Archive for the ‘Geschichte’ Category

3908: Marcel Reich-Ranicki-Ausstellung in Frankfurt

Freitag, Juni 17th, 2022

Pandemiededingt findet die Marcel Reich-Ranicki-Ausstellung erst jetzt statt. Geplant war sie für 2020 (100. Geburtstag). Ausgerichtet wird sie von der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt (in Zusammenarbeit mit dem Exilarchiv). Gewidmet ist sie Reich-Ranickis vielen Rollen in der deutschen Literatur. Er war von den Deutschen als Jude mit dem Tode bedroht, polnischer Agent und Konsul in London. Aber Marcel Reich-Ranicki war natürlich viel mehr: agnostischer Jude, Ruhestörer, Polemiker und Provokateur, Kritiker, Literaturchef und Medienstar. Das hatte er dem deutschen Fernsehen zu verdanken, wo er von 1988 bis 2001 „Das literarische Quartett“ präsentierte. Das haben wir ja heute noch, aber vielleicht nicht mehr mit der Relevanz wie bei Reich-Ranicki. Unter den Gegnern Reich-Ranickis habe ich viele Antisemiten gekannt.

Marcel Reich-Ranicki, der kurz nach dem Abitur 1938 in Berlin, nach Polen deportiert worden war, musste dort im Warschauer Ghetto überleben. Mit seiner Frau gelang ihm 1943 die Flucht. Seither lebten die Reich-Ranickis ständig mit dem Tod bedroht im Untergrund. Marcel übersetzt für den Judenrat. 1945 kamen sie nach Berlin. 1948 nach London. Dort arbeitete Reich-Ranicki auch für den kommunistischen Geheimdienst. Erst 1957 gelangten die Reich-Ranickis in die Bundesrepublik. Hier erfolgte die große Karriere als Literaturkritiker und Fernsehmoderator. Reich-Ranicki hatte sich die Popularisierung der Literaturkritik auf die Fahnen geschrieben, die auch ein Stück Trivialisierung mit sich brachte. Er verschaffte der Literatur ein höheren Stellenwert. Und war der wichtigste Literaturkritiker in Deutschland nach 1945 (Rudolf Walther, taz 7.6.22).

3906: Eine Frauenquote bei der CDU

Freitag, Juni 17th, 2022

Angela Merkel hat die CDU 18 Jahre lang geführt. Und sie hat nicht nur ein desaströses Ergebnis ihrer Russland-Politik hinterlassen. In den 18 Jahren gab es keine Frauenquote, obwohl die Partei sie dringend nötig gehabt hätte. Dafür setzt sich jetzt Friedrich Merz ein. In drei Jahren sollen 50 Prozent der Vorstandsämter an Frauen gehen. Damit zieht er Kritik des Wirtschaftsflügels und der Jungen Union auf sich. Die hatten ihn bei seiner Wahl noch gestützt. „Es hat nie gestimmt, dass ich dieser konservative Knochen von Vorgestern bin.“, sagt Merz.

Friedrich Merz hat erkannt, dass der geringe Frauenanteil in der CDU Wahlerfolge gefährdet. Es gibt keine CDU-Ministerpräsidentin mehr. Nur zwölf Prozent der Kreisverbände werden von Frauen geführt. Das geht 2022 nicht mehr. Die CDU soll ohnehin nur 25 Prozent weibliche Mitglieder haben. Das wird der Bedeutung von Frauen im gesellschaftlichen Leben nicht gerecht. Und – mal wieder – darf sich die CDU kein Beispiel an der CSU nehmen. Dort war Markus Söder mit seinem Plan einer Frauenquote 2019 gescheitert. Wundert das noch jemand? (Robert Rossmann, SZ 17.6.22)

3905: Der Rundfunkbeitrag bringt 3,8 Prozent mehr.

Donnerstag, Juni 16th, 2022

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschied im Juli 2021, dass die Erhöhung des Rundfunkbeitrags trotz des Widerstands aus Sachsen-Anhalt umgesetzt werden musste. Seither zahlen wir alle 18,36 Euro im Monat für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das ergibt 8,42 Milliarden, 3,8 Prozent mehr.

