Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3516: Die demokratische Regression

Freitag, August 6th, 2021

Armin Schäfer und Michael Zürn erläutern uns in einem Buch

Die demokratische Regression. Die politischen Ursachen des autoritären Populismus. Berlin (Suhrkamp) 2021, 247 S., 16 Euro.

Ihren Ausgangspunkt nehmen sie bei Branko Milanovics „Elefantenkurve“, der zufolge die Globalisierung zwar hunderte Millionen Menschen aus der absoluten Armut befreit hat, aber nur die neue Mittelschicht in den ostasiatischen Schwellenländern und die Allerreichsten dieser Welt massiv profitieren konnten.

Sie halten dem Populismus durchaus zugute, dass er sich bezieht auf die „Schieflage zugunsten der Bessergestellten“ in den westlichen Gesellschaften, wo in den Parlamenten Beamte und Unternehmer dominieren. An die Stelle von Parlamentsmehrheiten seien in letzter Zeit allerdings Zentralbanken, Verfassungsgerichte und internationale Organisationen getreten, die den „dreifachen Liberalismus“ aus individuellen Rechten, internationalen Regeln und freien Märkten durchsetzten. Der Populismus sei insofern aus einer Krise der Repräsentation hervorgegangen und nehme für sich in Anspruch, den Volkswillen zu kennen und zu repräsentieren. Auch daraus erkläre sich ihr antidemokratischer Charakter.

Bei Trump, Bolsonaro, Maduro, Modi, Putin, Orban, Erdogan und Kaczynski.

Mittlerweile gefährde der Antiinternationalismus die Wohlstandseffekte der Globalisierung und Bedingungen für das Gedeihen der Demokratie. „In dieser Grauzone der Regimetypen wird zwar gewählt, aber die Wahlen verlaufen mitnichten immer korrekt, und Rechtsstaatlichkeit, die Kontrolle der Exekutive durch Legislative und Judikative, Medienpluralismus, Minderheitenschutz und umfassende Menschenrechte sind nicht garantiert, sodass der Unterschied zwischen Demokratie und Autokratie bis zur Unkenntlichkeit relativiert sein kann.“

Schäfer und Zürn schlagen die Direktwahl der Europäischen Kommission vor. Und die Förderung unterrepräsentierter Bevölkerungsgruppen wie etwa Frauen aus dem Dienstleistungsprekariat mit Migrationshintergrund. Abstrakt wird es da, wo die Autoren die „Anerkennung und Berücksichtigung von Komplexität“ und die „Förderung von Ambiguitätstoleranz“ verlangen. Es sei nicht vergessen, dass rund ein Viertel der AfD-Wähler einen Hochschulabschluss hat und drei Viertel von ihnen auf Beamte, Angestellte und Selbständige entfallen, also diejenigen Bevölkerungsgruppen, deren politische Privilegierung die Autoren zu Recht beklagen (Karsten Fischer, FAZ 31.7.21).

3515: „Weltspiegel“ ins Nachtprogramm ?

Donnerstag, August 5th, 2021

Den „Weltspiegel“ in der ARD gibt es nun seit fast 60 Jahren. Und ich war ziemlich von Anfang an mit einiger Verve als Zuschauer dabei. Deswegen bin ich darauf ähnlich fixiert, wie Jörg Lau („Die Zeit“ 15.7.21) es schildert. Über 100 Reporter aus 30 ARD-Studios rund um die Welt klären uns über die Politik der Welt auf. Und die Sendezeit vor der „Tagesschau“ trägt dazu bei, dass nicht nur Medienfexe und Akademiker das Magazin sehen. In einer Zeit voller internationaler Großkrisen. Lange Zeit kam der „Weltspiegel“ nach der „Lindenstraße“. Ins Leben gerufen wurde die Sendung von Journalisten wie Peter von Zahn, Peter Scholl-Latour, Lothar Löwe, Gerd Ruge und Klaus Bölling. Hochverdiente, für ihre Seriosität bekannte Journalisten.

