Archive for the ‘Geschichte’ Category

2363: Wie Wilhelm Heitmeyer die AfD sieht.

Dienstag, April 30th, 2019

Wilhelm Heitmeyer war Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Mehrfach war er als Autor an den Shell-Jugendstudien beteiligt. Jetzt schreibt mit einigem Zorn über die AfD:

1. „Zur Chrakterisierung der ‚Alternative für Deutschland‘ wird die glatt polierte Formel ‚Rechtspopulismus‘ bevorzugt. Doch der Begriff ist irreführend, vernebelnd, ja verniedlichend angesichts der Ausrichtung der AfD gegen die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie.“

2. „Rechtspopulisten wollen durch Provokation öffentliche Erregung erzeugen, mit Themen entlang der dramatisierten Konfliktlinie ‚Volk gegen Elite‘. Rechtsextremisten und Neonazis wiederum operieren mit Gewaltandrohungen und Gewalttätigkeiten; sie wollen Schrecken verbreiten. Dazwischen verläuft die Erfolgsspur der AfD: ein autoritärer Nationalradikalismus.“

3. „Begriffe wie ‚Umvolkung‘ oder ‚messerstechende Invasoren‘ erzeugen Realität. Es entstehen Legitimationen für Diskriminierungen und Gewalt, quasi als Notwehr getarnt, ohne dass sie den Urhebern justiziabel zuzurechnen wären.“

4. „Gefährlich ist der Autoritäre Nationalradikalismus der AfD vor allem, weil er auf die gesellschaftlichen und politischen Institutionen zielt, auf Parlamente wie Gerichte, auf Polizei, Schulen, Vereine, Theater. Er will destabilisieren, Verängstigungsdruck erzeugen und einen Systemwechsel in Gang setzen.“

5. „… dies gelingt durch die Normalisierung autoritärer, nationalistischer und menschenfeindlicher Haltungen.“

6. „Viele Menschen fürchten den Statusverlust und den Verlust der allgemeinen sozialen Teilhabe; sie fühlen sich nicht wahrgenommen und ohnmächtig gegenüber dem politischen Apparat. Die so entstandene Demokratieentleerung ist dramatisch.“

7. (Dem Nationalradikalismus) ist es „gelungen, individuelle Ohnmachtsgefühle in kollektive Machtfantasien zu verwandeln, bis hinein ins Bürgertum.“

8. „Er zielt auf die Institutionen und damit auf die Substanz der offenen Gesellschaft und der liberalen Demokratie.“ (SZ 13./14.4.19)

2362: Deutschland verpflichtet sich zur Rückgabe kolonialer Raubkunst.

Montag, April 29th, 2019

Bereits im März haben sich Bund, Länder und Gemeinden dazu verpflichtet, die deutsche Kolonialvergangenheit aufzuarbeiten. Auf Anregung von Emmanuel Macron 2017. Ihm hatten die

Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy

und der Ökonom Felwine Sarr

eine Expertise geschrieben, welche die Restitution der während der Kolonialzeit geraubten Kunst empfahl. Auch niederländische Museen haben sich verpflichtet, Raubkunst zurückzugeben.

Das Papier, auf das sich die deutschen Behörden geeinigt haben, ist neun Seiten lang und ziemlich ernüchternd. Fast wörtlich spricht es Macrons Schlüsselsatz nach: „Wir wollen … die Voraussetzungen für … Rückführungen von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten (schaffen), deren Aneignung in rechtlich und/oder ethisch heute nicht mehr vertretbarer Weise erfolgte.“

Die „generelle Bereitschaft zur Rückführung von Sammlungsgut“ sei vorhanden. Es „entspreche einer ethisch-moralischen Verpflichtung“, geraubte Kulturgüter zu identifizieren und deren Restitution „zu ermöglichen „. Entsprechende Ersuchen seien „zeitnah zu bearbeiten“. Dafür fehlten allerdings bisher noch gültige Kriterien. Viele Vorgänge bedürften noch „einer Konkretisierung“. Dazu sollten Experten zu Rate gezogen und mit den Herkunftsländern zusammengearbeitet werden.

