Archive for the ‘Literatur’ Category

2929: Karl Otto Conrady ist tot.

Samstag, Juli 11th, 2020

Im Alter von 94 Jahren ist der bekannte Germanist Karl Otto Conrady in Köln gestorben. Er war der Herausgeber des „Großen Conrady“, einer wissenschaftlich fundierten Gedichtesammlung, und hat sich insofern um deutsche Gedichte verdient gemacht. Promoviert hatte er über Heinrich von Kleist, habilitiert über „lateinische Dichtungstradition und deutsche Lyrik“. In der Germanistik der fünfziger Jahre ging es nicht zuletzt auch um die Bewältigung des eigenen Mitwirkens als Jugendlicher im Naziregime.

1964 erhielt Conrady einen Ruf nach Kiel. Sogleich protestierte er gegen die Ehrung eines völkischen Schriftstellers. Damit setzte er eine hauptsächlich in der „Zeit“ geführte Debatte über die völkischen Wurzeln der „Deutschwissenschaft“ in Gang. Seinen Lehrer Benno von Wiese kritisierte er für dessen Opportunismus. Conrady saß für die SPD im Kieler Landtag. Zwei Jahre war er PEN-Präsident. Seine Goethe-Biografie hält die Mitte zwischen K.R. Eisslers psychoanalytischer Perspektive und Rüdiger Safranskis Huldigung (Willi Winkler, SZ 11./12.7.20).

2921: Peter Suhrkamps deutscher Weg

Mittwoch, Juli 1st, 2020

Dem 70-jährigen Bestehen des Suhrkamp Verlags wird heute meistens im Sinne von Siegfried Unseld (1924-2002) gedacht. Dagegen ist wenig einzuwenden. Auch wenn mich dessen Jaguar stört. Viel wichtiger aber ist für den Verlag Peter Suhrkamp selbst, der einen einmaligen und zugleich typisch deutschen Weg beschritten hat von 1891 bis 1959. Suhrkamp ist relativ früh gestorben an den gesundheitlichen Schäden, die ihm in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen und im Gestapogefängnis in Berlin 1944/45 zugefügt worden sind.

Der in Kirchhatten geborene und durch die Jugendbewegung geprägte oldenburgische Bauernsohn hatte gegen den Willen seiner Eltern den Lehrerberuf ergriffen. Da werden dann gerne die Odenwaldschule, von der wir wissen, wie sie gescheitert ist, und die freie Schulgemeinde in Wickersdorf genannt. Aber viel wichtiger für Peter Suhrkamp war seine Lehrerzeit in „normalen“ Schulen. U.a. in Munderloh/Oldenburg, wo in den sechziger Jahren meine Schwägerin, Barbara Diepold,  ebenfalls Lehrerin war.

1932 war Peter Suhrkamp in den S. Fischer Verlag eingetreten, seit 1933 hatte er die Redaktion der Hauszeitschrift „Neue Rundschau“ übernommen. Er hatte dann gemeinsam mit dem Schwiegersohn des Verlagsgründers Samuel Fischer, Gottfried Bermann Fischer, die Verlagsleitung inne. Bis dieser 1936 ins Exil ging und seinen Exilverlag zuerst in Wien, dann in Stockholm und schließlich in den USA begründete. Peter Suhrkamp verstand seine alleinige Verlagsleitung seither als „Treuhänderschaft“. Die Nazis zwangen ihn 1942, den Namen „S. Fischer“ zu löschen. Damit ist Suhrkamp Zeit seines Lebens nicht fertig geworden.

Nach 1945 trafen dann Bermann Fischer und Suhrkamp aufeinander als Vertreter einmal der Exil-Autoren und andererseits als Verleger der in Deutschland gebliebenen Autoren. Der Anspruch auf Rückübertragung stand der „Treuhänderschaft“ gegenüber. Die Witwe des Verlagsgründers, Hedwig Fischer, erhob Rückerstattungsklage. 1950 kam es bei allen Schwierigkeiten zu einer Einigung. Die von Suhrkamp betreuten Autoren konnten selbst entscheiden, welchem der beiden Verlage sie ihre Rechte übertragen wollten. 33 von 48 entschieden sich für Suhrkamp. Darunter Hermann Hesse, Bertolt Brecht, ein Freund Suhrkamps, George Bernard Shaw und (sic!) Max Frisch. Schon im Herbst 1950 erschienen die ersten Bücher im Suhrkamp Verlag. Etwa Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“.

