Mit ihrem rabenschwarzen Haar war sie die Folk-Ikone der frühen sechziger Jahre. Sie war für kurze Zeit die Freundin von Bob Dylan. Ihre Enttäuschung über ihre Trennung hat sie in „Diamonds and Rust“ verarbeitet. Ihre Karriere, die große Höhepunkte kannte, verlief keineswegs problemlos. Sie sah sich bisweilen zur Selbstironie genötigt. 1963 hatte sie Martin Luther King beim Marsch der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf Washington begleitet („We shall overcome.“). 1966 sang sie mit Wolf Biermann in der DDR und auf Ostermärschen in der Bundesrepublik. In den achtziger Jahren war sie als „Phony Joanie“ Ziel von Satire. Sie blieb dem Protestsong und der Friedensbewegung treu und warb etwa für den Frieden im Nahen Osten. 2019 hat sie noch ein „großes Konzert“ in Frankfurt gegeben. Getröstet hat sie sich über Jahrzehnte mit dem deutschen Volkslied „Der Mond ist aufgegangen“ (Text: Matthias Claudius). Joan Baez ist 80 Jahre alt geworden (Jan Wiele, FAZ 9.1.21).
Archive for the ‘Literatur’ Category
3218: Joan Baez 80
Samstag, Januar 9th, 20213216: Gründgens‘ Landhaus (1934-1946)
Donnerstag, Januar 7th, 2021Dem Berliner jüdischen Bankier Ernst Goldschmidt gehörte das Landhaus Zeesen am Zeesener See bei Königs Wusterhausen südöstlich von Berlin. Er kannte sich nach dem Ersten Weltkrieg in der Theaterszene genau so gut aus wie in der Finanzwelt. Hier verbrachte der kranke Dichter Klabund (Alfred Henschke) Mitte 1926 zwei Monate mit seiner Frau Carola Neher. Er dichtete die „Ode an Zeesen“ („Und ich sitze nackt auf der Veranda, …“). Goldschmidt besaß auch eine Villa am Wannsee (das heutige „Literarische Colloquium Berlin“). Dort hatte Carl Zuckmayer 1925 „Der fröhliche Weinberg“ geschrieben. Diese Geschichte erzählt uns Klaus Völker, von 1993 bis 2005 Rektor der Schauspielschule Ernst Busch:
Mephistos Landhaus. Klabund (1926) und Gründgens (1934-1946) in Zeesen. Berlin 2020. 32 Seiten, 33 Abbildungen, 8 Euro.
1934 kaufte der Generalintendant der Preußischen Staatstheater, Gustaf Gründgens, ein Günstling Hermann Görings, das Schloss unter Bedingungen, die nie ganz geklärt worden sind, von Ernst Goldschmidts Sohn. Der Anwalt, der den Kauf für Gründgens abwickelte, gehört der SA an. Er wurde beim Röhm-Putsch im Juli 1934 ermordet. Gründgens bewohnte Schloss und Park samt zwei Kavaliershäusern, einem Gewächshaus und einem Bootshaus mit Marianne Hoppe, die er 1936 heiratete. Im Schlosspark wurde 1939 „Der Schritt vom Wege“ (nach Theodor Fontanes „Effi Briest“ in Gründgens‘ Regie) mit Marianne Hoppe in der Hauptrolle gedreht. Gustaf Gründgens stand bei den Nazis auf der „Gottbegnadetenliste“ und galt als sakrosankt. In der DDR beherbergte das Schloß Zeesen zunächst ein Heim für Waisenkinder, dann für Kinder von Diplomaten (Lothar Müller, SZ 7.1.21).
3215: Friedrich Dürrenmatt 100
Mittwoch, Januar 6th, 2021Marc Reichwein (Die Welt 2.1.21) und Martin Ebel (SZ 5./6.1.21) schreiben im Feuilleton sehr kundig und treffend über Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). Anlässlich seines 100. Geburtstags:
Er kam beim Schreiben ohne Pathos aus. Niemand hat den Institutionen so brutal die Selbstgewissheit unter den Füßen weggezogen wie Friedrich Dürrenmatt. Er stellte die berechtigte Frage danach, warum überhaupt Menschen auf der Welt seien. Ja, warum eigentlich? „Friedrich Dürrenmatt: Das sind Spurenelemente in Leserhirnen, eine rachsüchtige alte Dame und drei mehr oder weniger verrückte Physiker, dazu ein Richter und sein Henker, …“ Für Marc Reichwein geht vieles bei Dürrenmatt auf den Pfarrerssohn zurück, „der seinen Abfall vom Glauben mit möglichst viel Wissen kompensieren will“. Der Dramatiker habe aus heutiger Sicht doch „Thesen-Theater für die Mittelstufe“ geschaffen.
