Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3123: Was Deutschland tun muss

Donnerstag, November 5th, 2020

Wie die US-Präsidentschaftswahlen auch immer ausgehen, klar ist, dass die USA tief gespalten und nicht mehr in der Lage sind, den Westen allein zu führen. Der Westen ist in Not. Die USA sind mit sich selbst beschäftigt. Die Führung müssen andere übernehmen, darunter Deutschland. Es lebt von Voraussetztungen, für die es selbst nicht garantieren kann. Als Exportnation ist es angewiesen auf geregelten weltweiten Handel, als Demokratie auf die Nato, als Land in Europa auf die europäische Einigung (die wohl das wichtigste Ziel darstellt). Nichts davon kommt ohne die USA aus. Hauptsächlich wegen ihrer großen Militärmacht. Aber die Europäer und die Deutschen müssen einstehen für die Welt, in der sie leben wollen. Dazu sind sie militärisch nicht stark genug. Das muss geändert werden (Daniel Brössler, SZ 5.11.20).

Wir müssen das erreichen ohne die Linke. Sie will die Nato abschaffen und orientiert sich stärker an Autoritäten wie Putin und Lukaschenko. Die Grünen sind zu einer seriösen demokratischen Partei gereift, ökologisch versiert, auch auf anderen Politikfeldern inzwischen verlässlich. Es gibt bei ihnen aber leider noch die tiefe Sehnsucht nach einem „Linksbündnis“ mit der Linken und Teilen der SPD. Deren Fraktionsvorsitzender Rolf Mützenich will den Abzug der US-Truppen aus Deutschland. Ein solches Linksbündnis ist für Deutschland außenpolitisch Gift. Das sollte jeder wissen, der einer dieser Parteien seine Stimme gibt.

3122: Autoritäre Theorien aus dem Geist des Skeptizismus

Mittwoch, November 4th, 2020

Die Publikation des Buchs

Helen Pluckrose/James Lindsay: Cynical Theories

wurde vor einigen Wochen vom Lob größter Autoritäten begleitet. Mit den Autoren forderten der Psychologe Steven Pinker, die Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali und der Biologe Richard Dawkins

den wachsenden Einfluss unbegründeter Ideologien entgegenzutreten:

1. Gemeint sind Theorien über Geschlecht und Gender, über sexuelle Minoritäten, Rassismus, über Behinderte und Fettleibige.

2. Sie sind hergeleitet von dem radikalen Skeptizismus solcher Theoretiker (Philosophen) wie Michel Foucault (1926-1984) („Diskursanalyse“) und Jacques Derrida (1930-2004) („Dekonstruktion“). Ich führe unten weitere Kritik an ihnen auf.

3. Dort gibt es keine Wahrheit, sondern nur Machtkonstellationen.

4. Die Grundlagen einer bürgerlichen Liberalität und einer freien Wissenschaft werden geopfert.

5. Im Oktober 2018 hatten Pluckrose und Lindsay gemeinsam mit dem Philosophen Peter Boghossian einen selbstveranstalteten Schwindel („Hoax“) veranstaltet. Nämlich 20 konstruierte Aufsätze zur Publikation angeboten.

6. In einem wurde behauptet, man habe auf Grund empirischer Forschungen an 10.000 Hunden ermittelt, dass es unter diesen Tieren eine Vergewaltigungskultur gebe.

7. In einem anderen Aufsatz wurde eine Verbindung zwischen dem Penis, einer „Hypermännlichkeit“, und dem Klimawandel gezogen. Mehrere Aufsätze wurden angenommen.

8. Den skeptischen Theorien sei der Feminismus in dem Bestreben entgegengekommen, die herrschende Meinung auf den Kopf zu stellen.

9. Macht besteht hier insbesondere aus Sprache (eine nominalistische Zuschreibung).

10. Am Ende geht es um Versuche, selbst die Mathematik, weil ebenfalls sexistisch und rassistisch, der neuen moralischen Ordnung zu unterwerfen.

