Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3393: Claudia Pechstein kandidiert für die CDU.

Donnerstag, Mai 6th, 2021

Claudia Pechstein, 49, befindet sich zur Zeit im Radtrainingslager auf Mallorca, weil sie 2022 nochmals zu den Olympischen Spielen in Peking will. Es wäre die achte Olympiateilnahme der Bundespolizistin und ein weiterer Weltrekord. Kurz nach der Schlussfeier wird sie 50 Jahre alt. Aber das ist für sie noch nicht ihre gesamte Belastung. Die CDU hat sie zu einer Direktkandidatur zur Bundestagswahl am 26. September bewegt, obwohl sie kein Parteimitglied ist. Sie hatte aber 2004 für die CDU in der Bundesversammlung gesessen, in der Horst Köhler zum Bundesapräsidenten gewählt wurde. Claudia Pechstein: „Mir ist klar, dass ich in der heißen Wahlkampfphase wohl gänzlich auf Freizeit verzichten muss.“

Dass Claudia Pechstein den Wahlkreis Treptow-Köpenick direkt gewinnt, ist sehr unwahrscheinlich. Hier siegt zuverlässig Gregor Gysi (früher Stasi) für die Linke. Allerdings hat die Berliner CDU Claudia Pechstein auf den sechsten Platz der Landesliste gesetzt und damit beinahe sichergestellt, dass Pechstein ins Parlament gelangt. Die Kandidatin: „Wir haben hierzulande viel wichtigere Probleme zu lösen, als darüber nachzudenken, wo wir das nächste Gendersternchen setzen sollten.“ (Boris Herrmann, SZ 3.5.21) Da kann ich Frau Pechstein nur zustimmen.

3392: Sophie Scholl – ein Vorbild

Mittwoch, Mai 5th, 2021

Anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl sind schon viele Beiträge erschienen. Natürlich von unterschiedlicher Qualität. Die meisten aber sehr ernst zu nehmen. Viele bemühen sich, hinter dem von Sophies älterer Schwester Inge Scholl, später Aicher-Scholl, gezeichneten Heiligenbild den Menschen Sophie Scholl erscheinen zu lassen. Alles in Ordnung, auch wenn wir uns bewusst sind, dass Inge Scholl ihr Buch „Die weiße Rose“ (1952) in einer Zeit geschrieben hat, als die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ in Deutschland noch ganz überwiegend als unbedarfte Schwärmer gesehen wurden, die in einer Aura der Unschuld blieben, sich nicht zum Vorbild eigneten. Das sehen wir heute ganz anders. Sophie Scholl starb am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim unter dem Fallbeil.

Ich stütze mich hier hauptsächlich auf zwei herausragende journalistische Quellen: Robert M. Zoske, taz 30.4/1./2.5.21 und Jörg Thomann, FAS 2.5.21. Der Theologe und Historiker Robert M. Zoske, 68, hatte 2014 mit einer Arbeit über Hans Scholl, Sophies Bruder, promoviert und 2020 „Sophie Scholl. Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen.“ veröffentlicht.

Sophie Scholl gehörte mit ihrem Bruder Hans, dem Kopf der Gruppe, zu einer sechsköpfigen Gemeinschaft von Widerständlern, die 1942/43 in München und anderen Großstädten insgesamt sechs Flugblätter gegen Hitler verteilt hatte und darin zum Widerstand, zur Sabotage und zum Umsturz aufrief. Sophie war die einzige Frau in der Gruppe. Der Name „Weiße Rose“ stammt von den Titeln der ersten vier Flugblätter.

