Archive for the ‘Kunst’ Category

4419: Georg-Büchner-Preis für Lutz Seiler

Mittwoch, Juli 19th, 2023

Den Georg-Büchner-Preis 2023 bekommt der Schriftsteller Lutz Seiler. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung teilte mit, Seiler habe als Lyriker und Romancier zu einer unverwechselbaren Stimme gefunden. 2014 hatte Seitler für „Kruso“ schon den Deutschen Buchpreis bekommen, 2020 für „Stern 111“ den Preis der Leipziger Buchmesse (SZ 19.7.23).

4413: Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ ist nicht für’s Gendern.

Samstag, Juli 15th, 2023

Der 2004 gegründete und 41 Personen umfassende Rat für deutsche Rechtschreibung hat sich wie 2018 und 2021 dazu entschieden, beim Gendern keine Ratschläge zu erteilen. Er will weiter beobachten. Das von ihm genehmigte Regelwerk ist verbindlich für Schulen und Behörden. Gendersternchen gehörten nicht zum Kernbestand deutscher Orthografie. „Ihre Setzung kann in verschiedenen Fällen zu grammatischen Folgeproblemen führen, die noch nicht geklärt sind.“ Der Rat achtet darauf, dass die deutsche Sprache verständlich und lesbar ist. Das ärgert Feministen und Fortschrittliche maßlos. Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hingegen sagt: „Mit jeder gegenderten Nachrichtensendung gehen ein paar hundert Stimmen mehr zur AfD.“ Ja, liebe Freunde des Fortschritts, vielleicht hat er Recht. Aber das ist Ihnen egal (Marie Schmidt, SZ 15./16.7.23).

4411: Milan Kundera ist gestorben.

Donnerstag, Juli 13th, 2023

Der Einmarsch der Sowjetunion (mit dem Warschauer Pakt) in die Tschechoslowakei 1968 war entscheidend für Milan Kunderas Weltanschauung. Er wandte sich vom Kommunismus ab und widmete sich der Freiheit. 1975 ging er mit seiner Frau ins französische Exil, wo er als Professor lehrte und sehr zurückgezogen lebte. Seine Freunde und Förderer waren

Philip Roth, Salman Rushdie, Yasmina Reza und Bernard-Henry Levy.

Dem Fernsehen stand Kundera sehr kritisch gegenüber. Nach 1990 kehrte er nicht mehr in seine Heimat zurück. Seine Romane fanden unzählige Leser. Der Höhepunkt war

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (1984).

Bis in die Gegenwart hinein hatte Milan Kundera mit dem tschechoslowakischen und anderen Geheimdiensten zu kämpfen. Fälschlicherweise wurde er der Zusammenarbeit mit ihnen bezichtigt. Dagegen ist fast jeder machtlos (Nils Minkmar, 13.7.23).

4402: Nationalpreis für Anselm Kiefer

Freitag, Juli 7th, 2023

Im Französischen Dom in Berlin erhielt der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer den Deutschen Nationalpreis. Er ist der erste bildende Künstler, der ihn erhält. Bisherige Preisträger waren etwa Wolf Biermann oder Vaclav Havel und andere. Laudatoren waren Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der Philosoph und Schriftsteller Florian Illies. Letzterer betonte Kiefers Verdienste um die deutsche Geschichte. Gerade als nach 1945 die deutsche Gesellschaft den Hang hatte, die Nazizeit unter den Teppich zu kehren, habe Anselm Kiefer zu denjenigen gehört, die auf der Auseinandersetzung damit bestanden hätten. Dies habe man zuerst im Ausland verstanden (Frankreich, Israel, USA), dann auch in Deutschland. Schließlich ging es auch um die Aussicht osteuropäischer Länder, eines Tages in die EU aufgenommen zu werden. Ganz im Sinne des Philosophen Karl Raimund Popper: Gerade wenn die Geschichte keinen Sinn habe, sei es an uns, ihr einen zu geben. In seiner Dankesrede sprach Anselm Kiefer über Sinn, Unsinn und die Dialektik von Grenzen (Peter Richter, SZ 7.7.23).

