Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

2172: Linke: zum Regieren nicht geeignet.

Freitag, Oktober 26th, 2018

Die Bundesregierung hat im ganzen letzten Jahr ein schlechtes Bild abgegeben. Zwar war ihre Arbeit im Einzelnen gar nicht so übel (etwa gemeinsames Tragen der Sozialbeiträge durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer), aber der bayerische Komödienstadel des Horst Seehofer (CSU) hat die Bundesregierung und die CDU/CSU und die SPD geschwächt. Die SPD machte ja bei allem mit. Das in einer Zeit, wo die parlamentarische Demokratie und ihre Volksparteien durch Rechtspopulisten und Rechtsextremisten ohnehin stark unter Druck geraten sind. Bei den Wahlen gab’s die Quittung. Der Wähler ist eben doch nicht nur dumm. Wahrscheinlich ist letztlich die starke Ausdifferenzierung der postindustriellen Gesellschaft dafür verantwortlich, dass die Volksparteien verschwinden.

Da liegt es nahe, an andere Regierungszusammensetzungen als eine große Koalition zu denken. Vollkommen legitim. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass etwa eine grün-rot-rote Koalition untauglich ist. Denn die Linken sind nicht regierungsfähig. Es handelt sich bei ihnen um Kommunisten oder um Ex-Kommunisten, die noch nicht genug gelernt haben. Heute verteidigen sie die völkerrechtswidrige Annektion der Krim wie sie früher andere kommunistische Übergriffe befürwortet haben:

– die Niederschlagung des Volksaufstands in der DDR am 17. Juni 1953,

– die Niederwerfung des ungarischen Volksaufstands und der polnischen Demokratiebewegung 1956,

– die militärische Beendigung des Prager Frühlings 1968,

– den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979/80.

Für sie ist Michail Gorbatschow ein Verräter, sie hassen ihn. Die Linken lehnen die NATO ab und stehen nicht voll auf dem Boden der sozialen Marktwirtschaft. Sie sind noch nicht so weit. Jedenfalls nicht zum Regieren im Bund. Ganz anders als die Grünen, die sich von ihren kommunistischen (K-Gruppen) und nationalsozialistischen Wurzeln (etwa Baldur Springmann) emanzipiert haben. Sie stehen nicht nur für eine umfassende Ökologie, sondern auch für Menschenrechte, für Europa, für eine solide Friedenspolitik, usw.

2171: Umgang mit dem Zölibat

Donnerstag, Oktober 25th, 2018

Clemens Betting, 61, ist Buchhändler in Warendorf. Nach einem Studium der Geschichte, Geografie und Theologie war er ursprünglich katholischer Pfarrer gewesen. Dann wurde er fristlos entlassen, weil er seine Freundin heiraten wollte. Matthias Drobinski hat ihn für die SZ (25.10.18) interviewt.

SZ: Dann kam der Tag, an dem Sie dem Bischof die Wahrheit sagten.

Betting: Ich habe mich vorher beraten lassen, in Köln, wo ich untertauchen konnte. Das System zwingt zur Heimlichkeit. Ich habe die Bischofssekretärin angerufen: Ich wünschte dringend ein Gespräch – und hatte am nächsten Tag um zehn Uhr einen Termin bei Bischof Lettmann. Ich hatte mir vorgenommen: Noch bevor du sitzt, muss die Wahrheit draußen sein, und sagte sofort: Herr Bischof, ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich aufhöre. Er fragte nur: Mann oder Frau? Ich sagte ihm, dass ich meine Freundin heiraten wolle. Er drängte mich dann, ich sollte mich laisieren lassen. Dazu hätte ich erklären müssen, bei der Weihe nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte gewesen zu sein oder gelogen zu haben. Das wollte ich nicht. Ich bin damals bewusst Priester geworden. Als ich ging, musste er sich die Tränen wegdrücken.

SZ: Sie sind ja bei Weitem nicht der einzige Priester, der aufhört und heiratet. Haben Sie den Eindruck, dass die katholische Kirche aus solchen Erfahrungen lernt?

Betting: Ich fürchte nein. Ich habe mich sehr über die Wahl von Papst Franziskus gefreut, aber die Hoffnungen sind verdunstet. Meine Frau ist Physikerin, die würde jetzt sagen: Was verdunstet ist, ist immer noch da, nur in einem anderen Aggregatzustand. Aber ich sehe nichts, was diese Hoffnung wieder verfestigen könnte. Das System Kirche implodiert.

