Archive for the ‘Medien’ Category

4656: Özdemir (Grüne) warnt vor Spaltung in Stadt und Land.

Donnerstag, Januar 11th, 2024

Bundeslandwirtschaftsminsier Cem Özdemir (Grüne) warnt vor einer tiefen Spaltung der deutschen Gesellschaft in Stadt und Land. „Die Menschen auf dem Lande haben das Gefühl, abgehängt zu sein. Sie sorgen sich, dass sie in einer zunehmend von Städtern dominierten Republik unter die Räder kommen.“ Die Bauernproteste halten 45 Prozent der Wähler für berechtigt (SZ 11.1.24).

4655: Anne Rabe „Die Möglichkeit von Glück“

Mittwoch, Januar 10th, 2024

Anne Rabes Debütroman „Die Möglichkeit von Glück“ stand 2023 wochenlang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Sie erzählt darin eindrücklich von ihrem Aufwachsen in der DDR. Bei der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 war sie ein Kind. Nun schreibt sie sogar selbst in der „taz“ (30.12.23-5.1.24) über ihren Roman und ihre Erfahrungen auf einer ausgedehnten Lesereise. Ich beschreibe das hier in meinen Worten meist in der Perspektive von Anne Rabe und mit Zitaten (aus der „taz“).

Beschrieben wird die Geschichte einer SED-Familie und die von Gewalt im Staat, in der Familie und durch Krieg und Armut, die bis heute nachwirkt. Immer wieder wurde Frau Rabe auf ihrer Lesereise gefragt: „Ist dieser Text autobiografisch?

„Was die Erzählerin umtreibt, das hat auch mich beim Schreiben umgetrieben. Die Fragen, die sie sich stellt, habe ich mir oft gestellt.“

Die Folgen der Wiedervereinigung kamen sehr deutlich zum Vorschein mit Pegida 2014 und der Migrantenkrise 2015. Der Rechtsruck fand nicht nur in Ostdeutschland statt, aber da hat bis heute sein finsteres Zentrum. Das Wahlverhalten in Ost und West ist noch immer unterschiedlich. Rabe hat über ihr Aufwachsen nachgedacht.

„Manchmal erschraken wir über das, was man uns zugemutet hatte, und das, was wir einander zugemutet hatten.“

In der Agonie der DDR vor 1989: „Umgeben von Erwachsenen, die selbst nicht mehr wussten, wo oben und unten ist un die keine Kapazitäten für die Bedürfnisse ihrer Kinder frei hatten.“

Ein Freund von Anne Rabe riet: „Du musst auf Distanz bleiben.“ Das fiel schwer. Ende 2023 haben wir es mit ausuferndem Antisemitismus zu tun.

In der Regie von Björn Höcke (AfD) konnte ein FDP-Mann zum thüringischen Ministerpräsidenten gewählt werden. Dagegen sprach sich die FDP-Führung aus. Aber das war nicht Befestigung parlamentarischer Arbeit. „Ich hatte mich getäuscht.“

Auf der Lesereise war von Anfang an vorherrschend das Schweigen. Schweigen aus Hilflosigkeit und DDR-Gewohnheit. Es herrscht der Wunsch nach einer autoritären Führung und einem starken Staat.

„Die Gewalt ist ein brachialer Verlust von Distanz, den wir nicht kommen sehen, sonst hätten wir uns ja rüsten und wehren können. Die Gewalt teilt das eigene Erleben in ein Davor und ein Danach. Sie verändert uns. Sie macht uns wütend, ängstlich und traurig.“

Geschwiegen wird insbesondere über unsere Nazi-Vergangenheit. Wir sind unsicher über Waffenlieferungen an die Ukraine und den Umgang mit Geflüchteten.

„Der Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland ist lediglich, dass das Schweigen im Osten mehr Schichten hat.“

„Oft hatte ich das Gefühl, dass die Menschen zwar sprechen wollten, aber besonders in kleinen Orten oft Angst haben, nicht die richtigen Worte zu finden oder sich vor ihren Nachbarinnen und Nachbarn zu offenbaren.“

„Ich werde nicht vergessen, wie Frauen von den letzten Kriegstagen in den Städten entlang der Havel erzählten.“

„Nicht vergessen werde ich den Mann, der immer wieder sagte, wie normal doch die ganze Gewalt sei, die in dem Buch geschildert wird. Er sagte das nicht, um die Gewalt abzutun, auch das begriff ich erst später, sondern um den anderen im Raum mitzuteilen, dass es ihm auch so ergangen war und dass er es auch nicht vergessen kann.“

 

4654: Baerbock kritisiert israelische Regierung.

