Archive for the ‘Philosophie’ Category

3928: Missbrauch – die letzte Chance der EKD

Sonntag, Juli 3rd, 2022

Das „Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt“ der EKD nimmt seine Arbeit auf. Acht der im Gremium sitzenden Betroffenen machen Druck. Dies sei die letzte Chance für die EKD, „unsere Expertise“ in Anspruch zu nehmen. Bis her gab es viele Negativschlagzeilen. Es wurde auch kritisiert, dass die Betroffenen nun kein eigenes Gremium mehr haben.

Die Sprecher der Betroffenenvertreter sehen aber eine Chance. „Die EKD gibt Deutungshoheit und Macht ab.“ In vielen Landeskirchen sei der Umgang mit dem Missbrauch aber immer noch nicht von Offenheit und Fürsorge geprägt. Sondern von institutioneller Abwehr. Manche Würdenträger hielten aufrüttelnde Reden und versagten in der Praxis. Die Mehrheit der Betroffenen sei bei der Kirche oder einem kirchlichen Träger beschäftigt. „Aufarbeitung in allen Kontexten muss endlich als gesellschaftliche Aufgabe erkannt werden. Dafür müssen öffentliche Strukturen geschaffen werden, die sich an klare Standards halten.“ (Annette Zoch, SZ 1.7.22)

3927: Hans Litten – ein bedingungsloser Kämpfer gegen den Rechtsextremismus

Sonntag, Juli 3rd, 2022

Die Nazis haben den Rechtsanwalt Hans Litten 1938 in Dachau ermordet. Der 1903 geborene Jurist war zum Ende der Weimarer Republik ein prominenter Gegner der Rechtsextremisten. Es gelang ihm einmal, Hitler als Zeugen vor Gericht laden zu lassen. Seine Biografie

Knut Bergbauer/Sabine Fröhlich/Stefanie Schüler-Springorum: Hans Litten. Eine Biografie. Göttingen (Wallstein) 2022, 384 Seiten, 26 Euro,

ist gerade erschienen. Der aus einer bürgerlichen Familie jüdischer Herkunft stammende Litten studierte in seiner Jugend den Talmud und begeisterte sich für jüdische Mystik. Als Jurist war er anscheinend exzellent. Er verteidigte häufig kommunistische Angeklagte in einer Justiz, die auf dem rechten Auge blind war. 1929 ging es darum, dass ein Angeklagter Gustav Noske (SPD) als „Lumpen“ und „Schurken“ bezeichnet hatte. Litten verlangte die Ladung eines Sachverständigen, der erklären könne, dass Noske durchaus als „Lump“ zu bezeichnen sei. Der Staranwalt Hans Litten litt an Geldmangel, da die Zahlungen der „Roten Hilfe“ häufig dürftog ausfielen. Er wurde gleich am 28. Februar 1933 von den Nazis festgesetzt. Er durchlitt eine Odyssee der Erniedrigungen und der Folter bis zu seiner Ermordung 1938 (Klaus Hildenbrand, taz 25./26.6.22).

3926: Ukrainische Regierung korrigiert Andrij Melnyk.

Samstag, Juli 2nd, 2022

Die ukrainische Regierung hat ihren Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, korrigiert. Der hatte den früheren ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera (1909-1959) in Schutz genommen. Der wiederum ist in Polen sehr beliebt. Kiew dankte Polen für die Hilfe im Krieg gegen Russland. Melnyk hatte im Gespräch mit dem Journalisten Tilo Jung gesagt: „Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen.“ „Ich bin dagegen, dass man all die Verbrechen Bandera in die Schuhe schiebt.“

In der Ukraine gibt es seit dem Regierungssturz von 2014 einen regelrechten Bandera-Kult. Er war der ideologische Führer des radikalen Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nationalistische Partisanen hatten 1941 in Lemberg (Lwiw) und anderen ukrainischen Orten an der Ermordung von Juden durch deutsche Einsatzkommandos mitgewirkt und waren 1943 für ethnisch motivierte Vertreibungen aus dem Westen der Ukraine verantwortlich, bei denen zehntausende polnischer Zivilisten ermordet wurden. Bandera floh nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland, wo er 1959 von einem KGB-Agenten ermordet wurde (SZ 2./3.7.22).

3925: Trump wollte den Putsch am 6.1.2021 .