11. Manchmal bekommen Minderheiten eine höhere gesellschaftliche Geltung als die Mehrheit.

12. Wer Gleichstellung will, muss Gleichheit relativieren.

13. So entsteht eine Kultur des Misstrauens und der Kolportage.

14. Dem kann man nur mit Wissenschaft begegnen (Thomas Steinfeld, SZ 2.11.20).

Kurzzusammenfassung: So erreichen die, welche alles dekonstruieren (wollen), tatsächlich die Aufrichtung (Konstruktion) einer neuen autoritären Moral (da ist „moralisch alles korrekt“).

Kritik an Michel Foucault übten Marxisten, die „Frankfurter Schule“ (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno) und Jürgen Habermas. Er warf Foucault vor, in der Vernunftkritik Friedrich Nietzsches hängenzubleiben und sich in Selbstwidersprüche zu verstricken. Der Linguist Noam Chomsky hielt Foucault noch für den verständlichsten Poststrukturalisten, seine Arbeiten blieben aber letztlich unklar. Für den deutschen Historiker Hans-Ulrich Wehler hat Foucault die Theorien von Max Weber und Norbert Elias nicht rezipiert, er sei ein „Rattenfänger“.

Mit Jacques Derrida sind einige Psychoanalytiker verbunden (z.B. Nicolas Abraham). Vertreter der analytischen Philosophie vermissen bei ihm die erforderliche wissenschaftliche Klarheit. Noam Chomsky warf ihm eine prätentiöse Rhetorik vor, die seine Gedanken unklar machten. Der Politologe Mark Lilla kritisiert Derridas „Nihilismus“.

3119: Deutsche Wahlbeobachter in die USA

Montag, November 2nd, 2020

Acht deutsche Bundestagsabgeordnete sind als Wahlbeobachter in die USA gereist. Unter der Leitung von Michael Georg Link (FDP), dem ehemaligen Staatsminister im Auswärtigen Amt. Er organisiert im Auftrag der OSZE Wahlbeobachtungen. Er sagte, es sei bedauerlich, dass in 18 (von 56) Bundesstaaten der USA nach dem dort gültigen Wahlrecht internationale Beobachter am Wahltag nicht in den Wahllokalen anwesend sein dürften.

Katja Keul (Grüne) war 2016 in Florida, einem der Swing-States. Sie hatte Mängel bei der Registrierung der Wähler und bei den Wahlmaschinen festgestellt. Dieses Mal ist sie in Michigan. Die deutschen Wahlbeobachter haben keinerlei Mandat oder Befugnis für Sanktionen. Sie sollen einen umfassenden Bericht von ihren Beobachtungen liefern. Die OSZE hat auch dieses Jahr wieder Langzeitbeobachter in die USA gesandt, die bereits einen Zwischenbericht abgeliefert haben. Es gibt in den USA 365 Wahlrechtsverfahren in 44 Bundesstaaten. Zehn Millionen Amerikanern ist das Wahlrecht ganz oder teilweise verwehrt, weil sie nach einer strafrechtlichen Verurteilung nicht mehr wählen dürfen, auch wenn sie ihre Strafe schon verbüßt haben. Es fehlt in den USA an Wahlhelfern (Lt., FAZ 31.10.20).

3118: Die US-Wahlen sind sehr unsicher.

Sonntag, November 1st, 2020

Wer gegenwärtig und insbesondere anlässlich der Wahlen auf die USA schaut, bekommt den Eindruck, dass die Amerikaner nicht mehr in einer Wirklichkeit leben. Ein Zustand der Regellosigkeit ist von Donald Trump bewusst herbeigeführt worden. Er selbst hat systematisch verbreitet, das Ergebnis der Wahl voraussichtlich nicht anzuerkennen. Die Demokratie selbst scheint zur Disposition zu stehen. Im Stile eines Carl Schmitt betrachten die Amerikaner die andere Seite nicht mehr als Gegner, sondern als Feinde. Das Potential für Gewalt ist hoch. Insbesondere dann, wenn Trump seine Unterstützer auffordert, zu den Waffen zu greifen. Dabei sichert die US-Verfassung nicht die Machtübergabe, sie setzt sie voraus. Tatsächlich sind es immer die Verlierer, die eine Demokratie funktionsfähig halten.

3117: Facebook ist der Übeltäter.