8,26 Milliarden Euro flossen an ARD, ZDF und Deutschlandradio, 159 Millionen erhielten die Landesmedienanstalten.

Das ZDF erhielt 2,1 Milliarden. Danach folgen absteigend und ihrer Größe entsprechend die ARD-Sender WDR, SWR und NDR. Die neun ARD-Anstalten kommen insgesamt auf 6 Milliarden Euro. Das Deutschlandradio kriegt 240 Millionen Euro (Aurelie von Blazekovic, SZ 15.&16.6.22).

3902: Die Westbalkan-Staaten gehören in die EU.

Dienstag, Juni 14th, 2022

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat die Westbalkan-Staaten

Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Kosovo, Albanien und Nord-Mazedonien

bereist. Seiner Meinung nach gehören sie in die EU. Damit hat er recht. Bereits 2003 in Thessaloniki wurde ein Beitritt in Aussicht gestellt. Seither ist viel Zeit vergangen. Hoffentlich nicht zu viel. Angesichts der hochaggressiven russischen Diktatur ist eine Einigung dringlich.

Aber es gibt noch manche Schwierigkeiten. Serbien will die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennen. Das ist natürlich unmöglich. Zuletzt hat Bulgarien angesichts einer bulgarischen Minderheit in Nord-Mazedonien den Beitritts-Prozess blockiert. Das muss aufhören. Olaf Scholz will im Herbst zu einer speziellen Konferenz nach Berlin laden, um den Beitrittsprozess zu fördern. Bedacht werden muss auch, dass in den USA eine Rückkehr Donald Trumps oder eines Wiedergängers droht. Passend ist auch der Kandidatenstatus der Ukraine für einen Beitritt in die EU (Daniel Brössler, SZ 13.6.22).

3900: Missbrauchs-Priester kein Pfarrer mehr

Dienstag, Juni 14th, 2022

Der auch strafrechtlich bereits verurteilte Priester Peter H., 74, ist kein Pfarrer mehr. Das teilte das Bistum Essen am Montag mit. Die SZ hatte den Fall 2010 enthüllt. Er fällt in die Amtszeit von Joseph Ratzinger als Münchener Erzbischof. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hatte dem Pfarrer die Ausübung der priesterlichen Dienste bereits 2010 untersagt. Dafür sprachen die vielen und schwerwiegenden Fälle von Kindesmissbrauch. Am gleichen Tag hat das Bistum Münster eine Studie zum Missbrauch vorgelegt. Von 1945 bis 2020 gab es dort 200 beschuldigte Kleriker und 610 Opfer sexueller Gewalt (SZ 14.6.22).

3899: Volker Beck Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG)

Montag, Juni 13th, 2022

Der ehemalige Grünen-Politiker Volker Beck ist zum Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) gewählt worden. “ Die Deutsch-Israelische Gesellschaft fordert von der Bundesregierung ein klares Bekenntnis zur Freundschaft mit Israel.“ „Wenn die Generalversammlung oder der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen Israel häufiger verurteilt als den Rest der Welt, dann ist etwas mächtig faul.“ Die Deutsch-Israelische Gesellschaft ist nach eigenen Angaben die größte bilaterale Freundschaftsorganisation in Deutschland mit rund 6.000 Mitgliedern an 55 Standorten (SZ 13.6.22).

3898: „Der Zölibat kann problemlos weg!“

Sonntag, Juni 12th, 2022

Hermann Häring, 84, hat in Tübingen bei Josef Ratzinger und Hans Küng Theologie studiert. Er war Jesuit und 25 Jahre Professor für Theologie in den Niederlanden. Mittlerweile ist seit langem aus dem Jesuitenorden ausgetreten und verheiratet. Evelyn Finger interviewt ihn zu Fragen der Kirchenreform (Zeit 25.5.22):

Zeit: Was denken Sie heute über den Zölibat?

