Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1466: Hannah Arendt: Tatsachen und Meinungen

Dienstag, Februar 14th, 2017

Wenn sich im gegenwärtigen öffentlichen politischen Diskurs Lügen, gezielte Desinformationen, Fake-News und Verschwörungstheorien in den Vordergrund schieben, ist es um so wichtiger, sich einen handhabbaren Begriff von Tatsachen und Meinungen zu bewahren. Einen Vorschlag machte vor längerer Zeit Hannah Arendt:

„Tatsachen sind der Gegenstand von Meinungen, und Meinungen können sehr verschiedenen Interessen und Leidenschaften entstammen, weit voneinander abweichen und doch alle noch legitium sein, solange sie die Integrität der Sachverhalte, auf die sie sich beziehen, respektieren.“

1465: George Orwell: 1984

Montag, Februar 13th, 2017

George Orwells „1984“ (1949) hat Konjunktur. Seine bekanntesten Begriffe sind „Neusprech“, „Doppeldenk“, „Lügen wahr machen“, „Windigem den Anschein des Soliden verleihen“. Orwell schreibt: „Schließlich würde die Partei verkünden, zwei plus zwei ergeben fünf, und du müsstest es glauben. Ihre Philosophie verneint nicht nur die Beweiskraft der Erfahrung, sondern auch die Existenz einer objektiven Realität. Wirklich erschreckend aber war es nicht, dass sie dich wegen deines Unglaubens umbringen würden. Sondern: Was ist, wenn sie recht hätten? Woher wissen wir eigentlich, dass zwei und zwei gleich vier sind?“

Eine Kurzfassung des

Trumpismus

liefert O’Brien, der Chefinquisitor in „1984“: „Manchmal gilt zwei plus zwei gleich fünf. Manchmal drei. Manchmal alles auf einmal.“ (Josef Joffe, Die Zeit 2.2.17)

1464: Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika. 2004

Montag, Februar 13th, 2017

2004 brachte Philip Roth (geb. 1933), der große US-Autor, seinen Roman „Verschwörung gegen Amerika“ heraus. Dazu schreibt der französische Publizist Bernard-Henry Lévy (68) in der SZ (13.2.17), der sich am Tag der Amtseinführung von Donald Trump mit Roth in dessen New Yorker Wohnung getroffen hatte: „Dies war eine surreale Erfahrung, da der Schriftsteller in seinem Roman ‚Verschwörung gegen Amerika‘ aus dem Jahr 2004 genau den finsteren und gruseligen Albtraum beschreibt, den die Vereinigten Staaten gerade erleben.“

In dem Roman verbucht der US-Fliegerheld Charles Lindbergh, ein Nazi-Freund, Rassist und Antisemit, 1940 einen erdrutschartigen Sieg bei den US-Präsidentschaftswahlen gegen Franklin Delano Rossevelt. Lindbergh wird von Hitler mit einem Orden geehrt. Er schließt einen Nicht-Angriffs-Pakt mit Nazi-Deutschland, es kommt zu ersten antisemitischen Ausschreitungen. Unter dem amerikanischen Juden breiten sich Angst und Schrecken aus.

Große Literatur eben!

1463: Martin Fourcade kämpft gegen Doping.

Sonntag, Februar 12th, 2017

Martin Fourcade dominiert seit fünf Jahren die Biathlon-Szene international. Er ist ihr Star. 60 Weltcupsiege hat er, war Olympiasieger, Weltmeister und Weltcup-Gesamtsieger. Er hat es eigentlich also gar nicht nötig, neben der Loipe und dem Schießstand sich noch andere Lasten aufzubürden. Und trotzdem tut er es. Er ist der Frontmann der Anti-Doping-Bewegung. Und dies besonders seit dem McLaren-Report. Die Verbände unter Führung der Vertuscher Wladimir Putin und Thomas Bach hält Fourcade für zu nachlässig, für latente Unterstützer des Dopings. Anders kann man es wirklich nicht sehen.

Fourcade tritt ein für eine Verschärfung der Doping-Sanktionen. Die russischen Biathleten behandelt er u.a. bei Siegerehrungen entsprechend. So den den Athleten Loginow, der gerade eine Zwei-Jahres-Sperre wegen Epo-Dopings hintersich hat. Die Russen beschimpfen und verunglimpfen ihn auf Schärfste. Auch im Netz wird Fourcade beleidigt. Sein Konterfei erscheint dort häufig mit einer Schweineschnauze. Es scheint so, dass die russische und die internationale Doping-Szene zu allem entschlossen sind (Claus Dieterle, FAS 12.2.17).

