Archive for the ‘Geschichte’ Category

4393: Ganz „normale Menschen“

Samstag, Juli 1st, 2023

Angesichts der sehr guten Umfrageergebnisse der AfD wird zunehmend diskutiert, ob sie tatsächlich, wie behauptet, nicht zuletzt auch von „normalen Menschen“ gewählt wird.

1. Schon zu Helmut Kohls Zeiten war stets auch von der „schweigenden Mehrheit“ die Rede.

2. Es ist eine Konstruktion, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft, die keinen Korridor der Normalität vorschreibt, „normale“ und „unnormale“ Menschen gäbe.

3. Das Angebot, sich selbst „normal“ zu finden und als das Maß aller Dinge zu betrachten, lädt Menschen ein, die sich ansonsten zurückgesetzt fühlen, sich psychologisch aufzuwerten.

4. Die politische Ansprache, ein Publikum als „normal“ zu loben, funktioniert sehr gut, wenn dieses Publikum sich ansonsten mit seinen Perspektiven politisch tabuisiert sieht – etwa mit rassistischen oder wissenschaftsfeindlichen Positionen.

5. Wir befinden uns in einer Krise, in der wir bisher sicher Geglaubtes in Frage stellen.

6. Von „Normaltät“ zu sprechen, ist ein Versprechen an eine bestimmte Wählergruppe, dass sie ihr Verhalten nicht ändern muss.

7. Das Grundmissverständnis der Union (CDU und CSU) ist, dass der Populismus Stimmungen in der Bevölkerung aufgreifen würde. Tatsächlich schüren die Populisten erst solche Stimmungen.

8. Was wir heute bei der AfD sehen, ist das, was in den USA bei den Republikanern unter Trump geschehen ist, bei den britischen Konservativen mit dem Brexit und aktuell in Italien mit Francesca Meloni.

4392: Matias Martinez über Literatur

Freitag, Juni 30th, 2023

Der Erzählforscher Matias Martinez lehrt an der Universität Wuppertal. In einem Interview mit Yannick Ramsel und Anna-Lena Scholz (Zeit 15.6.23) macht er bemerkenswerte Aussagen über Literatur. Ich bringe hier nur einige Thesen von Martinez.

1. Zuerst spricht er über Jonathan Lyttels „Die Wohlgesinnten“ (2007): „Der Roman wird von der Hauptfigur selbst erzählt. Das bringt den Leser in die schreckliche Situation, quasi aktiv an all den grausamen Planungen und Morden des Holocausts teilzunehmen. Ich fühlte mit dem SS-Offizier mit, war fasziniert von seinem Intellekt und spürte zugleich: Diese Identifikation ist moralisch prekär.“

2. „Aristoteles meinte, die Empfindungen von ‚Jammer und Schauder‘, die Tragödien in uns auslösen, führten zu einer letztlich lustvollen Reinigung von übermäßigen Affekten. Im 18. Jahrhundert erhofften sich die Autoren, dass Literatur das Mitleid in uns fördert – da sind wir dann bei Lessing, der in seiner Dramentheorie schrieb: ‚Wenn wir mit Königen mitfühlen, dann fühlen wir mit ihnen als Menschen und nicht als Könige.‘ Das war eine große Idee der Aufklärung: dass Literatur uns zu besseren Menschen und Bürgern macht. Dass wir durch sie lernen, kognitive Dissonanzen auszuhalten, uns hineinzuversetzen in fremde Erfahrungen und Standpunkte. Dass uns dies eine tolerantere, sozialere Gesellschaft ermöglicht.“

3. „Wenn es so wäre, müssten Autorinnen, Germanistikstudierende und Literaturprofessoren die besseren Menschen sein, oder? Keine sehr plausible These.“

4. „Die Weltliteratur ist ja voller Schrecklichkeiten: Mord, Vergewaltigung, Tod. Die Tendenz, die wir an den US-amerikanischen Universitäten, aber mehr und mehr auch bei uns beobachten, ist: Der akademische Unterricht soll ein safe space sein, ein sicherer Ort. Entsprechend lautet die Erwartung, vor dem Seminarbesuch vor möglicherweise anstößigen Inhalten zu warnen.“

