Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2832: Gewalt gegen ZDF-„Heute Show“-Team

Montag, Mai 4th, 2020

20 bis 25 Vermummte haben in Berlin ein siebenköpfiges Team der ZDF-„heute Show“ mit Gewalt angegriffen. Sechs der Opfer mussten in die Klinik. Das ZDF-Team um den Comedian Abdelkarim hatte vergangenen Freitag bei einer Demonstration gegen die Corona-Regeln gefilmt. Das Team war bereits beim Zusammenpacken, als es zu dem Angriff kam. Sechs Tatverdächtige, zwei Frauen und vier Männer, sind wieder auf freiem Fuß. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft sah keine Haftgründe.

Die Polizei nimmt politische Motive für die Tat an. Der Angriff sei nicht spontan, sondern organisiert abgelaufen. Die Täter waren mit Fahrrädern und einem Auto unterwegs. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler: „Die Pressefreiheit ist – gerade in diesen Tagen – ein hohes Gut. Unsere Sorge gilt nun jedoch zuallererst den Teammitgliedern und ihrer Gesundheit.“ Der Deutsche Journalistenverband (DJV) und die Journalistengewerkschaft Deutsche Journalistenunion (dju) im DGB verurteilten den gewalttätigen Angriff scharf (Lala/epd/dpa, SZ 4.5.20).

2831: SPD fordert Abzug der US-Atomwaffen.

Montag, Mai 4th, 2020

Die Spitze der Mützenich-SPD (einschließlich Norbert Walter-Borjans) fordert den Abzug aller US-Atomwaffen aus Deutschland. Ja, haben die nichts anderes zu tun? Für Rolf Mützenich erhöhen die US-Atomwaffen unsere Sicherheit nicht, im Gegenteil. Ich reibe mir die Augen. Das läuft auf eine Koalition der SPD mit Grünen und Linken hinaus. Kinder, macht das, aber ohne meine Stimme!

Wobei ja die Linke (als ehemalige SED und PDS) mit der Roten Armee die Niederschlagung des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 organisiert hat, der Niederschlagung des ungarischen Freiheitskampfs durch die Sowjetunion 1956 zugestimmt hat, sich an der Beseitigung des Prager Frühlings 1968 beteiligt hat, dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 zugestimmt hat, die völkerrechtswidrige Annektion der Krim durch Russland 2014 gutheißt und den venezolanischen Despoten Nicolas Maduro hofiert. Wahre Friedensfreunde! Nun, diejenigen von uns, die in der Frage der US-Atomwaffen der SPD nicht zustimmen, werden sie nicht wählen. Grüne und Linke auch nicht. Dann ist ja alles klar. Gute Nacht, SPD (Boris Hermann, Joachim Käppner, SZ 4.5.20).

2829: Edgar Reitz über „Heimat“

Freitag, Mai 1st, 2020

Der 1932 im Hunsrück geborene Edgar Reitz ist als Filmemacher bekannt für die 30-teilige Serie „Die Heimat“ (1982-2004). Er hat mit Alexander Kluge zusammengearbeitet und vorher schon Filme gemacht wie „Mahlzeiten“ (1966/67), „Die Reise nach Wien“ (1973) und „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ (1974). Er hat am 24. April 2020 den „Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den deutschen Film“ erhalten. Jenni Zylka hat ihn für die „taz“ (23.4.20) interviewt:

taz: Durch die Pandemie verändert sich gerade sehr viel – auch der Heimatbegriff?

Reitz: Seit einigen Jahren beobachte ich, dass der Heimatbegriff zunehmend in der Diskussion ist. Es gibt keine Uni, keine Kirche, keine Betriebsfeier mehr ohne das Thema. Dazu mischen sich die neuen Rechten ein und versuchen, es sich unter den Nagel zu reißen. Das Bedürfnis, in einer übersichtlichen, geschützten Welt zu leben, nostalgisch zu denken, der idyllische Regionalismus – das ist eine Tendenz. Ich glaube nicht, dass das durch die Pandemie beflügelt wird. Im Gegenteil – die Menschheit lebt gerade zum ersten Mal wirklich global. Dass etwas überall auf der Welt stattfindet, jeden Menschen auf dem Globus trifft – das ist etwas vollkommen Neues. Wir begreifen mehr und mehr, dass es eine Abschottung nicht gibt, man kann nicht zumachen und sagen: Bei uns nicht.

