Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

2218: Was ist mit der kolonialen Raubkunst ?

Mittwoch, Dezember 12th, 2018

1. Bevor nicht interessierte Kreise den Bau eines Schlosses in Berlin (mit Humboldt-Forum) durchgesetzt hatten, ging lange Zeit fast niemand in ethnologische Museen.

2. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stellte sich gegen die Politik aller Vorgänger und befreundeten Regierungen und erklärte, alle koloniale Raubkunst sei unverzüglich zurückzugeben.

3. Für viele Staaten wie Nigeria und Äthiopien ist die Forderung nach der Rückgabe der Raubgüter konstitutiv.

4. Außereuropäische Kunst befindet sich in Berlin, Hamburg, Leipzig, Stuttgart, München, Dresden und Köln sowie in den ethnologischen Sammlungen von Universitäten.

5. Nur ein bis zwei Prozent davon werden je ausgestellt, schätzt die frühere Direktorin des Frankfurter Weltkulturen-Museums, Clémentine Deliss.

6. Nach Europa gekommen sind die Objekte etwa seit den 1880er Jahren. Ihre Systematisierung führte zur Etablierung der Ethnologie, die wiederum die Sammelwut ins Unendliche trieb.

7. Die meisten der hier in Rede stehenden Fälle sind eindeutig Raubkunst, die seit langem auch auf Auktionen feilgeboten wird.

8. Dass sich die Washingtoner Prinzipien für NS-Raubkunst von 1998 auch für koloniale Raubkunst anwenden lassen, wird seit kurzem diskutiert.

9. Afrikanische Museen in Ghana, Togo, Kenia, Sambia, Botswana und Lesotho sind geeignet, die geraubten Objekte auszustellen.

10. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der das Konzept des Humboldt-Forums mitentwickelte, widersprach Macron und verwies auf die angebliche deutsche Sonderrolle als späte Kolonialmacht, ohne die Vernichtungskriege gegen die Herero, Nama und Maji-Maji zu erwähnen. Die deutschen Sammlungen hätten allein der Aufklärung gedient (Kolja Reichert, FAS 9.12.18).

2217: Harald Schmidts Altersweisheit

Dienstag, Dezember 11th, 2018

Peter Kümmel und Lars Weisbrod haben den größten deutschen Entertainer, Harald Schmidt, interviewt (Die Zeit, 29.11.18):

Zeit: ‚Das Traumschiff‘ ist die einzige Sendung, bei der Sie im Fernsehen noch mitmachen. Allerdings verlassen Sie bei ‚Traumschiff‘-Dreharbeiten nie das Schiff. Warum nicht?

Schmidt: Es bringt nichts. Die meisten Länder sind zu voll. Ich habe mir irgendwann eingestanden: Es interessiert mich nicht, an Land zu gehen.

Zeit: Das klingt ein bisschen nach Albert Einstein, der im Zug saß und den Schaffner fragte: Hält Zürich auch an diesem Zug?

Schmidt: Einstein? In der ‚Zeit‘ können Sie mit solchen Bildungsanspielungen vielleicht noch kommen. Aber anderswo wird es eng. Im deutschen Fernsehen ginge das nicht mehr.

Zeit: Sie haben einmal gesagt, man könnte das Kreuzfahrtgewerbe in Richtung Sterbebegleitung ausbauen. Stichwort: schwimmendes Hospiz. Haben Sie sich selbst überlegt, aufs Schiff zu gehen und es nicht mehr zu verlassen?

Schmidt: Man weiß ja nicht vorher, ob es das letzte Mal ist. Es gibt viele, die sich auf dem Schiff bestens erholen – sie waren todkrank an Bord gegangen, und zum Abschied sagen sie: Nächstes Jahr bin ich wieder dabei. Aber es gibt auch die schwereren Fälle: Auf Kreuzfahrtschiffen trifft man lauter Leute, die der Arzt auf See geschickt hat, damit sie nicht seine Statistik belasten, wenn sie sterben.

Zeit: Schreiben Sie Tagebuch?

Schmidt: Beim Tagebuchschreiben muss man aufpassen, dass man sich nicht zu ernst nimmt, sonst fängt man an zu sloterdijken.

Zeit: Sie sind also kein Nachwelt-Künstler?

Schmidt: Was heißt Nachwelt-Künstler?