2170: Heike Drechsler war keine IM.

Donnerstag, Oktober 25th, 2018

Die zweifache Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler hat in einem Gutachten feststellen lassen, dass sie keine inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi gewesen ist. Erstattet hat das Gutachten der Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs, der Mitherausgaber des Lexikons „Wer war wer in der DDR?“ gewesen ist: „Frau Heike Drechsler war zu keinem Zeitpunkt (…) als IM ‚Jump‘ beim MfS erfasst gewesen.“

Heike Drechsler hatte 1987 von Heinz Bergner, einem Freund der Familie und Stasi-Offizier, 500 DM erhalten. Auf der Quittung hatte sie mit „Jump“ unterschrieben. 1993 trat Drechsler mit Bergner im ZDF-Sportstudio auf und kriegte von ihm bescheinigt, dass sie keine Informationen gegeben und konspirativ gearbeitet habe.

Helmut Müller-Enbergs, der 2018 an der dänischen Universität Odense Spionage-Geschichte lehrt, hat das Lexikon korrigieren lassen. „Sie hatte Kontakte zur Stasi, ob wissentlich oder nicht, und sie war – zumindest vorübergehend – Begünstigte der Stasi.“ (dpa, SZ 25.10.18)

2169: Die Abschaffung des Solis würde nur den Reichen etwas bringen.

Donnerstag, Oktober 25th, 2018

Die Abschaffung des Solidaritätszuschlags würde nur den Beserverdienenden etwas bringen. Einfach weil die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur ganze 1,7 Prozent zum Soli-Aufkommen beiträgt, wie Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ausgerechnet hat. Die Ergänzungsabgabe wurde 1991 eingeführt. Für fünf Jahre. Wir haben sie heute noch. Seit 1995 finanziert der Soli nicht mehr die Einheit, sondern fließt in den Bundeshaushalt.

Erforderlich ist der Soli heute noch, weil die Wohlhabenden anderswo enorm entlastet worden sind:

– die Vermögenssteuer wurde gestrichen,

– die Erbschaftssteuer stark verwässert,

– der Spitzensteuersatz sank von 53 auf 42 Prozent,

– dafür zahlen die Durchschnittsverdiener jetzt 19 statt 16 Prozent Mehrwertsteuer.

Ein Familienvater mit zwei Kindern zahlt den Soli erst, wenn er mehr als 52.000 Euro im Jahr verdient. Die durchschnittlichen Angestellten werden nicht von der Einkommenssteuer belastet, nach der der Soli berechnet wird, sondern von den Sozialabgaben, die in voller Höhe anfallen, sobald man mehr als 850 Euro im Monat verdient.

Der erste Schritt der Soli-Abschaffung mit zehn Milliarden Euro soll 2021 erfolgen, wenn diese Regierung nicht mehr im Amt ist. Dann darf die nächste Regierung zusehen, wie sie das Zehn-Milliarden-Loch stopft, das fortan jedes Jahr auftaucht. Die SPD ist stolz auf sich, weil sie verhindert hat, dass der Soli ganz abgeschafft wird. Dafür treten nun massiv die Lobbyisten auf den Plan, um ihn ganz zu kippen. Die 28 DAX-Konzerne, die keine Banken sind, haben 2017 einen Gewinn von 133 Milliarden Euro vor Steuern und Zinsen gemacht. Die Körperschaftssteuern aller deutschen Kapitalgesellschaften beliefen sich nur auf 27 Milliarden.

„Die Sozialdemokraten haben in der Finanzpolitik als einziges Ziel, dass die Besserverdienenden nicht 20 Milliarden Euro geschenkt bekommen, sondern ’nur‘ 10 Milliarden. Kein Wunder, dass die meisten Wähler die SPD für überflüssig halten.“ (Ulrike Herrmann, taz 19.10.18)

2168: Günter Rohrbach 90

Mittwoch, Oktober 24th, 2018

Marvon Chomskys „Holocaust“ hat er ins deutsche Fernsehen gebracht. Vorher schon Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ und Rainer Werner Fassbinders „Acht Stunden sind kein Tag“. Er war vermutlich die entscheidende Figur bei der Entwicklung von Film und Fernsehen in Deutschland nach 1945. Als Programmdirektor des WDR und als Fernsehspiel-Chef der ARD. Er ist heute noch drahtig, neugierig und begeisterungsfähig: Günter Rohrbach wird 90.

