Archive for the ‘Literatur’ Category

3073: Louis Begley ist beschämt.

Sonntag, Oktober 4th, 2020

Der berühmte US-amerikanische Schriftsteller Louis Begley (u.a. „Lügen in Zeiten des Krieges“ 1994, „Schmidt“ 1997, „Ehrensachen“ 2007) ist beschämt über seine Schadenfreude über Donald Trumps Covid 19-Krankheit. Er schreibt (FAS 4.10.20):

„Ist es beschämend, dass ich so böswillig bin? Zweifellos, und meine Scham sitzt um so tiefer, als der Präsident nun im Walter Reed-Militärkrankenhaus ist, wo er, wie die offizielle Bekanntmachung hieß, für ein paar Tage bleiben soll. Aber die monströse Hybris dieses Präsidenten verdient Strafe, und ich kann nicht anders, als mich darüber zu freuen, dass es diesen 74 Jahre alten Fettsack erwischt hat, der öffentlich vernünftige Maßnahmen verächtlich gemacht hat, die das Risiko einer Ansteckung verringert hätten; der höhnisch über die Gefahr der Pandemie weggegangen ist, um seine Chance auf eine Wiederwahl zu stärken; der eine gewaltige Verantwortung für die mehr als 200.000 Amerikaner trägt, die das Virus getötet hat, für eine abgewürgte Wirtschaft und für eine zahlungsunfähige Staatskasse.“

3060: Zukunft in Bayreuth

Sonntag, September 27th, 2020

2021 soll erstmals eine Frau die Festspielpremiere in Bayreuth dirigieren. Beim „Fliegenden Holländer“ wird Oksana Lyniv die Leitung haben, zuletzt Chefdirigentin der Oper Graz. Das teilte Festspielchefin Katharina Wagner in einem Gespräch mit der „Welt“ mit. „Und mit Dmitri Tschernjakow habe ich einen spannenden Wunschregisseur.“ In diesem Jahr fielen die Festspiele wegen der Corona-Pandemie aus. Für das nächste Jahr zeigt sich Katharina Wagner zuversichtlich. „Von der Gesellschafterseite ist der absolute Wille da, Festspiele 2021 möglich zu machen. Mein Team und ich bereiten jetzt die nächsten Spielzeiten künstlerisch vor.“ Frau Wagner kehrt nach schwerer Krankheit zur Arbeit zurück. Sie sei vollständig geheilt, sagte sie (dpa, SZ 22.9.20).

3057: Juliette Gréco ist tot.

Freitag, September 25th, 2020

Im Alter von 93 Jahren ist die musikalische Ikone des Existentialismus, Juliette Gréco, gestorben. Sie hat mit Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Jacques Prévert diskutiert und für das allgemeine Publikum gesungen. Sie war der schwarze Engel der Liberté. Ihre Karriere ist nur verständlich, wenn wir uns klarmachen, dass sie sich zum richtigen Zeitpunkt in den richtigen Kontext gestellt hat, den des Existentialismus nach 1945. Das ist heute wohl schon weithin unbekannt.

Die berühmtesten Schriftsteller wetteiferten darum, für sie Liedtexte zu schreiben. Die 16-jährige Juliette, die Tochter einer Widerstandskämpferin, war der Deportation entgangen, während ihre Mutter ins KZ Ravensbrück kam. Juliette Gréco hat dann nach dem Krieg das Lebensgefühl in Saint-Germain-des-Prés mit geprägt, das seit langem verschwunden ist. Im Gegensatz zu Edith Piaf gab Juliette Gréco sich intellektuell angehaucht und politisch eingefärbt. Sie unternahm in den frühen Fünfzigerjahren Tourneen nach Amerika, die ihren Ruhm befestigten. In der Ehe mit Michel Piccoli bildete sie seit 1966 ein glamouröses Paar. Danach verlangsamte sich der Rhythmus ihrer Auftritte. Aus der Sängerin wurde allmählich ihr eigener Mythos (Joseph Hanimann, SZ 25.9.20).

3055: Michael Gwisdek ist tot.