Zeit: Elias Canetti zum Beispiel. Er hat immer gesagt: Er will in hundert Jahren noch gelesen werden. Nur deshalb schrieb er.

Schmidt: Aber wer sagt Canetti jetzt, dass ihn heute keiner mehr liest? Ich lese ihn noch, weil Thomas Bernhard ihn gehasst hat. Und spätestens seit diesem ‚Buch gegen den Tod‘ ist es bei mir auch aus. Späte Ehe, junge Frau: Das ist ja das Tolle am Älterwerden: Viele Titanen bröseln einfach weg.

2216: Hannah Arendt über Sprache und Politik

Dienstag, Dezember 11th, 2018

Die Schriftstellerin Thea Dorn, 48, die ein belebendes Element im „Literarischen Quartett“ (ZDF) darstellt, macht uns auf folgendes aufmerksam: Schon vor sechzig Jahren hat die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt uns darauf hingewiesen, dass die Übertragung des formelgebundenen naturwissenschaftlichen Denkens auf die Sphäre der menschlichen Belange zum Verlust der Sprache und damit zum Verlust des Politischen führt. „Taten, die nicht von Reden begleitet sind, werden ‚unverständlich‘, und ihr Zweck ist gemeinhin, (…) durch die Schaffung vollendeter Tatsachen alle Möglichkeiten einer Verständigung zu sabotieren.“ (SZ 7.12.18)

2215: Das Versagen der Bundesländer in der Bildungspolitik

Donnerstag, Dezember 6th, 2018

Die 16 Bundesländer haben sich gegen eine Grundgesetzänderung für den Digitalpakt ausgesprochen. Das ist für die SPD besonders schmerzlich, nachdem führende Sozialdemokraten den Digitalpakt schon als ihren Erfolg gefeiert hatten. Im Bundesrat wird die Grundgesetzänderung also von CDU, CSU, SPD, Grünen und Linken abgelehnt. Dazu hat Heribert Prantl schon gestern (5.11.18) in der SZ geschrieben:

„Es ist bezeichnend, dass über den Föderalismus nur noch dann geredet wird, wenn es ums Geld geht. Dann wachen die Länder auf, dann fällt ihnen ein, dass die Schule und die Bildung ihre Sache ist, um die sie sich kümmern wollen und sollen. Dann raunen sie mit Ehrfurcht und mit Stolz in der Stimme vom Bildungsföderalismus und von der ureigenen Sache der Länder. Sie sollten sich genieren. Die Länder haben die Bildung verkommen lassen, die deutsche Bildungslandschaft ist keine Landschaft, sondern nur noch ein einziger Verhau.

Bildung und Schule sind, so steht es im Grundgesetz, Ländersache. Die Länder pochen auf ihr Recht, aber aus dieser Pocherei besteht der Großteil ihrer Tätigkeit. Für große inhaltliche Debatten reicht die Kraft nicht mehr, für die Harmonisierung der 16 Bildungspolitiken der 16 Bundesländer auch nicht. Aus der ureigenen Sache ist ein ureigenes Chaos geworden: Tausende Lehrpläne und Lernkonzepte unterschiedlichster Art, Tausende Fußangeln, Tausende Inkompatibilitäten. Die Fußnoten sind in diesem Bildungssystem wichtiger als die Noten.

Der Umzug mit schulpflichtigen Kindern von Bremen nach Stuttgart ist ein hochriskantes Abenteuer. Die Anforderungen an den Gymnasien weichen so voneinander ab, dass Jugendliche besser in Köln bleiben, wenn die Eltern beruflich nach München wchseln. Und ein Juniorprofessor wechselt lieber von Berlin nach Bologna als nach Potsdam; das ist einfacher. Der real existierende Bildungsföderalismus in Deutschland ist ein fortgesetzter Missbrauch des Föderalismus. Er ist verkommen – er ist eine Qual für Lehrer, Eltern und Schüler. Der Föderalismus sollte praktzierte Bürgernähe sein, er soll das Leben leichter, nicht schwerer machen.

Im Bereich von Schule und Bildung ist er praktizierter Sadismus. Es ist bitter, dass man das als Anhänger des Föderalismus konstatieren muss: An diesem real existierenden Bildungsföderalismus ist nicht mehr sehr viel verteidigenswert.

