Der Filmregisseur Werner Herzog wird 80. Er lebt seit längerem in Hollywood. Und ist dort gut integriert. Er trat in den „Simpsons“ auf und spielt regelmäßig Gastrollen in Hollywood-Produktionen wie „Star Wars“. Anerkannt wird er vor allem von Kollegen. Ansonsten hat er sich redlich den Ruf eines Exoten erarbeitet, der sich darauf kapriziert hat, quer zum Mainstream zu agieren. „Jeder für sich und Gott gegen alle“ ist der Titel seiner Autobiografie von 1974. Zugleich ein Filmtitel. Herzog steht für „Aguirre oder der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“. Aufgewachsen ist er im ländlichen Bayern. Seine Dreharbeiten sind manchmal wie Abenteuer organisiert. Dadurch hat er sich seinen Ruf erarbeitet. Seinen Vorlass hat er in die „Werner-Herzog-Stiftung“ eingebracht. Sein Hang zu endgültigen Aussagen ist erkennbar an dem Satz „Ich halte das 20. Jahrhundert in seiner Gesamtheit für einen Fehler“. Was für ein Schwachsinn! Vielleicht hat Herzog vorher lange nachgedacht. Dann bringt sein Denken eben nichts. Mit seiner Aussage „Ich wäre auch lieber tot, als zu einem Psychoanalytiker zu gehen.“ qualifiziert er sich als Patient der Psychoanalyse (David Steinitz, SZ 22.8.22).
Archive for the ‘Literatur’ Category
3998: Werner Herzog mag die Psychoanalyse nicht.
Mittwoch, August 24th, 20223993: Hamed Abdel-Samad zum Fall Salman Rushdie
Freitag, August 19th, 2022Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad nimmt in einem Interview mit Evelyn Finger (Zeit 18.8.22) ausführlich Stellung zum Fall Salman Rushdie:
„Ich habe keine Lust mehr, wegen meiner Kritik an meine Herkunftsreligion als Islamfeind beschimpft zu werden. Vor allem möchte ich nicht mehr auf offener Straße, trotz Polizeibegleitung bepöbelt werden. In Berlin und anderen europäischen Großstädten passiert mir das regelmäßig, in Beirut nicht. Meine Frustrationstoleranz ist aufgebraucht.“
„Es sind immer junge muslimische Männer, so zwischen 19 und 25 Jahren, die mich bedrohen, und ich ahne, woher ihre Wut kommt. Sie leben mit Schuldgefühlen, weil ihre Familien oft aus Konfliktregionen stammen, aber im Westen in Frieden leben. Über die neuen Medien sehen sie die Konflikte in der alten Heimat, an denen angeblich der Westen die Schuld trägt – und das lädt sie mit Zorn auf.“
„Militante Islamisten manipulieren die Gefühle junger Menschen, indem sie sagen: Du bist nicht ohnmächtig, sondern Instrument göttlicher Gerechtigkeit. Du kannst dich auszeichnen durch eine edle Tat.“
„Mich macht wütend, wenn es im Westen heißt, islamistische Attentäter seien nur einzelne Spinner, auch dürfe man religiöse Gefühle nicht verletzen. Das ist keine Toleranz, sondern Heuchelei – sie schafft Rückzugsräume für autoritäre Subkulturen. Westliche Politiker und Intellektuelle haben Rushdie im Stich gelassen, weil sie nicht zur Meinungsfreiheit stranden. Als der Showmaster Rudi Carell einmal ein Bild von Ayatollah Chomeini einmal mit Unterwäsche bewarf, musste er sich nachher entschuldigen.“
„Als Muslim lebtr man nirgends freier als im Westen. Wir müssen lernen, dass religionskritik nicht religionsfeindlich ist.“
3991: Wolfgang Petersen ist gestorben.
