Archive for the ‘Geschichte’ Category

4075: Baselitz verlangt Abhängen von Zieglers Triptychon „Die vier Elemente“

Montag, Oktober 24th, 2022

Georg Baselitz ist nach Gerhard Richter der ökonomisch zweit-erfolgreichste deutsche bildende Künstler. Er ist bekannt für seine Provokationen. Die sollen wohl seinen Marktwert steigern. Benannt hat sich Baselitz, der eigentlich Hans-Georg Kern heißt, nach seinem Geburtsort Deutschbaselitz in Sachsen. Baselitz hat behauptet, dass Frauen nicht so gut malen könnten wie Männer. Journalisten litten an „pandemischer Verblödung“. Gendern und Postkolonialismus hält er für abwegig. Und die Documenta war seiner abfälligen Kritik schon immer sicher.

Nun verlangt er, dass Adolf Zieglers Triptychon „Die vier Elemente“ aus dem Jahr 1937 in der Münchener Pinakothek abgehängt wird. Dort hängt es seit 2016. Es zeigt vier nackte Frauen. Im Kontext mit Werken der Moderne soll es den Kontrast dazu zeigen. Ziegler hatte die Ausstellung „Entartete Kunst“ 1938 mitorganisiert. Ziegler wird in der Pinakothek mit einem Werk von Otto Freundlich kontrastiert, der dann von den Nazis in Maidanek ermordet worden war. Für Baselitz hat das gegenwärtige Aufhängen des Ziegler-Bildes auch eine „nazi-propagandistische“ Wirkung. Das hat er in einem Brief an den Museumsleiter Bernhard Maaz mitgeteilt.

Baselitz hat gleich Widerspruch erfahren. Etwa von Christian Fuhrmeister vom Münchener Institut für Kunstgeschichte. Der sagt: „Wo, wenn nicht in Kunstmuseen, soll man über NS-Kunst diskutieren?“ Baselitz schaut auf eine Reihe eigener künstlerischer Provokationen zurück. 1963 hatte er einen Hitlerjungen mit Riesenpenis gemalt. Damit begann seine Erfolgsgeschichte. Baselitz erklärt: „Das Publikum hat mir beigebracht, dass Provokation in Deutschland nur funktioniert, indem man Bärtchen malt oder Hakenkreuze.“ Baselitz hat in über 60 Jahren ein prägnantes Werk expressiver Kunst geschaffen. Auch widersprüchlich. Weltstar ist er mit seinen Überkopf-Bildern geworden. Seine Methode war immer die Krasszeichnung von inneren Künflikten in figürlicher Kunst. Er wollte provozieren. „Seine bisweilen pauschalen Aussagen allzu wörtlich zu nehmen, hilft dabei nicht immer.“ (Till Briegleb, SZ 10.10.22)

4070: Simona Halep gedopt

Samstag, Oktober 22nd, 2022

Die ehemalige Tennis-Weltranglistenerste Simona Halep aus Rumänien war bei den US-Open im August 2022 gedopt. Das hat die B-Probe bestätigt. Halep hatte Roxadustat im Blut. Es wird bei Nierenproblemen eingesetzt und erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen. Das verbessert die Sauerstoffversorgung. Halep hat aktuell versichert, nie betrogen zu haben (SZ 22./23.10.22).

4068: Die „Precht- und Habermas-Deutschen“ sind von Putins Raketen besessen.

Freitag, Oktober 21st, 2022

Maxim Biller ist dafür bekannt, dass er manchmal schärfer rangeht als andere politische Analytiker. Diesmal („Zeit“ 20.10.22) berichtet er von seiner Auseinandersetzung mit Robin Alexander von der „Welt“, den ich für den besten deutschen politischen Journalisten halte. Biller schildert seine Frage an Alexander: „dass Putin im Kreml in Stalins altem Büro sitzt. Haben die Precht- und Habermas-Deutschen darum so viel Angst vor dem kleinen schlauen Russen, dachte ich, ist das ihr ewiges Stalingrad-Trauma? Wollen sie deshalb ihre drei traurigen Schützenpanzer selbst behalten? Und wieso lassen sie sich immer so leicht erschrecken?“

Alexander antwortet: „Erst haben die Russen den Zweiten Weltkrieg gewonnen, dann führten sie lange im Kalten Krieg – und halb Deutschland terrorisierten bis 1989 auch noch. Das hinterlässt Spuren.“ Und: „aus der Angst ihrer Großeltern vor dem Untergang des Dritten Reichs machten die Enkel die Angst vor den AKWs und der atomaren Apokalypse. Darum sind sie von Putins Raketen so besessen.“

