Archive for the ‘Literatur’ Category

4841: Milena Jesenska war Franz Kafka ebenbürtig.

Sonntag, Juni 2nd, 2024

Die Journalistin Milena Jesenska hat mit Franz Kafka einen ausführlichen Briefwechsel gehabt. Erschienen ist er erst in den neunziger Jahren („Alles ist Leben.“), ihre journalistischen Beiträge sind gerade eben publiziert worden („Prager Hinterhöfe im Frühling“). Als Feuilletonistin schrieb Jesenska über Kleidung, Kino und Bücher, als Reporterin über Armut, Krankheit und das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch. Schließlich auch über die aus Deutschland vor Hitler geflohenen Menschen. 1896 wurde sie in Prag geboren, 1944 starb sie, die Jüdin, im

Konzentrationslager Ravensbrück.

Die Prager Literaturwissenschaftlerin Marie Kiraskova hat das Leben von Milena Jesenska recherchiert. Bis hin zu ihrer Gestapo-Akte. Deswegen wissen wir heute auch vieles, das mir unbedingt wissenswert erscheint. Jesenska war unabhängig, vorurteilsfrei und direkt. Auch in den Briefen an Kafka. Sie war ihm ebenbürtig. Nach dem Krieg konnte sie in der Tschechossolwakei nicht richtig gewürdigt werden, weil sie Zeit ihres journalistischen Lebens die Sowjetunion hart und berechtigt kritisiert hatte. Es hilft manchmal nichts, Recht zu haben.

Milena Jesenska hielt in den schwierigen Zeiten engen Kontakt zu Deutschen. Das erschien vielen nicht korrekt. Bei Kafkas Tod 1924 hatte sie geschrieben: „Er war ein Mensch und Künstler von so feinem Gewissen, daß er auch dort etwas spürte, wo sich andere, die nicht so empfindsam waren, ungefährdet fühlten.“ Für Alena Wagnerova war Milena Jesenska Kafkas große Liebe. „Es gibt doch Beziehungen, die eine große Liebe sind, aber nicht in der Ehe enden.“ (Viktoria Großmann, SZ 17.5.24)

4835: Roger Corman ist tot.

Donnerstag, Mai 30th, 2024

Im Alter von 98 Jahren ist Roger Corman gestorben. Die Legende für B-Pictures als Produzent und Regisseur. Und als Förderer vieler Regisseure, die heute als Stars gelten. Corman kam 1950 nach Hollywood. Drehte Filme wie „Teenage Doll“ und „The Cry Baby Killer“. In letzterem debütierte 1958  Jack Nicholson, der dann in den siebziger Jahren als Schauspieler einer der Stars von „New Hollywood“ wurde. Bei Corman als Produzent starteten die Regisseure

Jonathan Demme, Peter Bogdanovich, Monte Hellman, James Cameron, Martin Scorsese und Stephanie Rothman.

Vielfach handelte es sich zunächst um schnell runtergekurbelte billige Genreware, aber der Bezug zur Kunst war stets erkennbar. Roger Corman als Produzent schuf in seinen Filmen den ästhetischen Freiraum für die Regisseure. Bis zum Schluss blieb er eine lebende Legende. Geachtet und geschätzt (Ekkehard Knörer, taz 13.5.24).

4828: Hildegrad Knef hat uns zur Selbstironie verholfen.

Sonntag, Mai 26th, 2024

Als 1963 Hildegard Knefs Album „Eins und eins, das macht zwei“ erschien, hatte sie schon eine große Filmkarriere hinter sich. Sie spielte sowohl in Helmut Käutners „Unter den Brücken“ (1944) als auch in Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ (1946). Und in „Die Sünderin“ (1951) machte sie sich weithin unbeliebt. In Hollywood kriegte sie keine Rollen, sondern sang zwei Jahre am Broadway. Dann kam sie nach Deutschland zurück und veröffentlichte bis Ende der siebziger Jahre 20 Alben. Gegen Spießertum, Falschheit und Verzweiflung. Das konnten wir gut gebrauchen (Johannes Wächter, SZ 18./19./20.5. 24).

4827: Internationaler Booker Prize für Jenny Erpenbecks „Kairos“

Sonntag, Mai 26th, 2024

Der Internationale Booker Prize wird verliehen für ins Englische übersetzte Literatur. In diesem Jahr geht er an Janny Erpenbeck für „Kairos“. Darin erzählt sie die Geschichte der Wiedervereinigung und zugleich die scheiternde Liebe zwischen dem Schriftsteller Hans, Mitte fünfzig, und der Studentin Katharina, 19, in Berlin. Die 1967 in Ostberlin in einer Intellektuellenfamilie geborene Erpenbeck ist als Schriftstellerin schon mehrfach ausgezeichnet worden.