Regisseure wie Klaus Lemke, Wim Wenders, Edgar Reitz, Margarete von Trotta und Volker Schlöndorff verdanken ihm sehr viel. Er verschaffte ihnen Freiräume. Wolfgang Petersen ermöglichte er das Schwulendrama „Die Konsequenz“. Günter Rohrbach war mutig und in der Lage, sich auf die Bürokratie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einzulassen.

Studiert hatte Günter Rohrbach Germanistik, Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften in Bonn, München und Paris, fand das Studium seinerzeit aber schon ziemlich verstaubt. Rohrbach war unternehmungslustig und fand dabei immer wieder Mitstreiter. 1979 übernahm er die Geschäftsführung der Bavaria Studios in München. Helmut Dietl drehte mit ihm „Schtonk“, Dominik Graf „Die Katze“ und Wolfgang Petersen „Das Boot“. Über diesen so hochgelobten Film konnte man streiten. War er nicht auch eine Beschönigung des U-Boot-Kriegs und seiner Protagonisten. Hier liegt ein Hauptproblem von Rohrbachs Lebensthema, der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Prägend war Rohrbach bei den „amphibischen Filmen“, die sowohl im Kino als auch im Fernsehen mit Erfolg gezeigt werden können.

2167: 37.000 Berliner ohne Wohnung

Dienstag, Oktober 23rd, 2018

Nach Zahlen des Berliner Senats haben 37.000 Berliner keine Wohnung. Sie wohnen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften. Hinzu kommen 13.000 Menschen, die bei Freunden oder Verwandten wohnen. Experten befürchten wegen steigender Mieten, dass die Zahlen in den nächsten Jahren drastisch wachsen.

Caritas-Chefin Ulrike Kostka über die Wohnungslosen: „Sie werden zum Beispiel zwangsgeräumt, sie finden keine Wohnung und sind sogar in Notübernachtungen untergebracht. … Wir erleben auch immer mehr, dass es Familien schwerfällt, Wohnungen zu finden, die eigentlich einen ausreichenden Verdienst haben. … Ich bin eindeutig dafür, dass Familien und auch ältere Menschen nicht zwangsgeräumt werden dürfen.“ (epd, SZ 23.10.18)

2166: Demoskopen – Stimmungsmacher ?

Montag, Oktober 22nd, 2018

Unbeliebt sind die Demoskopen, die uns die Wahlumfragen und Sonntagsfragen präsentieren, bei den Parteien, denen sie keine guten Zahlen liefern. Von daher kommen Zweifel an der Demoskopie auf. Das macht gleich klar, dass es bei unserem Thema nicht nur um Objektivität und Falschmeldungen geht, sondern dass Interessen die Wahrnehmung der Demoskopie beeinflussen. Wie bei anderen Themen auch.

Ein paar Gegebenheiten gibt es tatsächlich, welche die Arbeit der Demoskopen erschweren:

1. hat die Bindung an Parteien nachgelassen.

2. ist die Zahl der Unentschlossenen und der bekennenden Nicht-Wähler gestiegen.

3. wirken demoskopische Zahlen durchaus auf die Stimmung der Wähler ein. So rechnen Demoskopen mit dem „Band-Waggon-Effect“, der Tatsache, dass Wähler dazu neigen, sich der vermeintlichen Mehrheit anzuschließen.

4. treffen immer mehr Wähler ihre Entscheidung erst in letzter Minute („Last-Minute-Swing“), so dass Einflussnahmen bis kurz vor der Wahl aussichtsreicher erscheinen.

5. können Wähler durch demoskopische Zahlen sowohl motiviert („jetzt erst recht“) als auch demotiviert („Wir haben schon gewonnen“) werden.

6. sind verschiedene Wählergruppen bei Telefonumfragen unterschiedlich erreichbar, ältere Menschen beispielsweise besser als jüngere, so dass die Demoskopen sich zu „Gewichtungen“ veranlasst sehen. Alte werden runtergewichtet, Junge hochgewichtet. Die Formel dafür verraten die demoskopischen Institute nicht.

