Archive for the ‘Literatur’ Category

4979: Lutz Hachmeister ist gestorben.

Dienstag, September 3rd, 2024

Unter den Medienwissenschaftlern war er ein Unikat, Lutz Hachmeister, der jetzt im Alter von 64 Jahren in Köln gestorben ist. Humorvoll und an vielen Gegenständen interessiert. Nach seiner Dissertation 1986 wurde er Medienredakteur des „Tagesspiegels“. Danach Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, das er zu einer führenden Institution ausbaute. Er schrieb aber auch über die Cote d’Azur, Martin Heidegger und Hannover. Hachmeister ließ sich nicht in die üblichen Kategorien einordnen. Er war unabhängig (Nils Minkmar, SZ 3.9.24).

4947: Alain Delon ist gestorben.

Dienstag, August 20th, 2024

Er war einer der berühmtesten Schauspieler aller Zeiten. Galt als schön. Alain Delon ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Hatte nicht Schauspieler gelernt, sondern wollte Metzger werden. Mit 17 ging er zur Armee und kämpfte im schließlich verlorenen Indochina-Krieg. Dort lernte er Jean-Marie le Pen kennen und schätzen, den späteren Vorsitzenden der Partei „Front Nationale“ und Vorgänger seiner Tochter Marine le Pen.

Als Typ wurde Delon bald berühmt. Drehte mit Luchino Viscont und Jean-Pierre Melville. Ein erster Hit war „Nur die Sonne war Zeuge“ (1960), im gleichen Jahr „Vier im roten Kreis“. Alain Delon reihte sich in den Kreis der großen Einzelgänger ein wie John Wayne und Humphrey Bogart. Seine natürliche Arroganz stärkte seine Stellung. Er könnte Psychopathen und Mörder. Und dabei blieb stets etwas Spießbürgerliches. Es kamen „Rocco und seine Brüder“ (1960) und „Der Leopard“ (1963). Mit Romy Schneider hatte er eine viel besprochene Affäre (1959-1963). Auf politische Korrektheit nahm er aus Überzeugung kaum Rücksicht, kämpfte gegen Schwule und für reaktionäre politische Thesen. Noch Anfang 2024, als Delon schon schwer krank war, gab es bei ihm eine erfolgreiche Razzia nach Waffen. Nun streiten sich seine drei Kinder ums Erbe (David Steinitz, SZ 19.8.24).

4944: Gena Rowlands ist tot.

Samstag, August 17th, 2024

Im Alter von 94 Jahren ist Gena Rowlands gestorben. Sie war eine Ikone des „Independent Cinema“ und ein Vorbild für viele junge Schauspielerinnen. Mit ihrem Mann

John Cassavetes

drehte sie zehn Filme. Darunter „Eine Frau unter Einfluss“ (1974) mit Peter Falk. Sie spielte aber auch in Martin Scorseses „Alice Doesn’t live here anymore“, in Woody Allens „Eine andere Frau“ (1988) und Jim Jarmuschs „Night on Earth“ (1991). Große Erfolge unter Cassavetes wurden „Gloria“ (1980) und „Love Streams“ (1984). Gena Rowlands Kunst hatte einen großen Einfluss auf den Regisseur Pedro Almodovar (David Steinitz, SZ 16.8.24).

4937: Iris Radisch über den Niedergang der USA

Dienstag, August 13th, 2024

Iris Radisch hat sich bei dem Fernseh-Treffen der beiden US-Präsidentschaftskandidaten und Tattelgreisen gegruselt (Zeit 1.8.24). Sie nimmt Zuflucht in der Literatur. Weil John Updike und David Foster Wallace schon tot sind, bezieht sie sich auf Richard Fords „Valentinstag“. Sie schreibt:

„Er passt perfekt zum amerikanischen Niedergangsgeschehen. Der Fordsche Serienheld Frank Ascombe (74) und sein Sohn Paul (47), fahren in einem alten, kaum noch fahrtüchtigen Wohnmobil durch Minnesota. Ziel sind die überlebensgroß in den Berg gehauenen amerikanischen Präsidenten am Mount Rushmore in South Dakota. Es ist eine letzte Reise. Ein beeindruckendes Sinnbild für den Zerfall der Vereinigten Staaten in ihrer bewährten maskulinen Felsgestalt. Die Männer sprechen bereits in der Vergangenheitsform voneinander. Der Sohn ist auf den Tod erkrankt, das Sprechen und das Laufen fallen ihm so schwer wie dem amerikanischen Präsidenten. Das Land, in dem die Söhne vor den Vätern sterben, ist ein nicht mehr endendes Gewerberandgebiet, in dem man nahezu alles kaufen und mieten kann, aber nicht leben.“

4865: EU warnt vor russischer Wahlbeeinflussung.