4401: Wolf Biermann-Ausstellung in Berlin

Freitag, Juli 7th, 2023

Im „Deutschen Historischen Museum“ in Berlin findet eine große Wolf Biermann-Ausstellung statt. Sie wird gespeist aus dem Vorlass Biermanns, der seit zwei Jahren in der Berliner Staatsbibliothek liegt: „Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher aus Deutschland“. Eine Ausstellung am richtigen Ort und zur rechten Zeit. Biermann war ja als 17-Jähriger in die DDR übergesiedelt, um beim Aufbau dieses Staates mitzuhelfen. Seinen Vater hatten die Nazis als Juden und Kommunisten in Auschwitz ermordet. Kurz nach Bertolt Brechts Tod 1956 kam Biermann als Regieassistent ans Berliner Ensemble und begann als Sänger und Liedermacher.

Das konnte in der DDR nicht lange gutgehen. Biermann bestand auf seiner Freiheit und künstlerischen Unabhängigkeit. Er wurde einer der fulminantesten Kritiker des deutschen Arbeiter- und Bauernstaats. Seine Lieder erschienen auch im Westen. Das war für die DDR besonders schmerzlich. In der Ausstellung können wir Biermann vollständig begreifen und verstehen. Nach dem Konzert in Köln 1976 kam es zur Ausbürgerung. Anders wusste die DDR sich nicht zu helfen. Biermann hatte wesentlich zum allmählichen Untergang beigetragen. Es gab den Protestbrief gegen seine Ausbürgerung von Sarah Kirsch, Jurek Becker und anderen. Es gab auch einen Protestbrief aus Paris von Romy Schneider. Biermann musste sich im Westen partiell neu erfinden. Etwa mit dem „Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ des in Auschwitz ermordeten Dichters Jizchak Katzenelson. Als die Mauer fiel 1989, wurde Biermann wieder der preußische Ikarus und hat sich verdient gemacht bei der Verhinderung der Vernichtung der Stasiakten. Davon profitieren wir heute noch (Hilmar Klute, SZ 7.7.23).

4392: Matias Martinez über Literatur

Freitag, Juni 30th, 2023

Der Erzählforscher Matias Martinez lehrt an der Universität Wuppertal. In einem Interview mit Yannick Ramsel und Anna-Lena Scholz (Zeit 15.6.23) macht er bemerkenswerte Aussagen über Literatur. Ich bringe hier nur einige Thesen von Martinez.

1. Zuerst spricht er über Jonathan Lyttels „Die Wohlgesinnten“ (2007): „Der Roman wird von der Hauptfigur selbst erzählt. Das bringt den Leser in die schreckliche Situation, quasi aktiv an all den grausamen Planungen und Morden des Holocausts teilzunehmen. Ich fühlte mit dem SS-Offizier mit, war fasziniert von seinem Intellekt und spürte zugleich: Diese Identifikation ist moralisch prekär.“

2. „Aristoteles meinte, die Empfindungen von ‚Jammer und Schauder‘, die Tragödien in uns auslösen, führten zu einer letztlich lustvollen Reinigung von übermäßigen Affekten. Im 18. Jahrhundert erhofften sich die Autoren, dass Literatur das Mitleid in uns fördert – da sind wir dann bei Lessing, der in seiner Dramentheorie schrieb: ‚Wenn wir mit Königen mitfühlen, dann fühlen wir mit ihnen als Menschen und nicht als Könige.‘ Das war eine große Idee der Aufklärung: dass Literatur uns zu besseren Menschen und Bürgern macht. Dass wir durch sie lernen, kognitive Dissonanzen auszuhalten, uns hineinzuversetzen in fremde Erfahrungen und Standpunkte. Dass uns dies eine tolerantere, sozialere Gesellschaft ermöglicht.“