Donnerstag, August 18th, 2022Er war wohl der erfolgreichste deutsche Film- und Fernsehregisseur nach 1945. Mit „Die unendliche Geschichte“, „Reifezeugnis“ (mit Nastassja Kinski), „Die Konsequenz“ (mit Jürgen Prochnow) und „Das Boot“: Wolfgang Petersen, der jetzt im Alter von 81 Jahren gestorben ist, der „Ostfriese in Hollywood“. Vor allem dort war er auch erfolgreich: „In the Line of Fire“, „Outbreak“, „Air Force One“, „Troja“. Petersen hatte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studiert. Er vereinigte in sich die Vorzüge des Künstlers und des Handwerkers. Viele seiner Filme sind technische Meisterwerke. Petersen war beim deutschen Publikum beliebt (Tobias Kniebe, SZ 18.8.22).
Nur am Rande seines Welterfolgs „Das Boot“ entspann sich eine kleine Kontroverse. Der einzige, der Kritik äußerte, war der auch hier unvergleichliche Fritz J. Raddatz. Er stellte fest, dass die Strickweise dieses Films exakt so vielen anderen deutschen Kriegsfilmen glich: Indem nämlich die Behauptung aufgestellt wurde, dass der deutsche „Landser“ (in dem Fall U-Boot-Fahrer) sauber geblieben sei, wo er für die Nazis den Krieg führte (sonst hätten ja nie so viele Ehemalige ins Kino gehen können). Wahrscheinlich bin ich der einzige, der sich heute noch für die Antwort auf diese Frage interessiert.
3990: Erneuter Streit bei der Documenta
Donnerstag, August 18th, 2022Die Documenta 15 kommt nicht zur Ruhe. Der Künstler Hamjah Ahsan hat Bundeskanzler Olaf Scholz auf Facebook als „faschistisches Schwein“ bezeichnet. Zudem gibt es Streit um ein weiteres Motiv von Taring Padi („All Mining is Dangerous.“). Es ist zum Teil überklebt. Seit wann? Von wem? Keiner weiß Genaues nicht.
Wir warten auf die Ergebnisse der Experten-Kommission. Aber können wir uns noch etwas davon erhoffen?
Schon wird wieder überall „Zensur!“ gerufen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Müller-Rosentritt fordert, die Documenta nicht länger aus Bundesmitteln zu fördern. Und auch wenn dadurch die Ausstellung gefährdet wird, ist zu antworten: Na und ? Die berechtigten Überlegungen zur Beendigung der Documenta sind ebenfalls nicht ungefährlich (Catrin Lorch, SZ 18.8.22).
Auf keinen Fall möchte ich den Kasselern ihre Geschäfte mit der Documenta verderben. Aber bei der diesjährigen Ausgabe waren drei Faktoren gegeben. die unbedingt vermieden werden müssen:
1. Es gab kein klares Konzept.
2. Das Leitungsteam war inkompetent.
3. Es handelte sich um die Anbiederung an den „globalen Süden“.
Zeitgleich war der palästinensische Präsident Mahmud Abbas mit seinen unsäglich falschen Thesen im Bundeskanzleramt. Zufall ?
3987: „Die Dreyfus-Affäre. Wahrheiten und Legenden“
Montag, August 15th, 2022Die Dreyfus-Affäre (1894-2006) liegt lange zurück. Dass sie aber topaktuell ist und von großem Belang, zeigt uns der französische Literaturwissenschaftler Alain Pagès in seinem 2019 erschienenen Band
Die Dreyfus-Affäre. Wahrheiten und Legenden. Aus dem Französischen von Fabian Scharf. Stuttgart (Kohlhammer) 2022, 210 Seiten.
Der deutsche Emil Zola-Experte Scharf übersetzt das Buch leicht, flüssig, verständlich und passend. So bekommen auch wir einen Einblick in das seinerzeitige, hochkomplexe und sehr wichtige Geschehen. Der Hauptmann Alfred Dreyfus (1859-1935) wurde fälschlich des Verrats an Deutschland bezichtigt und in drei Prozessen zunächst verurteilt, degradiert und auf die Teufelsinsel verbannt. Bevor er durch den gezielten und nicht ungefährlichen Einsatz von „Intellektuellen“ wie Emile Zola und Anatole France schließlich 2006 seine Begnadigung durch den Staatspräsidenten erreichte und später vollständig rehabilitiert wurde. Es war ein sehr langer Weg. Erst seit der Dreyfus-Affäre sind wir uns ganz des Werts ein er freien Presse und der öffentlichen Meinung sicher. Wenn auch noch nicht alle. Und der Antisemitismus ist heute wie gestern die größte innere Bedrohung der westlichen Demokratie.