Montag, Juni 24th, 2024

Die EU-Kommission warnt vor Beeinflussungsoperationen Russlands bei wichtigen Wahlen in Europa. „Wir leben in einer Ära der feindlichen Beeinflussung“, sagte die für Transparenz und Werte und den Schutz der Demokratie zuständige EU-Kommissarin Vera Jourova. „Ich fürchte, dass ‚Voice of Europe‘ die Blaupause für weitere Operationen ist – auch im Vorfeld der Bundestagswahl im nächsten Jahr.“ (SZ 24.6.24)

4859: Jürgen Habermas‘ umfangreiches und elaboriertes Lebenswerk hilft uns nicht.

Mittwoch, Juni 19th, 2024

Jürgen Habermas hat ein riesiges Lebenswerk vorgelegt. Mittlerweile ist er 95 Jahre alt. Im folgenden führe ich hier nur seine wichtigsten Werke auf:

Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1962; Erkenntnis und Interesse, 1968; Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, 1973; Theorie des kommunikativen Handelns, 1981; Der philosophische Diskurs der Moderne, 1985; Faktizitä und Geltung, 1992; Auch eine Geschichte der Philosophie, 2019; Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, 2022.

Insgesamt handelt es sich bei seinem Werk um eine Theorie der kommunikativen Vernunft. Sie wird überall auf der Welt geschätzt. In Deutschland gibt es eine Gruppe von Denkern, die auf seinen Spuren wandeln, ohne seine Brillanz zu erreichen. Die ist nicht weiter erwähnenswert. Habermas hat vorgearbeitet für die neuen digitalen Medien, die heute stark mitbestimmen. Spät hat er Europa in den Blick genommen, das hatten Konrad Adenauer und Robert Schumann schon viel früher getan. Immerhin hat er eine Weltinnenpolitik formuliert, die diskutabel ist. 1999 hat er dem Kosvokrieg zugestimmt, als bittere Notwendigkeit. Aber mit dem Irakkrieg 2003 brach dann sein Vertrauen in den Westen zusammen. Mit guten Gründen. Was er aber nirgendwo liefert, sind politische Alternativen zu der verfahrenen internationalen Politik.

Das Manko seiner Theorie besteht darin, dass sie sich letztlich auf Kommunikation beschränkt. In seinen Analysen vernachlässigt er Fragen der Macht, der Gewalt, des Krieges, der Kriegsverbrecher, des militärisch-industriellen Komplexes, der Atomwaffen, der Rüstungsindustrie usw. Deswegen landet er schließlich bei einem naiven Pazifismus, welcher der Welt überhaupt nicht hilft. So hat er sich bei seiner Einordnung des russischen Vernichtungskriegs gegen die Ukraine vergaloppiert. Er lässt uns im Stich. Das macht die Lage in der Welt nicht besser.

 

4855: US-Reporter in Russland angeklagt

Sonntag, Juni 16th, 2024

Mehr als ein Jahr nach seiner Verhaftung wird der US-Reporter Evan Gershkovitch in Russland wegen Spionage angeklagt. Wie das „Wall Street Journal“ mitteilte, soll der Prozess in Jekaterinburg stattfinden. Der 32-jährige Reporter wird beschuldigt, im Auftrag des US-Geheimdienstes CIA Informationen rund um die Produktion und Reparatur von Rüstungsgütern im Ural gesammelt zu haben. Gershkovitch bestreitet das (SZ 15./16.6.24).

4849: Reform von ARD, ZDF und Deutschlandradio

Sonntag, Juni 9th, 2024

ARD, ZDF und Deutschlandrdio haben seit längerem einen Zukunftsrat eingerichtet, um die Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu überwinden. Deren Sprecher sind Julia Jäkel, die Ex-Chefin von Gruner & Jahr, und Roger de Weck, der Ex-Chef des Schweizerischen Fernsehens. Anscheinend werden ihre Vorschläge ihnen nicht weit genug umgesetzt. Ich führe hier deren weiter bestehenden Kritikpunkte auf:

1. Wir brauchen weniger Sender, weniger Sendungen, weniger Studios, weniger Gehälter.

2. Besonders wichtig sind Reformen in den Verwaltungen und im technischen Apparat.

3. Die ARD leidet darunter, dass sie keine schlagkräftige Leitung hat.

4. Noch nicht einmal die „Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlichen Rundfunks“ kann valide Angaben über die Kosten von Rundfunkorchestern machen.