Den Independant Foreign Fiction Prize, der inzwischen mit dem Booker Prize fusioniert wurde,  bekam sie 2015 für „Aller Tage Abend“. Erpenbeck teilt ihren Preis mit ihrem Übersetzer Michael Hofmann. Der hatte durch seine Neuübersetzung von Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ 2010 dafür gesorgt, dass Fallada wieder groß rauskam. Erpenbecks Debüt feierte sie 1999 mit „Geschichte vom alten Kind“. „Heimsuchung“ erschien 2008. Sie überzeugt durch Einfallsreichtum, detaillierte Kenntnisse und Sprachkraft. „Kairos“ stellt die entscheidenden Fragen zu Freiheit, Loyalität, Liebe und Macht. Erpenbeck kennt sich aus mit DDR-Mentalität.

Bei allem berechtigten Lob für Jenny Erpenbeck sollten wir die zentrale Kritik an ihr nicht übersehen. Sie wird formuliert von dem streitlustigen Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, wo er sagt: „Ist es wunderlich, dass in ihren Statements und Büchern nie jene vorkommen, die 1989/90 gewonnen haben, die befreit wurden, die endlich ankommen konnten?“ (Marie Schmidt; SZ 23.5.24)

Kowalczuk hat 2023 und 2024 die dicke, zweibändige Biografie von Walter Ulbricht veröffentlicht. Ich fürchte, dass den heute in Westdeutschland kaum einer mehr kennt.

4824: Melanie Möller bleibt unabhängig.

Mittwoch, Mai 15th, 2024

Melanie Möller ist Professorin für klassische Philologie an der Freien Universität Berlin. Sie hat sich bei allen Anpassungszwängen in der Alma Mater ihre Unabhängigkeit bewahrt. So schreibt sie etwa:

„Und dass Frauen in früheren Jahrhunderten unterdrückt, verdrängt oder vergessen wurden oder auch einfach weniger geschrieben haben, das macht Ovid, Shakespeare oder Kleist heute nicht weniger lesenswert.“ (Die Zeit, 2. Mai 24)

4809: 70 Jahre Oberhausener Kurzfilmtage

Freitag, Mai 3rd, 2024

Es war Hilmar Hoffmann, ein ohnehin um die Volksbildung in Deutschland sehr verdienter Mann, der 1954 die Oberhausener Kurzfilmtage begründete. Und damit ein Festival schuf, von dem aus viele Größen des internationalen Films starteten. Es begann mit Alain Resnais‘ „Nacht und Nebel“. Und setzte sich fort etwa mit Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Roman Polanski, Chantal Akerman und Martin Scorsese. 1962 verkündete Alexander Kluge hier das „Oberhausener Manifest“, in dem Papas Kino für tot erklärt wurde. Das wurde auch höchste Zeit. Edgar Reitz war Dauergast in Oberhausen. In diesem Jahr muss Festivalleiter Lars Henrik Gass, der sich nach dem Hamas-Pogrom vom 7. Oktober 2023 für Israel erklärt hatte, damit fertig werden, dass zahlreiche internationale Filmschaffende abgesagt haben. So sind die Zeiten (Philip Stadelmaier, SZ 2.5.24).

4808: Peter Demetz ist gestorben.

Donnerstag, Mai 2nd, 2024

Der 1922 in Prag geborene Germanist Peter Demetz ist gestorben. Er war ganz und gar und in jeder Hinsicht eine Ausnahmefigur in der Wissenschaft und in der Germanistik. Seine Familie wurde im Holocaust ermordet. Demetz lebte nach 1945 in München und emigrierte 1953 in die USA. Dort wurde er 1962 Professor in Yale und ist seither aus der Germanistik nicht mehr wegzudenken.

Über seinen Lehrer René Wellek sagte er: „Uns, den vielen Überlebenden, musste er nicht lange erklären, warum es eine rationale Wissenschaft unternehmen sollte, das Literarische vor jeder Manipulation durch Staatssysteme und Funktionäre zu retten.“ Seine Heimatstadt Prag nannte er eine „traurig-altberühmte Stadt“. Wenige Monate vor der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 schrieb er:

„Als die Prager Freundinnen meiner Mama, die später alle in den Gaskoammern erstickten, noch mit den silbernen Teelöffeln klimperten, war ihnen kein Gesprächsthema lieber als Verlobungen, Affären, Enterbungen und Hochzeiten; und wenn der Gugelhupf serviert wurde, ertönte immer die Frage: ‚Was war sie für eine Geborene?'“

Peter Demetz verachtete die US-Kultur im Gegensatz zu vielen anderen nicht. Er war ein leidenschaftlicher Kinogänger. Und er sah sich gezwungen, die Abgründe des Lebens mit

Ironie

zu bändigen. Ihm gelang es. Er wurde ständiger Autor der „Zeit“ und der „FAZ“, ein großer Gewinn für den deutschen Journalismus und für die deutsche Literaturgeschichte. Der große Kafka-Kenner würdigte die Feuilletons von Milena Jesenska und die Lokalreportagen von Egon Erwin Kisch. Von Peter Demetz stammen „Prag in Schwarz und Gold“ (1997) und „Mein Prag“ (2008). Das sagt alles. Wir haben einen großen Verlust erlitten (Lothar Müller, SZ 2.5.24).