Die Länder wollen nun den Digitalpakt mit dem Bund scheitern lassen, weil sie die Gefahr sehen, dass der Bund mit seinem Geld zu viel in die Bildungspolitik hineinredet. Dabei wäre es schon einmal gut, wenn überhaupt miteinander geredet und nicht nebeneinadner herumgewurstelt würde. Also: Wie soll denn eine Digitalstrategie an den Schulen ausschauen? Sie kann ja nicht schon darin bestehen, dass man in einen einzigen Satz möglichst oft das Wort ‚digital‘ hineinpackt. Und es ist auch noch keine Strategie, ein paar Hunderttausend Tablets mit Bundes- und Landesmitteln zu kaufen und dann in gewaltigen Paketen in den Lehrerzimmern abzuwerfen.

Es geht im Kern um die ganz große Frage: Wie lernen Kinder künftig? Und welche Rolle spielen in diesem Lernen Kunst, Literatur und Musik? Darüber sollten die Ministerpräsidenten streiten, darüber sollte die Kultusministerkonferenz verhandeln. Diese KMK ist ein Bürokratiemoloch; sie sollte aber ein kluges Steuerungselement des Föderalismus sein.

Von beruflicher Mobilität ist unendlich viel die Rede. Der Bildungsföderalismus steht ihr im Weg. Der real existierende Bildungsföderalismus ist ein törichter und enger Föderalismus. In seiner jetzigen Form ist er antiquiert. Das Lamento der Bildungsföderalisten über den Digitalpakt ist ein Lamento über ihre eigenen Defizite.“

2214: Die Islamverbände führen einen Kampf gegen den liberalen Islam.

Dienstag, Dezember 4th, 2018

Ahmad Mansour, 42, stammt aus Israel. Er ist Psychologe und Experte für Islamismus. Er gehört zu einer neuen Islam-Initiative. Dazu hat ihn Jochen Bittner für die „Zeit“ (22.11.18) befragt. Ich bringe hier Auszüge aus seinen Antworten.

„Wir wollen der Heterogenität der Muslime hierzulande Ausdruck geben, also Alternativen schaffen zum konservativen und politischen Islam. Wir zeigen, dass es in Deutschland Muslime gibt, die ihre Relgion säkular und im Einklang mit Demokratie und Menschenrechten verstehen.“

„Ich kenne keinen islamischen Verband in Deutschland, der Kritik am Islam übt. Oder am Patriarchat. Oder am Antisemitismus.“

„Kritische Muslime wie Mouhannad Korchide oder Seyran Ates werden ständig diffamiert. Und der Islam, der heute Europas Jugendkultur prägt, ist definitiv nicht liberal.“

„Ich glaube, der Bundesregierung ist immer noch nicht klar, was Integration sein soll. In Gesprächen mit Staatssekretären hatte ich oft den Eindruck, Integration ist für sie Arbeit minus Kriminalität plus Sprache. Das reicht nicht. Wo bleiben die Werte unserer Gesellschaft? Viele Migranten entwickeln Ängste, wenn sie sich mit dem Pluralismus in Deutschland konfontiert sehen. Diese Ängste müssen angesprochen werden. Sonst entsteht eine Distanz, die bis hin zur Abwertung der Mehrheitsgesellschaft führen kann.“

„Wir sind eine vielfältige Gesellschaft, und das ist gut so. Aber nicht jede Kritik an religiösen Symbolen stellt die Religionsfreiheit infrage. Ich wünsche mir Neutralität für Vertreter des Staates, also keine Kopftücher, keine Kreuze, keine Kippas für Lehrer.“

2213: Nord Stream 2 schadet der Ukraine.

Dienstag, Dezember 4th, 2018

Vom russischen Präsidenten Wladimir Putin ist bekannt, dass er sich nicht besonders ums Völkerrecht schert. Das sehen wir

– auf der Krim,

– im Donbass und

– im Asowschen Meer.

An guten Wirtschaftsbeziehungen zur EU ist er sehr interessiert. So wurde schon vor längerem das Projekt Nord Stream 2 gestartet. Hunderte Kilometer Röhren sind bereits verlegt, wesentliche Genehmigungen sind erteilt und der Versuch, die EU-Kommission einzuschalten, ist am Widerspruch Deutschlands gescheitert. Da gibt es nicht mehr viel zu stoppen. Falls US-Investoren ausscheren sollten, würde Putin sich bemühen, die Finanzierung alleine zu stemmen.