Die Marktanteile stimmen auch heute noch. Rund zwei Millionen Zuschauer regelmäßig sind keine Kleinigkeit. Nun soll die Sendung auf den späten Montagabend nach den „Tagesthemen“ verlegt werden. Dafür fehlt vielen Nutzern jegliches Verständnis. Es würde den kompletten Austausch des Publikums bedeuten. Denn die heutigen Seher, zwei Drittel ohne höheren Bildungsabschluss, sind montags spät schon auf dem Weg ins Bett, weil sie am nächsten Morgen arbeiten müssen. Dem „Weltspiegel“ droht ein Tod auf Raten. Wir wollen doch nicht noch mehr Sport vor der „Tagesschau“. Der „Weltspiegel“ ist bisher ein Gegenmittel gegen vorgefasste Meinungen und Filterblasen. Das Programm ist eine Versicherung gegen Vorurteile. Wie sollen wir Donald Trump, den Brexit oder die zahlreichen russischen politischen Repressionen verstehen? Da müssen uns kundige Journalisten informieren. Es gibt heute auf der Welt schon genug Behinderung von seriösem Journalismus. Da sollte sich die ARD als einer unserer Anker für freie Meinungsbildung nicht selbst schwächen. Es läuft heute in der Welt ein postfaktischer Mehrfrontenkrieg gegen den Anspruch, dass es überhaupt eine verbindliche Wahrheit gebe. Gegen die billigen Hetzer der AfD hilft nur seriöser Nachrichtenjournalismus, der genug Zeit hat, seine Erkenntnisse auch auszubreiten.

3514: Erfreuliche Zahlen bei der F.A.Z.

Mittwoch, August 4th, 2021

Im Geschäftsjahr 2020 und in den ersten Monaten dieses Jahres haben sich die Geschäftszahlen der FAZ positiv entwickelt. Mit 225,7 Millionen Euro wurden die Erwartungen 2020 übertroffen. Mit dem dynamischen Wachstum des Digitalgeschäfts verband sich eine beachtliche Resilienz des Printgeschäfts. Daher konnte die FAZ zum 1. Juli 2021 die Gehälter der Mitarbeiter erhöhen und zusätzlich im Dezember wie im Juni 2021 eine Corona-Sonderprämie ausschütten. Eine rege Nachfrage findet auch das Bezahlangebot F+. Insgesamt zählte die FAZ zur Jahresmitte mehr als 180.000 digitale Abonnenten. Gerne gehört werden die Themenpodcasts wie „Einspruch“, „Digitec“, „Wissen“, „Gesundheit“. Nutzern von Smartphones stellt die FAZ Audioinhalte für das Auto über Apple CarPlay und Android zur Verfügung. In den kommenden Monaten wird die Zeitung weitere digitale Produkte auf den Markt bringen.

Auf das Digitalgeschäft entfallen schon 35 Prozent des Unternehmensergebnisses.

Insgesamt wird dadurch das Bedürfnis vieler Leser nach Qualitätsjournalismus gerade in bewegten Zeiten belegt.

Das Abonnementgeschäft der FAZ ist im zweiten Quartal 2021 um 10,1 Prozent auf 201.400 Exemplare gestiegen. Die Umsatzrendite erreichte ein Niveau wie in den neunziger Jahren. Das von FAZ und „Süddeutscher Zeitung“ (SZ) zur besseren Vermarktung überregionaler Anzeigen gegründete Gemeinschaftsunternehmen Republic hat seine Arbeit erfolgreich aufgenommen. Ziel der Gründung ist es, gemeinsam eine noch höhere Reichweite in der Zielgruppe der Entscheider zu erreichen (FAZ 31.7.21).