1946 rief die Schriftstellerin Ricarda Huch unter dem Titel „Für die Märtyrer der Freiheit“ dazu auf, Briefe und Erinnerungen an den Widerstand zur Verfügung zu stellen. Sophie Scholls ältere Schwester Inge sandte Ricarda Huch 1947 eine 49-seitige Schrift, die sich aus heutiger Sicht als Rückprojektion und Selbstkonstruktion erweist. Inge Scholl hatte niemals zum Widerstand, geschweige zur „Weißen Rose“, gehört. Ihre Schrift war eine Vorstudie zu ihrem Buch über die „Weiße Rose“ (1952). Darin schildert sie das Kind Sophie trotz ihrer „wundersamen, unnennbaren Kindlichkeit“ als etwas Besonderes und „Reifes“. Allerdings marginalisierte Inge Scholl die Hitler-Jugendjahre ihrer Schwester, die anfangs eine glühende Nationalsozialistin (beim BDM) gewesen war. Für Inge Scholl war alles in Sophies Leben eine Vorbereitung auf die heroischen Widerstandswochen 1942/43.

In der DDR begann die Anerkennung Sophie Scholls als (antifaschistisch-sozialistische) Widerstandskämpferin sehr früh. Das erstreckte sich auch auf die „Weiße Rose“. Bereits 1949 gab es in Freiberg ein „Geschwister Scholl Gymnasium“. Die Deutsche Post der DDR publizierte 1961 die erste Briefmarke mit Sophie Scholl. Die Bundespost veröffentlichte 1964 eine Briefmarke mit acht Widerstandskämpfern, Sophie Scholl war dabei die einzige Frau. Möglicherweise hat dabei der Geschlechterproporz eine Rolle gespielt. 1991 folgte ein Einzelporträt Sophie Scholls.

Auf der Gedenkstätte bedeutender Deutscher, der Walhalla bei Regensburg, ist Sophie Scholl seit 2003 mit einer Marmorbüste die einzige Vertreterin der Münchener Gruppe. Nur von ihr gibt es in der Münchener Universität seit 2005 eine personalisierte Bronzebüste im Lichthof. Das Bild der „Weißen Rose“ wurde maßgeblich von drei Spielfilmen geprägt: Michael Verhoeven „Die Weiße Rose“ (1982), Percy Adlon „Fünf letzte Tage“ (1982), Marc Rothemund „Sophie Scholl – die letzten Tage“ (2005).

Seit langem haben sich Anekdoten um das Leben der „Weiße Rose“-Mitglieder und Sophie Scholls gerankt. So etwa die, dass sie einer jüdischen Mitschülerin beigestanden hätte. Und anderes. „Keine dieser erzählerischen Ausschmückungen ist haltbar.“ Sophie Scholl war als junges Mädchen eine begeisterte Nationalsozialistin. Sie neigte zu „elitären Gedanken“. Die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ waren auch keine Pazifisten, wie Zoske etwas erstaunt feststellt. Nach eigenem Bekunden einer Freundin gegenüber wäre Sophie Scholl bereit gewesen, Hitler zu erschießen. Verwunderlich ist das nicht. Wir sind uns doch klar darüber, dass es keine Pazifisten waren, welche die Nazis besiegt haben. Sophie Scholls Christentum hat ihren Widerstand bestärkt. Nach den Worten ihrer Freundin Susanne Hirzel war sie „überkandidelt religiös“.

Sophie Scholls Umkehr zum Widerstand beruhte wahrscheinlich hauptsächlich auf ihren Erfahrungen in einem Kinderhort in Blumberg im Schwarzwald, wo sie „Kriegshilfsdienst“ ableisten musste. Das war ein sozialer Brennpunkt. Dort agierten die Nazis seit Mitte der dreißiger Jahre rücksichtslos im Sinne ihrer Rassen- und Rüstungspolitik. Ohne Rücksicht auf Anwohner und Natur. Dort wurden Verschleppte, Kriegsgefangene und Straftäter eingesetzt. Ursprünglich war hier Erzförderung geplant, die aber 1942 eingestellt wurde. Sophie Scholl erhielt hier täglich Anschauungsunterricht über die Brutalität und Menschenverachtung der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Zwei Monate nach Ende des „Kriegshilfsdienstes“ lieh sie sich von ihrem Geliebten Fritz Hartnagel, einem Berufsoffizier, Geld für die Anschaffung eines Kopierers. Damit wurde sie schließlich zur Organisatorin des Widerstands, als ihre Mitstreiter als Soldaten zunehmend an der Front blieben.