Häring: Der Pflichtzölibat kann problemlos weg! Er ist nur deshalb so ein Zankapfel, weil das Priestertum als heilig gilt und Sexualität als das Gegenteil. Ein primitiver Gedanke! Zumal Frauen von dieser Art Sakralität ausgeschlossen sind.

Wer zölibatär leben will, darf das ja weiterhin tun.

Zeit: Nun hat die evangelische Kirche weibliche Pfarrer und Bischöfe. Trotzdem schrumpft sie.

Häring: Beiede Kirchen müssen ihr Menschenbild, ihr Gottesbild überprüfen. Dennoch wünsche ich mir als Katholik, dass wir aufhören, uns über uns selbst zu belügen. Viele Gemeinden verurteilen ihren Pfarrer keineswegs, wohl wissend, dass er heimlich eine Partnerin oder einen Partner hat. Ich hoffe, dass endlich einmal ein Bischof den Mut hat, zuzugeben, dass auch er nicht als Heiliger lebt.

3897: Garri Kasparow über Putin und Deutschland

Samstag, Juni 11th, 2022

Der 1963 in Baku (damals Sowjetunion) geborene aserbeidschanische Schachweltmeister Garri Kasparow lebt seit 2013 mit seiner dritten Frau und zweien seiner drei Kinder in den USA. Mit 22 wurde er Schachweltleister und hat seinen Titel vielfach verteidigt. 2005 zog er sich vom Schach zurück. In Russland gehörte er zur Opposition. Tanja Rest (SZ 11./12.6.22) hat er ein Interview gegeben.

SZ: 2015, nach der Besetzung der Krim, ist ein Buch erschienen, dass Sie „Winter is Coming“ genannt haben, nach Ihrer Lieblingsserie „Game of Thrones“. Wenn man es heute liest, ist es verblüffend, wie präzise Sie Putins nächste Schritte vorhergesagt haben.

Kasparow: Jahre bin ich für dieses Buch geächtet worden. Dabei gab es genügend Vorzeichen, und alle deuteten auf Krieg hin. Die Geschichte zeigt: Diktatoren sagen uns immer, was sie als Nächstes tun werden. Wie Hitler in „Mein Kampf“. Die Annexion der Krim war ein Test – null Reaktion aus dem Westen, das war eine Einladung für Putin. Ich wusste, dass er nicht stoppen würde. Er wollte die russisch-imperiale Grandeur zurückerobern, und ohne die Ukraine gibt es kein russisches Reich.

SZ: Sie lassen keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, dass Sie recht hatten.

Kasparow: Weil ich Putin zugehört habe und nicht will, dass die Zukunft von Leuten bestimmt wird, die immer noch glauben, man könnte mit ihm verhandeln!

SZ: Mit der Rolle Deutschlands sind Sie auch nicht besonders glücklich.

Kasparow: Mit Deutschland ist es eine Hängepartie. Scholz! Ich frage mich, ob er als Kanzler angetreten wäre, wenn er geahnt hätte, dass er jeden Morgen vor Angst schwitzend aufwachen würde: Soll ich Panzer nach Charkiw schicken oder nicht? … Wer hätte gedacht, dass die Grünen die entschiedenste Kriegspartei sein würden? Aber so ist das in der Geschichte. Jahrelang passiert nichts, und dann passiert alles innerhalb weniger Monate.

SZ: Sie waren es einmal gewohnt, Ihren Gegnern in die Augen zu sehen. Putin hingegen muss in Ihrem Leben so etwas wie ein Phantom sein.

Kasparow: Er ist ein geistloser Mann mit einem kriminellen Hintergrund, aufgewachsen auf den Straßen von Leningrad, geschult vom KGB. Der Mann ist mental krank, warum sollte ich mit ihm reden wollen?

3893: Gene bestimmen unser Leben.

Sonntag, Juni 5th, 2022

1. Immer noch heißt es vielmals, und nicht nur in der Psychologie, sondern auch in vielen Sozialwissenschaften, wir kämen als weißes, unbeschriebenes Blatt Papier auf die Welt. Das werde dann im Laufe des Lebens beschrieben (Stefanie Kara/Rudi Novotny, Die Zeit 19.5.22)

2. Diese Aussage ist falsch.

3. 2018 haben 3,2 Millionen Menschen einen Psychotherapeuten aufgesucht.