Dagegen unterstützen wir Martin Fourcade.

1462: Akademische Lehre heute

Sonntag, Februar 12th, 2017

Mit der ihm eigenen Verve widmet sich Jürgen Kaube der gegenwärtigen Misere in der akademischen Lehre und ihren Folgen für das Wissen und die Kompetenz der Studierenden (FAZ 11.2.17). Sein Ausgangspunkt ist einmal der Stoßseufzer einer Kölner Schülerin darüber, dass sie nur „Gedichtanalyse“ gelernt habe und nicht den Umgang mit Mietverträgen. Zweitens der Dialog zweier Studentinnen der Düsseldorfer Heinrich Heine-Universität vor einem Porträt des Namensgebers. Die eine hält ihn für Schiller, die andere für einen Komponisten. Oder war es doch Goethe, „irgendso’n Toter“?

Es ist klar, dass dann, wenn 70 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, das durchschnittliche Leistungsvermögen nicht mehr so hoch ist wie zu Zeiten, als fünf Prozent Abitur gemacht haben. Und die OECD will noch mehr Abiturienten. Dabei kommt dann heraus, dass einige der Abiturienten nur noch Hilfsdienste verrichten können, keinesfalls aber studieren. Viele Studenten heute sehen es so, dass Studieren nur noch den Zweck hat, Prüfungen zu überstehen. „Hauptsache, Zertifikat“.

Kaube kommt auf die Ursachen zu sprechen. Sie liegen nicht bei den jungen Leuten. Sondern bei den bildungspolitisch Verantwortlichen, den Kultusministern, der OECD, nicht zuletzt bei den Eltern. „Zu Heine, Schiller, Goethe fällt in erster Linie ihnen nichts mehr ein.“ Die Kombattanten und Sympathisanten der Bologna-Reform (Bachelor, Master) waren in erster Linie die Erwachsenen, die sich selbst wohl auch keine Kenntnis von Heine, Schiller und Goethe mehr zusprachen. Außerdem hantierten sie mit einem Praxis-Begriff, der schlicht bedeutete: Festhalten an den alten, immer schon gemachten Fehlern. So jedenfalls kam keine Innovation auf den Weg.

„Die Kultur der Gegenwart bietet viel, der Nachweis hingegen, dass etwas verpasst, wer sich nicht mit den alten Büchern beschäftigt, unterbleibt.“

Mit den sich überschlagenden Reformen der Universität und den damit verbundenen Exzellenz-Initiativen (nicht nur in Deutschland) ging einher, dass die akademische Lehre vielfach noch unwichtiger wurde. Und dadurch schlechter. Mit ihr war und ist kein Blumentopf zu gewinnen. So sind ihre Ergebnisse dann auch.

Nur noch selten werden die Studenten für einen Gegenstand begeistert, über seine Wichtigkeit informiert. Hauptsächlich deswegen, weil die Lehrenden selbst davon nicht überzeugt sind. Kaube spießt seiner eigenen Kompetenz entsprechend Literaturtheorien auf, „Paradigmen“, die er „literaturtheoretische Geßlerhüte“ nennt, „vor denen die Studenten sich schon verneigen sollen, noch bevor sie lesen können, was da steht?“

„Literatur ist dort, wo sie bedeutend ist,

Wahrnehmung, Fantasie, Witz, Gefühlslehre, Spracherkundung und Verstandesschulung.

Sie gibt wie andere Kunst etwas zum Nachdenken, ohne dafür Begriffe zu benötigen. Wenn Studenten dafür der Sinn fehlt, ist das schade und ihre Studienwahl fragwürdig. Für Schulen und Hochschulen aber gibt es keinen Grund, den eigenen Anteil daran – am Desinteresse, wie am Studium nach Vorschrift – durch kulturpessimistische Redensarten zu verdecken.“

 

1461: Grundeinkommen spaltet Gesellschaft und verhindert Mobilität.

