Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3597: Homöopathie ist keine Medizin.

Mittwoch, Oktober 20th, 2021

Auf dem Bayerischen Ärztetag haben 140 Delegierte bei einer Gegenstimme und drei Enthaltungen beschlossen, die Zusatzbezeichnung Homöopathie zu streichen. Sie kann in der Medizinausbildung nicht mehr erworben werden. Ärzte, welche die Zusatzbezeichnung jetzt schon führen, können sie behalten. In der ärztlichen Weiterbildung habe Homöopathie nichts verloren. „Die medizinische Irrelevanz von Homöopathie als spezifische Arzneimitteltherapie ist bei der vorliegenden Erkenntnislage unbestreitbar.“ Anhänger der Entscheidung bezeichneten den Beschluss als „Erdrutschsieg“. Damit hat sich – wie in anderen Bundesländern auch – das Lager der Homöopathie-Gegner durchgesetzt (Dietrich Mittler, SZ 18.10.21).

3596: Springer entlässt Julian Reichelt.

Dienstag, Oktober 19th, 2021

Der Medienkonzern Axel Springer entlässt „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Ihm hatten mehrere Mitarbeiterinnen Übergriffe vorgeworfen, auch Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Springer teilte mit, dass man in den vergangenen Tagen neue Erkenntnisse über das Verhalten Reichelts gewonnen habe. Neuer Vorsitzender der „Bild“-Chefredaktion wird Johannes Boie, gegenwärtig Chefredakteur von „Welt am Sonntag“ (SZ 19.10.21).

Inzwischen haben Recherchen der SZ recht bizarre Dinge ans Tageslicht gefördert. So soll Reichelt einer Mitarbeiterin gefälschte Scheidungspapiere gezeigt haben, um seine Verfügbarkeit zu beweisen.

Schwerwiegender ist das, was in der New York Times steht. Dort wird Konzernchef Mathias Doepfner zur Verteidigung Reichelts folgendermaßen zitiert: Reichelt sei „really the last and only journalist in Germany who is still courageously rebelling against the new GDR authoritarian state“ (Aurelie von Blazekovic, Laura Hertreiter, Cornelius Pollmer, SZ 19.10.21). Dass Herr Doepfner Deutschland (in der Pandemie) mit der DDR gleichsetzt, mag ich mir nicht vorstellen.

3595: Gerd Ruge ist tot.

Montag, Oktober 18th, 2021

Er war einer der legendären Reporter im deutschen Journalismus nach 1945, hauptsächlich im Fernsehen. Gerd Ruge, der nun im Alter von 93 Jahren in München gestorben ist. Begonnen hatte seine Karriere 1949 noch beim Namensgeber des Adolf-Grimme-Preises, Adolf Grimme, beim NDR. 1950 war er der erste westliche Korrespondent in Jugoslaweien, 1956 ging er nach Moskau, 1964 nach Washington, später wieder nach Moskau. Zwischendurch war er für die „Welt“ in Peking (z.B. beim Tod Mao Tse Tungs 1976). Wir kennen ihn als Russland-Experten. Mit dem heftigen Nuscheln. Das erschien beinahe als Qualitätsmerkmal.

1963 hatte er mit Klaus Bölling den „Weltspiegel“ begründet, der bis heute unser deutsches Wissen über die Welt befördert. 1961 hatte Ruge gemeinsam mit Carola Stern und Felix Rexhausen die deutsche Sektion von Amnesty International gegründet. Er wurde Chefredakteur des WDR. Legendär ist seine Reportage zur Ermordung Robert Kennedys 1968, fünf Jahre nach dem Mord an John F. Kennedy und zwei Monate nach der Ermordung Martin Luther Kings. Da zeigte Gerd Ruge während der Reportage menschliche Züge, er zittert und musste seine Tränen verbergen. Die offizielle Politik mied Gerd Ruge nach Kräften. Er berichtete von ihren Folgen für die Menschen. „Wer Ruge sah, musste ihn hören, musste ihm angespannt zuhören, um nur ja nichts von dem zu verpassen, was er aus dem finsteren Russland und aus dem kaum leichter zu begreifenden Amerika zu berichten hatte.“ (Willi Winkler, SZ 18.10.21)

3594: Manfred Weber (CSU) gegen Überdenken des Atomausstiegs

Sonntag, Oktober 17th, 2021

Manfred Weber (CSU), 49, führt seit 2014 die EVP-Fraktion im EU-Parlament an, die größte Fraktion. Kürzlich wurde er mit 93,7 Prozent wiedergewählt. Bei einem endgültigen Scheitern von Markus Söder bei der bayerischen Landtagswahl 2023 gilt er bei vielen als geborener Nachfolger. Weber wurde von Sebastian Beck und Andreas Glas (SZ 16./17.10.21) interviewt:

SZ: Sollte Deutschland den Ausstieg aus der Atomenergie überdenken?