3513: Bayerischer Minister gegen das Impfen

Samstag, Juli 31st, 2021

Hubert Aiwanger ist Vorsitzender der „Freien Wähler“ in Bayern, Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Er ist nicht nur privat gegen das Impfen und selbst ungeimpft. Er ist sich nicht sicher, ob nicht doppelt Geimpfte durch Nachlässigkeit beim Testen das Virus weiterverbreiten. Er hat von „massiven Impfnebenwirkungen“ gehört. Er sprach von einer „Apartheidsdiskussion“  zulasten Ungeimpfter. Er will mit den „freien Wählern“ in den Bundestag und muss dazu die Fünf-Prozent-Hürde überspringen. Er sagt: „Die CSU hat offenbar Angst vor einem schlechten Bundestagsergebnis und greift deshalb ohne Not den eigenen Koalitionspartner an.“

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) greift seinerseits Aiwanger und die „freien Wähler“ an. „Er wandelt auf einem schmalen Grat.“ Wer glaubt, „sich bei rechten Gruppen und Querdenkern anbiedern zu können, verlässt die bürgerliche Mitte und nimmt am Ende selbst Schaden.“ (Timo Frasch, FAZ 31.7.21)

Also große Uneinigkeit in der bayerischen Regierung. Wir bekommen den Eindruck, dass Markus Söder die ganze Mannschaft nicht mehr wirklich im Griff hat. Es rächt sich jetzt, dass die CSU sich über lange Zeit nicht klar genug von der AfD, Querdenkern und „freien Wählern“ abgegrenzt hat.

3512: Vor 50 Jahren gestorben: Ludwig Marcuse

Freitag, Juli 30th, 2021

Als ich ihn während meines Studiums in einem Fernseh-Interview 1968 mit Marcel Reich-Ranicki näher kennenlernte, war sein Namensvetter Herbert weit bekannter als er: Ludwig Marcuse (1894-1971), der deutsche Philosoph und Literaturwissenschaftler. Er lebte seit 1962 wieder in Deutschland, in Bad Wiessee. Dieser wunderbare Individualist, der immer so frei war, sich ohne Gewissensbisse zu widersprechen, von keiner Weltanschauung beschützt und tausend Anfälligkeiten ausgesetzt. Er musste 1933 ins Exil, zunächst nach Frankreich (Sanary-sur-mer), dann in die USA. Hier arbeitete er als Professor für Germanistik an der Universität von Los Angeles.

Der geborene Berliner aus einer jüdischen Familie interessierte sich wenig für berufliches Fortkommen und wirtschaftlichen Erfolg. Promoviert hatte er bei dem Religionsphilosophen Ernst Troeltsch („Die Individualität als Wert und die Philosophie Friedrich Nietzsches“). Nach dessen frühem Tod 1923 blieb ihm in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere versperrt, er arbeitete fortan als freier Schriftsteller und hatte viele Freunde und erbitterte Feinde. Besonders eng war er mit Joseph Roth befreundet. Er hielt sich an Friedrich Hebbels (1813-1863) Diktum: „Ich halte es für die größte Pflicht eines Menschen, der überhaupt schreibt, dass er Materialien zu seiner Biographie liefere. Hat der Mann keine geistigen Entdeckungen gemacht und keine fremden Länder erobert, so hat er doch gewiss auf mannigfachste Weise geirrt, und seine Irrtümer sind der Menschheit ebenso wichtig wie des größten Mannes Wahrheiten.“

Karl Marx hatte geschrieben (und Marcuse zitierte das gerne): „Die Liebe nicht zum Feuerbachschen Menschen, nicht zum Moleschott’schen Stoffwechsel, nicht zum Proletariat, sondern die Liebe zur Liebsten und namentlich zu dir macht den Mann wieder zum Mann.“ Ludwig Marcuse hielt sich an Georg Büchner (1813-1867), wo der schrieb: „Es läuft auf eins hinaus, an was man seine Freude hat: an Leibern, Christusbildern, Weingläsern, an Blumen oder Kinderspielsachen, es ist das nämliche Gefühl: wer am meisten genießt, betet am meisten.“

Aber Ludwig Marcuse war weit mehr als ein zur aufgeklärten Milde neigender Konservativer. Die ersten Bücher, die ich von ihm las, waren „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) und „Nachruf auf Ludwig Marcuse“ (1969). Er klärte darin u.a. auf, dass einer der ersten prominenten Psychoanalytiker, der schweizerische Staatsbüger Carl Gustav Jung (1875-1961), ein Nazi gewesen war. Das ist bis heute nicht aufgearbeitet und soll womöglich auch nicht geklärt werden. Die folgenden Zitate Jungs entnehme ich Marcuses Buch „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) auf den Seiten 141 bis 148.