Mittwoch, Februar 8th, 2017

Unter Sozialpolitikern und Gesellschaftstheoretikern wird ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Zeit immer beliebter. Und wir verstehen warum: Bei Beträgen von

1000 bis 1200 Euro pro Monat

gibt es keine Sozialhilfe, kein Hartz IV mehr, voraussichtlich auch keine Rentenversicherung oder Arbeitslosenversicherung. Jeder kann selbst entscheiden, ob er erwerbstätig sein will oder lieber Freiwilligendienste oder gar nichts tun will. Das Grundeinkommen erscheint als eleganter Weg aus der Rationalisierungsfalle. Fallen Arbeitsplätze weg, sind die Betroffenen im Zweifel doch abgesichert, sie können zu Hause ihre Kinder betreuen oder Hobbys nachgehen.

Leider gibt es bisher keine nachvollziehbaren Modelle für die Finanzierung der bedingungslosen Grundsicherung.

Wie Einkommen oder Vermögen dafür besteuert werden sollen, ist gänzlich offen. Noch schwerwiegender ist, dass ein Grundeinkommen den Rändern der Gesellschaft nützt auf Kosten der Mitte. Die Reichen wird es voraussichtlich nicht mehr kosten als bisher und ihnen zugleich ihr soziales Gewissen erleichtern.

Es gibt drei wesentliche Gründe, die gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen sprechen:

1. wird das Gruneinkommen die Gesellschaft weiter spalten und soziale Mobilität verhindern. Jene, die auf Grund ihrer familiären Herkunft gute Aussichten auf eine interessante Beschäftigung und ein sicheres Einkommen haben, werden sich weiter in Schule und Studium engagieren. Jene aber aus der bereits bei der Bildung benachteiligten Hälfte der Gesellschaft aus Arbeiter- und Migrantenfamilien wird der Aufstieg noch schwerer gemacht.

2. lassen sich derzeit keine Modelle vorstellen, bei denen beim Grundeinkommen alle Teile der Gesellschaft gleichermaßen gewinnen. Von der Mitte der Gesellschaft wird an diejenigen umverteilt, die nicht oder im geringem Umfang erwerbstätig sind. Chancengleichheit wird nicht gefördert. Und es bleibt offen, warum das Grundeinkommen auch denjenigen gezahlt wird, die es gar nicht benötigen. Aus dem Grund haben die Schweizer beim Referendum im letzten Jahr (2016) das Grundeinkommen abgelehnt.

3. ist ein bedingungsloses Grundeinkommen das Gegenteil von dem, was eine

Einwanderungsgesellschaft

braucht. Es sind dort mehr Mechanismen der Integration nötig, nicht weniger. Menschen begegnen sich am Arbeitsplatz, lernen einander kennen, erfahren Wertschätzung und lernen die deutsche Sprache. In der Situation den Menschen einen Grund zu geben, aus dem Erwerbsleben auszusteigen, wäre ein fatales Signal (Anke Hassel, SZ 8.2.17).

1460: Timothy Snyder: Vergleich mit den dreißiger Jahren

Dienstag, Februar 7th, 2017

Der US-Historiker Timothy Snyder (47) ist mit seinen Büchern „Bloodlands“ (2010) und „Black Earth“ (2015) weltberühmt geworden. Sie wurden in 20 Sprachen übersetzt. Snyder ist Experte für den Holocaust und die Geschichte Ost- und Mitteleuropas. Er forscht und lehrt in Yale. Vor Donald Trump hat er sich nie zur aktuellen US-Politik geäußert. Matthias Kolb hat ihn für die SZ (7.2.17) interviewt.

SZ: Sie haben für das Online-Magazin „Slate“ einen Artikel geschrieben, der die politische Karriere von Donald Trump mit dem Aufstieg von Adolf Hitler vergleicht. Worauf wollen Sie damit hinaus?

Snyder: Ich habe in meinem Text keine Namen genannt, sondern kurz geschildert, wie Hitler an die Macht kam und viele Leser merkten: Das kommt mir bekannt vor. Es geht um einen Kandidaten, der die neuen Medien virtuos nutzt und dem Gefühle wichtiger sind als Fakten. Ich weiß, dass Hitler-Vergleiche in Deutschland tabu sind, deswegen ganz klar: ich wollte die beiden nicht gleichsetzen und nicht provozieren. …

Ich wollte meine Mitbürger daran erinnern, dass vor uns andere intelligente Menschen gescheitert sind. Wenn wir wissen, wieso die Deutschen in den Dreißigerjahren nicht verhindern konnten, dass eine Gesellschaft ihre Rechte verliert, können wir daraus Schlüsse ziehen.

