Der bekannteste deutsche Journalist, Ulrich Wickert, wird 80 Jahre alt. Von 1984 bis 1991 war er Leiter des Pariser ARD-Studios, von 1991 bis 2006 moderierte er die „Tagesthemen“. Er hatte seit 1961 Politikwissenschaft und Jura studiert und sein erstes juristisches Staatsexamen 1968 abgelegt. Zwischendurch hatte er in den USA studiert. Wickert war von 1969 bis 1977 Redakteur bei „Monitor“. Danach arbeitete er in Paris. 2005 wurde er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Neben zahlreichen Sachbüchern hat Wickert einige in Frankreich spielende Kriminalromane verfasst. Als wir ihn 1982 auf einer Instituts-Exkursion im ARD-Studio Paris besuchten, erwies er sich als außerordentlich freundlicher, interessierter und kundiger Gastgeber. In Sachfragen war er scharf und klar.
Archive for the ‘Gesellschaft’ Category
4124: Ulrich Wickert 80
Freitag, Dezember 2nd, 20224123: Der Bundestag muss kleiner werden.
Freitag, Dezember 2nd, 2022Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) will endgültig eine Verkleinerung des Bundestages durchsetzen, die vorher vielfach gescheitert war, weil viele Abgeordnete mehr an sich als an eine demokratische Struktur gedacht hatten. Die Regelgröße liegt bei 598. Tatsächlich hat der Bundestag gegenwärtig 736 Abgeordnete. Frau Bas möchte ihr Ziel zügig erreichen. Spätestens Anfang 2023. Die Ampelkoalition hat in dieser Angelegenheit bisher versagt. Sie hat in „Richtung“ einer Verkleinerung agiert. Ein schon vorgelegter Reformvorschlag will, dass nicht mehr jeder Wahlkreissieger ein Bundestagsmandat bekommt. Entscheidend ist die Begrenzung der Überhangs- und Ausgleichsmandate. Vorbehalte hat nicht zuletzt die SPD-Bundestagsfraktion. Dort gibt es viele direkt gewählte Abgeordnete. Bärbel Bas: „Die Zusammensetzung und die Größe des Parlaments müssen für alle Wählerinnen und Wähler verständlich und nachvollziehbar sein.“ (Robert Roßmann, SZ 2.12.22).
Auf geht’s !
4122: 1932/33 Holodomor
Donnerstag, Dezember 1st, 2022Im Stalinismus vor 90 Jahren ließ die Sowjetunion (UdSSR) 1932/33 knapp 4 Millionen Ukrainer verhungern, weil deren Getreide exportiert werden sollte, um damit die Industrialisierung zu finanzieren. Wir nennen es Holodomor. Dieser wurde nun vom Bundestag per Resolution als Völkermord anerkannt (gegen die Stimmen von Linken und AfD). Die Sowjetunion verhinderte seinerzeit durch Abriegelung die Flucht der Ukrainer. Ein Genozid richtet sich laut Definition gegen „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche“. Stalins Geheimpolizei jagte und ermordete damals die ukrainische Elite mit dem Ziel, diese als Träger kultureller Identität zu vernichten (Ronen Steinke, SZ 30.11.22).
W.S.: Das hören unsere Kommunisten nicht so gerne.
4121: Rosa von Praunheim 80
Mittwoch, November 30th, 2022Der führende Pionier der deutschen Schwulenbewegung, Rosa von Praunheim, wird 80 Jahre alt. Geboren wurde er als Holger Mischwitzky im Frankfurter Stadtteil Praunheim. Mit „Die Bettwurst“ und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ lieferte er 1971 zwei Spielfime, die heute Kultstatus genießen. Einmal schaltete sich dabei der BR aus und machte damit Praunheim erst so richtig berühmt. Sein letzter Film „Rex Gildo – der letzte Tanz“ ist dem schwulen Schlagersänger gewidmet. Rosa von Praunheim blieb immer bei der Sache und outete Alfred Biolek und Hape Kerkeling. Ältere Schauspielerinnen wie Evelyn Künnecke erlebten bei Praunheim späte Höhepunkte ihrer Karriere. Praunheim aktuell: „Ich suche jemanden, der mir eine Million gibt, damit ich zehn neue Filme machen kann.“ (Josef Grübl, SZ 25.11.22)
4120: Verlage fordern Freilassung von Assange.