Donnerstag, Juni 30th, 2022

_:Nur durch die mutige Aussage von Cassidy Hutchinson, der damaligen Assistentin von Donald Trumps Stabschef, wird nun vollends klar, dass Mr. Trump am 6.1.2021 beim Marsch auf’s Kapitol den Putsch wollte und die Wahl nicht anerkennen. Trump hat auch seine bewaffneten Anhänger zum Capitol geschickt. Er wollte seinen demokratischen Nachfolger verhindern. Nur durch die Weigerung vieler kleiner Funktionsträger konnte vermieden werden, dass Trump an der Macht blieb. Eine Untersuchung darüber ist wünschenswert. Sie wird wohl nicht kommen. Trump hatte gezielt Wahlbeamte eingeschüchtert. Bei der nächsten Wahl im Jahr 2024 muss es das Ziel sein, Trump zu verhindern. Er darf keine zweite Chance bekommen, die USA in ein Prumpistan zu verwandeln (Fabian Fellmann, SZ 30.6.22).

3924: Supreme Court entmündigt Frauen.

Mittwoch, Juni 29th, 2022

Der Supreme Court hat in der vergangenen Woche zwei Urteile publiziert. In beiden Fällen reichten sechs respektive fünf konservative Richter, von denen drei ihr Amt

Donald Trump

verdanken, um dem Land eine harte rechte Politik aufzuzwingen. Inhaltlich sind die Urteile verheerend. Nun: Schusswafen zu besitzen und zu tragen ist in den USA ein in der Verfassung verbrieftes Recht. Furchtbar.

Seit 1973 war in den USA Abtreibung ein unter bestimmten Bedingungen verbrieftes Recht. Damit ist es nun vorbei. Die Entscheidung darüber wurde an die einzelnen Staaten zurückverwiesen. Wo Republikaner regieren, ist Abtreibung künftig nicht mehr erlaubt.

Der Supreme Court hatte in der Vergangenheit durchaus progressive Urteile gefällt. 1954 gegen die Rassentrennung, 2015 für die Ehe von Homosexuellen.

„Der Supreme Court hat zig Millionen Frauen mit einem Federstrich entmündigt. Er hat ihnen das Recht und die Freiheit genommen, über ihren Körper, ihre Gesundheit, ihr Leben selbst zu bestimmen, und er bringt sie in Gefahr, wenn sie sich für eine unsichere, heimliche Abtreibung entscheiden.“

Das kommt dabei heraus, wenn man beschränkten Typen wie Trump oder bornierten Ideologen wie den Evangelikalen die Macht gibt. „Amerika hat vorige Woche ein großen Schritt zurück in eine repressive Vergangenheit gemacht.“ (Hubert Wetzel, SZ 27.6.22).

3923: Ernst Jacobi ist tot.

Mittwoch, Juni 29th, 2022

Er hat große Personen der Weltgeschichte verkörpert: Jakob Fugger, Emile Zola et alii. Trotzdem war seine gezähmte Bürgerlichkeit sein Markenzeichen. Vor allem auf dem Theater. Schon als Jugendlicher hatte Ernst Jacobi Sprechrollen beim RIAS übernommen. In seiner Karriere war er beim Schillertheater in Berlin, bei den Münchener Kammerspielen und beim Wiener Burgtheater. Und er war dabei in der Experimentierphase des Fernsehens. „Am Tag, als der Regen kam“ (1959), „Schwarzer Kies“ (1961), er spielte den Gauleiter in Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“. In Jan Troells „Hamsun“ gab er den „Führer“ neben Max von Sydow als Hamsun. Vielleicht sein größter Erfolg: in „Deutschland, bleiche Mutter“ von Helma Sanders-Brahms (1980). Jacobis Markenzeichen war sein unverkennbare Stimme. Er stellte uns dar, dass nicht nur die Städte in Deutschland in Trümmern liegen, sondern auch das System der gesellschaftlichen Rollen. Den Höhepunkt erreichte Ernst Jacobi als Erzähler in Michael Hanekes „Das weiße Band“. Mehr geht nicht (Fritz Göttler, SZ 24.6.22).

3922: Linke vermeidet Absturz.

Dienstag, Juni 28th, 2022

Durch die Wahl von Janine Wissler und Martin Schirdewan hat die Linke den Absturz vermieden. Verloren hat Sahra Wagenknecht, deren Erkältung zur Nichtteilnahme nicht von allen ernst genommen worden ist. Partei-Opa Gregor Gysi hat vor einer „Neugründung“ gewarnt. Oskar lafontaine ist ja bereits ausgetreten. Da ist also schon einiges beiseitegeräumt.

