Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2935: BVerfG: Berichterstattung über lange zurückliegende Tatsachen erlaubt

Sonntag, Juli 12th, 2020

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass Journalisten auch über lange zurückliegende Verfehlungen einer bekannten Persönlichkeit berichten dürfen. Ob ein „Recht auf Vergessen“ bestehe, hänge vom Einzelfall ab.

Ein Wirtschaftsmagazin hatte 2011 in einem Porträt des Vorstandsvorsitzenden eines börsennotierten Krankenhausunternehmens berichtet, dass der Firmenchef, ein früherer Spitzenkandidat der rechtskonservativen Schill-Partei, im Dezember 1983 wegen eines Täuschungsversuchs vom juristischen Staatsexamen ausgeschlossen wurde. Der fühlte sich an den Pranger gestellt und klagte auf sein Recht auf „Vergessenwerden“.

Das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass gerade öffentlich bekannte Personen eine unliebsame Berichterstattung hinnehmen müssten, sofern ein „hinreichendes Berichterstattungsinteresse“ bestehe. Dies müsse die Presse auch selbst beurteilen können. Grenzen für die Berichterstattung gebe es nur, wenn der Kern der Privatsphäre, etwa Ausführungen zur sexuellen Orientierung, betroffen sei (epd, SZ 10.7.20).

2934: Linke Politikerin wird mit dem Tod bedroht.

Sonntag, Juli 12th, 2020

Die Fraktionsvorsitzende der Linken im hessischen Landtag,

Janine Wissler, 39,

wird von Rechtsextremisten im Netz mit dem Tod bedroht. Vermutlich kommen diese Drohungen aus den Reihen der Polizei. Die Morddrohungen, die mit NSU 2.0 unterzeichnet sind, enthalten persönliche Daten, die wohl aus einem Polizeicomputer stammen. Da erscheint es zynisch, dass Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) weiterhin eine Studie über den Rassismus bei der Polizei ablehnt (Boris Herrmann, SZ 11./12.7.20).

2933: Hagia Sophia wird Moschee.

Sonntag, Juli 12th, 2020

Mehr als 900 Jahre war die Hagia Sophia eine Kirche in Konstantinopel/Istanbul, fast 500 Jahre eine Moschee und die letzten 86 Jahre ein säkulares Museum. Nun hat Präsident Erdogan das Oberste Verwaltungsgericht dazu gebracht, den Beschluss von 1934, wonach die Hagia Sophia ein Museum sei, zu annullieren. Zur Begründung hieß es, dass die Hagia Sophia seit 1453 eine Stiftung zur Nutzung als Moschee sei (FAZ 11.7.20; Matthias Drobinski, SZ 11./12.7.20) Das offenbart ein hinterwäldlerisches Religionsverständnis, wie es typisch ist für die gegenwärtige Türkei. Sie gehört deswegen nicht nach Europa. Zur Freude der Fundamentalisten beider Seiten (Christen und Muslime) werden die religiösen Gräben vertieft.

2932: Willi Holdorf ist tot.

Samstag, Juli 11th, 2020

Willi Holdorfs überraschender Olympiasieg im Zehnkampf 1964 in Tokio war die Sternstunde des deutschen Zehnkampfs. Seine Trainingspartner Hans-Joachim Walde und Horst Beyer wurden Dritter und Sechster. Der in einem Dorf bei Glückstadt/Schleswig-Holstein geborene Holdorf triumphierte nach einem harten Zweikampf mit dem Letten Rein Aun (Sowjetunion).Danach arbeitete er als Sportlehrer und Trainer (u.a. von Fortuna Köln).

Der Olympia-Zweite im Zehnkampf von 1996 in Atlanta/USA, Frank Busemann, sagt über ihn: „Er hat mit seinem Olympiasieg im Zehnkampf das geschafft, was alle wollen. Doch er ist immer Mensch geblieben, hatte immer einen Spruch auf den Lippen.“ Willi Holdorf war mit 18 Jahren zu Bayer Leverkusen gekommen und hatte sich dort in der Leichtathletik vervollkommnet. Der ehemalige DLV-Präsident Clemens Prokop sagt über Holdorf: „Die Begegnungen mit ihm waren immer bereichernd, sein norddeutscher Humor ansteckend und seine Gradlinigkeit sehr beeindruckend.“ Willi Holdorf ist im Alter von 80 Jahren gestorben (Saskia Aleythe, SZ 7.7.20).

2931: Heinz Ruhnau ist gestorben.

Samstag, Juli 11th, 2020

Heinz Ruhnau führte die Lufthansa (1982-1991), als sie noch ein Staatsbetrieb war. Der in Danzig Geborene kam aus kleinen Verhältnissen und arbeitete sich als Bauarbeiter und Maschinenbauer hoch. Das IG Metall- und SPD-Mitglied konnte dann an der Hamburger Akademie für Wirtschaft und Politik studieren. Er arbeitete zunächst für die IG Metall und zog dann in die Hamburger Bürgerschaft ein. 1965 wurde er als Nachfolger Helmut Schmidts Innensenator. Nach Jahren im Lufthansa-Aufsichtsrat übernahm er 1982 den Vorstandsvorsitz. Er steuerte einen Expansionskurs und verlegte große Teile der Verwaltung von Köln nach Frankfurt (CBU, SZ 11./12.7.20).