SZ: Ist die Lage denn ähnlich?

Snyder: Nicht alles ist gleich. Die Lage der

US-Medien ist schlechter,

weil alles sehr konzentriert ist. In Deutschland gab es vor der Gleichschaltung eine viel größere Vielfalt unter den Zeitungen. Damals hatten die Leute längere Aufmerksamkeitsspannen. Im Vergleich zu Deutschland sind die USA ein riesiger Flächenstaat und es gibt zahlreiche Regionen mit erheblichem Wohlstand. Zudem ist die US-Volkswirtschaft stärker mit der Welt verbunden. Unser großer Vorteil ist aber, dass wir wissen, was in den Dreißigern passiert ist. Die Leute damals hatten kein warnendes Vorbild. …

1459: Louis Begley: Die Clintons haben uns Trump beschert.

Montag, Februar 6th, 2017

Der US-Schriftsteller Louis Begley (geb. 1933; „Lügen in Zeiten des Krieges 1994“) stellt seine eigenen Gedanken an, wie es zu Donald Trump kommen konnte (FAS 5.2.17):

„Sie und Bill Clinton haben uns Trump beschert, weil sie mit ihrer Macht in der demokratischen Partei verhindert haben, dass ein wirklich starker demokratischer Präsidentschaftskandidat auftrat; weil Hillary nicht fähig war, eine Botschaft zu vermitteln, die bei entscheidenden Wählergruppen ankam (jüngeren Frauen und weißen Amerikanern der Arbeiterklasse, und sie erreichte nur bedauerlich wenige Hispanics und Afroamerikaner); auch weil sie psychisch nicht bereit oder nicht in der Lage war, sich dem Skandal zu stellen, den sie mit ihrer E-Mail-Korrespondenz, die auch dienstliche Mitteilungen enthielt, hervorgerufen hatte oder mit den unverzeihlich hohen, Geldgier verratenden Honoraren für Vorträge, die sie zu einer Zeit einstrich, da sie schon genau wusste, dass sie für die Präsidentschaft kandidieren würde. Und schließlich mit ihrer Weigerung, den Text dieser Hochpreisreden zu veröffentlichen, die sie zum Beispiel bei Goldman Sachs gehalten hatte. Damit verlor sie ihre moralische Überlegenheit über Trump und lenkte von dessen dubiosen Machenschaften ab. …

.. über Donald Trump sind wir beschämt, weil wir in der langen Geschichte der Republik niemals einen dermaßen im Geist und Charakter beschränkten Präsidenten hatten, der von Philosophie, Kunst und Wissenschaft nichts versteht und nichts verstehen will und dem es so sehr an Freundlichkeit und Empathie fehlt.“

1457: Wandlitz kommt unter Denkmalschutz.

Samstag, Februar 4th, 2017

In der 1958 begründeten, 40 Kilometer von Berlin entfernten Siedlung Wandlitz wohnte bis zum Ende der DDR die Partei-und Staatsführung. Am Ende waren es 23 Familien. Das Leben dort hatte nichts mit dem realen Alltag der DDR-Bürger zu tun. Die privilegierten Mieter konnten unter anderem auf Hausangestellte zurückgreifen. In einer eigenen Kaufhalle waren West-Produkte im Angebot und Dinge, die im sozialistischen Handel kaum zu bekommen waren. In jedem Haus gab es eine Bad-Ausstattung aus dem Westen. Und Kino, Sauna, Schwimmbad und Restaurant standen den Bewohnern zur Verfügung.

Von Juni 2017 an soll die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt werden. Das teilte der brandenburgische Landeskonservator Thomas Drachenberg mit (dpa 3.2.17).

1456: Thea Dorn komplettiert „Literarisches Quartett“.

Freitag, Februar 3rd, 2017

Die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn („Die Unglückseligen“) komplettiert ab 3. März 2017 „Das Literarische Quartett“. Sie agiert dann neben Volker Weidermann, Christine Westermann und einem Gast (dpa 3.2.17).