Alain Pagès ist ein sehr angesehener französischer Litereaturwissenschaftler, der sein Thema in 27 Kapitel klar gliedert. Deren Überschriften sind aussagekräftig: „Wurde Alfred Dreyfus von einen ‚jüdischen Syndikat‘ verteidigt?“, „Hat Kaiser Wilhelm II. den ‚Bordereau‘ mit Anmerkungen versehen?“, „Welche Rolle haben die Tageszeitungen in der Dreyfus-Affäre gespielt?“, „Hat sich die Literatur für die Dreyfus-Affäre interessiert?“, „Gibt es in der Dreyfus-Affäre noch ungelöste Rätsel?“, „Musste Zola für sein Engagement sterben?“. Alle diese Fragen werden, soweit es möglich ist, vollständig beantwortet. Wir lernen etwas aus diesem Buch. Es enthält zudem eine klar gegliederte umfassende Bibliographie, Hinweise auf literarische Adaptionen und Filme zum Thema. Pagès wertet umfassend die Quellen aus, auch aktuelle und solche aus dem 21. Jahrhundert. Das macht überhaupt erst die Relevanz des Themas vollständig klar. Emile Zolas Statement: „Die Wahrheit ist auf dem Vormarsch und nichts kann sie aufhalten.“ würden wir zu gerne als unser Motto akzeptieren, wenn es da nicht schwerwiegende Gegenargumente gäbe. Alain Pagès geht auch mit den „Dreyfusards“ nicht unkritisch um.
Es gab drei Gerichtsverfahren (1884-86, 1997-1910, 1900-1906), die zunächst von Fälschungen und übler Nachrede, nicht zuletzt antisemitischer, bestimmt waren. Frankreich war ein maroder Staat. Obwohl der tatsächlich Schuldige (Esterhazy) bekannt war, taten die Verantwortlichen alles, um das unter den Tisch zu kehren. Weithin bestimmte krasser Nationalismus die Denkweise. Durch das umfänglichre bizarre Geschehen mit riesigen Aktenbergen kam es zu denkwürdigem Geschehen wie Liebesaffären und Selbstmorden. Bis in die Spitze des Staates. Beweise gegen Dreyfus gab es keine. Es gab rassistische, antisemitische Vorurteile. Graphologen wurden zum Betrug herangezogen. Etc. „Die Wirklichkeit übergtrifft die Parodie.“ Karikaturen und Zeichnungen wurden zur Denunziation verwendet. Das Ganze wirkte wie ein Fortsetzungsroman.
Erst als schließlich „Intellektuelle“ wie Emile Zola über die Lügen und Täuschungen empört waren und dagegen vorgingen, kam es allmählich zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung bei den beiden französischen Lagern. Beteiligt waren daran in unterschiedlichen Formen Anatole France, Charles Peguy, Marcel Proust, Bernard Lazare, Jean Jaurès, Julien Benda, Léon Blum et alii. Zentral war Zolas Aufsatz „J’accuse“ in „L’Aurore“ am 3. Januar 1898. Er hat auch viele andere Aufsätze im Zusammenhang damit geschrieben. Petitionen wurden auf den Weg gebracht. Offene Briefe geschrieben. Frauen schalteten sich öffentlich ein. Mit den plumpen Lügenmärchen und Verschwörungsgeschichten nahm es ab. Viele Menschen verloren die Scheu, ihre Anonymität aufzugeben. Tageszeitungen erkannten ihr Geschäft. Für Alfred Dreyfus wurde sogar Bewunderung geäußert. „Die beachtliche Arbeit des Kassationsgerichtshofs hat die Absurdität der Anschuldigungen gegen Alfred Dreyfus aufgezeigt, indem sie alle im Laufe der Jahre entstandenen Legenden entkräftet hat.“ (S. 138)
Emile Zola wurde selbst noch vor Gericht gestellt und fatalerweise verurteilt. Nachdem alle Rechtsmittel ausgeschöpft waren, blieb ihm nichts anderes als das Exil in London (er kam zurück). Während seines Prozesses wurde auf ihn geschossen und er wurde verletzt (die sogenannte vierte Dreyfus-Affäre). Und die französische Rechte hielt an ihrer Ablehnung Dreyfus‘ fest. Das zeigt sich u.a. daran, dass einer ihrer Vertreter, Charles Maurras 1945, als er wegen seiner Beteiligung am Vichy-Regime zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, ausrief: „Das ist die Rache von Dreyfus.“ Es lassen sich von der Dreyfus-Affäre klare Parallelen ins 18. Jahrhundert ziehen, zur Calas-Affäre, worin Voltaire (1694-1778) eine ähnliche Rolle spielte wie Emile Zola später. Alain Pagès gibt uns einen Überblick über die Behandlung der Dreyfus-Affäre in der Literatur (S. 156 ff.). Und im Film, wo hier die Proktionen von Georges Méliès (1899), William Dieterle (1937) und Roman Polanski (2019) genannt seien. Dabei setzt sich Polanski, der ja aus anderen Gründen umstritten ist, gerade mit der Gewalt in der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auseinander.
