Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

4052: Günter Wallraff 80

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Bei „BILD“ war er Hans Esser, für sein Buch „Ganz unten“ der Türke Ali: die Ikone des Investigativjournalismus Günter Wallraff. Er wird 80 Jahre alt. Heute ist er weithin beliebt, wird aber immer noch auch von vielen gehasst. Wallraff hat aufgeklärt, die sozialen Mängel der Bundesrepublik benannt, ihren Rassismus. Trotz der vielen Gerichtsverfahren, mit denen er überzogen wurde, blieb Wallraff ein Aufdecker. Noch heute arbeitet er mit seinem Team für RTL. Die Bundesrepublik, über die er anfangs aufklärte, das war die von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen. Deren Rückständigkeit und ihr Rassismus sind heute noch nicht überwunden, wie wir verlässlich wissen. Wallraff war bei McDonald’s, Thyssen und sonstwo. Auch im Ausland war er aktiv. So etwa im von Obristen regierten Griechenland. Nie hat er gegen das öffentliche Interesse gehandelt, er glaubt daran, dass die Welt verändert werden kann. Und wenn unser Staat ein bisschen sensibler geworden ist, dann ist das auch Günter Wallraffs Verdienst (Holger Gertz, SZ 1./2./3.10.22).

4051: Polen und Deutschland uneins über die Oder-Verschmutzung

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Polen und Deutschland konnten sich nicht auf einen gemeinsamen Schlussbericht zur Oder-Verschmutzung einigen. Nicht einmal ein gemeinsames Vorwort war möglich. Offenbar war es ja die Goldalge, die für das massenhafte Fischsterben und die Ausrottung von Muschelarten in der Oder verantwortlich war. Hervorgerufen durch einen zu hohen Salzgehalt. Der stammt von polnischen Einleitungen (Papierfabriken, Kupferminen, Bergbau). Die Wojwodschaft Oberschlesien gilt als das industrielle Herz Polens. In Polen wird auch der Mythos der sauberen Oder gepflegt. Dort gibt es sehr viele Hobbyangler.

Im aktuellen Fall waren wohl ein zu hoher Salzgehalt, Industrieeinleitungen, die Trockenheit und die hohe Sonneneinstrahlung für die Ausbreitung der Goldalge ursächlich. Die ist tödlich für Fische und Muscheln. Die polnische Seite hatte 282 illegale Einflüsse in die Oder registriert und eigenen Angaben zufolge 57 davon der Polizei gemeldet. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) verlangt, die illegalen Einleiter namhaft zu machen. Dies ist nicht die erste Kontroverse zwischen Polen und Deutschland in Umweltfagen. Greenpeace dazu: „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Umweltkatastrophe zu einem großen Teil menschengemacht ist.“ „Das Problem ist, dass in Polen die Oder verschmutzt ist, weil es eben ging.“ (Viktoria Grossmann/Jan Heidtmann, SZ 1./2./3.10.22)

4050: Marcel Fratzscher zur wirtschaftlichen Entwicklung

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, äußert sich in einem Interview mit Marc Beise und Alexander Hagelüken (SZ 1./2./3.10.22) zur wirtschaftlichen Entwicklung:

„Die hoffnungsvolle Nachricht ist: Wir sehen keine tiefe Rezession, verglichen mit Corona. Die Wirtschaft wird 2023 wohl nur leicht schrumpfen, vor allem weil die Verbraucherinnen und Verbraucher weniger konsumieren. Auch wird die Arbeitslosigkeit nicht stark steigen. Jetzt die schlechte Nachricht: Die Entwicklung ist höchst unsozial, vor allem wegen der anhaltend hohen Inflation, die auch Lohnerhöhungen weit übertreffen wird. Menschen mit geringen oder mittleren Einkommen zahlen den höchsten Preis für die Krise. Wir sehen eine weiter zunehmende soziale Polarisierung.“

„Die Regierung ist gut, wenn es darum geht, die Energieversorgung sicherzustellen. Dass die Gasspeicher wieder fast voll sind, hätte doch niemand erwartet. Auch die bisherigen Entlastungspakete zeigen Wirkung. Aber das reicht alles nicht, um den Menschen und Unternehmen ausreichend zu helfen. In einer Notlage wie dieser ist eine stärkere Entlastung bei Energie dringend geboten, …“

„(Eine Gaspreisbremse) wäre am besten schon zum 1. September gekommen. Außerdem: die Gaspreisbremse ist nicht zielgenau. Weil sie alle gleich behandelt, die man nicht gleich behandeln sollte. Es profitieren auch Bürger mit hohen Einkommen, die die Inflation wenig trifft. Die Preisbremse kann nur ein erster Schritt sein. Wir brauchen noch mehr Entlastung für Geringverdiener. Ein vierköpfiger Haushalt mit einem Jahreseinkommen von 35.000 Euro hat bis zu 5.000 Euro Mehrkosten.“