2828: NSU-Urteil über Beate Zschäpe

Donnerstag, April 30th, 2020

Im NSU-Urteil heißt es über Beate Zschäpe:

„Die Angeklagte Zschäpe hat jeweils gemeinschaftlich und vorsätzlich handelnd in 10 Fällen einen Menschen heimtückisch und aus niederen Beweggründen getötet.“

(Annette Ramelsberger, SZ 30.4.20)

2827: Franziska Giffey (SPD): Spielplätze statt Bundesliga

Donnerstag, April 30th, 2020

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) möchte mehr Kinder fördern statt Fußball. „Wir können nicht in einem Atemzug den Kindern die Schaukel verwehren und gleichzeitig darüber nachdenken, wie wir schnellstmöglich wieder Bundesligaspiele stattfinden lassen.“ Vor allem Kleinkinder seien die Leidtragenden der Corona-Krise. Deshalb habe sie sich im Kabinett für eine schrittweise Öffnung der Kitas eingesetzt. Man könne bei der Gruppengröße ansetzen oder bei den Räumlichkeiten (SZ 30.4.20).

Hier können wir Frau Giffey nur zustimmen.

Der Fußball ist abhängig von den Fernsehgeldern, seit im Jahr 2000 Leo Kirch die Übertragungsrechte für 750 Millionen DM pro Saison kaufte (Premiere). Heute liegen die Rechte bei Sky (US-Medienkonzern Comcast) für eine Milliarde pro Spielzeit. Finden keine Spiele statt, muss nicht gezahlt werden. Deswegen sagte Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund): „Wenn wir die nächsten Monate nicht mehr spielen, dann säuft die ganze Liga ab.“ (Caspar Busse, SZ 30.4.20)

2826: BER öffnet am 31. Oktober 2020.

Donnerstag, April 30th, 2020

Nach 14 Jahren Bauzeit öffnet der Flughafen Berlin (BER) am 31. Oktober. Nachdem letzte Woche der TÜV letzte Prüfungsbescheinigungen ausgestellt hatte, hat nun die zuständige Baubehörde das Hauptterminal freigegeben (SZ 29.4.20). Damit kommt einer der größten Bauskandale der Bundesrepublik wohl an sein Ende. Drücken wir die Daumen.

2825: Boris Palmer macht sich unbeliebt.

Mittwoch, April 29th, 2020

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) gefällt sich in der Rolle des Provokateurs. Häufig und gezielt verstößt er gegen die Werte der Grünen. Jetzt hat er im Frühstücksfernsehen von Sat 1 folgendes gesagt: „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, auf Grund ihres Alters und ihrer Vorerkrankung.“ Er plädierte außerdem erneut dafür, die Beschränkungen für Wirtschaft und Gesellschaft zu lockern und „zwei getrennte Sphären“ zu schaffen, damit sich junge Menschen wieder frei bewegen könnten.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz: „Damit betätigt sich Palmer als Brandstifter, obwohl er kraft seines Amtes Feuerwehrmann sein muss.“ Die Grünen-Vorsitzenden von Baden-Württemberg, Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand, sagten: „Boris Palmer spricht nicht für die Grünen. Mit seinen kalkulierten Ausrutschern und inszenierten Tabubrüchen beteiligt er sich an einer Polarisierung und Brutalisierung der öffentlichen Debatte.“

Die SZ-Kommentatorin (29.4.20) Claudia Henzler schreibt: „Das ist ethisch gesehen einfach nur: völlig daneben.“

2824: H.G. Adler – Nestor der deutschen Holocaust-Forschung

Dienstag, April 28th, 2020

Bei den Trägern des Namens Adler bin ich in früheren Zeiten manchmal durcheinander gekommen. Da gab es einmal