Jung sagt 1933: „Die tatsächlich bestehenden und einsichtigen Leuten schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann. Es gibt in der Psychologie vor allen anderen Wissenschaften eine persönliche Gleichung.“ „Freud gründete sich mit fanatischer Einseitigkeit auf die Sexualität, die Begehrlichkeit, das ‚Lustprinzip‘ mit einem Wort.“ „Als die physisch Schwächeren müssen sie (die Juden, W.S.) auf die Lücken in der Rüstung des Gegners zielen.“ „Das arische Unbewusste hat ein höheres Potential als das jüdische.“ „Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, dass sie jüdische Kategorien … unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte.“ „Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in einem tiefen Grunde, der alles andere ist als der Kehricht-Kübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments.“ So weit unser Psycho-Nazi. Dazu schrieb der Nationalökonomie-Professor Wilhelm Röpke: „Die Geschichte des Professors Jung ist gewiss ungewöhnlich in ihren ekelhaften Details.“

Ludwig Marcuse hat sehr viele Bücher geschrieben, darunter auch einige nicht ganz so gute. Ungeduld war seine Schwäche. Aber er hat seinen Protagonisten Georg Büchner, Ludwig Börne, Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud seine ganze Leidenschaft gewidmet. 1949 erschien seine „Philosophie des Glücks“, die sich heute noch zu lesen lohnt. Er hat die Tagebuchaufzeichnungen seiner Schwester Esther bis zu deren Ermordung durch die Nazis veröffentlicht, die in Deutschland geblieben war, um sich um ihre alte Mutter zu kümmern. Ludwig Marcuses Standardsatz, den wir uns merken sollten, lautete: „Es ist immer komplizierter.“

(Hinweise von Johann-Hinrich Claussen, SZ 30.7 21)

3511: Springer verkauft in Osteuropa.

Donnerstag, Juli 29th, 2021

Vor zwei Jahren trat der US-Investor KKR bei Springer („Bild“, „Welt“) mit ungefähr 50 Prozent ein. Die andere Hälfte halten Friede Springer und der Vorstandsvorsitzende Matthias Doepfner. Nun trennt sich Springer von fast allen journalistischen Aktivitäten in Osteuropa: Ungarn, Serbien, Slowakei, Estland, Lettland, Litauen. Es geht um mehr als 200 Digital- und Printprodukte mit mehr als 3.100 Mitarbeitern. Nur in dem recht großen Markt in Polen bleibt Springer aktiv.

Die abgegebenen Produkte übernimmt der Osteuropa-Partner von Springer, der Schweizer Verlag Ringier („Blick“). Springer will sich auf das Digitalgeschäft in den USA, Deutschland und Polen konzentrieren. Angestrebt wird eine Marktführerrolle. Diskutiert wurde vor allem über die „Welt“. Aber Friede Springer hat sich klar zu diesem Blatt bekannt. Die Samstagsausgabe (die ich wegen der „Literarischen Welt“ abonniert habe) wird gestrichen und durch die „Welt am Sonntag“ ersetzt, die samstags erscheinen soll. Warten wir es ab (Caspar Busse, SZ 29.7.21).

3510: Die iranische Despotie

Mittwoch, Juli 28th, 2021

Seit 1979 herrscht in Iran eine religiöse Despotie. Darüber schreibt der iranische Schriftsteller Shahriar Mandanipour, der in den USA lebt (SZ 24./25.7.21):

Das iranische Volk wird seither unterjocht. Ihm wird schwerer, auch wirtschaftlicher Schaden zugefügt. Armut und Arbeitslosigkeit steigen Jahr für Jahr, obwohl Iran zu den fünf Ländern auf der Welt gehört, die am meisten natürliche Ressourcen besitzen. Das Regime ist korrumpiert. Die rebellische Generation der 1970er ist entweder im Exil (zum Teil im inneren), altert in der Isolation vor sich hin oder ist tot. Iran ist der

Hauptgegner Israels und will Atomwaffen.

