Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3308: Hoffnungen von Missbrauchten werden häufig enttäuscht.

Donnerstag, März 11th, 2021

Die ehemalige Bundesfamilienministerin und nachmalige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann (SPD), hat die Ergebnisse eines Forschungsprojekts präsentiert, das sie selbst initiiert hatte. Der Filmregisseur Wim Wenders und seine Frau Donata hatten eine Kampagne mit Kino- und Fernsehspots, Flyern und Postern gestaltet: „Sprechen hilft!“. Tausende Briefe, Mails und Anrufe gingen bei der Anlaufstelle ein.

Ein Erfolg war, dass sich vor allem Frauen erstmals in ihrem Leben jemand anderem anvertraut hatten darüber, was ihnen meist Jahrzehnte zuvor und in den meisten Fällen in der eigenen Familie angetan worden war. Wer aber Unterstützung, Anerkennung oder eine angemessene Therapie erwartet hatte, wurde in der Regel enttäuscht. Christine Bergmann: „Ich war erschüttert von den Lebensgeschichten, aber auch beeindruckt von dem Mut und auch der Kraft, mit der viele Betroffene konkrete Anliegen vorbrachten, um mit ihrer Geschichte Politik und Gesellschaft zu bewegen, Kinder künftig besser zu schützen.“ (MCS, SZ 10.3.21)

3307: Joachim Löw: endlich weg !

Mittwoch, März 10th, 2021

Es gibt nicht viele Ämter in Deutschland, die so wichtig genommen werden, wie das Amt des DFB-Bundestrainers. Das kann ich meinen Bekannten, die keine Ahnung vom Fußball haben, kaum verständlich machen. Fast kein anderer Nationaltrainer ist so lange im Amt wie Joachim Löw. Die Nationalmannschaft hatte mit ihm 15 Jahre lang insgesamt eine gute Zeit. Am Ende aber häufte sich das Versagen. Das versuchte Joachim Löw mit staatstragendem Gebaren (z.B. in einem „Kicker“-Interview) zu übertünchen. Bei der 0:6-Niederlage gegen Spanien ging das nicht mehr. Zur Hilfe kam ihm aber der Machtkampf im DFB. Dort herrscht ein kaum vorstellbares HickHack mit starken lächerlichen Einschüssen. Wir brauchen einen fähigen Bundestrainer (Philipp Selldorf, SZ 10.3.21).

3306: AfD wieder in Moskau

Dienstag, März 9th, 2021

Schon eine der Vorläuferparteien der AfD, die Deutsch-Nationale-Volkspartei (DNVP), die „Steigbügelhalter der Nazis“, war russland-freundlich. So auch die AfD. Zur Zeit ist eine kleine AfD-Delegation unter Führung der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel unter dem Motto „Modernes Russland“ in Moskau. Im Dezember befand sich eine AfD-Delegation unter dem stellvertretenden Parteivorsitzenden Tino Chrupalla dort. Die AfD will ihre Beziehungen zu Moskau verbessern. Und den Covid-19-Impfstoff Sputnik V besichtigen.

Die AfD lehnt Sanktionen gegen Russland wegen der Annektion der Krim, des Kriegs in der Ukraine und des Falls Nawalny ab. Im Fall Nawalny sprach einer der leitenden Herren der AfD von „Revolvergeschichte“. Um russische Menschenrechtsverletzungen, Hackerangriffe auf den Bundestag 2015, den Auftragsmord an einem Georgier im Tiergarten 2018 kümmert die AfD sich nicht (Markus Balser, Daniel Brössler, SZ 9.3.21).

Wir haben also neben dem Russland-Lobbyisten Gerhard Schröder (SPD) ein zweites russlandfreundliches Standbein in Deutschland.

3305: Wer darf Amanda Gorman übersetzen ?

Dienstag, März 9th, 2021

Weltberühmt wurde die junge schwarze US-Lyrikerin

Amanda Gorman,

als sie bei der Amtseinführung von Joe Biden ihr zur Versöhnung aufrufendes Gedicht „The Hill We Climb“ vortrug. Sie lieferte damit einen substanziellen Beitrag zum Ende der faschistoiden Ära Trump. In Deutschland ist ein dreiköpfiges Übersetzerinnen-Team dabei, im Auftrag des Verlags Hoffmann und Campe das Gedicht zu übersetzen.