Die Legendenbildung um Sophie Scholl erklärt sich überwiegend aus dem Wunsch, die Besonderheit ihres Handelns noch zu steigern. Der Mythos verschleierte die Wirklichkeit. Sophie Scholl wurde zur entrückten Heiligen. Das fiel im Land der vielen Mittäter auf fruchtbaren Boden. Wer hätte nicht gerne eine Schwester wie Sophie gehabt! Als ab 1968 die ersten entmythologisierenden Forschungen publiziert wurden, war beinahe kein Rezensent bereit, dem zu folgen. Aber Sophie Scholls Tagebuchhefte sprechen eine deutliche Sprache. Eines begann sie mit einem Gedicht Matthias Claudius‘. Sie beendet es mit einem Jesuswort über Trauer und Mut: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33).

Robert M. Zoske schreibt zu Recht: „Sie konnte umkehren, ihren Sinn ändern, eine Denkwende vollziehen – Fähigkeiten, die auch heute dringend gebraucht werden. Sie handelte nach ihrer Überzeugung und ging trotz der Gefahr in den Widerstand.“ Maren Gottschalk schreibt, dass Sophie Scholl „keine furchtlose Heldin“ war. „Wenn jedes Volk, wie man so sagt, die Helden hat, die es verdient, dann mag man sich nicht nur beim Blick auf unsere finstersten Jahre manchmal fragen, womit die Deutschen eigentlich Sophie Scholl verdient haben.“

 

3391: Ermittlungen gegen KSK-Chef

Dienstag, Mai 4th, 2021

Die Militärpolizei hat im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen der Munitionsaffäre beim Kommando Spezialkräfte (KSK) das Diensthandy und ein dienstliches Tablet des KSK-Kommandeurs Brigadegeneral Markus Kreitmayr beschlagnahmt. Kreitmayr soll im Frühjahr 2020 angeordnet haben, dass Soldaten einbehaltene Munition straffrei zurückgeben können. Die Staatsanwaltschaft Tübingen prüft den Anfangsverdacht eines Verstoßes gegen Paragraf 40 des Wehrstrafgesetzes (SZ 4.5.21).

3390: Eva Illouz erklärt uns Benjamin Netanjahus Propaganda.

Sonntag, Mai 2nd, 2021

Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem. 2011 war ihr Buch „Warum Liebe weh tut – eine soziologische Erklärung“ erschienen. Jetzt erklärt sie uns Bibi Netanjahus Propaganda (SZ 27.4.21).

1. „Israelische Nichtregierungsorganisationen, Akademiker, Künstler, Journalisten und auch viele andere, nichtorganisierte Bürger, die mit dem Entzug grundlegender Menschenrechte der Palästinenser durch die Regierung Netanjahu nicht einverstanden sind, werden als Verräter und Staatsfeinde bezeichnet.“

2. „Ein Kritiker der israelischen Regierung ist in der Logik dieser Regierung folglich: Antisemit.“

3. „Kein Anliegen ist gerechter als der Kampf gegen den Antisemitismus.“

4. „Der Kampf gegen den Antisemitismus sollte an der Spitze aller antirassistischen Kämpfe stehen, denn Antisemitismus ist eine der ältesten Formen des Gruppenhasses und eine der zerstörerischsten.“

5. Zwei Drittel der europäischen Juden wurden im Zweiten Weltkrieg ermordet.

6. Jetzt ist ein „neuer Antisemitismus“ zu Propagandazwecken erfunden worden.

7. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem bezeichnet die strikte Trennung der jüdischen und palästinensischen Bevölkerung in Israel als „Apartheid“.

8. Das könnte man auf Grund der genauen Analyse von Karten, Gesetzen und politischen Regimen überprüfen.

9. Stattdessen wird „Apartheid“ als antisemitisch gebrandmarkt.

10. Man verharmlost „die Opfer des Antisemitismus, wenn man eine gerade Linie von Kritikern israelischer Politik zu eingefleischten, gewalttätigen Antisemiten zieht“.

11. Viele Kritiker israelischer Regierungspolitik sind nicht antisemitisch, „sie rufen weder zur Vernichtung von Juden auf noch dazu, dass Juden bestimmte Länder oder Europa verlassen sollten“.