Sonntag, November 1st, 2020

Die britische Journalistin Carole Cadwalladr hat vor zwei Jahren aufgedeckt, dass das Datenanalyse-Unternehmen

„Cambridge Analytica“

ein Tool programmiert hatte, mit dem das Wahlkampfteam von Donald Trump durch die Nutzung der Daten von Millionen Menschen das Wahlergebnis der US-Wahl zu seinen Gunsten manipuliert hatte und dass die Brexit-Kampagne zugunsten des Brexits manipuliert worden war. Undemokratisches Vorgehen. Anne Ameri-Siemens hat Cadwalladr für die FAS (1.11.20) interviewt.

FAS: Facebook wird von vielen vor allem als ein Instrument gesehen, um Menschen miteinander zu verknüpfen …

Cadwalladr: … aber die Risiken der Wahlbeeinflussung sind da, und sie sind massiv. Das kann heute keiner mehr leugnen. Wir sind nicht mehr im Jahr 2016.

FAS: Was meinen Sie damit?

Cadwalladr: 2016 konnte man sagen: Wir waren unschuldig in unserer Wahrenehmung von Facebook. Wir hatten nicht begriffen, welche Verletzlichkeit im Herz unserer Demokratie entstand. Wir wussten nicht, wie Wahlbeeinflussung auf Facebook funktioniert. Heute schon. Wir wissen das durch die sorgfältige Untersuchung der Vorkommnisse im Wahlkampf 2016 durch Kongress-Komitees und FBI. … Und Facebook ließ 2016 zu, dass die persönlichen Daten von 87 Millionen Menschen gestohlen und von Cambridge Analytica für zwielichtige Zwecke verwendet wurden – unter anderem für Trumps Wahlkampf.

FAS: Warum richtet sich Ihre Kritik im Speziellen gegen Facebook?

Cadwalladr: Facebook ist die mächtigste Manipulationsmaschine, die es je gab. Was auf der Plattform stattfindet, hat unmittelbaren Einfluss auf unsere Gesellschaft und das System, in dem wir leben. Es ist nicht einfach eine parallele Welt, die uns nicht betrifft. Im Gegenteil. Ich frage mich schon, ob unsere Demokratie das Facebook-Zeitalter überleben kann?

FAS: Beobachten Sie die Kampagne des Demokraten Biden genau so aufmerksam wie die von Präsident Trump?

Cadwalladr: Ja. Es ist absolut notwendig, dass wir journalistisch kritisch auf beide Seiten blicken. Das Ergebnis meiner Beobachtung: Die Demokraten arbeiten mit Fakten. In der Kampagne von Trump wird hingegen gelogen und gelogen. … Die

Europäische Union

ist in meinen Augen die einzige Institution der Welt, die Facebook regulieren kann. Ich setze große Hoffnungen auf sie, auch auf

Deutschland

als wichtige Stimme. …

3116: Warum verstehen Patient und Arzt sich selten?

Samstag, Oktober 31st, 2020

Dr. Yael Adler ist Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Venenheilkunde und Ernährungsmedizin. Außerdem ist sie Medizin-Kolumnistin bei der FAS. Sie hat gerade ihr neues Buch „Wir müssen reden, Frau Doktor“ publiziert. Johanna Dürrholz hat sie dazu befragt (18.10.20), warum sich Patient und Arzt so schlecht verstehen.

FAS: Ihr Anliegen richtet sich ja nicht nur an Patienten, sondern auch an Ärzte. Lernen die Ärzte die Kommunikation nicht in der Ausbildung?

Adler: Also in meiner Ausbildung hab ich’s nicht gelernt – ich bin aber auch eine mittelalte Ärztin. Die jungen Kollegen lernen das jetzt schon, die haben entsprechende Kurse und werden sensibilisiert. Im Rahmen meiner Recherche für das Buch habe ich ebenfalls eine Fortbildung gemacht: Arzt-Patienten-Kommunikation an der Uniklinik Nürnberg. Ich habe das als sehr hilfreich empfunden. Auch weil wir Ärzte die Patienten so professioneller beraten können – ohne an bestimmten Diagnosen selbst zu zerbrechen. Wenn man sich Dinge zu sehr zu Herzen nimmt, ist man kein guter Arzt mehr. Kommunikation und Empathie kann man bis zu einem gewissen Grad lernen. Ich wünsche mir, dass das ein regelmäßiger Fortbildungsinhalt für uns Ärzte wird. Das soll hier keine Ärzte-Schelte oder Patienten-Bashing sein, ich möchte einfach schauen: Wo kriselt’s?