3. „Wenn es so wäre, müssten Autorinnen, Germanistikstudierende und Literaturprofessoren die besseren Menschen sein, oder? Keine sehr plausible These.“

4. „Die Weltliteratur ist ja voller Schrecklichkeiten: Mord, Vergewaltigung, Tod. Die Tendenz, die wir an den US-amerikanischen Universitäten, aber mehr und mehr auch bei uns beobachten, ist: Der akademische Unterricht soll ein safe space sein, ein sicherer Ort. Entsprechend lautet die Erwartung, vor dem Seminarbesuch vor möglicherweise anstößigen Inhalten zu warnen.“

5. „Mir fällt der Chauvinismus von Faust heute mehr ins Auge als noch vor 20 Jahren.“

6. „Ich glaube tatsächlich, wir leben in einem neuen, sensibilisierteren Zeitalter. Und wünschen uns von der Literatur, dass sie uns moralisch festigt.“

4391: Blake Baileys Philip Roth-Biografie: zu distanzlos

Donnerstag, Juni 29th, 2023

Blake Baileys Philip Roth-Biografie ist auf deutsch erschienen:

Philip Roth. Biografie. München (Hanser) 2023, 1.040 S.

Der große US-amerikanische Schriftsteller (Portnoys Beschwerden 1969, Mein Leben als Mann 1974, Zuckermans Befreiung 1981, Gegenleben 1986, Die Tatsachen 1988, Sabbaths Theater 1995, Amerikanisches Idyll 1997, Mein Mann, der Kommunist 1998, Der menschliche Makel 2.000, Verschwörung gegen Amerika 2.004) hatte Bailey 2018 seine Archive geöffnet. Das hat zu großer Nähe geführt. Da herrscht das Anekdotische vor. Wir erfahren mehr Einzelheiten über Roths studentische Dates als erforderlich. Dabei tritt Roths große schriftstellerische Leistung, neben Saul Bellow und Bernard Malamud die US-amerikanische jüdische Lebenswelt erschlossen zu haben, fast in den Hintergrund. Roth hatte zeitlebens mit der These vom jüdischen Selbsthass zu kämpfen. Bailey hat 200 Personen zu ihm befragt. Er nimmt für seinen Auftraggeber Partei. Roths beide Ehefrauen, Maggie Martinson und Claire Bloom, kommen schlecht weg. Ausführlich beschäftigt der Biograf sich mit dem sexuellen Eroberungszwang Roths. Über den Schriftsteller hatte der Psychotherapeut Hans J. Kleinschmidt 1967 die vollständige Krankheitsgeschichte in einem wissenschaftlichen Aufsatz publiziert.

4386: Restitution von Raubkunst aus privatem Besitz

Sonntag, Juni 25th, 2023

Es findet wieder eine Debatte über die Restitution von Raubkunst aus privatem Besitz statt. Kein Land in Europa hat dafür bisher eine gesetzliche Regelung gefunden. Nach der Einigung auf die „Washingtoner Prinzipien“ 1998 haben Bund, Länder und Kommunen 1999 eine „Gemeinsame Erklärung“ zur „Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ abgegeben. Das verpflichtet öffentliche Museen zu Provenienzforschung und Restitution.

Bis heute ungeregelt ist die Restitution bei NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut aus privatem Besitz. Solche Kunstwerke sind de facto unverkäuflich. Im Idealfall einigen sich Privatbesitzer und Anspruchsteller dahingehend, dass entweder das Werk zur Auktion gegeben und der Erlös nach bestimmten Quoten aufgeteilt oder den anspruchstellenden Familien eine Zahlung angeboten wird. Je wertvoller die Arbeiten sind, desto schwieriger sind derartige Lösungen. Die früheren Eigentümer können ihre Ansprüche nach 30 Jahren nicht mehr geltend machen, weil sie dann verjährt sind. Die heutigen Besitzer argumentieren häufig damit, sie hätten die Werke vor mehr als zehn Jahren „in gutem Glauben“ erworben.