Bei der letzten Wahl hat der Wächterrat viele Bewerber gar nicht erst zugelassen, so dass Ebrahim Raissi („der Schlächter“) gewählt werden konnte. Stalin sagte: „Es sind nicht die Leute, die abstimmen, die eine Wahl entscheiden – sondern diejenigen, die die Stimmen zählen.“ Wir wissen das aus der Sowjetunion und der DDR. Es gilt auch in Iran. Die jungen Leute von heute sind pragmatisch, sie wollen das Leben genießen und die islamische Dystopie loswerden. Für das Regime ist das Internet eine große Gefahr. „Die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit, Gleichheit und Würde ist das letzte, was die Iraner aufgeben werden. Wird sie ihnen genommen, haben sie nichts mehr zu verlieren außer ihrem Leben. Und alles wird losgehen, an der erstbesten Polizeistation.“

3509: Beim Impfen darf Druck sein.

Mittwoch, Juli 28th, 2021

Mittlerweile ist genug Anti-Corona-Impfstoff vorhanden. Um so mehr gilt das Motto: Impfen, impfen, impfen. Trotzdem scheuen viele vor einer Impfung zurück. Aus Angst, Trägheit, Unwissenheit oder anderen Gründen. Die Impfbereitschaft sinkt. 41 Millionen Deutsche sind vollständig geimpft, weitere 9,5 Millionen haben ihre erste Spritze erhalten. Für eine Herdenimmunität müssen aber 85 Prozent der Bevölkerunmg vollständig geimpft sein. Es müssen also noch etwa 20 Millionen Menschen überzeugt werden.

„Da nun ausreichend Vakzine vorhanden sind, ist es nicht einzusehen, dass Schnelltests weiterhin gratis zur Verfügung stehen. Testen war der zweitbeste Weg, solange nicht genügend Impfstoff vorrätig war, um zumindest die Verbreitung des Virus einzudämmen. Wer als Ungeimpfter ins Restaurant will, zum Shoppen oder zu einer Veranstaltung, der sollte für die oft notwendigen Tests zur Kasse gebeten werden.“

„Warum sollte die Solidargemeinschaft Kosten für Impfverweigerer übernehmen, die mit ihrem Verhalten sich und andere gefährden?“ Ein Schnelltest kostet 12,50 Euro, ein PCR-Test 35 Euro. Natürlich muss es Ausnahmen geben: für Kinder, Schwangere und all jene, die wegen Vorerkrankungen nicht geimpft werden können.

„Wer eine Impfung verweigert, sollte weniger Freiheiten bekommen und höhere Kosten tragen – denn er oder sie geht auch ein höheres Risiko ein, selbst zu erkranken oder andere anzustecken.“

„Jedem muss klar sein: Je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger Infektionen, Krankenhauseinweisungen und Tote wird es geben und desto geringer wird die Gefahr, dass Deutschland in einen erneuten Lockdown steuert. So ist das in der Pandemie: Es kommt auf jeden Einzelnen, jede Einzelne an.“ (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 28.7.21)

 

3508: IG-Metall-Chef kritisiert Union und FDP.

Dienstag, Juli 27th, 2021

IG-Metall-Chef Jörg Hoffmann kritisiert die Steuerpläne von CDU/CSU und FDP. „Die Berechnungen des ZEW-Instituts zeigen, dass Union und FDP vor allem hohe Einkommen entlasten und die Steuereinkommen deutlich senken wollen.“ Das beschädige die Investitionskraft für Bildung und Infrastruktur. „Als könnte man diese Zukunftsfragen durch Steuersenkungen für Besserverdiener lösen. Mit solchen Versprechen werden doch nur die Wähler veräppelt.“