Nord Stream 2 schadet massiv der Ukraine, weil ihr Röhrennetz überflüssig wird. Mit dem Gas-Transit verliert die Ukraine eine ihrer wenigen Rückversicherungen gegen ein expansives und aggressives Russland. Hat die deutsche Politik das nicht gewusst? „Für Putin kommt es nur darauf an, dass die Pipeline fertig gebaut wird. Der Rest ist Geschwätz.“ (Daniel Brössler, SZ 4.12.18).

2212: Psychologie – in der Krise ?

Montag, Dezember 3rd, 2018

1. In den letzten Jahren häufen sich in der Psychologie Studienergebnisse, die nicht zu stimmen scheinen. Das untersucht Sebastian Hermann in der SZ (1./2.12.18).

2. Gemessen werden viele Male Artefakte.

3. Deswegen sprechen viele Forscher von der Krise der Disziplin.

4. Es ist eine Replikationskrise, weil es häufig nicht gelingt, Studienergebnisse bei Wiederholungen zu bestätigen.

5. Die Lage kann man so sehen, dass dadurch Verbesserungen möglich werden. Oder so, dass damit ein Niedergang beschrieben wird.

6. 2011 schien der Psychologe Daryl Bem  Nachweise für eine Präkognition gefunden zu haben, also eine Art Hellseherei.

7. Es sollte keine Replikation nötig sein, um Hellseherei als Unfug zu erkennen.

8. Neue, überraschende und antiintuitive Ergebnisse lassen sich leichter publizieren als andere.

9. Dabei gilt dann immer die Regel: Der Erste wird gehört, der Zweite ignoriert.

10. Bei Replikationen, welche die ersten Ergebnisse nicht bestätigen, weigern sich Fachjournale häufig, sie zu drucken.

11. Ob das repräsentativ ist für die ganze Psychologie, weiß niemand genau. Aber wir sind misstrauisch geworden gegenüber unserer eigenen Forschungsliteratur.

12. Beim Priming steht die Idee, dass etwa schon Gedanken ans Altern uns langsamer gehen lassen.

13. Wissenschaftliche Qualität besteht nicht darin, was herauskommt, sondern darin, wie etwas untersucht wird.

Fazit: Es besteht eine Krise der Psychologie. Aber viele Psychologen wollen das nicht wahrhaben. Wie sieht es eigentlich in der Pädagogik aus?

2211: Russlands Außenbeziehungen

Donnerstag, November 29th, 2018

Russlands Außenbeziehungen werden im wesentlichen gekennzeichnet durch folgende Gegebenheiten:

1. die völkerrechtswidrige Annektion der Krim,

2. den Abschuss einer niederländischen Verkehrsmaschine mit fast 300 Passagieren,

3. staatlich angeordnetes flächendeckendes Doping,

4. Wahl-Hacking insbesondere in den USA,

5. neue russische Mittelstreckenraketen (Jörg Lau/Matthias Naß, Die Zeit 15.11.18),

6. Mordversuche an Ex-Agenten in Großbritannien.

Bei solch einem Partner müssen wir auf alles gefasst sein.

2208: Kosmopoliten – angesehene und verachtete Grünen-Wähler

Dienstag, November 27th, 2018

Adam Soboczynski beschäftigt sich in der „Zeit“ (15.11.18) mit Weltbürgern (Kosmopoliten). Ich gebe das in meiner Struktur hier wieder.

1. Die Wahlerfolge der Rechtspopulisten können zum Teil erklärt werden als Reaktion auf die neue, an der Globalisierung partizipierende, urbane, akademische Mittelschicht (weltoffen und poyglott).

2. Sigmar Gabriel sagte der SPD: „Wer die Arbeiter des Rust Belt verliert, dem werden die Hipster in Kalifornien auch nicht mehr helfen.“

3. Der real existierende Sozialismus sah in „bürgerlichen Kosmopoliten“ Menschen, die zynisch alle moralischen Bindungen und Verpflichtungen gegenüber der Nation aufgekündigt hätten, für „Verschacherung“ und den „Verrat“ des Volkes stünden.

