Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

2409: Anti-ökologische Hysterie

Samstag, Juni 1st, 2019

1. Alice Weidel (AfD) hat nicht nur Parteispenden erhalten, sie agitiert auch selbst: „Man kann nicht über die Herrschaft der Hypermoral sprechen, ohne sich mit dem dominanten Einfluss grüner Ideologie auf den politischen Diskurs der Bundesrepublik zu beschäftigen.“

Exkurs zu Ideologie (W.S.):

Ideologie ist eine falsche Auffassung, die sozial nicht neutral ist, sondern den stärkeren Gesellschaftsteilen nützt (vgl. Werner Hofmann: Grundelemente der Wirtschaftsgesellschaft. Ein Leitfaden für Lehrende. Reinbek bei Hamburg 1969, 186 S.).

2. Wirtschaftsliberale, die sich auf die Freiheit beziehen, meinen damit die Freiheit von Steuern, Abgaben, Vorschriften, sie meinen Selbstbestimmung, die Freiheit von Brüssel und ökologischen Restriktionen.

3. Wirtschaftsliberale sehen in der Umweltpolitik eine neue Hauptfeindin der Freiheit. In Form von Diesel-Fahrverboten, Düngeverordnungen, CO 2-Abgaben.

4. Der Rotary-Club ist an sich ein harmloser und belangloser Klub von alten Männern. In seinem Magazin heißt es im Mai: „Der Klimawandel ist die größte Erzählung des Westens unserer Tage.“ Dann bemühen sich die Autoren um die Dekonstruktion „grüner Narrative“. Deutsche Journalisten betrieben überwiegend „grünes Agenda Setting“.

5. Unter den Journalisten sind es vor allem der national-liberale Roland Tichy, der Chefredakteur der „Welt“, Ulf Poschardt, der am besten über Porsche schreibt, und der neoliberale Zampano Rainer Hank („Frankfurter Allgemeine Zeitung“), die gerne ökologischen mit religiösem Fanatismus gleichsetzen.

6. Der ehemalige Bundesminister Hans-Peter Friedrich (CSU) schreibt: „Der Vernichtungsfeldzug der Ideologen frustriert vor allem viele junge Landwirte.“

7. Der „vergrünte“ Staat bildet den Rahmen (Framing) für den Diskurs, was angesichts von 6,5 Milliarden Agrarsubventionen jährlich bemerkenswert ist.

8. Viele Unternehmen sind weiter als die Ideologen und bereits im Verbund mit Wirtschaftsverbänden, Nichtregierungsorganisationen und Hochschulen zu Hauptakteuren des Umweltschutzes geworden (Jan Grossarth, SZ 31.5.19).

2407: Macrons Misserfolg

Donnerstag, Mai 30th, 2019

Der französische Präsident Emmanuel Macron (En Marche) hat sein Amt fast wie aus dem Nichts heraus errungen. Er beeindruckte dann mit feinen liberalen Sentenzen zu Europa, konnte sich aber in Frankreich nicht voll durchsetzen. Dort regieren die Besitzstandswahrer nicht nur in den Gewerkschaften. Das zentrale französische Problem ist

die fehlende Arbeitsproduktivität.

Nun hat Macron bei den Europawahlen auch noch gegen die nationalistische Marine le Pen (Rassemblement Nationale) verloren. Und prompt holt er ein neues Projekt aus der Tasche: die Verhinderung von Manfred Weber (CSU) als EU-Kommissionspräsident. Das ist abzulehnen. Zwar sind Michel Barnier (Frankreich) und Margrethe Vestager (Dänemark) sehr respektable Kandidaten, aber die Europäische Volkspartei (darunter CDU und CSU) hat trotz ihrer Verluste die Europawahl klar gewonnen. Ich traue es dem Präsidenten des Europäischen Rats, dem liberal-konservativen Polen

Donald Tusk,

zu, bald einen Personalvorschlag für die europäischen Spitzenposten zu machen, in dem

Manfred Weber

als Kandidat für den EU-Kommissionspräsidenten auftaucht.