Victor (Viktor) Adler (1852-1918),

den Begründer der österreichischen Sozialdemokratie (SPÖ), der die Einheit und Gemäßigtheit der österreichischen Sozialdemokraten auf seine Fahnen geschrieben hatte und erster Außenminister der Republik Österreich war. Er wollte den Anschluss Österreichs an Deutschland. Weiterhin kennen wir

Alfred Adler (1870-1937),

den Begründer der Individualpsychologie, der 1904 zum Protestantismus konvertiert war und von 1902 bis 1911 an den Mittwochabendgesellschaften Sigmund Freuds in Wien teilgenommen hatte und (gestützt auf die Theorie von der Organminderwertigkeit) seine eigene Lehre verfocht. Sie kam in den USA gut an, wohin Adler bereits 1934 auswanderte. Er fühlte sich der Arbeiterbewegung verbunden. Schließlich gab es

H.G. Adler (1910-1988),

der als Zeitzeuge der Shoah mit seinen Werken „Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“ (1955) und „Der verwaltete Mensch“ (1974) zum Nestor der deutschen Holocaustforschung wurde. Über ihn hat sein Übersetzer Peter Filkins 2019 eine Biografie verfasst:

H.G. Adler. A life in many worlds. Oxford 2019, 416 S.; 19,99 englische Pfund.

Adler wurde in Prag geboren und wuchs mit der deutschen und tschechischen Sprache auf. Früh war er selbst belletristisch tätig. Er studierte Musik, Literatur, Psychologie und Philosophie und wurde 1935 mit einer Arbeit über den deutschen Aufklärer Friedrich Klopstock in Prag promoviert. 1939 gelang ihm die Flucht vor den Nazis nicht. Er wurde mit seiner Frau und Schwiegermutter nach Theresienstadt deportiert. Von dort 1944 nach Auschwitz, wo Frau und Schwiegermutter sofort ermordet wurden. Seine schon in Theresienstadt geschriebenen Texte bewahrte Leo Baeck für ihn auf. Adler wurde in ein Nebenlager von Buchenwald gebracht.

Nach der Befreiung tauschte er seine Häftlingsbekleidung gegen eine von NS-Symbolen befreite deutsche Soldatenuniform. Er lebte einige Wochen in Halberstadt. In Prag traf er seinen Feund Elias Canetti wieder. Er legte seinen Vornamen Hans Günther ab, weil Adolf Eichmanns Nachfolger so hieß. Adler arbeitet in einem Waisenhaus vor allem mit jüdischen, tschechischen und deutschen Kindern. Ihm wurde allerdings 1946 die tschechische Staatsbürgerschaft aberkannt, weil er Deutsch als Muttersprache hatte. Vor dem Stalinismus floh H.G. Adler 1947 nach London, wo er eine Jugendfreundin, die Bildhauerin Bettina Gross, heiratete, die bereits 1938 nach Großbritannien gegangen war. Ihr gemeinsamer Sohn ist der Dichter und Germanist Jeremy Adler. H.G. Adler lieferte Beiträge für die BBC. Er lebte auch von der Briefmarkensammlung seines Vaters.

In London bewegte Adler sich im Kreis von Erich Fried. 1959 trat er auf Bitten Hermann Langbeins dem Internationalen Auschwitzkomitee ( IAK) bei. Mit Langbein publizierte er 1961 im WDR mehrere Beiträge über den Holocaust. In seiner Holocaust-Forschung übte H.G. Adler fundierte Kritik an den Juden-Ältesten, die später u.a. auch von Hannah Arendt in ihrem „Eichmann in Jerusalem“ (1963) übernommen wurde. 1977 wurde H.G. Adler der österreichische Ehrentitel Professor verliehen. Er ist unverdientermaßen und bedauerlicherweise heute fast vergessen (René Schlott, SZ 27.4.20)

2823: Thomas Mann – Ziel völkischer Hetze

Sonntag, April 26th, 2020

Der Bamberger Literaturwissenschaftler Friedhelm Marx (FAZ 25.4.20) arbeitet zur Zeit an den Essays von Thomas Mann aus den Jahren 1926 bis 1933. Darin plädierte Mann für eine Annäherung an die Nachbarländer Polen und Frankreich, für eine innereuropäische Verständigung und gegen Zensur. Also ganz anders als noch in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918). Und damit zog er den Hass und die Hetze völkischer und rechtspopulistischer Kommentatoren auf sich.