4. Die Seele ist heute mehr und mehr Menschen geläufig.

5. In Studien werden diejenigen, die weniger über psychische Gesundheit wissen, häufiger als depressiv eingestuft.

6. Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung, Arbeitslose, Kranke oder Alleinlebende leiden deutlich häufiger unter Depressionen als andere.

7. Wenn jedes denkbare Problem personalisiert wird, können gesellschaftliche Schwierigkeiten leichter auf den Einzelnen abgeschoben werden.

8. In Deutschland fällt es immer noch vielen Angehörigen pädagogischer Berufe schwer anzuerkennen, dass Schulleistungen mit der Veranlagung (Begabung) zu tun haben. Sie halten sich lieber an Ideologien.

9. Das „sozialökonomische Panel“, in dem 30.000 repräsentativ ausgewählte Deutsche regelmäßig befragt werden und das hervorragende Ergebnisse liefert, ist neuerdings durch ein Genprofil erweitert worden (Ulrich Bahnsen/Martin Spiewak, Die Zeit 19.5.22).

10. Dadurch kann die Ungleichheit unter den Menschen besser bestimmt werden.

11. Denn wer über soziale Unterschiede forscht, bleibt ohne genetische Informationen auf einem Auge blind.

12. Unsere Anlagen bestimmen nämlich unser Leben weit mehr, als wir bisher manchmal dachten.

13. Die Wissenschaft beginnt, die Blackbox der Vererbbarkeit zu öffnen.

14. Vererbt sind unsere Körpergröße, die Anlage zum Herzinfarkt, unsere Gewissenhaftigkeit, unser Egoismus und unser beruflicher Erfolg und vieles andere mehr.

15. Vieles, auf das wir stolz sind oder über das wir uns ärgern, ist unserem Einfluss entzogen. Wir haben unsere Gene nicht verdient.

16. Sprachprobleme sind zu 90 Prozent genetisch bedingt.

17. Trotzdem hat es natürlich einen Einfluss auf Menschen, ob mit ihnen wenig gesprochen oder wenig vorgelesen wird. Gene und Sozialverhalten ergänzen sich.

18. Gene beeinflussen zwar die Wahrscheinlichkeiten unseres Verhaltens, aber sie bestimmen sie nicht endgültig. Ihnen liegen hunderte bzw. tausende von Genvarianten zugrunde.

19. Genetische Unterschiede verschwinden nicht dadurch, dass wir sie ignorieren.

3892: Carolin Emcke: Wir hätten es wissen können.

Sonntag, Juni 5th, 2022

Die Publizistin Carolin Emcke beklagt, dass wir Russlands militaristisches und verbrecherisches Potential hätten kennen können, es aber vorzogen, dies zu übersehen (SZ 4./5./6.6.22):

„Dabei gab es ja nicht nur den Krieg im Kaukasus, nicht nur die Annexion der Krim oder die entgrenzte Gewalt in Syrien. Es gab nicht nur die Finanzierung trollig-orchestrierter Diskurs-Subvention und neo-völkischer rechter Bewegungen in Europa und den Vereinigten Staaten. Sondern es gab auch die gnadenlose Repression im Innern, gegen politische Oppositionelle, gegen sexuelle Minderheiten, gegen kritische Journalistinnen und Journalisten. Sie wurden wahlweise erschlagen oder eingesperrt, vergiftet oder erschossen, verbrannt oder verhöhnt. Das geschah nicht im Verborgenen. Die Spuren wurden nicht verwischt. Das waren keine geheimen Taten. Das war immer schon zu sehen, aber es waren offensichtlich Körper, um die nicht getrauert wurde, es waren Minderheiten, denen nahegelgt wurde, sie müssten eben mehr Geduld haben mit ihrer Anerkennung oder ihrer Kritik, so eine Demokratie brauche eben etwas Zeit – …“