Für die deutschen Museen wird sich einiges ändern. Sie müssen ihre Bestände inventarisieren und im Netz einsehbar machen. Dazu muss Provenienzforschung betrieben werden. Die deutschen Behörden konnten sich nicht auf die Feststellung einigen, Deutschlands Kolonialunternehmen als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu deklarieren. Dagegen hatte das Auswärtige Amt protestiert, das Reparationsforderungen fürchtet. U.A. von den Herero und Nama in Südwestafrika. Sie klagen in New York gegen die Bundesrepublik Deutschland. Einigen Behörden ging es darum, den Eindruck zu vermeiden, das koloniale Unrecht werde gleichrangig mit dem Holocaust behandelt. Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus werde „nicht zu einer Reduzierung der Bemühungen und Maßnahmen zur Aufarbeitung des NS-Unrechts führen. Der Holocaust ist präzedenzlos und unvergleichbar.“ (Jörg Häntzschel, SZ 15.3.19)

2361: Was Wolf Biermann von Vogelschiss-Politikern hält

Sonntag, April 28th, 2019

In den Zeitungen der Madsack-Gruppe erscheint die Serie „Mein Traum von Deutschland“. Im „Göttinger Tageblatt“ kamen im Teil 1 am 20.4.19 Pamela und Wolf Biermann zu Wort. Auf die Frage von Jan Sternberg antwortet Wolf Biermann:

GT: Macht Ihnen der Aufstieg der AfD, gerade im Osten, eigentlich Angst?

Wolf Biermann: Angst macht mir das nicht, ich bin ja gut trainiert im Aushalten solcher Leute. Aber es ist mir natürlich nicht egal. Politisch-moralisch gesehen sind solche Vogelschiss-Politiker für mich dasselbe wie Sahra Wagenknecht und ihre Genossen,

simple Populisten.

Dass die nicht identisch sind, muss mir keiner erklären, das weiß ich selber. Da gibt es interessante Unterschiede und trotzdem gehören sie in meinem Koordinatensystem zusammen. Sie sind nach meiner Meinung Feinde der Demokratie.

2360: „Jewish Voice from Germany“ wird eingestellt.

Samstag, April 27th, 2019

Der Gründer und Herausgeber der „Jewish Voice from Germany“, Rafael Seligmann, hat mitgeteilt, dass seine Quartalszeitung eingestellt wird. Sie ist anscheinend über Anzeigen nicht mehr zu finanzieren. Das Projekt war von Anfang an (2012) ein Sonderfall. Es sollte dem deutschen Judentum eine unabhängige Stimme geben. Und diese sollte weltweit wahrnehmbar sein. Deshalb erschien die Zeitung auf Deutsch und auf Englisch. Sie hatte zunächste eine Auflage von ca. 30.000 Exemplaren und wurde an Mitglieder des US-Kongresses, die Parlamente in Kanada, der EU, Großbritanniens, Deutschlands und Israels verteilt. Hinzu kamen Gemeinden in den USA, Journalisten, Hochschulen, Vorstandsmitglieder.

Nach Seligmanns Meinung genügt es nicht, jüdische Opfer zu betrauern und den Antisemitismus zu beklagen. Aufgabe sollte es sein, mit dem Wissen der Vergangenheit das aktuelle Geschehen mit Essays, Kommentaren, Diskussionen, Kontroversen zu beleben. Der Axel-Springer-Verlag bot an, eine deutsche Ausgabe der „Jewish Voice from Germany“ der „Welt“ kostenlos beizufügen. So geschah es. Deswegen konnte ich die Zeitung regelmäßig lesen. Die kombinierte Auflage betrug 150.000 Exemplare. Diese Stimme wird uns künftig fehlen.