4. Stalin meinte im offiziellen kommunistischen Antisemitismus mit „wurzellosen Kosmopoliten“ in erster Linie Juden (Wallstreet, Hollywood usw.). Heute steht dafür George Soros.

5. Der Soziologe Stefan Reckwitz schreibt in seiner gesellschaftlichen Stukturanalyse von der neuen Mittelschicht: „Man wohnt vorzugsweise in den urbanen Vierteln westlicher Großstädte, wo es gesundes Essen, Geschlechtervielfalt, Migranten, georgische Chatschapuri-Restaurants, gute, vor allem besondere Schulen, niedrige Feinstaubwerte, Tempo 30-Zonen und so weiter gibt.“

6. Die Grünen sprechen dieses Milieu erfolgreich an. Dessen Selbstwidersprüche, auch in moralischer Hinsicht, sind Gegenstand des Feuilletons.

7. Ihm steht gegenüber die alte Mittelschicht, die zwar durchaus nicht verarmt ist, aber regelmäßig keine Universität besucht hat, eher in Kleinstädten lebt, keine Fremdsprachen spricht und die Region meistens nicht verlässt.

8. Es gibt noch das Milieu der verqualmten Eckkneipen mit Herrengedecken, Häkeldeckchen und schweren Soßengerichten.

9. Gegenüber der demonstrativen Weltoffenheit vor allem in Großraumbüros wirkt die traditionelle, würdevolle, bürgerliche Gesetztheit meistens lächerlich.

10. Weltbürger und Provinzler prallen in Deutschland besonders in Ostdeutschland aufeinander.

 

2207: Merz vergaloppiert sich beim Asylrecht.

Sonntag, November 25th, 2018

Durch die Aufstellung von drei Kandidaten für den Parteivorsitz ist die CDU in Bewegung geraten. Es wird endlich diskutiert. Auf den acht Regionalkonferenzen sogar mit der Basis. Das sollte die CDU beibehalten. Es tut ihr nämlich gut. Was dabei auch herauskommen kann, ist, dass ein Kandidat seine Schwächen offenbart. Das ist für das Wahlvolk ebenfalls nicht schlecht, so kann es besser unterscheiden.

Friedrich Merz hat sich eine Blöße gegeben. Beim Asylrecht. Das stellte er in Frage und meinte, das müsse sein, wenn eine einheitliche EU-Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik gewollt werde. Damit hat er den entschiedenen Protest von drei journalistischen Experten auf den Plan gerufen: Wolfgang Janisch in der SZ vom 23. November, Thomas Gutschker in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 25. November und Heribert Prantl in der SZ vom 23. November.

Janisch zeigt, dass das deutsche Asylrecht einer europäischen Lösung nicht im Wege steht. Es ist weltweit nicht einzigartig und es bietet auch nicht mehr als die europäischen Regeln. Prantl, der bisweilen zur Sentimentaltät neigt, spricht davon, dass mit Merz‘ Forderung die Mahnung der Mütter und Väter des Grundgesetzes verraten und die Lehren aus der Nazi-Zeit gestrichen wären. Und Gutschker schreibt: „Merz hat sich blamiert. Und er zeigte seiner Partei seine Achillesferse. Es ist seine lange Abwesenheit von der Politik, er ist einfach nicht mehr im Film. Es mangelt ihm außerdem an Gespür für Fettnäpfchen und Empfindlichkeiten. Würde ein Vorsitzender Merz die Union in die nächste zerstörerische Debatte reiten?“

Annegret Kramp-Karrenbauer, die Rivalin von Merz, sagt im Interview mit Livia Gerster und Thomas Gutschker (FAS 25.11.18) zum Thema:

„Alles, was wir diskutieren, muss wirken. Wir haben bis Ende Oktober dieses Jahres rund 2.400 über das Grundgesetz anerkannte Asylbewerber und rund 61.000, die über die Genfer Flüchtlingskonvention oder europäisches Recht hier bleiben. Und auch bei einer Änderung des Grundgesetzes bleiben würden. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was wirklich relevant ist.“

Die CDU hat mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine kluge und als Ministerin und Ministerpräsidentin sehr erfahrene Kandidatin, die sich als Bundeskanzlerin eignet. Die Partei sollte sie deshalb auch zur Parteivorsitzenden wählen. Da schadet es auch nichts, dass sie die Ehe für alle nicht mag.