Weber: Nein. Der Ausstieg ist gesellschaftlich entschieden, und er erzeugt den Druck, dass wir schneller die regenerativen Energiequellen ausbauen. Wir müssen aus den alten Energieträgern herauskommen, schauen Sie sich nur mal die Gaspreise an. Aber wir brauchen keine Retro-Debatte, sondern eine Debatte über die Zukunft. …

3593: Leben auf dem Land wird teurer.

Sonntag, Oktober 17th, 2021

Die Immobilienpreise auf dem flachen Land steigen mittlerweile stärker als in Großstädten. Die Preise für Häuser in ländlichen Gebieten haben sich seit 2018 mehr als verdoppelt. Frankfurt und Stuttgart legten „nur“ um 30 Prozent zu. Nach Jahren der Landflucht wächst die Landbevölkerung wieder. Nur die unter 30-Jährigen zieht es in die Metropolen. Ein Grund für die Entwicklung sind die hohen Preise in Ballungsräumen. Sollte Homeoffice populär bleiben, nehmen Arbeitnehmer längere Anfahrtswege in Kauf, wenn sie nicht mehr täglich fahren müssen. In letzter Zeit sind in ländlichen Gegenden mehr Arbeitsplätze entstanden (dys., FAS 17.10.21).

3592: Elke Heidenreich hat sich’s mit einigen Feministinnen verdorben.

Freitag, Oktober 15th, 2021

Sarah Lee-Heinrich, 20, ist kürzlich zur Sprecherin der Grünen Jugend gewählt worden. Ihr Vater war ein Schwarzer. Im Alter von 14 Jahren, also als Kind, hat Heinrich im Netz einige törichte Bemerkungen gemacht. Die sind heute nicht mehr von Belang (insbesondere nicht bei jenen, die – wie ich – das Wahlalter nicht auf 12 senken wollen), führen aber dazu, dass sie Morddrohungen bekommt. Das ist ganz und gar falsch.

Elke Heidenreich, 79, ist Schriftstellerin und Literaturkritikerin. Sie hat im Fernsehen häufig kundig über Literatur gesprochen, auch den westdeutschen Biedersinn verspottet. Sie kennt sich sogar im Sport aus. Bei Markus Lanz hat sie nun Sarah-Lee Heinrich bescheinigt, sie „könne gar nicht sprechen“. „Sie hat gar keine Sprache.“ Danach hat Heidenreich eine Wutrede auf die Gesellschaft gehalten, in der sie fragte, warum sie eine Schwarze nicht fragen dürfe, woher sie komme, man sehe doch, dass sie nicht aus Wanne-Eickel oder Wuppertal stamme.

Das hat als Feministin vom Dienst Constanze von Bullion auf den Plan gerufen (SZ 15.10.21). Sie schilt Elke Heidenreich. Und sie teilt uns mit, „dass Deutschsein, Sprache und Zugehörigkeit, auch akademische Satisfaktionsfähigkeit, nicht durch Haut- und Haarfarbe erkennbar sind“. Aha.

Elke Heidenreich habe sich des „Otherings“ schuldig gemacht.

Ich verstehe Elke Heidenreich sehr gut.

3591: Gauweiler-Kanzlei versorgte Klienten mit Insiderwissen.

Donnerstag, Oktober 14th, 2021

Zu den CSU-Abgeordneten, die Mandat und Geschäft miteinander verquicken, scheint auch der ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete

Peter Gauweiler

zu gehören. Er ist heute Kanzleipartner von

Alfred Sauter (CSU),

der in der Maskenaffäre beschuldigt wird. Es gibt mindestens einen Fall aus dem Jahr 2012, wo Klienten von der Gauweiler-Kanzlei mit Insiderwissen versorgt wurden. Es ging um das Jahressteuergesetz 2013. Dafür interessierte sich auch der Frankfurter

Steueranwalt Hanno Berger,

der wohl selbst betroffen war. Damit wird sich womöglich ein Untersuchungsausschuß im bayerischen Landtag beschäftigen. Außer Alfred Sauter (CSU) wird auch der ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete

Georg Nüßlein (CSU)

in der Maskenaffäre beschuldigt. Sauter und Nüßlein haben für die Vermittlung von Corona-Schutzmasken hohe Honorare kassiert. Der Untersuchungsausschuß soll auch den millionenschweren Verkauf von Corona-Schutzkleidung des Schweizer Unternehmens Emix an Gesundheitsministerien in Bayern, in Nordrhein-Westfalen und im Bund überprüfen (Klaus Ott, SZ 14.10.21).

3590: Youtube sperrt zwei Videos.