In dem auf eine Idee des kürzlich verstorbenen, langjährigen Suhrkamp-Lektors Raimund Fellinger zurückgehenden Buch

Peter Suhrkamp: Über das Verhalten in der Gefahr. Essays. Berlin 2020, 420 Seiten

können wir erschließen, wie Peter Suhrkamp seine „Treuhänderschaft“ verstanden hat. Treu. 2016 war bereits der vom Leiter des Literaturarchivs der Frankfurter Universität, Wolfgang Schopf, herausgegebene Briefwechsel (1935-1959) zwischen Peter Suhrkamp und seiner Frau, Annemarie Seidel, erschienen. Hedwig Fischer hatte bis 1939 im Grunewald gelebt. Sie kam aus dem Exil zurück und starb 1952.

Bei Suhrkamp erschienen Heimkehrer wie Theodor W. Adorno und dauerhaft Emigrierte wie Siegfried Kracauer („Von Caligari zu Hitler, 1947). Dabei waren „Intellektuelle“ Peter Suhrkamp eigentlich suspekt. Er hatte sich aber auch auseinanderzusetzen mit Zu-Kurz-Gekommenen wie dem deutschen Außenminister, Heinrich von Brentano, den die späte Lyrik Bertolt Brechts an Horst Wessel erinnerte. Für Unwissen können wir anderen keine Verantwortung übernehmen. Kreiert wurde die „edition suhrkamp“, die im besten Sinne fortschrittliche Schriftsteller und Wissenschaftler versammelte.

Peter Suhrkamp hatte in der Nacht des Reichstagsbrands (27./28. Februar 1933) Bertolt Brecht und Helene Weigel beherbergt, die auf dem Weg in die Emigartion waren. Er selbst hatte permanent Schwierigkeiten mit den Nazis. Ein Denunziant brachte ihn ins Konzentrationslager. Diesen Repressionen entzog sich einer seiner Freunde, Wilhelm Ahlmann, durch Selbstmord. Erst kurz vor Kriegsende kam Suhrkamp aus dem KZ. Nicht zuletzt durch die Fürsprache von Menschen wie Arno Breker. Im Frühjahr 1944, als er ins Männerlager des KZs Ravensbrück eingeliefert wurde, starb im Frauenlager Franz Kafkas Freundin Milena Jesenska (Lothar Müller, SZ 1.7.20).

2917: Dieter E. Zimmer ist tot.

Montag, Juni 29th, 2020

Er galt als letzter „Universalfeuilletonist“, gesegnet mit einem „unendlich aufnahmefähigen Gehirn“, der Feuilletonchef der „Zeit“ (1973-1977), Dieter E. Zimmer, der im Alter von 85 Jahren in Berlin gestorben ist. Er erschien als „intellektuell unbestechlich“. Sein Nachfolger als Feuilletonchef der „Zeit“ war Fritz J. Raddatz. Zimmer war bereits 1959 zur „Zeit“ gekommen. Marcel Reich-Ranicki, der Zimmer als Kollegen sehr gut kannte, schrieb über ihn: „Wir verdanken ihm mehr als den meisten Lyrikern und Romanciers unserer Tage.“ Seit 2000 arbeitete Zimmer als freier Autor.

Er hatte Literatur- und Sprachwissenschaft in Berlin, Genf und den USA studiert und war ein anerkannter Übersetzer. Übersetzt hatte er u.a. Vladimir Nabokov, James Joyce und Jorge Luis Borges. Er ist Herausgeber der deutschen Gesamtausgabe Nabokovs. Zimmer begleitete die Gruppe 47 bis nach Princeton und auf den Mont Ventoux. Er verteidigte Hans Wollschlägers „Ulysses“-Version.

Seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Zimmer auch als Wissenschaftsautor tätig. Er beschäftigte sich mit Spracherwerb, Intelligenzforschung und Ökologie. Zwischendurch polierte er seine Übersetzungen immer wieder auf. Er trat für Nabokov ein, als dieser noch als Schmuddelautor galt. „Lolita“ ist auf deutsch sein Werk (Willi Winkler, SZ 29.6.20).

Einen Markstein setzte Dieter E. Zimmer in seiner Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, der er äußerst kritisch gegenüberstand. Er sprach von ihr als dem „Aberglauben des Jahrhunderts“ („Die Psychoanalyse hat den Wahrheitsbeweis für ihre Lehre nicht erbringen können.“, in „Die Zeit“ 5.11.1982, S. 17-21).