Donnerstag, September 24th, 2020

Er war eines der markantesten Gesichter des DDR-Films. Der 1942 als Sohn eines Gastwirte-Ehepaares in Berlin-Weißensee geborene Michael Gwisdek, der jetzt gestorben ist. Er lernte zunächst Dekorateur. Dann von 1965 bis 1968 Schauspieler an der Staatlichen Schauspielschule Berlin, hatte langjährige Engagements an der Volksbühne Berlin und am Deutschen Theater. Schon vor der Vereinigung arbeitete er auch im Westen, z.B. mit Hark Bohm. Nach 1991 wurde er als freier Schauspieler sehr erfolgreich. Ich habe aber den einen großen Erfolg bei Gwisdek vermisst. 1988 hatte eine Regiearbeit von ihm zu einer Einladung zum Festival in Cannes geführt. Von 1984 bis 2007 war er mit Corinna Harfouch verheiratet, mit der er zwei Söhne hat. Gwisdek konnte im Film alles sein. Er arbeitete mit Regisseuren wie Heiner Carow, Roland Gräf („Der Tangospieler“ nach Christoph Hein), Andreas Dresen, Oskar Roehler und Leander Haußmann. 2010 erschien der von Matti Geschonneck gedrehte „Boxhagener Platz“. Mehrfach gewann Gwisdek den DDR-Kritikerpreis und den Deutschen Filmpreis. Das Verhältnis von Ost und West ist immer irgendwie sein Thema geblieben.

3053: Maria Schrader erhält Emmy-Award für „Unorthodox“

Dienstag, September 22nd, 2020

Die 1965 in Hannover geborene Maria Schrader hat mit „Unorthodox“ den Emmy Award für die beste Regie in einer Miniserie (4 Folgen) gewonnen. Der Stoff stammt aus dem Buch von Deborah Feldman (die Geschichte einer orthodoxen Jüdin, die aus New York nach Berlin flieht). Vorher war noch nie eine deutsche Regisseurin für den Emmy nominiert worden. Schrader ist eine vielfach ausgezeichnete Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. 1999 bekam sie den Silbernen Bären als Schauspielerin in „Aimée & Jaguar“ (Regie: Max Färberböck). 2005 führte sie erstmals Regie bei der Verfilmung von Zeruya Shalevs „Liebesleben“. 2020 stand sie im Schauspielhaus Hamburg auf der Bühne in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (mit Devid Striesow).

3051: Chinesische Propaganda heute

Montag, September 21st, 2020

Die Buchhandelskette Thalia verkauft chinesische Literatur. Dazu lässt sie seit Kurzem Regale von einem chinesischen Unternehmen bestücken. Dieses nutzt die Flächen, um chinesische Propaganda unter die Leute zu bringen.

Felix Stephan (SZ 21.9.20) schreibt dazu:

„Andererseits muss man sich aber auch bewusst machen, dass die chinesische Propaganda heute sehr viel subtiler vorgeht als die der Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Sie vertreibt kein chinesisches Pendant zu Hitlers ‚Mein Kampf‘, ihr geht es um den Anschein von Harmlosigkeit. Wie das funktioniert, kann man sich in den

500 Konfuzius-Instituten

anschauen, die China auf dem ganzen Globus verteilt hat. Die Häuser geben sich explizit unpolitisch: Es gibt Kalligafie- und Sprachkurse, in der Bibliothek steht 3.000 Jahre alte Lyrik. In genau dieser Entpolitisierung verbirgt sich schon der Spin. Um ihren totalitären Charakter zu verschleiern, nutzt die KP Chinas ländliche Folklore genau so wie buddhistische und konfuzianische Lehrgebäude. Mit dem ‚ubiquitären‘ Begriff der Harmonie entledigt sie sich der bloßen Idee von politischer Opposition oder minoritärer Identität, sei sie

tibetanisch oder uigurisch.

In diesem Sinne ist man schon in die Falle chinesischer Propaganda getappt, wenn man sie nur kantonesische Opern aufführen lässt, ohne auf den Absender hinzuweisen.“

3047: Das Desaster in der Lehrerausbildung

Samstag, September 19th, 2020

Es ist ja eine Binsenweisheit, dass die Zukunft unserer Gesellschaft von der Bildung abhängt. Also von den Lehrern und damit von der Lehrerausbildung.

