinti und Roma). Zuletzt anlässlich des Pandemieausbruchs beim Großschlachter Tönnies. Für die Roma ist die Lage in Ungarn, Albanien, dem Kosovo, Bulgarien und Rumänien wohl noch schlechter. In der deutschen EU-Präsidentschaft hat die Gleichstellung der Sinti und Roma eine hohe Priorität. Staatsminister Michael Roth: „Deutschland trägt aus historischen Gründen eine besondere Verantwortung gegenüber diesem Volk.“ (Francesca Polistina, SZ 1./2.8.20).