Letztlich gibt es in der Dreyfus-Affäre keine ungelösten Rätsel mehr, sagt Pagès. Vielleicht abgesehen von der Frage, ob Emile Zolas Tod 1902 natürlich war oder nicht. Denn 1928 bekannte ein Schornsteinfeger, dass er 1902 vom Nachbarhaus aus Zolas Kamin gezielt „verstopft“ hätte, was aber erst 1953 rauskam. Julien Benda (der Autor von „La trahison des clercs“, 1926) sagt: „Die Dreyfus-Affäre spielte eine entscheidende Rolle in der Geschichte meines Geistes durch die Schärfe, mit der sie mir blitzartig die Hierarchie der Werte, die den Kern meines Wesens ausmacht, und meinen organischen Hass auf das gegnerische System vor Augen führte. Durch sie lernte ich mich als absoluten Rationalisten kennen, das heißt als jemanden, der sich in einem Konflikt zwischen den Interessen der Vernunft und denen des Sozialen oder Nationalen leidenschaftlich und ohne das geringste Zögern für die ersteren entscheidet.“ (S. 191) Charles Peguy fasst zusammen: „Je länger die Affäre beendet ist, desto offensichtlicher wird die Tatsache, dass sie niemals zu Ende geht.“ (S. 193)
(Monty, 15.8.22)
3983: Mordanschlag auf Salman Rushdie
Samstag, August 13th, 20221988 erschienen Salman Rushdies „Satanische Verse“. Daraufhin ordnete der Ayatollah Chomeini eine Fatwa an, nach der Rushdie ermordet werden sollte. Jetzt wurde in Chautauqua im US-Bundesstaat New York auf einer Bühne ein Mordanschlag auf Rushdie von einem 24-Jährigen verübt. Der Schriftsteller wurde in den Hals gestochen. Er soll eine Auge verloren haben, seine Leber ist beschädigt, und er wird in einer Klinik künstlich beatmet. Der Täter ist festgenommen worden (SZ 13./14./15.8.22).
3968: Nochmals neue Berater für die Documenta
Dienstag, August 2nd, 2022Nachdem nochmals antisemitische oder potentiell antisemitische Objekte auf der Documenta aufgetaucht sind, teilten die Gesellschafter (Stadt Kassel, Land Hessen) mit, dass nun nochmals Berater zur Klärung der Lage berufen worden sind. Sieben an der Zahl. Sie sollen „bei der Analyse möglicher weiterer antisemitischer Bildsprache und Sprache sowie bereits als antisemitisch identifizierten Werken beraten“.
Den Vorsitz übernimmt Nicole Deitelhoff (Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung). Weitere Mitglieder sind: Marion Ackermann (Staatliche Kunstsammlungen Dresden), Julia Bernstein (Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences), die Psychologin und Verhaltenswissenschaftlerin Marina Chernivsky, der Historiker Peter Jelavich (Johns Hopkins University), der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers (Humboldt Universität Berlin) sowie der Historiker Facil Tesfaye (Universität Hongkong) (CAG, dpa, SZ 2.8.22).