Er stützte sich nicht zuletzt auf den Begründer des „kritischen Rationalismus“, Karl Raimund Popper. „Den knappsten und schärfsten allgemeinen Einwand hat Karl Popper vorgebracht. Die Schwäche der Psychoanalyse bestehe eben in ihrer vermeintlichen Stärke: dass sie für alles eine Erklärung habe. Eine echte wissenschaftliche Theorie zeichne sich durch Falsifizierbarkeit aus: Sie formuliere riskante und widerlegbare Hypothesen. Die Psychoanalyse jedoch sei durch kein vorstellbares menschliches Verhalten widerlegbar. Ihr Status sei der eines Erweckungsglaubens oder der Astrologie – eine Sache für ‚Schwachköpfe‘.“ 1986 bezeichnete Zimmer die Psychoanalyse als „Wahrsagerei für Intellektuelle“ (Die Zeit 12.12.1986, S. 58). Im gleichen Jahr erschien sein Buch „Tiefenschwindel“.

In der Hirnforschung gilt es heute als ausgemacht, dass drei Annahmen Sigmund Freuds zutreffend sind. In den Worten des Neurobiologen Gerhard Roth: „Das Unbewusste hat mehr Einfluss auf das Bewusste als umgekehrt; das Unbewusste entsteht zeitlich vor den Bewusstseinszuständen; und das bewusste Ich hat wenig Einsicht in die Grundlagen seiner Wünsche und Handlungen.“ (Elisabeth von Thadden, Die Zeit 23.2.2006, S. 33-34)

2916: Helga Schubert blickt zurück auf die DDR.

Sonntag, Juni 28th, 2020

Für ihre Erzählung „Vom Aufstehen“ hat Helga Schubert den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Mit 80 Jahren. Lange vorher war sie Jury-Mitglied gewesen. In einem Interview mit Felix Stephan (SZ 27./28.6.20) blickt sie zurück auf die DDR.

Zu den Bachmann-Preisträgern aus der DDR Wolfgang Hilbig, Uwe Saeger, Angela Krauß und Katja Lange-Müller sagt sie: „.. die hatten eben alle diese Diktaturerfahrung. Dadurch entsteht ein gewisser Resonanzboden, den haben alle, die aus der DDR kommen und den Humor behalten haben, auch ich. Wenn Sie in einer Diktatur gelebt haben und einigermaßen anständig geblieben sind, also niemanden verraten haben, bekommt man eine gewisse Demut gegenüber allen Leuten, die auch in solchen Zwangslagen leben.“

Zu ihrem Buch „Das verbotene Zimmer“, das nur in der Bundesrepublik erscheinen durfte: „Es ging ja diesem maroden, bankrotten Land immer nur darum, irgendwie Devisen zu beschaffen, deswegen haben sie mir erlaubt, das Buch bei Luchterhand zu veröffentlichen. Die Bedingung war, dass die DDR die Devisen bekommt und ich alles im Kurs 1:1 in DDR-Währung ausgezahlt bekomme. Mein Pakt mit diesen Kleinbürgern, und das muss ich voller Verachtung sagen, war, dass sie mich im Gegenzug für Lesereisen rauslassen. Sie haben mit mir sehr viel Geld verdient.“

Auf die Frage „Keine gemischten Gefühle, als es dann zu Ende war?“ „Nein, ich hab mich halb tot gefreut, als dieses ganze Lügengespinst verschwunden ist, das auch so viele anständige Leute eingebunden hat, so viele kluge Menschen, die gebrochen und erpresst wurden. Aber natürlich fehlen mir vierzig Jahre meines Lebens.“

Auf die Frage, wer gemeint gewesen sei, als Helga Schubert über die westdeutsche Begeisterung für eine realistische Schriftstellerin aus der DDR gesprochen habe: „Selbstverständlich Christa Wolf. Mit der habe ich mich jahrzehntelang auseinandergesetzt. Am Anfang hat sie mich gefördert und bestärkt, wir sind hier zusammnen aufs Land gezogen. Wenn ich krank war, hat sie mich besucht, hat mir Bücher von Silvia Plath und Natalia Ginzburg mitgebracht. Sie hatte ja eine Postkontrollnummer, mit der sie ohne Zensur alles einführen durfte, ein erhebliches Privileg, das muss ich Ihnen nicht sagen. Trotzdem hatte sie ein ambivalentes Verhältnis zu mir. Von mir hat sie gesagt, ich könne mit meiner Begabung die Tradition von Büchner und Kleist fortführen. Später hat sie öffentlich vor mir gewarnt, weil ich eine Politik unterstütze, die zur deutschen Einheit führt.“

2908: Kritik an J.K. Rowling

Sonntag, Juni 21st, 2020

Die „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling hat als Feministin scharfe Kritik auf sich gezogen, weil sie befürchtet, dass die Lebenswirklichkeiten von Frauen aus dem Diskurs verschwinden, wenn das Konzept des biologischen Geschlechts in Frage gestellt wird. Darüber schreibt Laura Sophia Jung in der „Welt“ (20.6.20).