Mittwoch, Oktober 13th, 2021

Wenn Schauspieler hanebüchenen Unsinn verzapfen, stört uns das kaum, weil es ja Schauspieler sind. Youtube hat jetzt zwei Videos der Initiative #allesaufidentisch, der Nachfolgeinitiative von #allesdichtmachen, gesperrt, weil sie gegen Richtlinien zu medizinischen Fehlinformationen verstießen. U.a. hatte dort der

Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther

behauptet, weil auch Geimpfte das Coronavirus weiterverbreiten könnten, „nützt Ihnen die Impfung nichts.“ „Sie können sich nur davor schützen, dass Sie auf der Intensivstation landen.“ Das halten viele Corona-Experten für „hanebüchenen Unsinn“. #allesaufidentisch hält die Löschungen unter Berufung auf die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit für rechtswidrig. Deren Anwalt, Joachim Steinhöfel, gelangt in einem Gespräch mit einem Schauspieler zu dem Schluss, Deutschland betreibe „digitale Massenvernichtung freier Rede“.

Dagegen wendet sich der „Deutsche Journalisten-Verband“ (DJV), er hält das für Panikmache. „Anders als in Ländern, in denen die Presse- und Meinungsfreiheit tatsächlicujh bedroht ist, verfolgt sie hierzulande niemand dafür. Niemand verhaftet oder bedroht sie, niemand verbietet es – offensichtlich nicht mal der gesunde Menschenverstand.“

Die Verschwörungserzählungen lauten, die Impfung wirke nicht zuverlässig. Die Pharmabranche kaufe Studien. Gewarnt wird vor der

Abschaffung des Bargelds,

ein klassisch antisemitisches Narrativ. Die Faktenchecker seien „Propagandamaschinen, die sich als Journalismus verkleiden“. Wissenschaftler wie Christian Drosten und Ugur Sahin oder Politiker wie Jens Spahn (CDU) oder Karl Lauterbach (SPD) wollen mit #allesaufidentisch nichts zu tun haben (Simon Hurtz, SZ 12.10.21).

3589: AfD verliert und rückt nach rechts.

Dienstag, Oktober 12th, 2021

Bei der Bundestagswahl hat die AfD im Bund ein Fünftel (20 Prozent) ihrer Wähler verloren. Im Osten (Sachsen 10, Thüringen 4, Sachsen-Anhalt 2) dagegen 16 Direktmandate und die Mehrheit in Sachsen und Thüringen gewonnen. Die Ossis sind noch nicht so weit. Jörg Meuthen kandidiert im November nicht wieder für den Vorsitz. Er hat Angst vor einer Niederlage. Galt ja zuletzt als „Gemäßigter“. Noch am Wahlabend traten massive Differenzen zu den Spitzenkandidaten Tino Chrupalla und Alice Weidel zutage. Die wollten sich ihr Ergebnis nicht schlechtreden lassen. Meuthen war analytisch und scharf. „Man wusste bei diesem Vorsitzenden nie ganz genau, was Überzeugung und eher Opportunismus war.“ Er sprach vom „links-rot-grün-versifften 68-Deutschland“, also von mir und von uns. Im Vorstandskreis war er eher isoliert. Das ist bei der AfD ja nach Erfahrungen der letzten Jahre nichts Neues. Die „Gemäßigten“ stehen auf verlorenem Posten (Jens Schneider, SZ 12.10.21; Philipp Saul, SZ 12.10.21).

3588: Merkels Fehler

Dienstag, Oktober 12th, 2021

An der Misere von CDU und CSU sind natürlich viele schuld. Nicht ein Einzelner. Heiner Geißler und Wolfgang Schäuble hielten und halten die Aufspaltung in zwei Parteien für einen historischen Fehler. Die CSU (gerade unter Strauß und Stoiber) führte gerne das große Wort, auch wenn sie tatsächlich, wie jetzt wieder unter Markus Söder, schlechte Wahlergebnisse (Niederlagen) einfuhr und einfährt. 1976 und 2015 drohte der Bruch zwischen CDU und CSU.

Aber auch die Erfolgs-Kanzlerin in 16 Jahren, Angela Merkel, die jetzt an vielen Orten in der Welt als Chefin Europas gefeiert wird, hat schwere Fehler begangen. Sie lagen nicht darin, dass sie eine brutale Machtpolitikerin war. Sie lagen darin, dass sie, nachdem sie den letzten ernst zu nehmenden Konkurrenten in der CDU aus dem Weg geräumt hatte, kein Interesse mehr an der Partei hatte. Sie hat sträflicherweise darauf verzichtet, einen Nachfolger zu präparieren und präsentieren. Und ihr neuer Kurs wurde nicht programmatisch aufgearbeitet und abgesichert.

„Insofern werden die neuen Trennungslinien auch nicht zwischen CDU und CSU verlaufen. Sie werden zwischen Wirtschaftsliberalen und Sozialpolitikern verlaufen, zwischen den Traditionalisten, die sich eine gute, alte Zeit zurückwünschen (und mit Friedrich Merz einen Mann von gestern an der Spitze), und jenen, die wissen, dass eine moderne konservative Partei neue Antworten auf die Herausforderungen der Zeit finden muss.“ (Peter Fahrenholz, SZ 12.10.21)