„Schulden sind per se nicht schlecht. Die Frage ist nicht, wie viel gibt der Staat aus, sondern wofür. Wenn das Geld zur Bewältigung der Krise genutzt wird oder für die Energiewende, sind es Investitionen in die Zukunft.“

„Wir brauchen eine neue China-Politik. Wir sind ja viel abhängiger von China als China von uns. Das macht uns erpressbar. Ökonomen sprechen von einer asymmetrischen Beziehung. Chinesische Firmen haben viel besseren Zugang zum europäischen Markt als europäische und deutsche Unternehmen in China, wo man in Finanzen, Verkehr und anderen Branchen kaum investieren kann. Europas Politik hat den Fehler gemacht, das zuzulassen.“

4041: Niedersachsen: SPD vorne

Mittwoch, September 28th, 2022

In Niedersachsen sind am 9. Oktober Landtagswahlen. Nach einer Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des NDR ergibt sich gegenwärtig folgendes Kräfteverhältnis (in Prozent):

SPD 32, CDU 28, Grüne 17, AfD 9, FDP 5, Linke 4.

Grüne und FDP haben verloren, die AfD gewonnen. Für Schwarz-Grün reicht es nicht, aber für Rot-Grün. Denkbar ist auch ein Dreierbündnis. Aber die SPD steuert klar auf ein Bündnis mit den Grünen zu.

Entscheidendes Thema ist die Deckelung der Energiepreise. Nun hat sich nach der CDU auch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) für einen Energiepreisdeckel bei Strom und Gas ausgesprochen. Für den Fall seiner Wiederwahl verspricht er ein Sofortprogramm in Höhe von einer Milliarde Euro. Die Grünen stehen wegen der Debatte um die Gasumlage und den Notfallplan für die letzten Atomkraftwerke unter Druck. Die FDP droht das Scheitern. Stimmte sie einem Preisdeckel auch für Gas zu, ginge das nur, wenn die Schuldenbremse weiterhin ausgesetzt bliebe. Doch an der hält Bundesfinanzminister Christian Lindner strikt fest (Peter Fahrenholz, SZ 23.9.22).

 

 

4040: Bandenkriminalität nimmt zu.

Dienstag, September 27th, 2022

Die Zahl der Ermittlungsverfahren gegen kriminelle Banden in Deutschland hat im Jahr 2021 um 17 Prozent auf fast 700 zugenommen. Gemäß dem Lagebild Organisierte Kriminalität des Bundeskriminalamts sind dabei immer mehr Tatverdächtige bewaffnet. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) bezeichnete die Bandenkriminalität als „ein wachsendes Phänomen mit erheblichen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft“ (SZ 22.9.22).

4038: Wolfgang Schäuble 80

Sonntag, September 18th, 2022

Wolfgang Schäuble wird 80 Jahre alt. Er hat ein politisches Ausnahmeleben geführt, hat 50 Abgeordnetenjahre (CDU), war dreimal Bundesminister, Fraktionsvorsitzender, Parteichef. Dass er Bundeskanzler wurde, hat Helmut Kohl verhindert. Wolfgang Schäuble hat ein Attentat überwunden. Für die alte Bundesrepublik hat er im Alter von 47 Jahren die deutsche Vereinigung verhandelt. Mit sehr großem Erfolg. Das erkennen bloß nicht alle. Seit langem hat Schäuble einen systematisch geordneten Rückzug angetreten. Vorher hatte er zur theoretischen Fundierung der Bundesrepublik beigetragen. Wo er schon viel weiter war, musste er sich manchmal bei seinen Abgeordnetenkollegen in Geduld üben. Wie richtig Wolfgang Schäuble häufig lag, ist daran zu erkennen, dass er 2021 die Kanzlerkandidatur Markus Söders (CSU) schier unmöglich gemacht hatte (Stefan Kornelius, SZ 17./18.9.22).

Das Einzige, das seinen Erfolg nachhaltig behindert hat, war sein fürchterlicher badischer Dialekt.

4036: A.L. Kennedy über das Ende der Monarchie

Freitag, September 16th, 2022

Der britische Schriftsteller A.L. Kennedy, 57, schreibt über das Ende der Monarchie (SZ 15.9.22):

1. „Herzlich willkommen in einem Vereinigten Königreich, das tagelang in blindem Gehorsam offiziell um eine Monarchin trauern wird, unter deren Herrschaft Untertanen geboren wurden, gelebt haben und gestorben sind.“

2. „Die letzte Amtshandlung unserer Königin bestand darin, sich von unserem bisherigen furchtbaren Premierminister zu verabschieden, der sie in diesem Amt belogen hatte, und unsere furchtbare neue Premierministerin offiziell zu ernennen. Die Bewegung Extinction Rebellion sagte danach Großdemos ab, wohl in der Hoffnung, dem neuen König zu gefallen, der im Gegensatz zur ehemaligen Shell-Mitarbeiterin Truss den Klimawandel für ein dringendes Problem zu halten scheint.“