5. „Mir fällt der Chauvinismus von Faust heute mehr ins Auge als noch vor 20 Jahren.“

6. „Ich glaube tatsächlich, wir leben in einem neuen, sensibilisierteren Zeitalter. Und wünschen uns von der Literatur, dass sie uns moralisch festigt.“

4391: Blake Baileys Philip Roth-Biografie: zu distanzlos

Donnerstag, Juni 29th, 2023

Blake Baileys Philip Roth-Biografie ist auf deutsch erschienen:

Philip Roth. Biografie. München (Hanser) 2023, 1.040 S.

Der große US-amerikanische Schriftsteller (Portnoys Beschwerden 1969, Mein Leben als Mann 1974, Zuckermans Befreiung 1981, Gegenleben 1986, Die Tatsachen 1988, Sabbaths Theater 1995, Amerikanisches Idyll 1997, Mein Mann, der Kommunist 1998, Der menschliche Makel 2.000, Verschwörung gegen Amerika 2.004) hatte Bailey 2018 seine Archive geöffnet. Das hat zu großer Nähe geführt. Da herrscht das Anekdotische vor. Wir erfahren mehr Einzelheiten über Roths studentische Dates als erforderlich. Dabei tritt Roths große schriftstellerische Leistung, neben Saul Bellow und Bernard Malamud die US-amerikanische jüdische Lebenswelt erschlossen zu haben, fast in den Hintergrund. Roth hatte zeitlebens mit der These vom jüdischen Selbsthass zu kämpfen. Bailey hat 200 Personen zu ihm befragt. Er nimmt für seinen Auftraggeber Partei. Roths beide Ehefrauen, Maggie Martinson und Claire Bloom, kommen schlecht weg. Ausführlich beschäftigt der Biograf sich mit dem sexuellen Eroberungszwang Roths. Über den Schriftsteller hatte der Psychotherapeut Hans J. Kleinschmidt 1967 die vollständige Krankheitsgeschichte in einem wissenschaftlichen Aufsatz publiziert.

4390: Jens Stoltenberg bleibt Nato-Generalsekretär.

Donnerstag, Juni 29th, 2023

Die Amtszeit des Norwegers Jens Stoltenberg als Nato-Generalsekretär wird ein weiteres Mal verlängert. Die Allianz konnte sich nicht auf einen geeigneten Nachfolger einigen. Stoltenberg führt die Nato seit Oktober 2014. Wegen des russischen Vernichtungskriegs gegen die Ukraine wurde seine Amtszeit bereits einmal verlängert. Traditionell stellen die USA den militärischen Oberbefehlshaber (Saceur), die Europäer stellen den politischen Führer (SZ 29.6.23).

4389: Razzia im Erzbistum Köln

Mittwoch, Juni 28th, 2023

Die Staatsanwaltschaft Köln hat die Räumlichkeiten des Erzbistums Köln durchsucht. Auch die einschlägigen Beschlagnahmen stehen im Zusammenhang mit dem Verdacht, dass Erzbischof Rainer Maria Woelki in einem presserechtlichen Verfahren einen Meineid geschworen haben könnte. Hintergrund sind Missbrauchsfälle (SZ 28.6.23).

4388: Höhe des Mindestlohns: umstritten

Dienstag, Juni 27th, 2023

Seit 2015 wird er gesetzliche Mindestlohn von einer Kommission festgelegt, die aus drei Arbeitgebervertretern, drei Gewerkschaftern und der Vorsitzenden besteht. Von der letzten Erhöhung auf 12 Euro profitierten knapp sechs Millionen Beschäftigte. Jetzt schlägt die Mehrheit der Kommission vor, den Mindestlohn jeweils Anfang 2024 und 2025 um je 41 Cent und damit auf 12,82 Euro zu steigern. Das sind je gut drei Prozent und damit etwa die Hälfte der Inflation. Also viel zu wenig. Die Sozialverbände hatten 14 Euro vorgeschlagen (Alexander Hagelüken/Dimitri Taube SZ 27.6.23).