In den Niederlanden, die generell offener und wagemutiger sind als andere westliche Staaten, hatte der Verlag Meulenhoff in Absprache mit Gorman, der Booker-Preisträgerin Marieke Lucas Rijneveld, 29, die Übersetzung anvertraut. Sie ist weiß und „non-binär“. Daraufhin hatte Rijneveld begeistert getwittert „Prachtig nieuws“. Drei Tage später kritisierte die schwarze niederländische Journalistin Janice Deul in der Zeitung „De Volkskrant“ diese Wahl und fragte, warum man nicht eine junge, weibliche und „unapologetically black“ Person für die Übersetzung gewonnen hatte. Daraufhin gab Rijneveld ihren Übersetzungsauftrag „schockiert“ zurück und zeigte Verständnis für die Kritik.

Ein Skandal?

Auf jeden fall ein Beispiel für Cancel Culture, in dem der Autorin das Recht abgesprochen wird, selbst zu entscheiden, wer ihre Texte übersetzen soll. Die SZ sprach von „Entmündigung“. „Von der ist Marieke Lucas Rijneveld nur in erster Linie betroffen. Letztlich trifft es auch Amanda Gorman, die – angefragt – dazu verurteilt wird, vor allem als Schwarze wahrgenommen zu werden.“

Einmal abgesehen davon – und das wissen wir Literaturliebhaber ganz genau –

dass Lyrik überhaupt nicht übersetzbar ist,

stellt jede Übertragung in eine andere Sprache ein Wagnis dar. Marieke Lucas Rijneveld hat ihre Beweggründe jetzt in ein Gedicht verwandelt, das die FAZ publiziert hat. Früher schon gab es ähnliche Projekte, etwa da, wo Miriam Mandelkow (in den Niederlanden geboren, weiß, non-binär) James Baldwins Werke für Deutsche verständlich ins Deutsche übersetzt hatte. „Eine Übersetzung ist nie identisch mit dem Original. Sie bleibt Text.“ (Tobias Rüther, FAS 7.3.21)

3304: Giovanni di Lorenzo: Zur Lage der Mainstream-Medien

Montag, März 8th, 2021

Der Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, ist zu Recht dankbar und stolz, dass sein Blatt im Jahr seines 75-jährigen Bestehens die höchste Auflage seiner Geschichte hat. Eine Ausnahme im Meer der krisengeschüttelten Mainstream-Medien, in dem überall Auflagen und Einnahmen wegbrechen. Di Lorenzo hat selber große Verdienste daran. Ich habe ihn schon in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts als Vortragsredner in der politischen Akademie Tutzing erlebt.

Natürlich verweist er nochmals darauf, dass und wie Marion Gräfin Dönhoff, die spätere Chefredakteurin, Mitte der fünfziger Jahre den deutsch-nationalen Geist des damaligen Chefredakteurs Richard Tüngel überwunden hat. Das Blatt steuerte von da an einen liberalen Kurs, der darin bestand, „abweichende Ideen nicht zu diffamieren und Kritik am Bestehenden nicht als Ketzerei zu verfolgen, sondern die Minderheiten zu schützen und Offenheit zum Gegensätzlichen zu praktizieren.“

Worauf di Lorenzo aber auch hinweist, und dies ist sein größtes Verdienst in diesem Beitrag, ist die Tatsache, dass Journalisten zwar in Russland und auf Malta mit ihrer Ermordung rechnen müssen, aber auch bei uns Journalisten drangsaliert und bedroht werden. Als Beispiel wählt di Lorenzo verdienstvollerweise leitende Redakteure und Kollegen der Springer-Presse, die von links bedroht werden. „Die Journalisten dort und auch ihre Wohnungen und Häuser müssen immer wieder gesichert werden, und der Chefredakteure der ‚Bild‘-Zeitung wird sogar in einer gepanzerten Limousine gefahren.“

Worauf Giovanni di Lorenzo aber hinauswill, und dies überzeugt vollkommen, ist die Kritik an der Herrschaft der