4067: Emil Nolde – weiter umstritten

Montag, Oktober 17th, 2022

Dass von Nordfriesland einmal ein „kulturpolitisches Beben“ ausgehen würde, damit haben viele nicht gerechnet. Durch den Maler Emil Nolde, der weithin als Maler sehr beliebt und ein übler Nazi und Antisemit war. Das Nolde-Museum in Seebüll ist gerade frisch saniert worden. Die Aufklärung über Noldes Verstrickungen in den Nationalsozialismus, zurückhaltend formuliert, hatte der 2013 ins Amt gekommene Direktor der „Emil-und-Ada-Nolde-Stidtung“, Christian Ring, in Gang gesetzt und bis zum heutigen, viel besseren Stand weitergeführt. Vorher hatte die 1956 geründete Stiftung dafür gesorgt, dass Noldes ideologische Verfehlungen im „Giftschrank“ blieben. Das geht auf die Dauer nicht gut.

Nolde war beinahe als Widerstandskämpfer stilisiert worden. Erst Christian Ring sprach dann öffentlich von seinem „widerlichen Antisemitismus“. Zuerst kam dies in großem Stil in der Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin 2019 zum Ausdruck, die ich selbst gesehen habe. Emil Nolde war ein glühender Nazi. Die Legende vom Malverbot und „innerem Widerstand“ wurde nach 1945 wiederum von alten Faschisten verbreitet. Der für seine kräftigen Originalfarben, Orange, Azur, Himbeerrot, berühmte und bewunderte Nolde war ein fürchterlicher Ideologe. Zum rechten Verständnis kommt es – wie immer – auf die richtige

Kontextualisierung

an. Christian Ring sagt: „Es macht keinen Sinn, unter jedes Bild zu schreiben: Emil Nolde, Expressionist, Nationalsozialist, Antisemit. Es ist aber wichtig, dass wir die biografischen Aspekte mitschwingen lassen, ohne den Blick auf das Kunstwerk an sich zu verlieren.“ Wie weit dürfen Person und Werk auseinandergehalten werden? Seit der Bekanntgabe von Noldes NSDAP-Mitgliedschaft wird zunehemnd die Frage gestellt, ob Noldes Werk nicht doch seine böse Ideologie transportiert. Das ist die Gretchenfrage. Dabei stoßen wir darauf, dass solch ein Weltkünstler wie

Anselm Kiefer

sich dazu hat hinreißen lassen zu sagen: „Die Diskussionen in den Medien berühren nicht die Werke des Künstlers.“ Dabei wird deutlich, dass Kiefer wohl doch nicht ganz auf der Stufe eines problembewussten Demokraten steht. Haben das nicht einige schon immer gesagt?

Die angeblich kolonialistischen Bilder Noldes von seiner Papua-Neuguinea-Reise sollen nun im Vergleich mit den Porträts von Italienern, Spaniern und von Juden gezeigt werden, um sein „Menschenbild“ zu diskutieren. Von 1939 an malte Noldes keine regiösen Bilder mehr, weil er keine Juden zeigen wollte. Dafür präsentierte er Wikinger. Christian Ring: „Das Werk hält es aus, dass darüber hart diskutiert wird.“ Der Stiftungs-Direktor: „Wir wollen keine Deutungshoheit mehr über Nolde wie in der Vergangeheit. … Wir gehören hier in Seebüll zu Noldes schärfsten Kritikern – im besten Sinne.“ (Till Briegleb, SZ 17.10.22)

4066: Ampelkoalition versagt sogar bei der Korrektur der Bundestagswahl in Berlin.

Samstag, Oktober 15th, 2022

Dazu schreibt Robert Rossmann (SZ 15./16.10.22):

„Schon wenige Stunden nach der Abstimmung war klar, dass es in der Hauptstadt ungeheuerliche Pannen gegeben hatte. In einigen Wahllokalen gingen die Stimmzettel aus, in anderen wurden falsche ausgegeben. Mancherorts musste die Abstimmung zwei Stunden lang unterbrochen werden. Es kam zu gewaltigen Warteschlangen. In vielen Wahllokalen konnte man seine Stimme deshalb auch deutlich nach 18 Uhr noch abgeben, in einem Lokal sogar bis 21 Uhr. Da lagen schon seit Stunden die ersten Hochrechnungen vor.

Der Eindruck der dadurch entsteht: Um den Verlust eigener Mandate bei einer Wiederholung zu begrenzen, wird herumgetrickst. Es ist ein Eindruck, der das Vertrauen in das Funktionieren der Parlamentarischen Demokratie nicht stärkt, sondern weiter schwächt.