Kurze Nachbemerkung W.S.: Anscheinend also hat die Documenta bis hierhin nicht sorgfältig genug gearbeitet. Ist es eigentlich denkbar, dass es Kreise und Kräfte gibt, die an den gegenwärtigen Turbulenzen ein Interesse haben ?
3960: Abbruch der Documenta gefordert
Freitag, Juli 29th, 2022Nach dem Auftauchen neuer antisemitischer Exponate auf der Documenta wird nun der Abbruch der Ausstellung gefordert.
Vom Zentralrat der Juden in Deutschland und von der FDP.
Der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, meinte: „So offenen Antisemitismus auf deutschem Boden, das hätte ich mir 2022 nicht vorstellen können.“ Das Plakat der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi hatte Juden in übler Manier als widerliche Ausbeuter gezeigt. Nun fordern die Gesellschafter der Documenta, das Land Hessen und die Stadt Kassel, die neuen umstrittenen antisemitischen Kunstwerke „bis zu einer angemessenen Kontextualisierung“ aus der Ausstellung zu nehmen. Ebenso die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne). Josef Schuster: „Dass diese Documenta wirklich bis zum 25. September laufen kann, erscheint kaum mehr vorstellbar. … Diese Documenta wird als antisemitische Kunstschau in die Geschichte eingehen.“ (Annette Zoch, SZ 29.7.22)
3950: Alexander Fahrenholtz ist neuer Documenta-Geschäftsführer.
Dienstag, Juli 19th, 2022Alexander Fahrenholtz ist am Montag zum neuen Documenta-Geschäftsführer bestimmt worden. Die Gesellschafter seien froh, einen so erfahrenen und renommierten Kulturmanager gefunden zu haben, hieß es. Er werde seine Aufgabe bereits am 19.7.2022 übernehmen. Sein Vertrag sei bis zum 30.9. befristet. Fahrenholtz war an der Realisierung der Documenta 9 beteiligt und Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes. Der Bund soll wieder in den Aufsichtsrat der Documenta einziehen (SZ 19.7.22).
3949: Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchandels an die deutschen Pazifisten
Montag, Juli 18th, 2022In diesem Jahr erhält der ukrainische Dichter Serhij Zhatlan den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (Zeit 7.7.22). Er richtet seine politische Botschaft an die deutschen Pazifisten:
„Darin liegt der größte Fehlschluss der deutschen Intellektuellen: Die Russen wollen nicht mit uns verhandeln, sie wollen uns vernichten. Und wenn die deutschen Intellektuellen andeuten, eine allzu große Unterstützung für die Ukraine lohne nicht, weil die Ukrainer sowieso keine Chance hätten, lassen sie es zu, dass durch den russischen Chauvinismus und Revanchismus Normen und Gesetz verletzt werden und das ukrainische Volk ausgelöscht wird.
Indem sie einem falsch verstandenen Pazifismus anhängen – der nach zynischer Gleichgültigkeit stinkt – legitimieren die Verfasser die Putinschen Propaganda-Narrative, die besagen, dass die Ukraine kein Recht auf Freiheit, kein Recht auf eine eigene Stimme hat, weil ihre Stimme den großen und schrecklichen Putin womöglich reizen könnte. Dazu möchte ich den verehrten Experten auf dem Gebiet der unergründlichen russischen Seele Folgendes sagen: Sie haben recht, Putin ist schrecklich, aber nicht groß. Und wenn weiterhin etliche deutsche Intellektuelle Angst vor ihm haben, müssen sie das mit ihrer Selbstachtung und ihrem Gewissen vereinbaren.
Die Verfasser des Briefes schreiben: ‚Die Fortführung des Krieges mit dem Ziel eines vollständigen Sieges der Ukraine über Russland bedeutet Tausende weitere Kriuegsopfer, die für ein Ziel sterben, das nicht realistisch zu sein scheint.‘ Was sie sich nicht trauen zu sagen: Wenn die Ukraine verliert, gehen die Opfer nicht in die Tausende, sondern in die Hunderttausende. Das Blut dieser Toten haben jene auf dem Gewissen, die immer noch unbeirrt mit dem Bösen spielen und dabei allen Wohlergehen und Frieden wünschen.“