3. „Das Ganze wird umrahmt von prunkvollen offiziellen Feierlichkeiten, die der Erhaltung herrschender Machtstrukturen dienen.“

4. „Die Menschen mögen unsicher sein, für wen sie künftig in der Nationalhymne um Gottes Segen bitten sollen; das gesellschaftliche Establishment und seine Anhängerr sind sich um so sicherer, dass diese Hymne für alles steht, dass ewig, weiß und rechts ist.“

5. „Jetzt erwarten uns viele Tage aufwendigen, kostspieligen Begräbnispomps. Dann folgt der Krönungspomp. Unsere Glocken müssen läuten, unsere Quizabende werden abgesagt, unsere Alltagssorgen verschoben, und das alles wegen einer Frau, die die wenigsten von uns persönlich kannten.“

6. „Unsere Oberschicht wurde durch die brutalen Traditionen teurer Privatinternate traumatisiert und abgestumpft – also wurde von uns allen erwartet, dass wir dem Tod geliebter Menschen mit Gleichmut begegnen.“

7. „Elizabeth winkte ihren Kolonialkindern freundlich zu, aber im gesamten Commonwealth dienen Vorurteile und die überhebliche Macht des Geldes und der Geburt noch immer der Erhaltung tief verwurzelter Ungerechtigkeit.“

8. „Wir müssen nicht erwähnen, dass der königliche Reichtum unter anderem ein Frucht von Sklaverei ist oder dass das Vereinigte Köngreich erst 2015 seine Ausgleichszahlungen an die Nachfahren ehemaliger Sklavenhalter einstellte.“

9. „.. eine Rolle/wie die der Königin/die von Natur aus so undemokratisch ist, sollte keinen Ruhepol bilden, sondern der Vergangenheit angehören.“

10. „Während die Tage unterwürfiger Trauer und Unterwürfigkeit weitergehen, denken viele Menschen in diesem Land über das Ende der Monarchie nach.“

4032: Putin-Lobbyistin Wagenknecht setzt Linke unter Druck.

Mittwoch, September 14th, 2022

Sahra Wagenknecht findet keinen Frieden. Jetzt griff sie im Bundestag die Ampel an: „Das größte Problem ist Ihre grandiose Idee, einen beispiellosen Wirtschaftskrieg gegen unseren wichtigsten Energielieferanten vom Zaun zu brechen.“ Wirtschaftsminister Robert Habeck griff sie besonders hart an. Daraufhin die Grünen-Abgeordnete Katharina Dröge: „Putin freut sich über Ihre Rede, Frau Wagenknecht!“ Die Grünen-Abgeordnete Claudia Müller: Wagenknecht habe einem Kriegsverbrecher das Wort geredet. Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner fordert den Rücktritt der Fraktionsvorsitzenden Dietmar Bartsch und Amira Mohamme Ali, weil sie Wagenknecht auf die Rednerliste gesetzt hatten. Ein Gerücht besagt, dass man Wagenknecht jetzt im Bundestag habe reden lassen, damit sie nicht auf der Montagsdemo redet, wo der Schaden möglicherweise noch größer gewesen sei. Bei den Linken gibt es Austritte, u.a. von dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten Fabio de Masi.

Die AfD klatschte begeistert Beifall für Wagenknecht (Pascal Beucker, taz 9.9.22; Boris Herrmann, SZ 14.9.22).

4030: Schweizer Atommülllager verärgert Deutsche.

Montag, September 12th, 2022

Die Schweiz will ihr Endlager für Atommüll an der Grenze zu Deutschland bauen. Wenige Kilometer von der Gemeinde Hohentengen entfernt. Der nun favorisierte Standort sei der sicherste für ein Tiefenlager. Das Schweizer Bundesamt für Energie will am Montag eine ausführliche Begründung geben. Der Bürgermeister von Hohentengen zeigte sich erstaunt. 2015 war der Standort schon einmal als ungeeignet zurückgestellt worden. Das Bundesumweltministerium sprach von einer „großen Belastung“ für die betroffenen Gemeinden und kündigte eine Überprüfung der Schweizer Pläne an. Es wird damit gerechnet, dass es eine Volksabstimmung zum Endlager geben wird (IFF, SZ 12.9.22).

4029: CDU für Pflicht-Dienstjahr

Montag, September 12th, 2022

Auf ihrem Parteitag hat sich die CDU für ein Pflicht-Dienstjahr entschieden und gegen die freiwillige Variante. Bundesjustizminister Buschmann (FDP) kritisierte, nachdem die Jungen in der Pandemie zwei Jahre verloren hätten, dürfe der Staat „nicht einfach noch ein Jahr ihres Lebens enteignen“. CDU-Chef Merz sagte: „Freiheit geht nur mit Verantwortung“ (SZ 12.9.22).