Die Abgeordneten blamieren sich damit schon wieder in einer Angelegenheit, die sie selbst betrifft. Auch in den Debatten um die Änderung des Wahlrechts oder die Höhe der Parteienfinanzierung hat sich der Bundestag nicht mit Ruhm bekleckert. Jedes Mal blieb der Eindruck, dass die Mehrheit der Abgeordneten, wenn es um die eigene Sach geht, auch an die eigene Sache denkt. Der Bundestag ist jetzt so groß wie noch nie – und die Finanzierung der Parteien üppig.

…“

4064: Saul Friedländer 90

Mittwoch, Oktober 12th, 2022

Der aus einer deutschsprachigen Prager Familie stammende Saul Friedländer wurde in den sechziger Jahren regelmäßig krank, wenn er von der Pariser Uni aus zur Forschung nach Deutschland fuhr. Ihm fehlte es noch an Selbstbewusstsein. Seine Eltern waren von den Nazis ermordet worden. Er selbst hatte, als katholischer Internatsschüler getarnt, den Zweiten Weltkrieg in Frankreich überlebt. In Deutschland bestimmten nach 1945 zunächst Ex-Nazis wie Martin Broszat, der Leiter des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, wer über den Nationalsozialismus forschen durfte.

Friedländer wurde Israeli und baute das Land mit auf. Zunächst als Landwirtschaftsschüler, dann als Professor für Geschichte. Schließlich ging er in die USA. Dort erschien sein Hauptwerk „Das dritte Reich und die Juden“. Dafür hat er den Pulitzer-Preis bekommen. Seit langem ist Saul Friedländer als Forscher eine international angesehene Kapazität. Er wird 90 Jahre alt. Mit Dan Diner, einem Kind polnisch-litauischer Holocaust-Überlebender, begründete er die Zeitschrift „History & Memory“. 1978 und 2016 veröffentlichte Friedländer die Autobiografien „Wenn die Erinnerung kommt“ und „Wohin die Erinnerung führt“. Er sagt: „Die Vertrautheit mit Deutschland ist mit den Jahren wieder gewachsen.“ (Ronen Steinke, SZ 11.10.22)

4059: Literaturnobelpreis für Annie Ernaux

Sonntag, Oktober 9th, 2022

Die 1940 in Lillebonne/Normandie geborene Arbeitertochter Annie Ernaux hat bis 2000 als Lehrerin gearbeitet, zwei Kinder großgezogen, daneben relativ spät mit dem Schreiben begonnen. Das hat sie aber nachhaltig beeinflusst. Und manche Nachahmer gefunden. Mit Ernaux gibt es ein neues autobiografisches Schreiben. Dafür hat sie jetzt – völlig zu Recht – den Literaturenobelpreis bekommen. Ihre Eltern hatten eine kleinen Lebensmittelladen mit Kneipe. 1984 erschien mit „Der Platz“ die Geschichte ihres Vaters, ein Leben unter französischen Klassenverhältnissen. Das Buch über ihre Mutter heißt „Die Scham“, es erzählt u.a. von einem Gewalteinbruch in der Familie. Ernaux blieb stets ganz bei ihren Individuen und schilderte dadurch um so glaubwürdiger die teilweise erbärmlichen französischen gesellschaftlichen Verhältnisse. Auf deutsch erscheinen Ernauxs Bücher seit 2017 bei Suhrkamp in der Übersetzung von Sonja Finck, ein Sprung nach vorne. Zuletzt kam „Das Ereignis“ heraus, die Geschichte eines Schwangerschaftsabbruchs. Insofern sind die Bücher von Ernaux wahrscheinlich gerade für Frauen sehr wichtig. Sie hat auch Theoretiker verarbeitet: Bourdieu, Foucault, Barthes, Lacan, Chomsky, Baudrillard, Ivan Illich. Annie Ernaux ist eine großartige Schriftstellerin (Marie Schmidt, SZ7.10.22).

4057: Wolfgang Kohlhaase ist gestorben.

Donnerstag, Oktober 6th, 2022

Er war einer unserer größten Drehbuchautoren. In der DDR und im vereinten Deutschland. Wolfgang Kohlhaase, der jetzt im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Im Jahr 2000 liefert er das Buch für Volker Schlöndorffs „Die Stille nach dem Schuss“, die Geschichte der in die DDR geflohenen RAF-Mitglieder. Eine zutiefst deutsche Geschichte. Kohlhaase hat zahlreiche Drehbücher für wichtige Regisseure geschrieben: 1957 „Berlin – Ecke Schönhauser“ (Gerhard Klein), 1968 „Ich war neunzehn“ (Konrad Wolf), 1980 „Solo Sunny“ (Konrad Wolf, Co-Regie Kohlhaase), 1982 „Der Aufenthalt“ (Frank Beyer), 2015 „Als wir träumten“ (Andreas Dresen), 2017 „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (Matti Geschonneck). Die DDR sah Kohlhaase durchaus kritisch, aber mit menschlichem Blick. Er wurde selbst Opfer der ideologischen Filmpolitik (11. Plenum des ZK der SED 1966). Im vereinten Deutschland blieb er erfolgreich. Wolfgang Kohlhaase hat sehr viel mit jungen Regisseuren zusammengearbeitet, daher wohl die Frische und Jugendlichkeit vieler seiner Filme. Er konnte auch Verlierer glaubwürdig zeichnen. Und dabei sogar Hoffnung durchschimmern lassen. Wir haben einen großen Verlust erlitten (Fritz Göttler, SZ 6.10.22).