 

2405: Video mit Nancy Pelosi gefälscht

Dienstag, Mai 28th, 2019

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, wie wichtig die Machtauseinandersetzungen an der Spitze der US-Politik für die Welt sind. Für uns alle. In knapp zwei Jahren sind wieder Präsidentschaftswahlen. Nun ist ein Video mit der demokratischen Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, aufgetaucht. Darauf erscheint Pelosi betrunken. Das ist aber nicht wahr, sondern eine perfide Fälschung, indem die Urheber das Video etwas langsamer laufen lassen. Das Video wurde millionenfach angeschaut und 50.000 Mal geteilt. U.a. von Donald Trumps Berater Rudy Giuliani auf Twitter.

Facebook weigert sich, die Fälschung zu löschen. Es gebe keine Richtlinie, die vorschreibe, dass User nur wahre Informationen auf Facebook teilen dürften.

Das ist das übliche unverantwortliche Verhalten der großen Netze (Simon Hurtz, SZ 28.5.19).

In den sozialen Medien dominieren Fake-News, Hass-Kampagnen und offene Lügen das Informationsgeschäft. Die gezielte Desinformation führt zu Verheerungen der politischen Kommunikation. Das kann uns gefälschte Wahlergebnisse und schlechte US-Präsidenten bringen.

Wo zahlte Facebook eigentlich Steuern?

2404: Eva Menasse gibt die bürgerliche Öffentlichkeit verloren.

Dienstag, Mai 28th, 2019

In ihrer Dankesrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises hat Eva Menasse die bürgerliche Öffentlichkeit verabschiedet. „Die Digitalisierung, die wunderbare Effekte auf viele Lebensbereiche hat, hat auf ihrem Urgrund,

der menschlichen Kommunikation,

eine alles zerstörende Explosion verursacht.“ Ludwig Börne habe ihr stets viel bedeutet, sie habe aus ihm Energie und Kraft gezogen. „Nun aber sind wir überlebt, er und Sie und ich.“ „Wen wollen wir denn heute noch erreichen, wenn wir in der Paulskirche sprechen, wenn wir in der ‚Zeit‘ oder in der ‚FAZ‘ schreiben?“ Oder in der SZ (fragt W.S.)?

Aber, liebe Freunde, dort haben wir doch noch nie alle erreicht. Allenfalls Meinungsführer (Opinion Leader). Und das war und ist auch sehr wichtig (W.S.)!

Eva Menasse beschreibt durchaus, worauf sie sich bezieht. Nämlich auf „das Beste, das in der zusammenwachsenden Welt zu bekommen war. ‚Tagesschau‘, ‚Bild‘-Zeitung, die Samstagabendshow und der ‚Tatort‘, dazu die Feuilletons und die Radios. Wir hatten etwas gemeinsam, zumindestens in diesem Land, zumindestens in diesem Sprachraum, wir wussten so ungefähr voneinander, und wie es uns ging.“ (Marie Schmidt, SZ 28.5.19)

Das ist treffend. Und es war gut so!

Aber es ist ja nicht ganz weg. Seien wir also nicht so mutlos! Wir haben ja noch die FAZ, die SZ, die „Welt“, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (einschließlich Deutschlandradio) mit seinen Nachrichten, Magazinen, Talks, Kommentaren usw. Einzelfälle aus dem privaten Rundfunk. Wir müssen sie nur nutzen. Ausreden gelten hier nicht. Wer sich der öffentlichen Kommunikation verweigert, darf sich nicht darüber beklagen, dass er nicht informiert ist.

2403: Unsere Ossis wählen gerne die AfD.

Dienstag, Mai 28th, 2019

1. Der grandiose Wahlsieg der Grünen in Deutschland bei der Europawahl (20,5 %) ist einmalig. Gleichzeitig geht die Siegerpartei nachdenklich und besonnen mit dem Ergebnis um.

2. Verlierer sind die Volksparteien (Union = CDU/CSU 28,9 %, SPD 15,8 %).

3. Die Union hat inzwischen ein AKK-Problem durch die vielen törichten Äußerungen der Vorsitzenden.

4. Trotz der vielfach guten Politik durch einige Minister befindet sich die SPD im Niedergang. Es fehlt ihr ein Markenkern. Sie leidet an Führungsschwäche und programmatischer Unschärfe. Häufig steht sie in Opposition zu sich selbst.