7. die wichtigste Einstellung bei der Bewertung von demoskopischen Zahlen ist die Erkenntnis, dass es sich bei ihnen nicht um Prognosen, sondern um Momentaufnahmen handelt.

Im europäischen Ausland stärker als in Deutschland hatten es sich demoskopische Institute zur Gewohnheit gemacht, in den letzten vierzehn Tagen vor der Wahl keine Zahlen mehr zu veröffentlichen. Bei der ARD und infratest dimap ist das heute noch so. Beim ZDF und der Forschungsgruppe Wahlen seit 2013 nicht mehr. Begründung: Wähler entscheiden sich immer später. Sie sollten das nicht auf der Grundlage veralteter Umfragewerte tun.

Bei einem nüchternen Blick auf die von der Demoskopie gelieferten Zahlen stellen wir fest, dass sie bei fast allen Wahlen in der Bundesrepublik seit 1949 innerhalb einer Fehlertoleranz von zwei bis drei Prozentpunkten gelegen haben.

 

2165: „Feine Sahne Fischfilet“ soll in Dessau auftreten.

Montag, Oktober 22nd, 2018

Das Bauhaus Dessau hat ein vom ZDF dort geplantes Konzert der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ abgesagt, nachdem rechte Gruppierungen im Internet zum Protest gegen den Auftritt der linken Musiker aufgerufen hatten. Man wolle kein Austragungsort politischer Agitation und Aggression werden. Dagegen hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) protestiert. „Es darf niemals der Eindruck entstehen, dass der Druck der rechtsextremistsichen Szene ausreicht, um ein Konzert zu verhindern.“ Grütters sagte, die Kunstfreiheit genieße in Deutschland hohen Verfassungsrang. Dieser Stellenwert sei die Lehre aus der deutschen Geschichte. „Verwerfungen wie die aktuelle zeigen, wie dringend nötig auch in der Pop-Musik-Welt ein ethischer Kompass ist.“

Das gilt übrigens auch dann, wenn einige von uns oder sogar viele die Musik und das Gebaren von „Feine Sahne Fischfilet“ nicht goutieren.

Die Band selbst hat mitgeteilt: „Es ist doch wohl klar, dass wir am 6.11. in Dessau spielen werden.“ (dpa, SZ 22.10.18)

2164: Thomas Kerstans Bildungskanon

Montag, Oktober 22nd, 2018

Wir kennen ihn aus der „Zeit“, Thomas Kerstans Bildungskanon. Und nicht ganz zu Unrecht moniert Dorion Weickmann (SZ 22.10.18) die vertane Chance, mehr Frauen hier erscheinen zu lassen. Allerdings ist auch das Gegenargument, dass die „stilprägenden, typischen, populären Werke der Vergangeheit vorwiegend von Männern stammen“, nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber Virginia Woolf darf nicht fehlen, wenn James Joyce zu den Top 100 gezählt wird. Hilary Mantels historische Erzählkunst kann mit Stefan Zweigs Biografistik mithalten. Und ob Chuck Berry wirklich bedeutender war als Ella Fitzgerald, das ist die Frage. Es fehlen Filme wie Stanley Kubricks „2001 – Odysee im Weltall“ oder Ridley Scotts „Blade Runner“. Und keine Spur von Baukunst, Tanz oder Mode. Immerhin gliedert der Autor seine Hitliste übersichtlich in

ästhetische, sprachliche, historische und mathematisch-naturwissenschaftliche Kategorien.

Tja!?

Thomas Kerstan: Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert. Hamburg (Edition Körber) 2018. 256 S., 20 Euro.

2163: Bayerische Grenzpolizei verfassungswidrig

Montag, Oktober 22nd, 2018

Ein von den Grünen in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten kommt zu dem Schluss, dass der Einsatz bayerischer Landespolizisten bei Grenzkontrollen zwischen Bayern und Österreich verfassungswidrig ist. „Der bayerische Grenzschutz verstößt nach seiner Konzeption im bayerischen Recht gegen das Grundgesetz“, schrieb die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt am Sonntag an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Die Zusammenarbeit der Bundespolizei mit diesem unter Verstoß gegen die Verfassung konstruierten bayerischen Grenzschutz müsse „eingestellt werden“ (SZ 22.10.18).