5. Die finanzielle Überprüfung muss verstärkt werden.

6. Wir brauchen mehr „organisierte Regionalitä“.

7. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf nicht noch werbeabhängiger werden.

8. Die Programme müssen sich mehr unterscheiden.

9. Weniger Wiederholungen !

10. Die geplanten Verbesserungen müssen bis 2030 angegangen werden; sonst ist es zu spät.

(Interview von Claudia Tieschky mit Julia Jäkel und Roger de Weck, SZ 8./9.6.24)

4842: Literaturkritik nach identitätspolitischen Kriterien

Montag, Juni 3rd, 2024

Bei der Verleihung des „Internationalen Literaturpreises“ durch das „Haus der Kulturen der Welt“ (HKW) in Berlin 2023 kam ans Licht, was vermutlich schon bei manchen Preisverleihungen der Fall war. Dass der Preis nicht nach literarischen, sondern nach identitätspolitischen Kriterien vergeben wurde. Die Jurorinnen Juliane Liebert und Ronya Othmann machten darauf aufmerksam, dass nachdem die Punkte vergeben worden waren, eine Jurorin darauf verwiesen habe, dass die Autorin von „Über die See“, Marietta Navarro, eine

„weiße Französin“

sei. Sie zog daraufhin ihr Votum für Navarro zurück. Liebert und Othmann berufen sich auf ein HKW-Regelblatt, in dem steht:

„Die Einreichungen werden ohne Bevorzugung oder Vorurteile in Bezug auf Verlegerin, Herausgeberin, Autorin, Übersetzerin, Nationalität, ethnische Zugehörigkeit sowie politische und religiöse Ansichten bewertet.“

Nach der Meinung von Liebert und Othmann geht es bei der literarischen bewertung allein um Sprache, Originalität, um Voruteilsfreiheit in Bezug auf Identität und Ansehen des Autors, um Einzigartigkeit von Thema und Stimme. Damit verteidigen sie die Regeln des „Internationalen Literaturpreises“. Das teilten sie der Öffentlichkeit auch mit. 2024 wurden sie als Jurorinnen nicht wieder berufen (Nele Polatschek, SZ 25./26.5.24).

Ohne es belegen zu können, vermute ich, dass nicht-literarische Kriterien heute sehr häufig Jury-Entscheidungen zugrunde liegen. Das ist falsch und muss korrigiert werden.

Nachbemerkung: Eines ist ganz klar: dass ich der heute weithin geächteten Gruppe der alten weißen Männer zugehöre. Das tu ich sehr gerne. Bitte achten Sie darauf, wer uns so bezeichnet. Und wie schätzen Sie unsere Macht ein?

4841: Milena Jesenska war Franz Kafka ebenbürtig.

Sonntag, Juni 2nd, 2024

Die Journalistin Milena Jesenska hat mit Franz Kafka einen ausführlichen Briefwechsel gehabt. Erschienen ist er erst in den neunziger Jahren („Alles ist Leben.“), ihre journalistischen Beiträge sind gerade eben publiziert worden („Prager Hinterhöfe im Frühling“). Als Feuilletonistin schrieb Jesenska über Kleidung, Kino und Bücher, als Reporterin über Armut, Krankheit und das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch. Schließlich auch über die aus Deutschland vor Hitler geflohenen Menschen. 1896 wurde sie in Prag geboren, 1944 starb sie, die Jüdin, im

Konzentrationslager Ravensbrück.

Die Prager Literaturwissenschaftlerin Marie Kiraskova hat das Leben von Milena Jesenska recherchiert. Bis hin zu ihrer Gestapo-Akte. Deswegen wissen wir heute auch vieles, das mir unbedingt wissenswert erscheint. Jesenska war unabhängig, vorurteilsfrei und direkt. Auch in den Briefen an Kafka. Sie war ihm ebenbürtig. Nach dem Krieg konnte sie in der Tschechossolwakei nicht richtig gewürdigt werden, weil sie Zeit ihres journalistischen Lebens die Sowjetunion hart und berechtigt kritisiert hatte. Es hilft manchmal nichts, Recht zu haben.

Milena Jesenska hielt in den schwierigen Zeiten engen Kontakt zu Deutschen. Das erschien vielen nicht korrekt. Bei Kafkas Tod 1924 hatte sie geschrieben: „Er war ein Mensch und Künstler von so feinem Gewissen, daß er auch dort etwas spürte, wo sich andere, die nicht so empfindsam waren, ungefährdet fühlten.“ Für Alena Wagnerova war Milena Jesenska Kafkas große Liebe. „Es gibt doch Beziehungen, die eine große Liebe sind, aber nicht in der Ehe enden.“ (Viktoria Großmann, SZ 17.5.24)