5. Bei der AfD (11,0 %) wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Aber in Sachsen und Brandenburg ist sie die stärkste Partei. 40 Jahre real-sozialistische Diktatur bleiben nicht in den Kleidern hängen. Dort sind im September Landtagswahlen.

6. Die Liberalen sind in Deutschland schwach (5,4 %). Auf europäischer Ebene erscheinen sie nur durch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron stärker.

7. Die Linke verbleibt mit 5,5 % in einer für sie angemessenen Größe.

8. Aus der Wahlarithmetik ergibt sich für mich schlüssig, dass Manfred Weber (CSU) als Spitzenkandidat der europäischen Volksparteien zum EU-Kommissionspräsidenten gewählt werden sollte.

2400: Katholische Täter bleiben ohne Strafe.

Donnerstag, Mai 23rd, 2019

Zehn Jahre nach Bekanntwerden der vielfachen sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Mitarbeiter der katholischen Kirche in Deutschland sind strafrechtliche Konsequenzen weitgehend ausgeblieben. Nur gegen eine Handvoll Verdächtiger werden derzeit bundesweit Ermittlungen geführt. Einer im September 2018 vorgestellten Studie zufolge waren in den vergangenen Jahrzehnten 3.677 Kinder und Jugendliche von 1670 Klerikern missbraucht worden.

Der Leiter der Studie, Harald Dreßing, streitet mit der Kirche darüber, wie konsequent die Aufklärung des Missbrauchs vorangetrieben wird. Dreßing kritisierte, er könne „bisher keine gemeinsame Strategie“ der Bischöfe bei der weiteren Erforschung der Gewalt und den Konsequenzen daraus erkennen. Die Aufarbeitung müsse „überregional erfolgen, nach einheitlichen Standards und unter Einbeziehung der Betroffenen“. Dabei müssten auch Verantwortliche benannt werden, die „in Amt und Würden sind“. Bischofskonferenz-Sprecher Matthias Kopp wies die Vorwürfe zurück. Man habe einen Maßnahmekatalog beschlossen, der „kontinuierlich bearbeitet“ werde (SZ 22.5.19).

2399: Kunstrasen umweltschädlich ?

Dienstag, Mai 21st, 2019

Laut einer Studie des Fraunhofer Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) steht das Kunststoffgranulat, das bei Kunstrasen zum Schutz der Spieler zwischen den Halmen verfüllt ist, im Verdacht, die Umwelt stark zu belasten. 11.000 Tonnen des Gummigranulats, das aussieht wie körniger Instantkaffee, sollen der Studie zufolge pro Jahr von deutschen Kunstrasenplätzen in die Umwelt gelangen, deutlich mehr als etwa durch Kosmetika oder Wasch- und Reinigungsmittel. Als Mikroplastik gelten kleinste Kunststoffteilchen, die über Wind, Regen oder auf anderen Wegen in die Umwelt gelangen. Dort werden die Partikel unter Umständen von Fischen und anderen Lebewesen aufgenommen. Im vergangenen Jahr haben Forscher der Universität Wien zum ersten Mal Mikroplastik im Menschen nachgewiesen. Über die Auswirkungen auf den menschlichen Organismus ist bislang wenig bekannt (Louis Gross, SZ 6.5.19).

2398: Wir brauchen keine neue Nationalhymne.

Montag, Mai 20th, 2019

Es gehört zum Geschäft demokratischer Politiker, sich beim Wähler beliebt zu machen und vor Wahlen ggf. einmal das Profil zu schärfen. So auch beim thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke), der auf diesem Gebiet besonders rührig ist. Am 27. Oktober 2019 sind dort Landtagswahlen. Nun hat Ramelow vorgeschlagen, dass Deutschland eine neue Nationalhymne bekommen solle. Hauptsächlich verweist er zur Begründung auf die geringe Akzeptanz der gegenwärtigen Hymne unter den Ostdeutschen. Ja, unsere Ossis, die sind manchmal schon das Problem. Sie kannten seit 1949 als Hymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen“ (Text: Johannes R. Becher, Musik: Hanns Eisler), von der von 1972 bis 1990 nur noch die Melodie gespielt wurde.