FAS: Woran liegt es, dass Ärzte und Patienten einander so selten verstehen?

Adler: Zunächst einmal reden wir zu wenig miteinander. In Schweden haben Ärzte für ihre Patienten im Schnitt 23 Minuten Gesprächszeit, bei uns sind es nur sieben. Eine Beziehung braucht aber Zeit. Wenn die nicht da ist, reden Menschen aneinander vorbei oder eben gar nicht. …

FAS: Und was läuft im Gespräch selbst falsch?

Adler: Da machen wir Ärzte auch kommunikationstechnische Fehler, wenn wir etwa den Patienten zu Beginn eines Gesprächs anhören. Wir unterbrechen im Schnitt zu früh, nämlich schon nach 20 bis 30 Sekunden. Wenn wir den Patienten ausreden lassen würden, wäre er nach 90 Sekunden fertig und würde sich besser gehört fühlen. Wir Ärzte denken: Naja, gut, ich hab schon verstanden, was der hat. Und bei manchen Patienten sehe ich wirklich auch schon wenn sie zur Tür reinkommen, was sie haben. Aber es ist eine Frage des Respekts, dass man den anderen anhört. Und selbst wenn man bereits sehr früh weiß, was dem Patienten fehlt, kann man die Zeit nutzen, um auf die Körpersprache und Mimik zu achten. Das hilft, den Menschen als Ganzes zu verstehen und ihn besser einzuordnen. Wenn die Kommunikation mit dem Arzt scheitert, ist das wie ein Behandlungsfehler.

FAS: Was mache ich denn, wenn gerade Fachärzte so sprechen, dass ich es nicht verstehe?

Adler: Ganz ehrlich sagen: Ich verstehe Sie nicht, bitte schreiben Sie mir die Diagnose einmal auf. Oder – bitte zeichnen Sie doch mal: Wie gehen Sie bei der Operation vor? Was ist das für eine Krankheit? Was bedeutet es übersetzt? Eine gute Methode: Als Patient fasse ich alles in meinen eigenen Worten noch mal zusammen, und der Arzt hakt ein, wenn etwas nicht stimmt. So werden Ärzte gezwungen, anschaulich und verständlich zu erklären.

3115: Wirecard-Manager war offenbar V-Mann.

Samstag, Oktober 31st, 2020

Nach Einschätzung deutscher Ermittler war der frühere Wirecard-Manager Jan Marsalek V-Mann des österreichischen Nachrichtendienstes. Dem Generalbundesanwalt „liegen Anhaltspunkte dafür vor, dass der österreichische Staatsangehörige Jan Marsalek von einem Mitarbeiter des österreichischen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) als Vertrauensperson geführt wurde“, heißt es in der Antwort des Bundesjustizministeriums auf eine schriftliche Frage des Bundestagsabgeordneten Fabio de Mai (Linke). Marsalek ist im Juni untergetaucht. Der Bundestags-Untersuchungsausschuss hat einen Sonderermittler eingesetzt. Eine rasche öffentliche Zeugenaussage des „Financial Times“-Journalisten Dan McCrum vor dem Ausschuss stieß auf Ablehnung bei Union und SPD (SZ 30.10.20).

3113: Medien-Intellektuelle in Deutschland nach 1945

Donnerstag, Oktober 29th, 2020

Der Historiker Axel Schildt (1951-2019) hat posthum eine Geschichte der Medien-Intellektuellen in der alten Bundesrepublik nach 1945 vorgelegt:

Axel Schildt: Medienintellektuelle in der Bundesrepublik. Herausgegeben von Gabriele Kandziora und Detlef Siegfried. Göttingen (Wallstein) 2020, 896 S., 46 Euro.