12. Man kann einigen dieser Kritiker vorwerfen, dass sie sich weigern, die israelischen Opfer terroristischer Anschläge zu sehen.

13. Man kann ihnen vorwerfen, die realen Gefahren zu ignorieren, welche die Existenz Israels bedrohen oder, dass sie Israel moralische Normen vorschreiben, die ihnen bei anderen Staaten offenbar weniger wichtig sind.

14. Aber wie fragwürdig solche Meinungen auch sein mögen, sie unterscheiden sich zutiefst vom Antisemitismus, der den Juden und Israel dämonischen Einfluss zuschreibt und sie vernichten will.

15. „Etliche sogenannte Kritiker Israels sind tatsächlich Antisemiten.“

16. „Was sollen jüdische Intellektuelle angesichts dieses Minenfeldes tun? Sie haben nur zwei gleichermaßen unerfreuliche Alternativen: entweder sie reihen sich bei denen ein, die für ein demokratischeres Israel kämpfen, und riskieren damit, als Antisemiten bezeichnet zu werden; oder sie machen den Kampf gegen den Antisemitismus zum primären moralischen Ziel und ignorieren dabei vollständig eine historische Ungerechtigkeit, die vom jüdischen Volk begangen wurde.“

17. Der Deutsche Bundestag hat eine Resolution verabschiedet, in der die BDS-Bewegung als antisemitisch definiert wird. „Man kann aber – wie ich – BDS ablehnen und dennoch deren Recht auf Meinungsäußerung verteidigen.“

18. „Mit dem rücksichtslos verwendeten Antisemitismus-Verdikt hat die israelische Rechte das Volk gespalten: denn sie stellt die politischen Interessen Israels über die Solidarität mit anderen und liberalen Juden.“

19. „Das hat erschreckende Auswirkungen. Viele Juden definieren sich bereits weniger über ihre Ethnie, dafür stärker über ihre politische Ausrichtung. Antisemitismus als politische Waffe wird die Spaltung innerhalb des jüdischen Volkes weiter vertiefen.“

20. Insofern verhindern Unterstützer der gegenwärtigen israelischen Regierungspolitik jede Debatte, da Antisemitismus unmoralisch ist.

21. „Unterstützer Israels werden damit automatisch zu Protofaschisten, also zu einer anderen bösen Wesensart.“

22. „Diese Debatte ist exemplarisch für die Schwierigkeiten, denen sich Intellektuelle zunehmend gegenübersehen. Es sind die moralischen Widersprüche komplexer Realitäten: In diesem Fall betreibt der Staat Israel eine inakzeptable Politik der Vorherrschaft in den besetzten Gebieten, während gleichzeitig der Antisemitismus überall auf dem Vormarsch ist.“

23. „Intellektuelle müssen daher tun, was sie am besten können: sich für die universalistische Position entscheiden und gleichermaßen gegen die Unterdrückung der Palästinenser wie den Antisemitismus kämpfen; darauf verzichten, andere Meinungen zur Blasphemie zu erklären; die Debattenklutur aufrechterhalten, anstatt auszugrenzen.“

3389: Vor 100 Jahren: Capablanca – Lasker

Samstag, Mai 1st, 2021

Am 21. April 1921 verlor der deutsche Schachweltmeister Emanuel Lasker (1868-1941) in Havanna seinen Titel an den Kubaner José Raul Capablanca (1888-1942). Lasker gab beim Stand von 5:9 auf. Er war 27 Jahre lang (1894-1921) Weltmeister gewesen, so lange wie kein anderer. Sein Nachfolger Capablanca blieb es sieben Jahre. Er ist heute noch ein kubanischer Nationalheld. Hatte als Wunderkind begonnen. Er studierte an der Columbia Universität in New York, hängte das Studium jedoch bald an den Nagel, weil die kubanische Republik ihn zum Diplomaten ernannte und finanzierte. Er bekam ein Staatsbgräbnis. Auch das „sozialistische“ Kuba unter Castro (ab 1959) hielt an Capablanca als Nationalheld fest. 1966 fand die Schacholympiade in Havanna statt.