Ramelow schlägt als Alternative die wiederum von Hanns Eisler komponierte „Kinderhymne“ („Anmut sparet nicht noch Mühe“) vor, die Bertolt Brecht bewusst als Gegenentwurf zum „Lied der Deutschen“ gedichtet hatte. Deswegen handelt es sich dabei auch um einen sehr respektablen Text, der frei ist von Nationalismus und Großmacht-Ideologie. Dass ich dieses Lied durchaus schätze, sehen Sie daran, dass ich die „Kinderhymne“ am Ende meines letzten Buchs freundlich zitiere (W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 194).

Trotzdem bin ich gegen eine neue Nationalhymne. Gerade weil das „Lied der Deutschen“ inzwischen weithin akzeptiert ist und mittlerweile sogar gerne mitgesungen wird (etwa von Sportlern).

Das „Lied der Deutschen“ ist geradezu die Hymne der deutschen Einheit.

Die finde ich großartig. Heinrich Hoffmann von Fallersleben hatte das Lied 1841 auf Helgoland gedichtet. Gespielt wird es nach der Melodie von Josef Haydn. 1922 hatte Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) das Stück zur Nationalhymne gemacht. Sie wurde allerdings auch von den Nazis verwandt, häufig im Zusammenhang mit dem „Horst-Wessel-Lied“. Nach 1945, genauer 1952, war es Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), der in einem Briefwechsel mit Bundespräsident Theodor Heuß (FDP) die dritte Strophe zur Hymne machte. Diese dritte Strophe („Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“) wurde 1991 in einem Briefwechsel zwischen Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) und Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) offiziell zur „Nationalhymne“ gekürt.

Halten wir aus Tradition und Freude über die deutsche Einheit getrost daran fest.

2397: Sven Giegold, ein Grüner für Europa

Montag, Mai 20th, 2019

Er ist nicht der Typ „Schwiegermamas Liebling“ wie Robert Habeck. Kein Volkstribun und keine Rampensau. Sondern ein Ausbund an Zuverlässigkeit: Sven Giegold, 49, der seit zehn Jahren für die Grünen im Europaparlament sitzt. Er kam von Attac. Sie können ihn jederzeit nach der Beitragsbemessungsgrenze für die Körperschaftssteuer in der EU fragen. Gezielte Gefühlsäußerungen sind bei ihm selten. Der soziale Aufsteiger verknüpft in Brüssel in seiner Politik glaubhaft Ökologie mit dem Sozialen. Er wirbt für eine CO 2-Steuer, für Umverteilung in der Gesellschaft.

Giegold ist stark engagiert in der Antilobbyarbeit, bei der Kontrolle der FInanzmärkte und für die Bürgerrechte. Er hat sich für den Untersuchungsausschuss gegen den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claud Juncker eingesetzt wegen „Luxleaks“. Der Eröffnung von Steuerhinterziehung durch spezielle Gesetze. Sven Giegold verbindet beharrlich außerparlamentarische Arbeit mit seiner Tätigkeit im Parlament. Er wirkt ein bisschen steif, aber immer sachorientiert. Politik ist für ihn ein „liebloses“, aber notwendiges Geschäft.

Giegold kommt nicht wie viele andere Grüne vom Marxismus oder von der kritischen Theorie (Horkheimer, Adorno), sondern von dem US-Philosophen John Rawls und seiner „Theorie der Gerechtigkeit“. Seit er in Brüssel viel verdient, hat er festgestellt, dass Geld ihm nicht viel bedeutet. Er ist sparsam geblieben. Er sitzt im Präsidium des Evangelischen Kirchentags 2019. Bei Attac musste er sich mit Feministinnen und Marxisten einigen, in Brüssel mit Christdemokraten und Liberalen. Das kriegt er hin. Unauffällig, aber verlässlich (Stefan Reinecke, taz 8.5.19).

Sehr gut so!

2396: Notre Dame: Brandursache ungeklärt

Montag, Mai 20th, 2019

Gut einen Monat nach dem Brand von Notre Dame ist die Brandursache noch ganz ungeklärt.

Das darf natürlich so nicht bleiben, damit es keine Verschwörungstheorien gibt.

Für die Pariser Staatsanwaltschaft ist bisher ein Unfall die wahrscheinlichste Ursache. Wir wissen es nicht. Die Cafés und Souvenirläden in der Nähe der Kirche verzeichnen bedrohliche Umsatzrückgänge (Nadia Pantel, SZ 15.5.19).