Der Schriftsteller schrieb über sich: „Wenn Sie mit 25 zuckerkrank werden, kaufen Sie sich erst einmal ein Buch. Dann wissen Sie, das ist unheilbar. Das hat man ein Leben lang. Und dann kommen alle diese Dinge, von denen Sie gelesen haben. Wenn Sie pinkeln, wird der Teststreifen grün. Das ist der grüne Tod. Sie werden immer wieder daran erinnert, dass Sie etwas haben, mit dem Sie leben müssen und das zum Tod führt.“ Sonst kam in seiem Werk nicht viel Privates vor.
Seinen Staat, die Schweiz, hat er nicht mit allzu viel Lob bedacht, sondern ihn scharf kritisiert. „Die Schweiz stand Schmiere beim Weltverbrechen.“ „Unsere sauberen Hände sind unsere Schande.“ Allerdings, fährt er fort, „wurden wir damals von einer schändlichen Zeit zu einer schändlichen Unschuld gezwungen.“ Dagegen seien die aktuellen Verbrechen freiwillig begangen: Waffengeschäfte, Annahme von Diktatoren- und Kriminellengeldern.
Im „Winterkrieg in Tibet“, einer grauenhaften Vision des Dritten Weltkriegs, in dem weibliche Söldner das Inferno noch steigern, schreibt Dürrenmatt: „Man tötet und fickt um die Wette, Blut, Spermien, Gedärme, Fruchtwasser, Gekröse, Embryos, Kotze, schreiende Neugeborene, Gehirne, Augen, Mutterkuchen schiessen in Strömen die riesigen Gletscher hinab, versickern in den abgrundtiefen Spalten“.
Den Juden lässt Friedrich Dürrenmatt Gerechtigkeit widerfahren: „Den Juden gegenüber hat sich die Welt nicht verändert, verändert haben sich nur die Begründungen, die man gegen sie ins Feld führt. Lagen sie einst im Glauben, später in der Rasse, liegen sie nun im Imperialismus, den man zwölf Millionen Juden andichtet. Selbst in der Schweiz werden an den Ersten-Mai-Feiern Anti-Israel-Parolen herumgetragen, zusammen mit Spruchbändern gegen den Faschismus.“
In seinem letzten Lebensjahr hat Friedrich Dürrenmatt Auschwitz besucht: Der Ort Auschwitz, schreibt er, „ist undenkbar, und was undenkbar ist, kann auch nicht möglich sein, weil es keinen Sinn hat. Es ist, als ob der Ort sich selbst erdacht hätte. Er ist nur. Sinnlos wie die Wirklichkeit und unbegreiflich wie sie und ohne Grund.“
3209: „Reporter ohne Grenzen“: Gegen Abschiebung von Assange in die USA
Sonntag, Januar 3rd, 2021In einer Petition bei der britischen Regierung spricht sich die Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen“ entschieden gegen eine Abschiebung Julian Assanges in die USA aus. Die Petition enthält 108.000 Unterschriften. Assange sei sofort freizulassen und nicht länger für seine journalistischen Beiträge zu verfolgen. Der Auslieferungsantrag der USA sei eindeutig politisch motiviert. Sie wollten „ein Exempel statuieren und eine abschreckende Wirkung auf Medienschaffende überall in der Welt erzielen“. Dieses Schicksal drohe bei einer Auslieferung Journalisten weltweit. Die USA werfen Julian Assange Spionage und Geheimnisverrat vor. Das beruht auf der Publikation von militärischen und diplomatischen Dokumenten 2010 (epd, FAZ 2.1.21).
3195: „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) entlässt Journalisten.
Sonntag, Dezember 27th, 2020Bei vielen Fachleuten gilt die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) als die beste deutsche Tageszeitung. Sie ist links-liberal. Sofern man konservativer ist, kann man die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) gut finden. Dann kommt weit und breit fast nichts. Insbesondere in ihrer stupenden Universalität ist die SZ nicht zu übertreffen.