2930: Klaus Wagenbach 90

Samstag, Juli 11th, 2020

Der Berliner Kleinverleger Klaus Wagenbach ist 90 Jahre alt geworden. Mit Mut, Beharrlichkeit und einer großen Portion Eigensinn hat er die deutsche Verlagsszene mit geprägt. Die in seinem Verlag erscheinende Zeitschrift „Freibeuter“ konnte sich mangels Auflage nicht lange halten. Wagenbach nahm häufig keine Rücksicht auf die angesagten Ideologien. Er machte sich sowohl bei den Berliner Linken unbeliebt als auch bei manchen Germanistik-Größen. „Mit dem Nachbarstaat DDR hat er sich, schon wegen Biermann, in die Nesseln gesetzt, bis hin zum Hausverbot.“ Gemeinsam mit Walter Höllerer hat er sich um Stipendiaten aus Polen und dem europäischen Osten verdient gemacht. Das Kolloquium am Wannsee gibt es heute noch (Hans Magnus Enzensberger, FAZ 11.7.20).

2929: Karl Otto Conrady ist tot.

Samstag, Juli 11th, 2020

Im Alter von 94 Jahren ist der bekannte Germanist Karl Otto Conrady in Köln gestorben. Er war der Herausgeber des „Großen Conrady“, einer wissenschaftlich fundierten Gedichtesammlung, und hat sich insofern um deutsche Gedichte verdient gemacht. Promoviert hatte er über Heinrich von Kleist, habilitiert über „lateinische Dichtungstradition und deutsche Lyrik“. In der Germanistik der fünfziger Jahre ging es nicht zuletzt auch um die Bewältigung des eigenen Mitwirkens als Jugendlicher im Naziregime.

1964 erhielt Conrady einen Ruf nach Kiel. Sogleich protestierte er gegen die Ehrung eines völkischen Schriftstellers. Damit setzte er eine hauptsächlich in der „Zeit“ geführte Debatte über die völkischen Wurzeln der „Deutschwissenschaft“ in Gang. Seinen Lehrer Benno von Wiese kritisierte er für dessen Opportunismus. Conrady saß für die SPD im Kieler Landtag. Zwei Jahre war er PEN-Präsident. Seine Goethe-Biografie hält die Mitte zwischen K.R. Eisslers psychoanalytischer Perspektive und Rüdiger Safranskis Huldigung (Willi Winkler, SZ 11./12.7.20).

2928: Widerstand gegen Wehrpflicht

Sonntag, Juli 5th, 2020

Die neue Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) sieht die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 als „Riesenfehler“. Die Maßnahme war unter der Ägide des Verteidigungsministers und Betrügers (Plagiat bei der Doktorarbeit und Aberkennung des Titels) Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) beschlossen worden. Zweifellos hat Frau Högl recht, aber aus allen Fraktionen des Bundestags bis auf die AfD kommt Widerstand. Er wird begründet einmal mit dem „High Tech“-Charakter der Armee, mit fehlenden Ressourcen  und mit Zweifeln an der These, eine Wehrpflichtarmee verkörpere besser den Querschnitt der Bevölkerung (FAS 5.7.20).

Ich habe selbst als Panzeroffizier in der Wehrpflichtarmee gedient (1965-1968) und erlebt, dass unsere Soldaten in der Praxis die Bevölkerung repräsentierten. Tendenzen, davon abzuweichen, gab es eher im Offizierskorps. Ich habe mich in der Armee wohlgefühlt. Und die Bundeswehr hat sehr viel getan, um mich dort zu halten. Aber ich wollte studieren.

Die Linken heute sind noch der Nationalen Volksarmee (NVA) verpflichtet, die in der Tradition der Roten Armee agierte.

2927: Technische Universität Eindhoven fördert Frauen.

Samstag, Juli 4th, 2020

Das Institut für Menschenenrechte in Utrecht hat die Frauenförderung der Technischen Universität Eindhoven (TUE) gerügt. Dort werden seit einem Jahr für feste Dozentenstellen nur Frauen eingestellt. Das beruht auf einem auf fünf Jahre angelegten Programm, das 150 feste Arbeitsplätze betrifft.

Die Politik der TUE „geht .. zu weit und verletzt damit die niederländische Gesetzgebung zur Gleichbehandlung“. „Die Universität gibt weiblichen Kandidaten praktisch absoluten Vorrang.“ Die TUE habe ihre Vorgehensweise nicht deutlich machen können. Beschwerde hatte die Antidiskriminierungsstelle „Radar“ eingelegt, die eigentlich Gleichberechtigung fördert.

In Eindhoven ist die Frauenquote von 22,3 auf 25 Prozent gestiegen. Der Frauenanteil in der Studentenschaft liegt nach Angaben der stark technisch geprägten Universität bei 27 Prozent (smo, FAZ 4.7.20).

2926: USA schwächer

Samstag, Juli 4th, 2020

Eine Studie im Auftrag des German Marshall Fund, des Instituts Montaigne und der Bertelsmann Stiftung, bei der 6.000 Personen in Deutschland, Frankreich und den USA befragt worden sind,  ergibt, dass die USA – insbesondere durch die Corona-Krise – immer schwächer wahrgenommen werden. Militärisch, wirtschaftlich und kulturell. Das gilt schon seit der Obama-Administration.

Der geschätzte Einfluss der EU sinkt leicht. Darin steigt Deutschlands wahrgenommene Macht weiter, Frankreich fällt durch sein Vorgehen in der Corona-Krise zurück. Russland verliert wie die USA. Als neue Weltmacht wird China wahrgenommen. Aber es wird zugleich in hohem Maße gefürchtet. Seine Defizite sehen die Befragten bei Klimawandel, Menschenrechten und Cybersicherheit (Francesca Polistina, SZ 30.6.20).