Seligmann schreibt: „Das Fazit aus mehr als sieben Jahren Arbeit an der ‚Jewish Voice‘ bleibt positiv. Wir haben dazu beigetragen, den deutsch-jüdischen Dialog zu beleben. Wir haben viele Mitstreiter gewonnen. Was wir angestoßen haben, wird nicht ungeschehen bleiben. Das deutsch-jüdische Gespräch, die Auseinandersetzung ist unvermeidlich. Sie werden weitergehen. Zunächst nur im Schildkrötentempo.“ (FAZ 20.4.19)

2358: 70 Jahre Grundgesetz

Samstag, April 27th, 2019

Das Grundgesetz wird 70 Jahre. Dazu interviewt Thorsten Jungholt den ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier (Die Welt 20.4.19).

Welt: Am 8. Mai 1949 beschloss der parlamentarische Rat das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. In welcher Verfassung ist unsere Verfassung zum 70. Geburtstag, Herr Papier?

Papier: Grundsätzlich in guter Verfassung. Wir leben auch dank des Grundgesetzes seit 70 Jahren in sehr stabilen rechtlichen und politischen Verhältnissen. Wann hat es in der neueren Geschichte Deutschlands so etwas gegeben? Darauf können wir auch ein wenig stolz sein.

Welt: Sind Sie ein Verfassungspatriot?

Papier: Patriot ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen. Aber ich meine schon, dass in der pluralistischen Gesellschaft, die nicht mehr vorrangig durch gemeinsame Traditionen, Religion oder Kultur zusammengehalten wird, die Unterwerfung unter das Grundgesetz, seine Wertordnung und das demokratisch gesetzte Recht das ganz entscheidende Bindeglied ist. Die Geltung von Verfassung und Gesetz für und gegen jedermann – das ist, was diese Gesellschaft zusammenhalten kann. Wobei man ergänzend auch die Bedeutung stabiler wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse betonen muss.

2357: Brücke-Maler als Opportunisten

Donnerstag, April 25th, 2019

Die Brücke-Maler Ernst Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein stehen im Mittelpunkt der Ausstellung „Flucht in die Bilder“ im kleinen Brücke-Museum im Berliner Grunewald. Auch Emil Nolde und Ernst-Ludwig Kirchner gehörten zu der Gruppe. Kirchner ging in  die Schweiz. Die Ausstellung zeigt Duckmäusertum, Anpassung und Selbstverleugung der Künstler.

Max Pechstein war von Emil Nolde denunziert und bezichtigt worden, Jude zu sein. Deswegen musste er schon 1933 einen „Ariernachweis“ „erbringen“. Er schrieb: „Dass ich kein Jude bin, haben sie inzwischen eingesehen. Wäre ich es, so würde ich mir auch nichts daraus machen, für mich entscheidet der Mensch, und ich lasse mir meine jüdischen Freunde nicht nehmen, welche ich als zuverlässig und gütig erkannt habe; im Gegensatz zu dem rein arischen Kunsthändler (gemeint ist Wolfgang Gurlitt), welcher mich so skrupellos um den Erlös meiner Hände Arbeit betrogen.“

Nach dem Treuegelöbnis für Adolf Hitler 1934 malten auch die Brücke-Maler den echten Landschaftskitsch, um weiter ausstellen und verkaufen zu können. Zur Hilfe kam ihnen, dass 73 ihrer Bilder in der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 hingen. Dies gab ihnen nach dem Krieg den Heiligenschein, unter dem sie mit Ausstellungen geehrt und Professoren wurden.

Ermöglicht hat die aufklärerische Ausstellung Lisa Marei Schmidt, die 2017 Direktorin des Brücke-Museums wurde und mit der Vertuschung und Heimlichtuerei aufräumte. Es steht an die Re-Education ihres Stammpublikums (Till Briegleb, SZ 25.4.19).

2355: Notre Dame spaltet.

Montag, April 22nd, 2019

Als Notre Dame brannte, war ich bestürzt und traurig. Wegen des Symbols der französischen Einheit. Und damit des Symbols der europäischen, christlichen Einheit. Ich befürchtete Brandstiftung. Und ich erwartete daraufhin eine Sammlung der Menschen zur Rettung der Pariser Kathedrale und eine gemeinsame Rückbesinnung auf unsere christlich-europäischen Wurzeln. Aus dem gemeinsamen Schmerz hätte Brüderlichkeit entstehen können.