Dienstag, Januar 9th, 2024

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) fordert von der israelischen Regierung einen besseren Schutz der Palästinenser im Westjordanland. „Das was hier passiert, ist illegal.“ Die illegalen jüdischen Siedler sind gewalttätig. Es zeige sich, wie dringend eine Zwei-Staaten-Lösung sei. Ebenfalls verlangte Baerbock mehr Schutz der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza. Zudem gab die deutsche Außenministerin bekannt, dass die Bundesregierung der Lieferung weiterer Flugzeuge vom Typ Eurofighter an Saudi-Arabien nicht im Weg stehen werde (SZ  9.1.24).

4653: Franz Beckenbauer ist tot.

Dienstag, Januar 9th, 2024

Franz Beckenbauer ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Er war im Fußball als Spieler, Trainer und Funktionär völlig singulär. Hat den Deutschen eine Portion Leichtigkeit vorgeführt. War als Spieler und Trainer Weltmeister. Dass er sich, als er die Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland holte, auf die Strukturen des internationalen Fußballs einlassen musste, versteht sich von selbst. Der gesamte internationale Fußball ist korrupt. Deutschland konnte sich von seiner besten Seite zeigen: weltoffen, tolerant, vertraut mit internationalen Gepflogenheiten usw.

4651: Die Documenta braucht exzellentes Führungspersonal.

Sonntag, Januar 7th, 2024

Viele glauben, dass die Documenta nach dem Antisemitismus-Fiasko vom letzten Jahr vor dem aus steht. Hanno Rauterberg (Die Zeit 23.11.23) überlegt, wie sie gerettet werden kann. Denn das Selbstbewusstsein der Documenta-Macher war ja stets erstaunlich und nicht ganz verständlich. Die Findungskommission flog auf mit einer Generalabrechnung. Die postkoloniale und die universalistische Linke bekämpfen sich bis aufs Messer. Entscheidend ist aber, dass die Kunst freibleibt und sich keiner Ideologie unterwerfen muss.

Als im letzten Jahr die Entwicklung dramatisch wurde, war kein Verantwortlicher präsent. Die hatten sich zurückgezogen. Das darf sich auf keinen Fall wiederholen. Denn wir brauchen ja eine Kunst, die das Terrain zwischen den Fronten erkundet und sich Ambivalenzen und Zwischentöne erlaubt. Das geht nicht mit Duckmäusern. Schließlich will Kassel mit der Documenta auch noch Geld verdienen. Wessen es dringend bedarf, ist kundiges und unabhängiges Führungspersonal. Denn jetzt gibt es zu viel unkundige und schreckhafteLeitungsfunktionäre. Parteipolitisch handverlesen. Es braucht Mut und eine entscheidungsfähige Leitungsfigur. Dann ist die Documenta noch lange nicht verloren.

4650: Mehr als 10.000 Eintritte in die AfD

Samstag, Januar 6th, 2024

Die Mitgliederzahl der AfD ist nach Angaben der Partei stark gestiegen. Wohl im Zusammenhang mit den letzten Wahlerfolgen. Derzeit hat die Partei 40.131 Mitglieder. Das hatte Ende 2022 noch ganz anders ausgesehen. Auf Bundesebene kam die Partei nach den letzten Umfragen auf 18 bis 23 Prozent. Damit wäre sie nach CDU/CSU die zweitstärkste Partei noch vor der Kanzlerpartei SPD (14 Prozent). Die Landesverbände der AfD in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt werden vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Infolgedessen droht in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen bei den Landtagswahlen eine

politische Katastrophe.

Vorher gibt es im Juni 2024 noch die Europawahl (FAZ 3.1.24).

4648: Jürgen Trittin (Grüne) verlässt den Bundestag.

Donnerstag, Januar 4th, 2024

Der Göttinger Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin (Grüne) verlässt den Bundestag. Er hat ihm 25 Jahre angehört. In seiner letzten Rede lobte er den Kompromiss. Er dankte dafür, dass er dem Hause 25 Jahre angehören durfte. Trittin hatte eine K-Gruppen-Vergangenheit, die er schnell überwunden hat. Er konnte scharfe Reden halten, provokativ und polarisierend, spottend und schneidend. Er war der erste grüne Umweltminister im Bund. Als Spitzenkandidat scheiterte er. Er hat das Dosenpfand eingeführt und den Atomausstieg mit eingeleitet. Er wird fehlen. „Von derart selbstbestimmten Abschieden gibt es in der Politik nicht viele.“ (Sabine am Orde, taz 15.12.23).