Aber in der Pandemie ist sie dennoch in eine Krise geraten. Trotz Aborekord hat im April 2020 der Inhaber, die „Südwestdeutsche Medienholding“ (SWMH), die Redaktion in Kurzarbeit geschickt und dafür vom Staat Geld kassiert. Es wurde ein Stellenabbau von 50 Journalisten angekündigt. Das empfanden einige Mitarbeiter als „Belohnung“ für die Kurzarbeit. Nun verdichten sich Gerüchte, dass der Stellenabbau „nur“ 35 betragen soll. „Es gehen Sekretärinnen, aber auch Print- und Onlineredakteure. Namen, die das Haus geprägt haben, durch ihre Expertise oder ihre Haltung.“ (Anne Fromm, taz 19./20.12.20)
Schon vor dem Sparprogramm haben auffallend viele junge, digital geprägte Frauen die SZ verlassen, weil sie sich zurückgesetzt fühlten. Nach neun Jahren ist Chefredakteur Kurt Kister zurückgetreten. Im Sommer veröffentlichte der Redaktionsausschuss der SZ einen Zehn-Punkte-Plan, der in der digitalen Transformation „als Kompass“ dienen soll. Einige Onlineredakteure halten ihn für zu weit entfernt vom Redaktionsalltag.
Wer Einfluss bei der SZ hat, erkennt man an den Leitartikeln, oben links auf Seite vier, und an der Reportage auf Seite drei. Dort schreiben fast nur Männer. Im Zuge der digitalen Transformation kommt es zum Umbau von Ressorts. Das neue Politikressort soll der ehemalige Leiter der Außenpolitik, Stefan Kornelius, übernehmen. Ansonsten kamen manche neuen Leitenden von außen. So 2017 Ferdos Forustan als Chefin des Innenressorts. Und 2020 Judith Wittwer als neue Chefredakteurin neben Wolfgang Krach. Sie kam vom Schweizer „Tages-Anzeiger“ und gilt als digital kompetente Managerin. „Wuchtige Leitartikel“ wie von ihrem Vorgänger sind von ihr wohl nicht zu erwarten. Aber die brauchen wir – von Zeit zu Zeit – auch.
3194: Cornelius Pollmer: Der Hass auf den Journalismus.
Samstag, Dezember 26th, 2020Cornelius Pollmer, geb. 1984, ist Journalist bei der SZ und arbeitet nicht zuletzt in Ostdeutschland, vorzugsweise Sachsen. 2015 bekam er dort zuerst den Hass auf den Journalismus voll zu spüren. Darüber schreibt Pollmer (SZ 19./20.12.20):
1. Eine Gruppe von Menschen pflegt Feindlichkeit. „Diese Feindlichkeit richtet sich gegen den Staat und die Gesellschaft, gegen manche Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnis, sehr grundsätzlich oft auch gegen den Journalismus.“
2. „Corona (das Thema, nicht das Virus) ist ein neues Trägermedium für strukturelle Verwerfungen, die nicht nur den Osten, aber besonders den Osten seit 2015 stark prägen.“
3. „Teilweise schockierend leichtfertig leiten zudem Fremde, Freunde, Familie Falschnachrichten und anderen Digitalschrott über den politischen Umgang mit der Pandemie weiter.“
4. „.. vor allem stelle ich mir jetzt häufiger wieder die Frage, woher die Ablehnung von Journalisten und Journalismus kommt, woher der Hass.“
5. „Nicht nur in einem Leserbrief in der ‚Magdeburger Volksstimme‘ war einmal zu lesen: ‚Im Osten trifft das Virus auf Gegner und nicht auf Opfer.'“
6. „Von mehreren Kollegen weiß ich, dass sie auf Ämtern darum flehten, eine Meldesperre für ihre Privatadresse zu erreichen. Ein Kollege wurde von rechtsbewegten Finstermännern durch ein Einkaufszentrum gejagt. Eine Kollegin, die zierlichste von allen, erhielt bei einer Demonstration in Leipzig einen Faustschlag ins Gesicht. Dazu diese ständigen und teils respektlosen Übergriffigkeiten, …“
7. „Ich weiß von Redaktionen, in denen wieder viel genauer um Halbsätze und Positionen in Kommentaren gerungen wird. Es gibt eine neue Lust auf Sehrgenauigkeit, eine Souveränität darin, niemanden verbal leichtfertig auszugrenzen, ohne sich dabei leichtfertig gemein zu machen.“
8. „Wir haben in Sachsen Gegenden, wo die Haushaltsabdeckung mit regionaler Presse beträchtlich zurückgegangen ist und in denen ARD und ZDF von Menschen als westdeutscher Staatsfunk wahrgenommen werden.“