Dienstag, November 29th, 2022Die Verlage des „Spiegels“, der „New York Times“, des „Guardian“, von „Le Monde“ und „El Pais“ fordern in einem offenen Brief von der US-Regierung, den Wikileaks-Gründer Julian Assange freizulassen. Die Anklage gegen Assange sei „ein gefährlicher Präzedenzfall und ein Angriff auf die Pressefreiheit“ (SZ 29.11.22).
4119: Bundeswehr hat zu wenig Munition.
Dienstag, November 29th, 2022Der Bundeswehr fehlt Munition in Höhe von 20 Milliarden Euro. Die Wehrbeauftragte des Bundestages, Eva Högl (SPD), verlangt deshalb von der Bundesregeirung einen „Fahrplan“ zur Behebung dieses Mangels. Deutschland ist weit davon entfernt, die Nato-Vorgaben für Vorräte zu erfüllen. Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) wehrt sich gegen den Vorwurf, dass er an dem Mangel schuld sei. Trotz des im Sommer beschlossenen Sondervermögens für die Bundeswehr seien „noch so gut wie keine Neubestellungen bei unseren Mitgliedsunternehmen eingegangen“. Viele Aufträge landeten bei ausländischen Unternehmen (SZ 29.11.22).
4118: Soforthilfe kommt im Dezember.
Montag, November 28th, 202220 Millionen Haushalte in Deutschland sollen im Dezember von der staatlichen Soforthilfe für Gaskunden profitieren. Sie kommt grundsätzlich allen zugute, die mit Gas heizen. Mieter erhalten sie mit der Betriebskostenabrechnung 2023. „Wer dem Energieanbieter eine Einzugsermächtigung erteilt hat, muss nichts tun.“ In der Regel bucht der Energieversorger den Dezember-Abschlag einfach nicht ab. Kunden, die das Geld selbst überweisen, müssen die Zahlung aussetzen, um unmittelbar zu profitieren (SZ 28.11.22).
4117: Hans Magnus Enzensberger ist tot.
Sonntag, November 27th, 2022Mit 93 Jahren ist in München Hans Magnus Enzensberger gestorben. Er gehörte zu den wenigen Groß-Intellektuellen in Deutschland. Wie Günter Grass, Martin Walser, Ingeborg Bachmann, Heirich Böll oder Paul Celan. Ihr Thema war die Nazi-Vergangenheit. Als Enzensberger schon 1963 den Büchnerpreis bekam, dekonstruierte er die Annahme, dass Schriftsteller das Gewissen der Nation seien. Die Nation war Enzensberger ohnehin suspekt. Aus guten Gründen. Es ist kein Zufall, dass sein Einfluss nach 1990 stark abnahm. Lange Zeit galt Hans Magnus Enzensberger als „links“, er hat sich aber nirgends vereinnahmen lassen, gab eher den kritischen Beobachter vom Rande. Nicht selten auch überheblich. Enzensberger war Gedichteschreiber, Essayist und oft mittendrin im Getümmel, ohne stets den Überblick zu haben.
Im Kursbuch 20/1970 lieferte er uns, gestützt auf Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936), seinen „Baukasten zu einer Theorie der Medien“. Brauchbar bis auf den heutigen Tag.
„Die Nation, die Enzensberger so suspekt war, braucht offenbar keine hauptberuflichen Gewissensträger mehr, schon gar nicht Literaten. Für den Alltag gibt es Markus Lanz, für den Notfall den Deutschen Ethikrat, ein Gremium, das sich , wie es selbst sagt, ‚mit den großen Fragen des Lebens beschäftigt‘. Hätte man Hans Magnus Enzensberger gefragt, ob er sich ‚mit den großen Fragen des Lebens beschäftigt‘, hätte er gegrinst und irgendetwas Garstiges gesagt.“ (Kurt Kister, SZ 26./27.11.22).