Seine Analyse wiegt schwer. Mehr als je zuvor waren die Intellektuellen (vgl. Dolf Sternberger: intellektuell. In: Dolf Sternberger/Gerhard Storz/W.E. Süskind: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. München 1962, S. 59-63) auf die Medien Zeitschrift, Radio und Fernsehen angewiesen. Das Kapitel über die 50er Jahre nennt Schildt „Einübung des Gesprächs“. Die 60er sind die Fernsehgesellschaft. Viele alte Nazis tarnten sich gegenseitig als Mitläufer. „Nicht mehr als etwa 1.000 Intellektuelle kehrten aus dem Exil zurück. Von insgesamt etwa 2.000 Journalisten im Exil waren in der Nachkriegszeit etwa 180 in den Printmedien tätig, dazu noch mal 60 bis 70 in den Radiostationen.“ Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Universitäten waren die Bedingung für die Tätigkeit von Intellektuellen. Düstere Endzeitstimmung und Technikfeindlichkeit wurden alsbald abgelöst von modernen, nüchternen Stellungnahmen (Frauke Haman, taz 23.10.20).

Schildt tritt der falschen Annahme entgegen, die Adenauer-Ära sei langweilig und eintönig gewesen.

Auf die seinerzeit erbrachten intellektuellen Leistungen (Karl Jaspers, Rudolf Bultmann, Carl Friedrich von Weizsäcker, Friedrich Sieburg, Dolf Sternberger, Paul Tillich, Karl R. Popper, Hans Blumenberg, Jürgen Habermas et alii) bauen wir heute noch auf. Schildt war es leider nicht vergönnt, die geplanten vier Dekaden bis 1989 vollständig zu analysieren. Dadurch entgeht uns eine Menge Wissenswertes. Wir müssen weitermachen.

3111: Großbritannien ist tief gespalten.

Montag, Oktober 26th, 2020

1. Die gegenseitige scharfe Ablehnung der Brexit-Gegner (Remainer) und -Befürworter (Leaver) finden wir auch auf anderen politischen Feldern.

2. Das im Zuge der „Black-Lives-Matter-Bewegung“ in Gang gekommene Denkmalstürzen wird von Leavern scharf abgelehnt (80 Prozent).

3. Die Leaver verwerfen den liberalen großstädtischen Multikulturalismus.

4. Der Vorschlag, das Singen der patriotischen Hymne „Rule Britannia“ bei den BBC-Promenadenkonzerten abzuschaffen, stieß bei Leavern auf entschiedenen Protest.

5. Die Leaver möchten die Souveränität des Parlaments wieder herstellen gegen Einmischungen der Justiz.

6. Die Remainer in der gebildeten Mittelschicht (mit Home-Office) unterstützen die Corona-Politik der Regierung.

7. Die Leaver aus der Arbeiterklasse und bei den kleinen Selbständigen sind demgegenüber skeptisch.

8. Es steht ein zugleich kosmopolitisches und regulierungsfreundliches Elitenmilieu gegen das bodenständige Alt-England.

10. Bei den letzten Unterhauswahlen hat Boris Johnson es geschafft, Stammwähler im Bürgertum mit der patriotisch gestimmten Arbeiterklasse zu vereinen.

11. Die Leaver stellen die nationale Gemeinschaft obenan und schätzen Großbritanniens Geschichte (Schlacht bei Hastings 1066 etc.).

12. Margaret Thatcher stand mit ihrer marktradikalen Politik gegen die Gewerkschaften.

13. Tony Blair betrieb kulturelle Modernisierung im gesellschaftlichen Konsens.

14. Boris Johnson führt seinen Kulturkampf möglicherweise mit einem schlechten Gewissen.

15. Die Frage ist, was Großbritannien sein soll, ein Paradies der Wettbewerbsfähigkeit oder ein wiederbelebter Sozialstaat.

16. Nicht die negativen wirtschaftlichen Folgen des Brexit sind für Großbritannien das große Problem, sondern die tiefe gesellschaftliche Spaltung (Jan Ross, Die Zeit 15.10.20).

3109: „Die Linken sind Alliierte der Islamisten.“

Sonntag, Oktober 25th, 2020

Bereits 2004 hatte der damalige Inspektor der französischen Schulaufsichtsbehörde, Jean-Pierre Obin, einen alarmierenden Bericht über den Islamismus an französischen Schulen vorgelegt. Auf ihn wurde nicht gehört. Als Pensionär hat er jetzt ein Buch geschrieben:

„Wie wir den Islamismus in die Schulen gelassen haben“.