9. „Abwanderung und demografischer Wandel haben solchen Gegenden über Jahrzehnte zugesetzt – und eine geschwächte Gesellschaft zurückgelassen, die, das steht zu befürchten, noch anfälliger ist gegenüber den zersetzenden Kräften unserer Zeit.“
10. „Zu diesen Kräften gehört das Geschäftsmodell großer Digitalfirmen, die mit überdrehtem Verschwörungsmist über alles und jeden besser laufen als mit Maß und Mitte und sachgerechter Information. Auch deswegen erodieren regionale Öffentlichkeiten, in denen Konflikte eigentlich am besten verhandelt werden könnten.“
11. „Eine .. funktionierende Gesellschaft werden wir nur dann behalten respektive wieder erreichen, wenn sich alle etwas mehr Mühe geben. Das ist keine Aufgabe primär für diesen Winter, der viele körperlich und psychisch an ihre Grenzen bringt. Das ist eine langfristige Aufgabe für die Zeit danach.“
12. „Von Journalisten ist zu erwarten, dass sie möglichst differenziert über Konflikte berichten, statt sich mit Beschreibungen von Gut und Böse zu begnügen. Das heißt nicht, dass sie Verwerfungen in der Gesellschaft verschweigen oder beschönigen sollten. Von den Abtrünnigen schließlich ist zu erwarten, dass sie gerne ihre Skepsis und ihr Misstrauen behalten sollen, nicht aber diese blinde und pauschale Ablehnung, die weder nach Fakten noch nach Feinheiten fragt.“
3183: Ludwig van Beethoven 250
Freitag, Dezember 18th, 2020Ludwig van Beethoven ist 1770 geboren. Getauft wurde er am 17. Dezember. Er gilt als der überragende Vollender der Klassik und Wegbereiter der Moderne. Reinhard Brembeck (SZ 17.12.20) sieht in Beethovens Musik das Zerbrechen der Sicherheit in der Welt und die Behauptung ihrer Unversehrtheit.
„Das bei ihm oft brutale Zerbrechen, Durchbrechen, Stauchen und Überladen alter und ausgedienter Formen zeigt einen Komponisten, der auf die Zerfallserscheinungen in der Politik, Religion, Philosophie, Gesellschaft reagiert.“
„Die Zerstörungen der Französischen Revolution, vorbereitet durch die Aufklärung, aber ließen kein naives Leben mehr zu. Religion, Liebe und Gesellschaftsordnung waren angezählt. Beethoven konnte nur durch kompositorische Gewaltakte und gegen besseres Wissen ihre Unversehrtheit behaupten. Zeugen dieses später als idealistisch verklärten Ringens sind die Oper
‚Fidelio‘,
die Missa Solemnis und
die Neunte Sinfonie,
allesamt Riesenunternehmungen, deren Zwanghaftigkeit Interpreten, Musiker wie Philosophen vor unlösbare Probleme stellen. Diese Stücke überwältigen durch Kraft und geben eine idealisierte Wirklichkeit als real aus. Ein Hauch von kompositorischer Falschmünzerei ist unüberhörbar.“
3178: 4 Europäische Filmpreise für Thomas Vinterbergs „Der Rausch“
Dienstag, Dezember 15th, 2020Thomas Vinterbergs Film „Der Rausch“ bekommt viermal den Europäischen Filmpreis 2020 (Film, Regie, Drehbuch: mit Tobias Lindholm, bester Darsteller: Mads Mikkelsen). „Der Rausch“ erzählt von vier Männern, die einen ständigen Alkoholpegel vereinbaren, um zu testen, was mit ihnen und der Welt passiert. Mikkelsen spielt darin einen ausgebrannten Lehrer. Ein sehr aktueller Plot.
Der 1969 geborene Vinterberg hatte zu den Begründern der Dogma 95-Bewegung gehört. Sie wollte und will wahrhaftigere und direktere Filme machen und zeigen. Unter Fachleuten hat das viel Interesse gefunden. Ins Bewusstsein des Filmpublikums trat Vinterberg 1998 mit „Das Fest“, in dem von der Aufklärung eines Kindesmissbrauchs auf einem 60. Geburtstag berichtet wird. Der „Held“ wird von Ulrich Thomsen dargestellt, einem großartigen Schauspieler. Trine Dyrholm spielt eine Kellnerin. Der Film lässt sich auf Vorurteile ein und räumt mit ihnen auf. Er durchbricht das Kartell des Schweigens. Schmerzhaft. Er hat Anklänge an Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“.