4802: Ulrike Guérot bleibt entlassen.

Samstag, April 27th, 2024

Die Universität Bonn hat am 31.3.2023 die ehemalige Professorin Ulrike Guérot entlassen. Wegen Plagiaten. Vorher war sie Leiterin der Professur für Europapolitik gewesen. Es habe eine „Pflichtverletztung durch Täuschung“ vorgelegen. Das hat das Bonner Arbeitsgericht nun bestätigt. Weil Frau Guérot wisse, was ein Plagiat sei, sei auch eine Entlassung ohne vorherige Abmahnung statthaft.

Frau Guérot war nicht zur Beamtin ernannt worden, weil sie bei ihrer Berufung bereits über 50 Jahre alt war. Insofern galt hier Arbeitsrecht. Frau Guérot neigte zu bizarren Urteilen. Etwa in der Corona-Pandemie. Sie schrieb aber auch, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine als „lang vorbereiteter amerikanischer Stellvertreterkrieg“ gelten könne. Er sei „eine Apotheose jahrzehntelanger amerikanischer Geostrategie, deren eigentliches Ziel die Verfestigung der amerikanischen Dominanz in Europa ist“. (Alexander Menden, SZ 27./28.24)

4797: Proteste an US-Unis weiten sich aus.

Mittwoch, April 24th, 2024

Mehrere US-Universitäten bemühen sich seit Tagen darum, aufgeheizte Proteste gegen die israelische Politik im Gaza-Streifen unter Kontrolle zu bringen. An der New York University und an der Yale University wurden mehrere Dutzend Demonstranten festgenommen. An der Columbia University in New York blieben die Seminarräume geschlossen. An der California State Polytechnic University hatten Studenten einen Hörsaal besetzt (SZ 24.4.24).

4789: Woody Allen: Statements im Interview mit Oliver Polak

Freitag, April 19th, 2024

Am 4.4.2024 gab Woody Allen dem Komiker Oliver Polak ein Interview („Zeit-Magazin“):

„Wenn ich an Deutschland denke, habe ich gemischte Gefühle. Die Deutschen haben Enormes geleistet, kulturell, intellektuell und auch wissenschaftlich. Und dann wiederum war da die bösartigste Regierung, waren da die grausamsten Menschen, die die Welt je gesehen hat. Aber der wirkliche Grund dafür, dass ich noch keinen Film in Deutschland gedreht habe, ist, dass es dort bislang niemanden gab, der einen Fim von mir finanzieren wollte.“

„Wenn ich einen Film mache, lenke ich mich ab. Ich verbringe dann acht bis zehn Monate in einem Land mit charmanten Männern, wunderbaren Frauen, konstruierten Situationen, Kostümen, Musik. Die Realität blende ich aus und richte den Blick ins Innere. Ich bin im Studio, am Set. Ich muss mir Gedanken darüber machen, ob das Licht richtig gesetzt ist, die Kostüme stimmig sind. Es ist eine Flucht vor der Realität.“

„Ich bin nicht intellektuell, ich vermassle nicht alles, ich führe ein ganz normales gutbürgerliches Leben mit meiner Familie. Und das ist gut so. Leute denken, dass ich hochneurotisch sei.“

„Zu meinen Kollegen, ob Spielberg, Scorsese oder Coppola, pflege ich keine sozialen Verbindungen. Ich war nie mit ihnen zu Abend essen, wir haben nie einen Kaffee zusammen getrunken, ich verabrede mich nicht mit ihnen. Aber wenn ich mal zufällig einem von ihnen begegne, können wir auch eine Minute lang auf der Straße plauschen. Ich verehre ihre Filme.“

„Ich bin von der Welt isoliert. Aber ich bin gerne zu Hause, in meinem Schlafzimmer. Dort schreibe ich oder verbessere mein Klarinettenspiel. Ich bin gut in den Dingen, die für das Allein-im-Zimmer-Sein wichtig sind.“

„Ich mag grundsätzlich keine Veränderung, sie bringt mich immer aus der Fassung. Ich esse immer im selben Restaurant, tue immer dieselben Dinge.“

„Nein, das Publikum liebt dich nicht wirklich. Sie lieben es, von dir unterhalten zu werden. Das ist wie beim Basketballspieler, wenn du einen Korb wirfst, kreischt das Publikum. Wenn du nicht triffst, wenden sie sich ab. Du darfst die Publikumsanerkennung nicht mit Liebe verwechseln. Liebe bekomme ich von meiner Familie, von meinen Freunden.“