Ganz anders erging es Emanuel Lasker, der Zeit seines Lebens schwer unter dem insbesondere in Deutschland grassierenden Antisemitismus zu leiden hatte und zwischendurch fast vergessen war. Er musste sich durch Schachzeitschriften, Bücher und Vorträge finanzieren. Er promovierte in Mathematik über unendliche Reihen und stritt mit Albert Einstein über die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit im Vakuum. Eine Professur war ihm nicht vergönnt.

Völkische Schachkritiker in Deutschland und Österreich charakterisierten Laskers Spielstil als „undeutsch“. Wie Capablanca entwickelte er ein modernes, gleichsam wissenschaftliches Schachverständnis. Im Zentrum stand nicht mehr die spektakuläre Kombination, sondern die schrittweise Verbesserung der Position Zug um Zug. Für die Weltmeisterschaft 1921 musste er sich eine Schiffsreise nach Havanna zumuten. Er litt unter dem ungewohnten Klima und gewann keine einzige Partie.

Nach 1933 musste er ins Exil (Niederlande, London, UdSSR, New York). Die Nazis erkannten ihm nicht nur die deutsche Staatsbügerschaft ab, sondern tilgten ihn auch aus den Schachlehrbüchern. Fast wäre er ganz in Vergessenheit geraten. So war es in der Bundesrepublik. Zu seinem 100. Geburtstag wurde keine Briefmarke herausgegeben. In der DDR wurde sein Andenken gepflegt und das Schachspiel gefördert. 2001 wurde die Emanuel-Lasker-Gesellschaft in Potsdam gegründet. Vor drei Jahren zum 150. Geburtstag engagierte sich der Deutsche Schachbund für ein internationales „Lasker-Jahr“ (Bert Hoffmann, taz 24./25.4.21).

3388: Sugar Ray Robinson 100

Samstag, Mai 1st, 2021

Er gilt trotz Muhammad Ali und Joe Louis als der beste Boxer aller Zeiten, der 1921 als Walker Smith junior geborene

Sugar Ray Robinson.

Er stand im Welter- bzw. Mittelgewicht, wo bekanntermaßen insbesondere die technisch versiertesten Kämpfer versammelt sind. Den Beinamen Sugar erwarb sich Robinson durch seinen Kampfstil, der als „sweet“ bezeichnet wurde. Ray Robinson hatte er sich genannt, weil er schon als 15-Jähriger in den Ring gestiegen war. Seine Karriere ging von 1940 bis 1965. Bei allen technischen Finessen (gute Boxer sind häufig auch gute Tänzer) verfügte Robinson auch über eine phänomenale Schlagkraft. 1947 starb Jimmy Doyle, nachdem er in einem Weltmeisterschaftskampf in der achten Runde gegen Robinson unterlegen war.

Legendär sind Sugar Ray Robinsons Kämpfe gegen Jake LaMotta (einer davon Vorbild für den Film „Wie ein wilder Stier“ von Martin Scorsese) Gene Fullmer, einem weißen Mormonen, und Carmen Basilio, von denen er die meisten gewann. 1955 kehrte Robinson nach einer Zeit als Steptänzer in den Ring zurück. Erfolgreich, aber nicht mehr so dominant wie vorher. 1989 starb er. Muhammad Ali sagte über ihn: „Der Mann war einfach schön, Timing, Schnelligkeit, Reflexe, Rhythmus, sein Körper – alles war schön.“ (David Pfeifer, SZ 30.4./1./2.5.21)

3387: Die Grundrechte wiederherstellen !

Samstag, Mai 1st, 2021

Sechs Millionen Menschen in Deutschland sind bereits zweimal geimpft. Drei Millionen von Corona genesen. Neun Millionen Menschen können sich und andere also nicht mehr anstecken. Sie sollten ihre Grundrechte zurückbekommen. Das ist selbstverständlich. Wir können mehr testen und mehr impfen. Die Impfpriorisierung, die anfangs richtig war, kann allmählich aufgehoben werden.