Unsere Gegenwart übrigens auch.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige Zeitgenossen von Bildung deswegen schlecht sprechen, weil sie ihren eigenen Kompetenzen misstrauen (Musik, Literatur, bildende Kunst und Weiteres). Da tritt dann schnell die Einstellung ein, dass es den Schülern gar nichts nütze, wenn sie so viel wüssten, weil es „bei uns“ im Unternehmen doch nicht gefragt sei. Keine guten Voraussetzungen für Bildung. Ebenfalls nicht gut ist es, so empfinde ich es persönlich-subjektiv, dass viele Kräfte in der Lehrerausbildung tätig sind, denen dazu die Qualifikation fehlt. Sie haben manchmal keine praktische Erfahrung oder es fehlt ihnen an der positiven Einstellung ihren Studenten gegenüber. Die muss man nämlich mögen, wenn man ihnen etwas beibringen will.

Dies bestätigt die aktuelle Studie „Lehrkräftebildung 2021“ des ehemaligen Berliner Staatssekretärs Mark Rackles. Seit seinem Ausscheiden aus der politischen Verantwortung geht er schonungslos und selbstkritisch mit den Prognosen der Kultusministerkonferenz (KMK) um. Seit Jahrzehnten gibt es in Deutschland zu wenige Lehrer und dazu noch in den falschen Fächern und Schularten. Manche Bundesländer weisen Defizite bei den Lehrern von mehr als 50 Prozent auf. Allein wegen der altersbedingten Abgänge müssten 2,9 Prozent des gesamten Personalkörpers pro Jahr ausgebildet werden. Dieses Ziel verfehlten im Jahr 2018 sieben Länder:

Sachsen,

Sachsen-Anhalt,

Berlin,

Mecklenburg-Vorpommern,

Brandenburg,

Hamburg und

Thüringen.

Dabei nehmen die Schülerzahlen bis zum Jahr 2030 wieder zu. Zu viele Länder verlassen sich auf den Lehrerüberschuss in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz. Manche Bundesländer haben Kapazitäten noch abgebaut. Auch beim Referendariat stagnieren die Zahlen. Die Vorbereitungsdienste sind in den Ländern zwar gleichwertig, aber verschieden lang, von 12 Monaten bis zu 24 Monaten. Allein für das Lehramt an Gymnasien gibt es genügend Lehramtsanwärter. Besonder schlecht sieht es aus bei

Berufsschulen,

Sonderschulen und

der Sekundarstufe I.

Es mangelt an Interessenten in den folgenden (zum teil sehr wichtigen) Fächern: Deutsch, Mathematik, Sport, Englisch, Musik und Kunst. Rackles führt das u.a. darauf zurück, dass an Kunst- und Musikhochschulen die Eingangsprüfungen für künftige Lehrer genau so hart sind wie für künftige Künstler. Das Lehramt Sonderpädagogik stagniert.

Rackles schreibt: „Der Mangel ist hausgemacht, da er das Ergebnis von politischen Vorgaben und Prozessen ist. Es handelt sich um eine föderale Sackgasse.“

Er schlägt einen Staatsvertrag vor, in dem die Länder übergreifend Strukturvorgaben und Standards setzen. Beraten soll ein „Beirat Lehrkräftebedarf“, dessen Mitglieder je zur Hälfte von Bildungs- und Hochschulseite berufen werden sollen. Steuerungsgröße sollen die Absolventenzahlen sein. In dem von Rackles vorgeschlagenen Staatsvertrag sollen sich die Länder zur Eigenbedarfsdeckung bekennen.

Nach Rackles haben wir es heute mit einem relativ ungesteuerten System zu tun von fast 5.000 Studiengängen an über 100 Hochschulen. Erforderlich sei eine abgestimmte Begrenzung der Fächerkombinationen. Rackles empfiehlt, das System des polyvalenten Lehramtsstudiums zu beenden, das Studenten mit einer Offenheit der Abschlüsse anzulocken versucht. Er will die Möglichkeit eines Quereinstiegs mit länderübergreifenden Standards in der Auswahl, Qualifizierung und Qualitätssicherung (Heike Schmoll, FAZ 19.9.20).