4386: Restitution von Raubkunst aus privatem Besitz

Sonntag, Juni 25th, 2023

Es findet wieder eine Debatte über die Restitution von Raubkunst aus privatem Besitz statt. Kein Land in Europa hat dafür bisher eine gesetzliche Regelung gefunden. Nach der Einigung auf die „Washingtoner Prinzipien“ 1998 haben Bund, Länder und Kommunen 1999 eine „Gemeinsame Erklärung“ zur „Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ abgegeben. Das verpflichtet öffentliche Museen zu Provenienzforschung und Restitution.

Bis heute ungeregelt ist die Restitution bei NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut aus privatem Besitz. Solche Kunstwerke sind de facto unverkäuflich. Im Idealfall einigen sich Privatbesitzer und Anspruchsteller dahingehend, dass entweder das Werk zur Auktion gegeben und der Erlös nach bestimmten Quoten aufgeteilt oder den anspruchstellenden Familien eine Zahlung angeboten wird. Je wertvoller die Arbeiten sind, desto schwieriger sind derartige Lösungen. Die früheren Eigentümer können ihre Ansprüche nach 30 Jahren nicht mehr geltend machen, weil sie dann verjährt sind. Die heutigen Besitzer argumentieren häufig damit, sie hätten die Werke vor mehr als zehn Jahren „in gutem Glauben“ erworben.

Wer eine Arbeit auf einer öffentlichen Versteigerung erwirbt, wird laut BGB Eigentümer auch wenn das Bild NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde. Nimmt man die moralische Verpflichtung ernst, geraubtes Kulturgut auch aus privater Herkunft zu restituieren, bleibt kein anderer Weg, als dass der Bund einen Fonds schaffen muss, durch den die Rückgabe erleichtert und ermöglicht wird. Der Eigentümer wird zur Rückgabe eher bereit sein, wenn der Kaufpreis, den er einst gezahlt hat, aus diesem Fonds erstattet wird. „Die Verpflichtung des Staates, Restitution von NS-entzogenem Kulturgut zu ermöglichen, gebietet es, die finanziellen Mittel aufzubringen, um den Weg zur Restitution von Kunst auch aus privatem Besitz zu ebnen. Käufe derartiger Arbeiten liegen häufig viele Jahrzehnte zurück, so dass der damals gezahlte Kaufpreis oft in keinem Verhältnis steht zu dem Wert, den die Arbeiten bedeutender Künstler heute haben.“ (Peter Raue/Felix Stang, SZ 22.6.23)

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt, dass die „Wiederherstellung von Recht und Eigentum“, also die Rückgabe geraubter Kunstwerke, vielleicht die einzige Kategorie sei, in der „wahrhaftig das erlittene Unrecht von Jüdinnen und Juden zumindest in diesem engen technischen Rahmen rückgängig gemacht werden kann“. Opferorganisationen und Erben dringen darauf, dass auch privater Kunstbesitz systematisch erforscht und restituiert werden muss. Sogar der Kunsthandel würde von der Aufarbeitung profitieren, weil sie endlich Rechtssicherheit schafft. Deutsche Kunsthändler und Auktionshäuser fürchten, dass sich der Handel sonst ins Ausland verlagern könnte (Catrin Lorch, SZ 6.6.23).

4385: Uwe Seeler – einer der dem Fußball heute fehlt.

Sonntag, Juni 25th, 2023

„Terra History“ (ZDF) hat ein Porträt Uwe Seelers gezeigt, der 2022 im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Es zeigt, wie schmerzlich der Fußballer heute fehlt. Das Hamburger Arbeiterkind hat eine Weltkarriere gemacht und ist dennoch mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben. Er wurde Ehrenbürger von Hamburg, er war seinem Herkunftsmilieu entwachsen und ihm dennoch treu geblieben. Solche Typen gibt es heute nicht mehr. Seeler ließ den Trainer von Inter Mailand, Helenio Herrera, abblitzen, als der ihn mit einem Millioneangebot lockte. Er kam nach einem Achillessehnen-Riss zurück und führte die deutsche Mannschaft zur Vizeweltmeisterschaft 1966. „Er glänzte ohne Krone.“ Uwe Seeler hat eine untergegangene Epoche verkörpert. „Dass einer so ein Leader war, so ein Anführer und Energiespender – das ist genau die Kraft, die dem bundesdeutschen Fußball fehlt.“ (Holger Gertz, 17./18.6.23)

4384: Wir brauchen einen aufrichtigen Konservatismus.