Das bedeutet voraussichtlich: „Die Cleveren, die ohnehin Durchsetzungsstarken, im Zweifel die Leute mit Geld und Beziehungen kriegen zuerst ihre Spritze. Und die, die nicht so gut Deutsch sprechen, die prekär arbeiten, die sich ohnehin schwertun, am Telefon und im Leben generell, haben wieder das Nachsehen.“

Aber wenn die Regierung die Grundrechtseinschränkungen für Geimpfte nicht aufhebt, werden es die Gerichte tun. Nicht mit Rücksicht auf die Stimmungslage, sondern mit Blick auf die Rechtslage.

„Nur wenn die Bürger darauf vertrauen können, dass die Politik Einschränkungen zuverlässig aufhebt, wo es irgend geht, werden sie auch künftig bereit sein, Eingriffe in ihre Grundrechte zu akzeptieren, wo es notwendig ist.“ (Heinrich Wefing, Zeit 29.4.21)

3386: Bundesverfassungsgericht zwingt zu besserem Klimaschutz.

Freitag, April 30th, 2021

1. Das Bundesverfassungsgericht hat zum ersten Mal den Gesetzgeber zu konkreten Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel verpflichtet.

2. Grundrechte können auch dann heute verletzt sein, wenn die Einschränkungen erst in der Zukunft liegen.

3. Der Gesetzgeber hat eine „besondere Sorgfaltspflicht“ zugunsten künftiger Generationen.

4. Die Maßnahmen gegen den Klimawandel müssen „rechtzeitig“ eingeleitet werden.

5. Der Gesetzgeber darf sich nicht hinter anderen Staaten verstecken.

(Wolfgang Janisch, SZ 30.4./1./2.5.21)

3385: „Zeit“ verliert gegen Marc Wiese.

Freitag, April 30th, 2021

Das Landgericht München hat entschieden, dass die „Zeit“ Passagen aus dem Text über Marc Wieses Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ nicht weiter verbreiten darf. In dem Beitrag „Das ist, als würde ich ihm Koks geben“ wurde Wieses Film im Zusammenhang mit der gefälschten Dokumentation „Lovemobil“ gebracht. Der Regisseur erwecke in dem Film mittels Voice-Over den falschen Eindruck, mit dem Killer auf den Philippinen selbst gesprochen zu haben.

Dem hatten Marc Wiese und der zuständige SWR widersprochen. Das Voice-Over sei ein übliches Verfahren und suggeriere nicht, dass der Sprechende vor Ort gewesen sei. Das Landgericht Berlin urteilte nur, es handle sich um ein Falschzitat, das in der „Zeit“ übernommen worden sei, und untersagte die Passagen. Wiese müsse sie nicht hinnehmen (Claudia Tiesachky, SZ 30.4./ 1./2.5.21; Michael Hanfeld. FAZ 30.4.21).

3384: Nina Gladitz ist tot.

Freitag, April 30th, 2021

Der Kampf gegen die Atomindustrie und der Kampf gegen Leni Riefenstahl bestimmten das Oeuvre der Filmemacherin Nina Gladitz. Dafür stehen ihre Filme „Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“ (1976) (gekennzeichnet durch Schäferhunde, Wasserwerfer, Stacheldraht und Hubschrauber) und „Zeit des Schweigens und der Dunkelheit“ (1982).

Das geplante Kernkraftwerk Wyhl wurde nicht gebaut. Und Leni Riefenstahl konnte Nina Gladitz nachweisen, dass sie für ihren Film „Tiefland“ Sinti und Roma aus dem Lager Maxglan bei Salzburg eingesetzt hatte, die später in Auschwitz ermordet wurden. In dem von Riefenstahl angestrengten Prozess bekam Nina Gladitz in fast allen Punkten Recht. 2020 erschien ihr Buch „Leni Riefenstahl – Karriere einer Täterin“, in dem Gladitz zeigt, wie Riefenstahl sich den Nazis angedient hatte. Nun ist Nina Gladitz im Alter von 75 Jahren gestorben (Willi Winkler, SZ 30.4./1., 2.5.21).