 

3043: Jean Seberg – ein unglückliches Leben

Mittwoch, September 16th, 2020

In Jean-Luc Godards „A bout de souffle“ („Außer Atem“) 1959 wurde Jean Seberg (geb. 1938) zur

Stilikone der „Nouvelle Vague“.

Als amerikanische Studentin verkaufte sie auf den Champs-Elysées Zeitungen, darunter die „International Herald Tribune“, und brachte einen Kleinkriminellen (Jean-Paul Belmondo) zu Fall. Godard brach mit vielen Konventionen des Kinos, inhaltlich wie ästhetisch, räumte mit veralteten Geschlechterrollen genau so auf wie mit alten Kameraeinstellungen und Schnittrhythmen. Sebergs Kurzhaarschnitt und ihr Gesicht prägten die Vorstellungen von der „neuen Welle“. Ich habe den Film 1962 zum ersten Mal gesehen, aber nicht in unserem Dorfkino, sondern in einem Seminar für politische Bildung im Jugendhof Steinkimmen. Und war begeistert.

Entdeckt hatte Jean Seberg 1957 Otto Preminger für seinen Film „Die heilige Johanna“. 1964 überzeugte sie an der Seite von Warren Beatty in Robert Rossens „Lilith“. Aber sie spielte auch in vielen Filmen, an die wir uns heute nicht mehr erinnern. Ihre letzte Rolle hatte sie 1976 an der Seite von Bruno Ganz und Anne Bennent in Hans W. Geißendörfers „Die Wildente“. Jean Sebergs Privatleben konnte mit ihrer Filmkarriere nicht mithalten. Sie war drei Mal verheiratet. Ihr Sohn wurde 1962 geboren, ihre Tochter starb 1970 kurz nach der Geburt. Seberg engagierte sich politisch für die Black-Panther-Bewegung. Damit zog sie den alltäglichen Rassimus auf sich. Und das FBI unter seinem fanatischen Chef Herbert J. Hoover. Von dort wurden Schmutzkampagnen gegen sie gestartet. Seberg fühlte sich verfolgt. Drogen- und Alkoholexzesse waren die Folge. 1979 wurde sie, wohl zehn Tage nach ihrem Tod, in Paris nackt in ihrem Auto gefunden. Ihr dritter Mann, Romain Gary, hat zeitlebens behauptet, Jean Seberg sei vom amerikanischen Geheimdienst ermordet worden. Auf den Filmfestspielen in Venedig 2019 lief Benedict Andrews Film „Seberg“ (David Steinitz, SZ 16.9.20).

3033: Zusammenarbeit mit Allen und Polanski: Kate Winslet bereut.

Samstag, September 12th, 2020

2011 spielte Kate Winslet in Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels“, 2017 in Woody Allens „Wonder Wheel“. Beides bereut sie derzeit ungemein. „Ich kann kaum fassen, dass diese Männer so lange und so stark von der Filmindustrie geschätzt wurden. Das ist eine verdammte Schande.“ Beide Regisseure haben sich in der Auffassung weiter Teile des Publikums sexuell nicht korrekt verhalten (ceh., FAZ 12.9.20).

3027: Presserat: taz-Kolumne verstößt nicht gegen Pressekodex.

Dienstag, September 8th, 2020

Der Deutsche Presserat hat die Beschwerden gegen die taz-Kolumne von Hegameh Yaghoobifarrah „Abschaffung der Polizei: All cops are berufsunfähig.“ als unbegründet zurückgewiesen. Das Gedankenspiel der Autorin, der als geeigneter Ort für Ex-Polizisten nur die Mülldeponie einfällt, ist von der Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) gedeckt.

Der Text verstößt nach Ansicht des Deutschen Presserats nicht gegen die Menschenwürde von Polizistinnen und Polizisten nach Ziffer 1 des Pressekodex, weil sich die Kritik auf die ganze Berufsgruppe und nicht auf Einzelpersonen bezieht. Die Wortwahl „Mülldeponie“ berührt aus Sicht des Presserats Geschmacksfragen. Die Interpretation einiger Beschwerdeführer, Polizisten würden mit Müll gleichgesetzt, ist aus Sicht des Gremiums nicht zwingend. 382 Beschwerden waren beim Presserat eingegangen (Deutscher Presserat 8.9.20).