Es erscheint gerade zur Enthauptung des Lehrers Samuel Paty. Martina Meister hat Obin in Paris für die „Welt“ (24.20.20) interviewt.

Welt: Wird dieses Attentat eine Wende einleiten?

Obin: Wir erleben einen historischen Moment. Vielen sind die Augen geöffnet worden. Wir müssen uns allerdings klarmachen, dass dieser Kampf sehr lange dauern wird. Wir müssen uns an diese neue historische Phase gewöhnen, die nicht besonders lustig wird. Darüberhinaus hat uns die Ermordung von Samuel Paty das Ausmaß des Problems vor Augen geführt und gezeigt, dass die Lehrer wirklich in der vordersten Front kämpfen. Es hat auch für Einheit bei den Lehrkräften gesorgt, die vorher gespalten waren. Ein Teil der lehrer hat Realitätsverweigerung betrieben oder ideologisch mit dieser Ideologie sympathisiert.

Welt: In manchen Milieus in Frankreich setzt sich jeder, der den Islamismus bekämpft, dem Verdacht aus, islamfeindlich zu sein. Inwiefern trägt ein Teil der Linken Verantwortung für das, was sie als Realitätsverweigerung beschreiben?

Obin: Nicht ein Teil, die Mehrheit der Linken trägt ganz klar verantwortung für die Untätigkeit. Die Opfer-Linke ist das Erbe des Schriftstellers

Frantz Fanon

angetreten, dem Aktivisten und Autor von

„Die Verdammten dieser Erde“.

Bis dahin galten die Proletarier der westlichen Welt als die Verdammten. Auf einmal waren es die Völker der Dritten Welt. Diese Linke geht im Namen ihres Kampfes gegen den Imperialismus eine unheilige, weil religiöse Allianz ein. Die Religion, die als das Opium des Volkes galt, war auf einmal der Zement, der alles zusammengehalten hat, wenn es darum ging, den Imperialismus zu bekämpfen. In Frankreich sind der Chef der Linkspartei Jean-Luc Mélenchon und grüne Politiker gemeinsam auf Demonstrationen gewesen, wo

„Tod den Juden“

gebrüllt wurde. Sie sind objektiv die Alliierten der Islamisten.

Welt: Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Schüler die Evolutionstheorie anzweifeln, den Musik- und Sportunterricht verweigern. Ganz zu schweigen von Widerspruch, wenn es um die Werte Frankreichs geht. Lässt sich diese Unterwanderung auch in handfeste Zahlen fassen?

Obin: Eine jüngste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop hat ergeben, dass 40 Prozent der Lehrer derartige Probleme hatten, in Problemvierteln wächst ihre Zahl auf 56 Prozent. Wichtig ist zu begreifen, dass dies kein regionales Phänomen ist, sondern überall in Frankreich gilt, dass keine Schule eine Ausnahme bildet.

Welt: Wie kann man den Lehrern helfen?

Obin: Viele fühlen sich machtlos. Das Attentat hat dieses Gefühl noch verstärkt. Die wenigsten sind in ihrer Ausbildung in Sachen Laizität geschult worden. Außerdem bilden sie sich ein, ihre Schüler zu kennen. In Wahrheit treffen in der Schule zwei Welten aufeinander, die nichts voneinander ahnen. Lehrer bilden sich ein, das Problem darauf reduzieren zu können, dass ihre Schüler Kinder oder Kindeskinder von Gastarbeitern sind, die in Gettos leben und soziale Probleme haben. Sie ahnen nicht, dass in den meisten Familien das Leben hundertprozentig von der Religion bestimmt ist, wie das bei uns im Okzident bis ins 18. Jahrhundert war. Jedes Verhalten, die kleinste Geste, stehen unter dem Einfluss der Religion. Die Pädagogen hingegen kommen aus einer komplett säkularisierten Gesellschaft, aus Familien, aus denen sich die Religion vor Generationen verabschiedet hat.

Die Lehrer müssen religiös geschult werden.

Nur Kenntnis hilft, um diese Ideologie zu zerlegen.