In Vinterbergs „Die Jagd“ (2012) war Mads Mikkelsen bereits der große Star, Lucas. Es geht um den Verdacht, dass der Erzieher die fünfjährige Tochter seines Freundes missbraucht hat. Das Mädchen hat eine Annäherung an Lucas versucht, der aber hat sie zurückgewiesen. Aus Enttäuschung wird er beschuldigt. Und siehe da, die Allgemeinheit ist empfänglich für „Hinweise“ und bereit, einen Mann ohne Beweise zu verurteilen. Vorurteile beherrschen die Welt. Und nur weil Lucas in der Lage ist, für seine Rehabilitierung – sogar mit Gewalt – vieles zu tun, gelingt ihm die Aufklärung und die Versöhnung mit seinem Freund. Vinterberg schenkt uns ein Happy End. Aber seine Analyse der Gesellschaft ist unerbittlich. „Das Fest“ hatte er zunächst „das Blut der Bourgeoisie“ nennen wollen (SZ 14.12.20).
3161: Houellebecq über Religion und Sexualität
Montag, November 30th, 2020In Michel Houellebecqs neuem Buch ist ein Interview mit Agathe Novak-Lechevalier enthalten, das sich u.a. mit Religion und Sexualität befasst (abgedruckt in der FAS 29.11.20).
FAS: In einem Interview 1996 versichern Sie, dass „alles Glück seinem Wesen nach religiös“ sei, und in „Volksfeinde“ vergleichen Sie den Atheismus mit einem „nicht endenden Winter“. Würden Sie das heute noch so sagen?
Houellebecq: Ja, ich bleibe dabei, dass alles Glück seinem Wesen nach religiös ist. Die Religion gibt uns das Gefühl, mit der Welt in Verbindung zu stehen, kein Fremder in einer gleichgültigen Welt zu sein – … Wir haben Angst vor einer Welt, mit der wir keine Gemeinsamkeit empfinden, und die Religion verleiht der Welt und unserer Stellung in ihr einen Sinn.
…
FAS: In „Plattform“ steht dieser Satz: „Womit lässt sich Gott vergleichen? Zunächst natürlich mit der Möse einer Frau.“ Sie haben in ihrem Werk sehr oft Sex und Religion verknüpft: Ist das reine Provokation?
Houellebecq: Nein. Es ist eine männliche Sichtweise, aber es ist keineswegs eine Provokation. Man muss bedenken, dass die ältesten von bestimmten primitiven Völkern verehrten Darstellungen männliche oder weibliche Geschlechtsorgane sind – vor allem jedoch weibliche, und das hat wahrscheinlich weniger mit Sex zu tun als mit der Fähigkeit, Leben zu schenken. Und auch wenn sie sehr alt sind, glaube ich nicht, dass die Tatsache, dass die Menschheit sich weiterentwickelt, die früheren Zustände auslöscht: Diese Zustände bleiben unterschwellig vorhanden. Sie sind von vielen übereinanderliegenden Zivilisationschichten bedeckt, bleiben aber potentiell aktiv. Es ist also keine Provokation: Man muss das ernst nehmen.
3156: Kirsten Boie gegen den Verein Deutsche Sprache
Donnerstag, November 26th, 2020Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie („Möwenweg“, „Ritter Trenk“) ist Hamburger Ehrenbürgerin. Sie steht damit in einer Reihe mit Johannes Brahms, Helmut Schmidt und Uwe Seeler. Der Erste Bürgermeister der Hansestadt lobte sie für ihren Beitrag „für ein friedliches Miteinander in einer offenen und demokratischen Gesellschaft“. Kirsten Boie: „Diese Ehrung signalisiert in meinen Augen auch, wie wichtig unserer Stadt Kinder und das Engagement für sie sind.“
Jetzt hat Kirsten Boie den Elbschwanenorden des Vereins Deutsche Sprache (VDS) zurückgewiesen. „Das ist kein Verein, von dem ich einen Preis annehmen möchte.“ „.. wegen der rechtspopulistischen Äußerungen des Bundesvorsitzenden und der eher puristischen Auffassung von Sprache, die sich diametral von meiner unterscheidet, möchte ich den Preis nicht annehmen.“
VDS-Vorsitzender Walter Krämer hatte vom „aktuellen Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenpresse“ und von der „Überfremdung der deutschen Sprache“ oder dem „Genderwahn“ gesprochen. Dazu Kirsten Boie: „Mehr noch als die verkürzte und realitätsfremde Vorstellung von Sprache erschreckt mich, wie genau sie sich ausgerechnet in einer Zeit, in der wir mit Sorge einen Rechtsruck in Teilen der Bevölkerung beobachten müssen, in deren Argumentsgänge einfügt.“ Bei Twitter erhielt Frau Boie Unterstützung. „Heute ist ein guter Tag, um ein Buch von Kirsten Boie zu kaufen.“ (Peter Burghardt, SZ 26.11.20)