Angeblich tut Rowling so, als wäre das Ziel von transidenten Aktivist*innen, aus dem Wort Frau ein neues Du-weißt-schon-wer zu machen. Der Artikel, auf den Rowling sich bezieht, hat den Titel „Creating a more equal post-COVID-19 world for people who menstrate“. Laut Frau Jung ist er so sensibel, anzuerkennen, „dass Menstruation nicht nur Frauen betrifft, sondern beispielsweise auch transidente Männer“.

Halt: bei menstruierenden Männern hört meine Kompetenz auf. Da kann ich nicht mehr mitreden (W.S.).

2907: Philip Roth hat Hannah Arendt getroffen.

Samstag, Juni 20th, 2020

Benjamin Taylor war einer der engsten Freunde Philip Roths. Dem jüngeren Freund widmete Roth sein Buch „Exit Ghost“ (2007, W.S.). Nun hat Taylor ein Buch über ihre Freundschaft geschrieben:

Here We Are. My Friendship with Philip Roth. Penuin. 192 S., 23 Dollar.

Darin wird die Begegnung mit

Hannah Arendt

beschrieben, die wie Roth auf der Upper West Side wohnte. Roth liebte die Filme von

Ingmar Bergman.

„‚Ich schaute neulich den tollsten Film überhaupt, Miss Arendt. ‚Schreie und Flüstern'“ (1972, W.S.). Sie steckte eine Zigarette in eine Zigarettenspitze aus Schildpatt und schaute mich abschätzig an. ‚Skandinavischer Kitsch!‘ sagte sie und ging.“ (Sarah Pines, Literarische Welt 20.6.20)

2902: Eberhard Fechner (1926-1992) – Chronist deutscher Zeitgeschichte

Mittwoch, Juni 17th, 2020

Bei Absolut Medien ist auf DVD neu erschienen Eberhard Fechners „Der Prozess“ (1984), einer der wichtigsten und größten Dokumentarfilme in der deutschen Filmgeschichte (über den dritten Majdanek-Prozess von 1975 bis 1981 am Landgericht Düsseldorf). Er trägt ganz Fechners Handschrift. Der Grund, warum ich ihn für den größten deutschen Dokumentaristen halte, liegt vermutlich in seinen Themen und in seiner Methode (sehr verkürzte Auszüge):

– „Ein Tag. Bericht aus einem Konzentrationslager“ (1965),

– „Nachrede auf Klara Heydebreck“ (1969),

– „Klassenphoto“ (1970),

– „Tadellöser & Wolff“ (Fernsefilm) (1975),

– „Comedian Harmonists. Sechs Lebensläufe.“ (1976),

– „Der Prozess“ (1984),

– „Wolfskinder“ (1990).

Fechner war gelernter Schauspieler und trat nach dem Krieg hauptsächlich in Berlin auf. Von 1961 bis 1963 war er Regieassistent bei Giorgio Strehler in Mailand. 1965 ging er zum NDR und startete hier seine beeindruckende Karriere. Es gelang ihm, durch geduldiges Zuhören und Nachfragen auch sehr persönliche, kontroverse und tief verborgene Erinnerungen seiner Gesprächspartner hervorzulocken. Er verzichtet auf einen Kommentar. International stilbildend wurde seine dialogische Montage.

Schlagend wurde sie eingesetzt besonders in „Klassenphoto“, „Der Prozess“ und „Comedian Harmonists“. Am Beispiel von „Klassenphoto“ haben meine Kollegin Nadine Gersberg und ich das 2001 beschrieben („Eberhard Fechners Methode als filmischer Chronist der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“, 2001, vgl. hier unter „Publikationen“).

Fechners WDR-Kollege Heiner Lichtenstein formulierte als Lehre aus dem Majdanek-Prozess, gegen den Rassismus aufzustehen. „Davon wird kein Mensch wieder lebendig. Aber wir können vielleicht verhindern, dass in der Zukunft Unschuldige ermordet werden.“ (Silvia Hallensleben, taz 16.6.20)

 

2889: Für Präsenzlehre

Donnerstag, Juni 11th, 2020

Roland Borgards ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Frankfurt am Main. Er hat einen offenen Brief auf den Weg gebracht, in dem die

Präsenzlehre gegen digitale Herausforderungen

verteidigt wird. Inzwischen haben nicht nur Geisteswissenschaftler unterzeichnet, sondern auch Mathematiker, Juristen, Physiker. In einem Interview mit Anna-Lena Scholz („Die Zeit, 10.6.20) sagt Borgards:

„Die Corona-Krise wird auch für die Unis finanzielle Auswirkungen haben. Wir werden Debatten führen, was man einsparen kann. Und in digitaler Lehre steckt viel Sparpotential: Man braucht weniger Räume, weniger Lehrende. Wir brauchen aber mehr Räume, mehr Personal.