Sahra Wagenknecht steht auf Seiten Wladimir Putins. Die Partei spricht von einem „verbrecherischen Angriffskrieg“ Russlands. Wagenknecht möchte den USA die Schuld für den Vernichtungskrieg in der Ukraine in die Schuhe schieben. Das kann nicht gelingen. Sie ist solidarisch mit den Fraktionsvorsitzenden Dietmar Bartsch und Mohamed Ali, welche die entschiedensten Gegner von Wissler und Schirdewan sind. „Es mag ja sein, dass die Linke, wie viele glauben, ohne Wagenknechts Strahlkraft für die Wähler noch unattraktiver würde. Doch wie bisher mit ihr kann es erst recht nicht weitergehen. Wenn sie die Erfurter Entscheidung nicht akzeptieren kann, sollte sie die Partei verlassen.“ (Jens Schneider, SZ 27.6.22; Boris Herrmann, SZ 27.6.22).

3921: Massenhaft Kirchenaustritte

Dienstag, Juni 28th, 2022

359.338 Menschen sind 2021 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Wir nennen es den

Woelki-Effekt.

Spitzenreiter in der Austrittswelle ist das Erzbistum Köln. In der Kirche können sich die Reformer vom „Synodalen Weg“ nicht durchsetzen, vom Papst werden sie noch verhöhnt. Wir hätten doch schon eine funktionierende evangelische Kirche in Deutschland. Die evangelische Kirche hatte 2021 280.000 Austritte zu verzeichnen. Nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung gehört in Deutschland der katholischen oder einer der evangelischen Kirchen an. Typisch bei den Austritten der Katholiken ist es, dass nicht die ohnehin schon kirchenferne Menschen austreten, sondern gerade solche, die bisher in den Pfarreien sehr engagiert waren.

Die Kirche macht Vorschriften, belehrt und gängelt und hat anscheinend keine gute Beziehung zur Realität. Die Zahl der Pfarreien und der Priester verringert sich permanent. Das neueste Missbrauchsgutachten (im Erzbistum München und Freising) spricht von 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern. Es konnte bisher schon der Eindruck entstehen, dass viele kirchliche Funktionsträger dies Phänomen überhaupt nicht ernst nehmen. Die Integrationskraft der Kirche schwindet dadurch vehement. Eine noch weitergehende Radikalisierung sehen wir in den USA, wo einige katholische Bischöfe in einer unheilvollen Allianz mit fundamentalistischen Evangelikalen die gesellschaftliche Spaltung vorantreiben und Hass verkünden. Die frohe Botschaft scheint vergessen (Kassian Stroh, SZ 28.6.22; Annette Zoch, SZ 28.6.22).

3920: Olaf Scholz boykottiert Documenta.

Donnerstag, Juni 23rd, 2022

Bundeskanzler Olaf Scholz hält die Vorgänge um das Großbild „People’s Justice“ auf der Documenta in Kassel für „skandalös“. Er findet „die besagte Abbildung in Kassel abscheulich“. Er besucht die Ausstellung nicht und fordert stattdessen „Konsequenzen“. Das tut auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Gemeint sein kann damit nur die Documenta-Generalsekretärin Sabine Schormann. Das besagte antisemitische Bild war verspätet erst am Freitag aufgehängt worden. Am Montag wurde es verhüllt. Und Dienstagabend abgehängt. Das wurde höchste Zeit. Bei manchen der Verantwortlichen habe ich den Eindruck, dass sie noch nicht begriffen haben, was auf der Documenta angerichtet wurde. Unglaublich (jhl, SZ 23.6.22).

3918: Russlands verlogenes Selbstbild

Donnerstag, Juni 23rd, 2022

Der Journalist und Schriststeller Thomas Hüetlin schreibt über Russland (SZ 22.6.22):

„Russland ist eines der sozial ungleichsten Länder der Welt, die meisten Menschen leben in Armut, und im Gegensatz zu China ist es Putin nicht gelungen, eine nennenswerte moderne Industrie aufzubauen – jenseits jener Rohstoffe, die in einer klimaneutraleren Welt kaum noch Platz haben werden. Diese Unfähigkeit, für seine Bevölkerung eine lebenswerte Zukunft herbeizuführen, tarnen Putin und seine Günstlinge mit immer neuen Kriegen und verbalen Eskalationen. Der Westen als ’nuklearer Aschehaufen‘ ist eine ihrer Lieblingsmetaphern im Dauerbombardement der russischen Staatsmedien. Die unausgesprochene Losung lautet:

Du magst arm sein und krank und abgehängt von den Möglichkeiten des 21 . Jahrhunderts, aber du bist immer noch viel mehr wert als jene dekadenten, homosexuellen, frauenfreundlichen, verweichlichten Kreaturen des Westens.“