4116: Gewalt in der Familie
Freitag, November 25th, 2022113 Frauen und 14 Männer sind im vergangenen Jahr von ihrem Partner bzw. Ex-Partner ermordet worden. Das geht aus der Statistik des Bundeskriminalamts hervor. Insgesamt ist die Zahl der Opfer von Gewalt in der Partnerschaft mit 143604 im Jahr 2021 gegenüber dem Vorjahr leicht zurückgegangen. Im Fünfjahreszeitraum aber um 3,4 Prozent gestiegen. Das Dunkelfeld gilt als groß (SZ 25.11.22).
4115: Alice Schwarzer 80
Freitag, November 25th, 2022Sie ist die beherrschende Feministin in Deutschland seit den siebziger Jahren und hat sich große Verdienste erworben: beim Kampf für die Zulassung der Abtreibung, beim Kampf gegen Gewalt gegen Frauen, als Herausgeberin und Chefredakreurin der „Emma“: Alice Schwarzer. Sie wird am 3. Dezember 80 Jahre alt. Susan Djahangard und Gabriela Herpell haben sie für das SZ-Magazin (25.11.22) interviewt und andere Menschen zu ihr befragt.
Die Feministin und erfolgreiche Filmemacherin Helke Sander sagt: „Man kann es sich, glaube ich, nicht schlimm genug vorstellen, wie sie verachtet wurde. Aber das hatte weniger mit der Alice als mit den Medien zu tun. Weil sie so ein Hassbild abgegeben hat für viele Männer, die sich benachteiligt gefühlt haben, ist es in der Gesellschaft nie wirklich angekommen, dass die Frauenbewegung alle Probleme der Gesellschaft anspricht.“
Die ehemalige Chefredakteurin der „taz“, Bascha Mika, sieht Alice Schwarzer krtischer: „Sie hat der deutschen Frauenbewegung mehr geschadet als genutzt. Damals hätte es zig andere Spitzenfrauen gegeben, die den Feminismus nicht so eng gedacht und verkürzt hätten.“
Die ehemalige Chefredakteurin des WDR, Sonia Mikich, sagt: „Als die Frauenbewegung kam, war das wie eine Welle, die alles mitriss, alles umspülte. Ich war mittendrin. Und da tauchte eines Tages in einem Frauenzentrum oder an der Uni Alice Schwarzer auf. Und die hatte genau diesen Ton, den ich brauchte, diesen ganz freien, furchtlosen Ton. Sie konnte über Paragraf 218 sprechen, aber auch über Sex, über Politik. Genau das ist meine Bewegung, dachte ich. Und diese Frau ist interessant.“
SZ (an Alice Schwarzer): Verstehen Sie, dass Rosa von Praunheim, der ‚Alice Schwarzer der Schwulenszene‘ genannt wird, Ihnen das übelnimmt?
Schwarzer: Ich schätze Prauinheims große Verdienste in Bezug auf die Sichtbarmachung und Emanzipation der Homosexuellen, Männer wie Frauen. Ich nehme Rosa von Praunheim aber auch etwas übel: das Zwangsouting. Ich war zum Beispiel mit Alfred Biolek befreundet, den er zwangsgeoutet hat. Ich habe Bioleks Schmerz erlebt. Das geht überhaupt nicht. Man sollte zu einer Gesellschaft beitragen, in der ein Mensch ohne Angst oder Scham homosexuelle Beziehungen haben kann. Aber man hat nicht das Recht, jemanden zwangszuouten. …
W.S.: Bei allen Verdiensten Alice Schwarzers ist nicht zu übersehen, dass sie außerhalb der Geschlechterpolitik manchmal ordentlich danebenliegt. So etwa bei ihrer Empfehlung einer Kapitulation für die Ukraine nach dem Beginn des russischen Vernichtungskriegs.