Identitätspolitik

auch im Journalismus. Er verweist auf einen Shitstorm, den eine weiße Kolumnistin der „New York Times“ auf sich gezogen hatte, weil sie zwei Frauen mit asiatischen Wurzeln kritisiert hatte. Di Lorenzo weist hin auf den weltberühmten US-Basketballer, der sich nicht getraut hatte, einen ergreifenden Nachruf auf einen schwarzen Kollegen in der „Zeit“ zu veröffentlichen, weil der schwarz war. Und er gibt das Beispiel des berühmten Wissenschaftsjournalisten Donald McNeil wieder von der „New York Times“. Der hatte irgendwann auf einer Schülerreise seiner Zeitung vor Jahren das N-Wort zitiert. „Dagegen liefen aber nicht irgendwelche repressiven Mächte aus Politik, Wirtschaft oder Kirche Sturm, sondern 150 der weit über tausend Angestellten der Zeitung. Chefredakteur und Herausgeber der NYT knickten ein und drängten McNeil nach 45 Jahren aus der Redaktion.“ (Giovanni di Lorenzo, Die Zeit 25.2.21).

3303: Neuer Waffenfund bei Bundeswehrsoldaten

Sonntag, März 7th, 2021

Es gibt viele Anzeichen dafür, dass im öffentlichen Dienst (Polizei, Bundespolizei, Bundeswehr) einige Gruppen von Rechtsextremisten tätig sind. Das erklärt womöglich einiges Versagen (NSU, Anis Amri usw.). Es ist brandgefährlich. Denn hier soll ja unsere innere und äußere Sicherheit gewährleistet werden.

Nun sind wieder Waffen, Munition und sogar ein Umsturzplan gefunden worden. Bei einem 21-jährigen Hauptgefreiten der Bundeswehr aus Glashütten im Hochtaunuskreis, der in Pfullendorf/Baden-Württemberg stationiert ist. Er ist von Spezialkräften der hessischen Polizei festgenommen worden. Arretiert wurden auch sein Vater und sein Bruder. Es wurde ein Manifest gefunden mit dem Titel „Wie man die Macht in Deutschland übernehmen könnte“. Die Ex-Freundin des Mannes hatte der Polizei einen Tipp gegeben.

Sichergestellt wurden umfangreiche Beweismittel: scharfe Waffen, diverse Munition, Spreng- und Explosivstoff. Die Bundeswehr erklärte, dass sie die Strafverfolgungsbehörden bei ihren Ermittlungen unterstützen würde. Zuletzt hatte mehrfach das Komando Spezialkräfte (KSK) im Zusammenhang mit Munitionsvorfällen Schlagzeilen gemacht. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte den Verband schließlich komplett durchleuchten lassen. Wir können ihr dabei nur Glück wünschen. Denn ihre Vorgänger*innen, zuletzt Ursula von der Leyen (CDU), waren an dem Vorhaben gescheitert. Wir müssen befürchten, dass es in der Bundeswehr rechtsextreme Netzwerke gibt. Das kann für die Bundesrepublik lebensgefährlich werden (Mike Szymanski, SZ 2.3.21).

3302: Die SPD will meine Stimme nicht.

Samstag, März 6th, 2021

Unser ehemaliger Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hatte am 22. 2. in der FAZ die Identitätspolitik der SPD missbilligt und mehr Miteinander gefordert. Die zweifache Präsidentschaftskandidatin der SPD, Gesine Schwan, hatte ihn unterstützt (vgl. hier Nr. 3294) und das Ganze politologisch untermauert. Nun ist Wolfgang Thierse aus dem Parteivorstand kritisiert worden. Von Saskia Esken und Kevin Kühnert. Sie finden Thierses Ausführungen „beschämend“ und setzen auf Dogmatik statt Dialog, auf Ausgrenzung statt Ausgleich. Die klassische Kernwählerschaft der SPD haben sie wohl schon aus dem Auge verloren.

Was die Sache so bitter und aussichtslos macht, ist die Tatsache, dass Wolfgang Thierse zu einer Gruppe gehört, die von den politischen Ideologen ohnehin bereits vollständig abgeschrieben ist, „die alten weißen Männer“. Thierse ist 77. Auch ich gehöre mit 75 zu dieser Gruppe. Wir werden von den Verkündern des modernen Zeitgeists nur noch diskriminiert. Fast reihen sich Esken und Kühnert bei den Toni Hofreiters (Grüne) und Bernd Riexingers (Die Linke) ein und bilden damit eine Riege, die für die Politik der Bundesrepublik ungeeignet ist.