So schrieb Friedrich Georg Jünger, den die meisten von uns heute nur noch als Bruder Ernst Jüngers kennen, in seiner Rezension des „Zauberbergs“ (1924) („Der entzauberte Berg“): „Ach, erlebten wir bald den Tag, an dem eine junge, kühne Mannschaft sich gegen den Zauberberg hinaufbewegt, mit Holzfälleräxten, die einen langen Stiel und eine breite Scheide haben, und mit diesen prachtvollen Äxten den ganzen Zauberberg in Scherben und Trümmer schlägt.“ Die junge Mannschaft mit den prachtvollen Äxten stand offenbar schon bereit.

Der „Völkische Beobachter“ schrieb zu einem Vortrag Manns mit dem Titel „Die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte“, den er am 16. Mai 1929 im Auditorium Maximum der Münchener Universität gehalten hatte: „Wir danken dem Vielschreiber – und in diesem Fall dem ’schöngeistigen‘ Schwätzer – für sein eigentümliches Bekenntnis. Thomas Mann wäre es wahrscheinlich lieber, wenn die deutsche Jugend der ’neuen Lebenserkenntnis‘ eines Sigi Freud anhängen würde, der bekanntlich in der Erotik den Born aller Kräfte und Taten sieht. Da müssen wir schon antworten: Gott sei Dank gibt es noch eine deutsche Jugend, die nicht hinter senilem Marasmus, hinter Sexualsymbolikern und sogenannten ‚Psychoanalytikern‘ dreinrennt, – Gott sei Dank gibt es eine deutsche Jugend, welche Erotiker wie Sigmund Freud, den jüdischen Literaten Arnold Zweig und den ‚deutschen‘ Dichter Thomas Mann auf den Index setzen: ’nicht zimmerrein!'“

1929 hat Thomas Mann den Literatur-Nobelpreis erhalten.

2822: Norbert Blüm ist gestorben.

Samstag, April 25th, 2020

Im Alter von 84 Jahren ist Norbert Blüm gestorben. Er verkörperte das soziale Gewissen der Union (CDU/CSU) und hat dafür gesorgt, dass in der Union eine soziale Politik betrieben wurde. Unter Helmut Kohl war er 16 Jahre lang Bundesarbeitsminister. Am Ende haben sich die Beiden über die Spendenaffäre zerstritten. Zeit seines politischen Lebens kämpfte Blüm für den Sozialstaat und für die Rechte der Arbeitnehmer. Lange Jahre war er Vorsitzender der Sozialausschüsse der CDU.

Mit seinem Satz „Die Rente ist sicher.“ hatte er sich selbst unter Zugzwang gesetzt. Heute wissen wir, dass sein Einsatz für die gesetzliche Rente vollkommen berechtigt war. Er hat die Pflegeversicherung eingeführt, ohne die wir uns das Rentensystem heute gar nicht mehr vorstellen können. Mit der Vereinigung Deutschlands mussten die DDR-Bürger in das Rentensystem integriert werden. Eine Riesenanstrengung, die gelang.

Norbert Blüm hatte die Volksschule besucht und über den zweiten Bildungsweg (und nebenbei in vielen Jobs) seine Karriere gemacht. 1967 promovierte er mit dem Thema „Willenslehre und Soziallehre bei Ferdinand Tönnies“. Ein Intellektueller war er auch noch.

(Eckart Lohse, FAZ 25.4.20; Detlef Esslinger, SZ 25./26.4.20; Stefan Braun, SZ 25./26.4.20, Torsten Krauel, Die Welt 25.4.20)