Hoffmann schlägt stattdessen vor, kleinere Einkommen bis hin zur Mittelschicht mit 5.000 oder 6.000 Euro Brutto-Monatsverdienst um 400 bis 700 Euro pro Jahr zu entlasten. … Ich halte auch Facharbeiterinnen für Leistungsträger. Nicht nur Unternehmer und Manager.“ Hoffmann bringt einen Steuerbonus ins Spiel, um die Arbeitszeit in Metall-Firmen häufiger auf vier Tage die Woche zu reduzieren. Es gehe darum, die Transformation zu schaffen, ohne dass massiv Jobs verloren gingen. „Deshalb wünsche ich mir, dass die Bundesregierung den tariflich vereinbarten Teillohnausgleich steuerfrei stellt.“ (Alexander Hagelüken, SZ 27.7.21)

Es ist eine ganz alte Litanei, die hier gelesen wird. Und immer hatte die IG Metall recht. Die deutsche Wirtschaft lebt neben ihren Unternehmern weithin von ihren kompetenten und zuverlässigen Arbeitnehmern und ihren Gewerkschaften, die stets das richtige Maß finden. Zum Glück!

3507: Rettet uns die Wissenschaft ?

Montag, Juli 26th, 2021

Den stärksten Hang zu Vereinfachungen und Verschwörungstheorien haben in der Regel diejenigen, die sich auf dem Feld der Wissenschaft nicht allzu viel zutrauen. Sie fühlen sich zurückgesetzt. Und das sind sie in gewisser Hinsicht ja auch. Der Gipfelpunkt dieser Frustration wird an vielen Stammtischen deutlich in dem Satz: „So einfach ist das.“

Seit der Aufklärung ist die Geschichte der westlichen Zivilisation eine Geschichte der Entzauberung. Der alten Autoritäten wie Staat, Kirche, Familie usw. Schließlich aber auch der neuen wie Sport und Medien. Und letztlich auch der Wissenschaft. „Vollzogen hat sich diese Entwicklung in einer Art paradoxem Effekt. Je mehr sich in den Debatten die Vertreter von liberaler Vernunft und Vernünftigkeit auf die Wissenschaft beriefen, um so schwächer schien der Abwehrzauber (etwa gegen Vorurteile, W.S.) zu wirken.“ (Jens-Christian Rabe, SZ 19.7.21).

In der letzten Zeit hatten wir offen wissenschaftsfeindliche Regierungen in den USA, Polen und Ungarn mit „mittelgroßen Lügen“ (Timothy Snyder). Es muss ein Abwehrkampf gegen die Spinner der Welt geführt werden. Die Skepsis gegenüber der Wissenschaft produziert diese selbst. Man denke nur an die „am Fließband produzierten, mit ein paar Tricks zu statistischer Signifikanz aufgeblasenen Studien“. Es lassen sich auf diese Weise Ergebnisse gewinnen, die schlichter Bullshit sind. Der Hauptgrund dafür ist enorme Publikationsdruck in der Wissenschaft.

„Nicht gerade weniges, was zu einer Zeit als unumstößlich wahr gilt, kann später vollkommen anders beurteilt werden. Wer oder was etwa im medizinischen Sinne für ‚verrückt‘ gilt, ist im Laufe der Geschichte extrem unterschiedlich gewesen. Dieser Blick lehrt eine Demut, die im hitzigen unmittelbaren Kampf gegen Spinner eher kontraintuitiv ist.“ Experimentalwissenschaften sind gar nicht auf unzweifelhafte und im Zweifel leider triviale Gewissheiten aus, sondern vielmehr auf Neuheiten, die naturgemäß vage, unsicher und widersprüchlich sind. Die Frage also, ob die Wissenschaft als Anker unserer Ordnung taugt, können wir nur mit

ja und nein

beantworten.

„Wissenschaft allerdings auch als soziale Methode zu begreifen, um unter der Bedingung zunehmender weltanschaulicher Pluralität kontrolliert skeptisch die Erkundung der kleinsten gemeinsamen Wirklichkeit zu wagen, ist nötiger denn je. Vielleicht ist es sogar unsere letzte Hoffnung.“