4056: Kollaboration zwischen Rechtspopulisten und Christdemokraten

Mittwoch, Oktober 5th, 2022

In einem Interview mit Johan Schloemann (SZ 5.10.22) erläutert der Populismus-Forscher Jan-Werner Müller, 52, (Princeton) seine Vorstellungen vom Rechtspopulismus:

SZ: Welche Rolle spielen die „klassischen“ konservativen Parteien, wenn Rechtspopulisten an die Macht kommen? In Schweden und Italien helfen sie dabei mit, in Deutschland hält noch die sogenannte Brandmauer der CDU/CSU gegenüber der AfD.

Müller: Zunächst eine Bemerkung zu Silvio Berlusconi. Dass seine Forza Italia jetzt oft als gemäßigtere christdemokratische Partei dargestellt wird, zeigt schon, wie sehr sich die Maßstäbe verschieben können. Schließlich hat Berlusconi schon in den neunziger Jahren eindeutig rechtspopulistisch agiert. Und damit ist schon das Grundproblem berührt: die Gefahr einer schleichenden Anpassung von Mitte-Rechts-Pareteien an die äußerste Rechte.

SZ: Ist die etwa gefährlicher als der Aufstieg der Rechtspopulisten selbst?

Müller: Ja. Diese kommen nicht zwangsläufig, wie es das Bild von der Welle suggeriert, an die Macht; es braucht – ich verwende das Wort bewusst – einen Willen zur Kollaboration seitens des sogenannten Mainstreams. …

SZ: Welche Folgen hat das für die konservativen Parteien selbst?

Müller: Wenn man gewisse menschenverachtende Diskurse erst einmal legitimiert hat, kann man nicht einfach wieder zurück: Ist der Damm gebrochen, bleibt er offen. Zudem ist dieser Weg meist auch strategisch-instrumentell unklug, weil die Anbiederung selten Wähler zurückholt. Die Anpassung wird leider auch dadurch befördert, dass konservative und

vor allem christdemokratische Parteien nicht mehr wissen, wofür sie eigentlich stehen.

Jahrelang hat man von der Krise der Sozialdemokratie gesprochen, obwohl sozialdemokratische Ideale immer noch vergleichsweise klar sind. Aber die Essenz der Christdemokratie im 21. Jahrhundert ist immer schwerer zu definieren. …

4053: Edgar Reitz wird 90

Montag, Oktober 3rd, 2022

Einer unserer größten Filmemacher, Edgar Reitz, hat seine Memoiren geschrieben:

Filmzeit, Lebenszeit, Erinnerungen. Berlin (Rowohlt) 2022, 672 S., 30 Euro.

Reitz wird demnächst 90 Jahre alt. Bekannt ist er für seine „Heimat“-Trilogie: „Heimat – Eine deutsche Chronik“, „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ und „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“. Darin wird der Heimat-Begriff in dem Ort Schabbach so vielfältig, intelligent und virtuos durchbuchstabiert, dass der Begriff seine deutschen Rückständigkeiten verliert.

Edgar Reitz stammt aus dem Hunsrück. Ab 1952 hat er in München studiert und dort Wurzeln geschlagen. Er gehört zu den Unterzeichnern des „Oberhausener Manifests“ 1962, hat aber nie die großen Gemeinsamkeiten unter den Regisseuren empfunden. Relativ viel zusammengearbeitet hat er mit Alexander Kluge: „Die Reise nach Wien“ 1973, „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ 1974. Auch dokumentarisch hat Reitz gearbeitet. Bekannt ist sein Spielfilm „Mahlzeiten“ (1966/67). Reitz Stärke war es, das Privatleben „kleiner Leute“ ernst zu nehmen. Daher seine große Glaubwürdigkeit. Reitz‘ Buch geht über das Filmemachen und enthält eine Theorie des Erzählens. Nie hat ihn sein Sinn für Poesie verlassen. Er schreibt: „Die Sehnsucht will weg von der Heimat, die Wehmut will zurück zu ihr.“ (Susan Vahabzadeh, SZ 17./18.9.22)