Aber das ist noch nicht alles. Denn der ehemalige Hamburger Bürgermeister und Bundesminister Klaus von Dohnany hat in einem Interview mit Jana Werner (Die Welt, 6.3.21) verlangt, dass Saskia Esken und Kevin Kühnert sich bei Wolfgang Thierse für ihre „Entgleisung“ entschuldigen sollten. Hier wird nun völlig klar, dass die „alten weißen Männer“ in der SPD nur Unheil anrichten. Dohnany ist 92. Der hätte spätestens mit 75 automatisch aus der SPD ausgeschlossen gehört. Toni Hofreiter mit seinen 50 Jahren können wir noch durchgehen lassen, Bernd Riexinger mit seinen 65 gehört schon zu den „alten weißen Männern“. Die SPD liegt zur Zeit bei 16 Prozent, mit ihrer Identitätspolitik schafft sie es noch auf zehn (10) (Joachim Käppner, SZ 6./7.3.21).

Meine Stimme will die SPD ja anscheinend nicht.

3301: Korruptions-Verdachtsfälle in der CDU

Samstag, März 6th, 2021

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Georg Nüßlein will sich aus der Politik zurückziehen. Er wird beschuldigt, für die Vermittlung von Corona-Masken 660000 Euro kassiert zu haben. Das bestreitet Nüßlein. Axel Fischer (CDU) soll von Aserbeidschan für Lobbydienste bezahlt worden sein. Nikolaus Löbel (CDU) hat angeblich 250000 Euro für die Vermittlung von Masken bekommen. Im letzten Jahr war das Büro der Abgeordneten Karin Strenz (CDU) durchsucht worden. Jahrelang hatte die Union die Einrichtung eines Lobby-Registers verhindert. Im Zuge der Pandemie waren ihre Werte auf ca. 40 Prozent gestiegen. Sie dürften jetzt fallen. Die Verdachtsfälle bringen das ganze Parlament in Verruf. Sie erfordern eines: eine deutliche Verschärfung der Regeln. Der Fall Philipp Amthor (CDU) hatte im letzten Jahr gezeigt, dass Abgeordnete manche Zuwendungen gar nicht offenlegen müssen (Robert Rossmannb, SZ 6./7.3.21).

3300: Alternative zum Begriff „Rasse“ im GG

Samstag, März 6th, 2021

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) haben sich darauf geeinigt, den Begriff „Rasse“ im Artikel 3 GG zu ersetzen durch die Formulierung, dass eine Diskriminierung aus „rassistischen Gründen“ verboten ist. Kommende Woche soll der Entwurf dazu vom Bundeskabinett beschlossen werden. Eine Verfassungsänderung erfordert eine Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat (FAZ 6.3.21).

3299: Hausärzte sollten gegen Corona impfen.

Freitag, März 5th, 2021

Hausärzte kennen ihre Patienten am besten. Mögliche Vorerkrankungen, Allergien und Empfindlichkeiten Einzelner. Warum sie bisher nur in „Modellversuchen“ zum Impfen gegen Corona zugelassen sind, erschließt sich nicht so recht. Nach der Meinung des langjährigen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Dr. Michael Kochen, wäre die Anlieferung und Zubereitung von mRNA-Impfstoffen über Apotheken leicht möglich. Der Impfstoff von Biontech hält sich bei minus 20 Grad mindestens zwei Wochen. Ähnlich Moderna.

Für die Impfstoffe von Astra Zeneca und Johnson & Johnson, der bald zugelassen wird, wäre die Verwendung durch Hausärzte ohnehin unproblematisch. In Brandenburg und Baden-Württemberg beginnt das Impfen durch Hausärzte in Modellprojekten. Dann wird die Corona-Impf-Verordnung des Bundes geändert. Gerade angesichts sich ausbreitender Mutanten ist die Beschleunigung des Impfens durch Hausärzte sehr sinnvoll. Das hilft auch logistisch. Denken wir an die drei Millionen über 80-Jährigen, die nicht in Altenheimen leben (Werner Bartens, SZ 4.3.21).