Wer eine Arbeit auf einer öffentlichen Versteigerung erwirbt, wird laut BGB Eigentümer auch wenn das Bild NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde. Nimmt man die moralische Verpflichtung ernst, geraubtes Kulturgut auch aus privater Herkunft zu restituieren, bleibt kein anderer Weg, als dass der Bund einen Fonds schaffen muss, durch den die Rückgabe erleichtert und ermöglicht wird. Der Eigentümer wird zur Rückgabe eher bereit sein, wenn der Kaufpreis, den er einst gezahlt hat, aus diesem Fonds erstattet wird. „Die Verpflichtung des Staates, Restitution von NS-entzogenem Kulturgut zu ermöglichen, gebietet es, die finanziellen Mittel aufzubringen, um den Weg zur Restitution von Kunst auch aus privatem Besitz zu ebnen. Käufe derartiger Arbeiten liegen häufig viele Jahrzehnte zurück, so dass der damals gezahlte Kaufpreis oft in keinem Verhältnis steht zu dem Wert, den die Arbeiten bedeutender Künstler heute haben.“ (Peter Raue/Felix Stang, SZ 22.6.23)

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt, dass die „Wiederherstellung von Recht und Eigentum“, also die Rückgabe geraubter Kunstwerke, vielleicht die einzige Kategorie sei, in der „wahrhaftig das erlittene Unrecht von Jüdinnen und Juden zumindest in diesem engen technischen Rahmen rückgängig gemacht werden kann“. Opferorganisationen und Erben dringen darauf, dass auch privater Kunstbesitz systematisch erforscht und restituiert werden muss. Sogar der Kunsthandel würde von der Aufarbeitung profitieren, weil sie endlich Rechtssicherheit schafft. Deutsche Kunsthändler und Auktionshäuser fürchten, dass sich der Handel sonst ins Ausland verlagern könnte (Catrin Lorch, SZ 6.6.23).

4356: „Man wünscht sich eine Talkshow mit Fabian Hinrichs.“

Sonntag, Juni 4th, 2023

Viele von uns kennen Fabian Hinrichs als Kommissar aus dem Franken-„Tatort“ (gemeinsam mit Dagmar Manzel). Kürzlich habe ich Hinrichs als Regisseur und Hauptdarsteller in „Sardanapal“ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gesehen. Ein Theaterskandal. Nun tritt Fabian Hinrichs mit der fünfköpfigen Satiregruppe „Browswe Ballett“ in ZDF Neo auf und überzeugt. Er parodiert als „Magnus Richter“ Markus Lanz. Dazu schreibt Marlene Knobloch (SZ 1.6.23): „Man wünscht sich eine Talkshow mit Fabian Hinrichs.“

4355: Robert Altman hat nur einen Film gemacht.

Sonntag, Juni 4th, 2023

Der berühmte Regisseur Robert Altman (1925-2006) hat am Ende seines Lebens erklärt, dass er seine letzten Jahre mit dem Spenderherzen einer jungen Frau gelebt habe. Er ist der Regisseur solch großartiger Fime wie „M.A.S.H.“ (1970), „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (1973), „Nashville“ (1975), „Komm zurück, Jimmy Dean“ (1982), „Vincent und Theo“ (1990), „Short Cuts“ (1993) und „Gosford Park“ (2001). Und dann erklärte Altman am Ende noch: „Allerdings ist es für mich so, dass ich nur einen einzigen langen Film gemacht habe. Einen Film machen, das ist wie eine Sandburg bauen am Strand. Man lädt seine Freunde ein und erschafft mit ihnen ein wunderbares Werk. Und dann sitzt man da und wartet auf die Flut und sieht zu, wie der Ozean sie wieder wegwäscht. Diese Sandburg bleibt aber im Gedächtnis zurück.“ (Josef Schnelle, SZ 3./4.6.23)