Samstag, Juni 24th, 2023

Wir beschäftigen uns heute mit dem Basteln von Muttertagsgeschenken, mit Winnetou-Filmen und der Breite von Radwegen. Und das, was heute konservativ sein will, kämpft gegen Cancel Cultur, politische Korrektheit und „Wokeness“. Dabei wissen viele nicht einmal, was damit gemeint ist. Früher stand unser Konservatismus gegen den Kommunismus. Was übrigens auch heute noch angesichts des russischen Vernichtungskriegs und Sahra Wagenknechts angebracht erscheint. Es gibt die Sehnsucht nach Stärke und Schutz, aber viele Politiker können sie nicht mehr erfüllen.

„Denn mit Politikern und Politikerinnen wie Nicolas Sarkozy, Boris Johnson, Sebastian Kurz oder Markus Söder, die für persönliche Ambition, schwindelerregende Wandlungsfähigkeit, fehlenden Ernst und die Bearbeitung mehr oder weniger erfundener Probleme stehen, ist keine konservative Seele zu beeindrucken.“ (Nils Minkmar, SZ 24./25.6.23)

Der Konservatismus heute muss nicht nur die Rechtspopulisten zähmen, sondern auch beim gesellschaftlichen und politischen Wandel mitarbeiten. Tatsächlich ist ja der

Klimawandel

unser größtes Problem. Den hatte in Kalifornien der Konservative Arnold Schwarzenegger als Methode zum Siegen benutzt. Auf Kulturkämpfe sollte sich nur einlassen, wer auch weiß, was Kultur ist.

„Auch die Steine unserer Kirchen, Klöster und Schlösser erodieren, springen und reißen, aber ein Konzept dafür ist von konservativer Seite nicht zu erwarten.“

Das europäische Projekt muss (auch mit konservativer Hilfe) vollendet werden. In Deutschland gibt es viele Mittelständler im Familienbesitz, die keineswegs links sind und gutes Geld verdienen. Ihre Zahl wird noch wachsen.

„Im Sommer surren – mitten im CDU-regierten Hessen – morgens die Deckenventilatoren, grüne Sittiche stoßen tropisch-schrille Schreie aus, und am Nachmittag wird vor Tornados gewarnt. Um zu bewahren, was zu bewahren ist, braucht es einen aufrichtigen Konservatismus, der dem Wandel einen verständlichen, europäischen Rahmen gibt.“

4381: Synodaler Weg ist richtig.

Freitag, Juni 23rd, 2023

Der „Synodale Weg“ wird beschuldigt, die Einheit der Kirche zu gefährden. Seine Reformvorschläge seien nicht mit der katholischen Lehre vereinbar. Tatsächlich aber werden überall in der Weltkirche die gleichen Probleme behandelt:

– Weiterentwicklung der Sexuallehre,

– Zukunft des Priesterberufs,

– eine stärkre Beteiligung von Frauen,

– mehr Gewaltenteilung.

Zugleich bleibt die katholische Kirche sich treu: die Bischöfe von Regensburg, Eichstätt und Pssau und der Erzbischof von Köln haben dem Synodalen Ausschuss den Geldhahn zugedreht, mit dem das Geld der Kirchensteuerzahler verteilt wird. Sie sind an Machterhalt und geistlicher Unbeweglichkeit interessiert. Opfer sexueller Gewalt interessieren sie nicht. Sie sind theologische Reaktionäre. Demnächst aber werden staatliche Gerichte den Bischöfen vorschreiben, wie viel Geld sie Missbrauchsopfern zahlen müssen (Annette Zoch, SZ 23.6.23<).