Ich brauche zum Unterrichten eine Tafel im Raum. Zudem sind wir gar nicht dagegen, digitale Lehrformate weiterzuentwickeln, wir stecken ja mittendrin. Wir sollten aber nicht vergessen, welch grundlegenden Wert für uns die gemeinsame Anwesenheit hat. Die Universität ist angewiesen auf Präsenz.“

2885: 70 Jahre ARD

Dienstag, Juni 9th, 2020

Vor 70 Jahren wurde die ARD („Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“) gegründet. Zunächst überwiegend als Gemeinschaft von Radiosendern. Dann übernahm das Fernsehen die Dominanz. Vielfalt war stets ihr Markenzeichen. Uneinigkeit manchmal auch. So beschlossen kürzlich acht Sender ein gemeinsames digitales Kulturangebot, nur der Bayerische Rundfunk (BR) war dagegen.

Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung bestimmen den Programmauftrag. Ihre Leistungsfähigkeit hat die ARD bewiesen als Informationskanal (Tagesschau, Tagesthemen, politische Magazine, Wirtschaftsmagazine, Kulturmagazine, Dokumentationen). Das hat sich wieder gezeigt in der Corona-Krise. Und diejenigen, welche die ARD hauptsächlich bei der „Lügenpresse“ einordnen, haben ihre Rundfunk-Sozialisation wohl überwiegend im Propagandasystem der DDR erhalten. Da kann man nicht mehr erwarten.

Die ARD bietet nicht nur „Das Erste“, sondern die Dritten, ca. 60 Hörfunkprogramme, Phoenix, KiKa, Arte, 3 Sat, den Deutschlandfunk (DLF), die Deutsche Welle (DW). Die ARD unterhält 50 Gemeinschaftseinrichtungen von „ARD aktuell“ bis zur Degeto. Kritik und Selbstkritik tragen zur Verbesserung bei. Und Sparsamkeit ziert denjenigen, der sein Metier beherrscht.

2882: Vanessa Springora: „Le Consentement“ (Die Einwilligung)

Sonntag, Juni 7th, 2020

Die französische Verlegerin Vanessa Springora (Edition Julliard) erzählt in ihrem autobiografischen Erfahrungsbericht „Le Consentement“ (der jetzt auf Deutsch erscheint) davon, wie sie als Vierzehnjährige von dem als pädophil bekannten Schriftsteller Gabriel Matzneff missbraucht wurde. Das hat in Frankreich einen Schock ausgelöst. Viele linksliberale Intellektuelle haben inzwischen Selbstkritik geübt. Ute Cohen hat Frau Springora in der Literarischen Welt“ (6.6.20) interviewt.

Literarische Welt: Matzneff ist eher mit Klaus Kinski , der seine Tochter missbraucht hat, vergleichbar. Liest man dessen Autobiografie, findet man Hinweise auf sexuelle Gewalt.

Springora: Oh, davon wusste ich nichts. Das erstaunt mich aber nicht bei diesem Charakter. Kinski war ein anrüchiger Mensch …

Literarische Welt: 1977 wurde in „Le Monde“ eine Petition veröffentlicht, die sich für straffreien Sex zwischen Erwachsenen und Minderjährigen aussprach. Unterzeichner waren viele französische Intellektuelle.

Springora: In diesem Brief steckt eine gewisse intellektuelle Unredlichkeit. Er gibt vor, die Sexualität Heranwachsender zu unterstützen, in Wirklichkeit aber verteidigt er die abweichende Sexualität Pädophiler. Homosexuelle wie Roland Barthes unterzeichneten, weil sie doppelt bestraft wurden: Homosexualität war verboten, Sex mit einem Siebzehnjährigen zum Beispiel ebenso. Barthes wollte vielleicht Sauerstoff in diese erstickende Atmosphäre einführen. Das aber war ein Trugschluss, denn Pädophilie und Homosexualität sind zweierlei Dinge: Homosexualität ist eine sexuelle Präferenz, Pädophilie aber ein psychiatrisches Krankheitsbild. Bis in die neunziger Jahre hinein haben Pädophile versucht, ihre Interessen durchzusetzen.