4643: Eine neue Paul Celan-Biografie

Montag, Januar 1st, 2024

Bertran Badiou, der schon 2008 an der Herausgabe des Briefwechsels zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann beteiligt war (Suhrkamp), hat eine neue, umfassende Celan-Biografie vorgelegt:

Paul Celan, Eine Bildbiogrfie. In Zusammenarbeit mit Nicolas Geibel. Mit einem Essay von Michael Kardamitsis. Berlin (Suhrkamp) 2023, 580 Seiten, 68 Euro.

Sie enthält vieles bislang Unbekannte. Auch Leerstellen und Räume für Interpretationen. Celans Zeit in Bukarest von Mai 1945 bis Dezember 1947 war bisher von der Forschung vernachlässigt. Mit dem deutschen Literaturbetrieb hatte Paul Celan von Anfang an Probleme. Er sah sich in Paris als „Partisan des erotischen Absolutismus“. Lebenslang musste er sich gegen die Vereinnahmung als Dichter der „Todesfuge“ verteidigen. Claire Goll denunzierte ihn. Die deutsche nationalkonservative Literaturkritik (etwa Günter Blöcker und Rolf Schroers) ertrug ihn nicht wegen seiner deutlichen politischen Anklage.

Paul Celan hatte nicht nur eine Beziehung mit Ingeborg Bachmann, sondern auch mit Ilana Shmueli (Briefwechsel bei Sehrkamp 2004), Brigitta Eisenreich, Gisela Dischner und Inge Wern. Badious Biografie enthält Celans komplette Krankengeschichte, die letztlich zum Selbstmord 1970 führte. Celans Verhältnis zur Gruppe 47 war entsprechend ambivalent. Er bleibt ein erratischer Block in der deutschen Literaturgeschichte (Helmut Böttinger, taz 4.12.23).

4635: Michael Kretschmer (CDU): Die K-Frage ist entschieden.

Mittwoch, Dezember 27th, 2023

Nach Meinung des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) ist bei der Union (CDU/CSU) die Kandidatenfrage für Friedrich Merz entschieden. Offenbar möchte die Union einen Machtkampf mit Markus Söder (CSU) vermeiden. Der hatte 2021 dazu geführt, dass die Union die Bundestagswahl verlor. Als Termin für eine vorgezogene Bundestagswahl können sich Friedrich Merz und Markus Söder offenbar den 9. Juni 2024 vorstellen, den Tag der Europawahl. Dafür müsste zunächste die Ampel zerbrechen, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Vertrauensfrage stellen und verlieren und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Neuwahlen anordnen.

Denkbar wäre bei einem Bruch der Ampel natürlich auch eine große Koalition von SPD und CDU/CSU unter Führung der SPD (auf der Basis des Ergebnisses von 2021). Hält die Ampel, wollen Merz und Söder im Spätsommer 2024 klären, wer Olaf Scholz (SPD) bei der Bundestagswahl 2025 herausfordern soll. Noch ist unklar, ob die Entscheidung vor oder nach den Landtagswahlen in Thüringen und Dachsen (1.9.2024) und Brandenburg (22. 9.2024) fallen soll (Georg Ismar, SZ 27.12.23).

4634: Pionierinnen des Journalismus

Dienstag, Dezember 26th, 2023

Rainer Hank erwirbt sich mit seinem Buch

Die Pionierinnen. München (Penguin) 2023, 368 S., 28 Euro,

große Verdienste. Aufgeführt werden hier die führenden deutschen Journalistinnen vor 1968 wie Clara Menck, Inge Deutschkron, Helene Rahms, Maria Frisé und andere. Sie mussten sich durchkämpfen. Ehemänner und Liebhaber spielten eine Nebenrolle. Die Journalistinnen waren besonders wichtig bei der Strafrechtsreform, beim Jugendstrafvollzug und Kinderrechten usw. Clara Menck hat zum Beispiel über die Nürnberger Prozesse 1946 berichtet, damals unüblich. Die Deutschen verstanden sich seinerzeit noch als Opfergemeinschaft, nicht als Verantwortungsgemeinschaft. Zu den Pionierinnen gehörte auch Elisabeth Noelle-Neumann, aber die war bis 1945 eine stramme Nationalsozialistin (Anna von Münchhausen, Die Zeit 30.11.23).