Das Gegenteil ist eingetreten.

Das ist ein Zeichen der tiefen inneren Zerrissenheit und Spaltung der französischen Gesellschaft. In Europa sieht es nicht besser aus. Kaum hatten die Spenden und Großspenden der Familien Pinault, Arnault und Bettencourt-Meyers etwa eine Milliarde Euro für den Wiederaufbau zusammengebracht, ertönte der Ruf nach mehr sozialer Gerechtigkeit. Nun, von den einfachen atheistischen Banausen war nichts anderes zu erwarten. Dass aber der linke Präsidentschaftskandidat Mélenchon verstärkt gegen Reiche hetzte, hatte ich in dieser simplen Dreistigkeit nicht für möglich gehalten. Von Gewerkschaftsseite war zu hören: „Gelobt seien unsere Herren! Die Bettler danken den Familien Arnault und Pinault, die den Schrei der Steine besser hören als den des Fleisches.“

Emmanuel Macron wurde als „Präsident der Reichen“ geschmäht und zur „Rothschild“-Clique gezählt. Da war auch der Antisemitismus schon wieder dabei. Tatsächlich hatte der Präsident mehrere Jahre als Investmentbanker gearbeitet und am Anfang seiner Amtszeit zunächst die Vermögenssteuer umgewandelt. Die „Gelbwesten“, die erstaunlicherweise in Frankreich und in ganz Europa auch von Linken gelobt werden, wurden in ihrem Geschrei gegen den Präsidenten lauter und schriller und gewalttätiger.

Victor Hugo ist bekannt für sein berühmtes Buch „Notre-Dame de Paris“. Er hat auch „Die Elenden“ („Les Miserables“) geschrieben. Die „Gelbwesten“-Wortführerin Ingrid Levasseur: „Victor Hugo dankt allen großzügigen Spendern, die Notre-Dame retten wollen, und schlägt ihnen vor, sich auch um die Elenden zu kümmern.“ Der Brand von Notre Dame war also Anlass, von der Politik zu verlangen, sich um die „Sorgen der kleinen Leute“ zu kümmern. Ein Streit um die französische Steuergesetzgebung entbrannte. Wie schon bei der Restaurierung der Kathedrale 1845 bis 1859 (Michaela Wiegel, FAS 21.4.19; Judith Neschma Klein, FAS 21.4.19; Katrin Hummel, FAS 21.4.19; bpe, FAS 21.4.19).

So ist die Lage. Machen wir uns nichts vor!

Aber was bedeutet das für Europa und den Westen?

2352: Theo Waigel 80

Sonntag, April 21st, 2019

Der ehemalige CSU-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Theo Waigel wird zu Ostern 80 Jahre alt. Er war immer ein Solitär und etwa einer der wenigen in der CSU, der sich für Angela Merkels (CDU) Flüchtlingspolitik eingesetzt hat. Georg Meck und Bettina Weiguny haben ihn für die FAS (14.4.19) interviewt.

FAS: Sie waren Akteur bei der deutschen Einheit wie der Euroeinführung. Lief das alles ohne Fehl‘ und Tadel aus heutiger Sicht?

Waigel: Was wir nicht gewusst haben vor der Wiedervereinigung, das war, wie schlimm es um die ostdeutsche Volkswirtschaft stand und wie bankrott der Staat war.

FAS: Bundeskanzler Helmut Kohl hat von bald blühenden Landschaften geschwärmt.

Waigel: Die sehe ich, wenn ich durch Ostdeutschland fahre. Hätten wir die Menschen damals gefragt: Seid ihr bereit, für die Einheit 2,5 Billionen Mark zu bezahlen? Da hätte uns niemand – … – unterstützt.

FAS: So haben Sie den Leuten etwas vorgegaukelt.

Waigel: Nein! Wir haben allerdings den Ostdeutschen den Offenbarungseid erspart, das war vielleicht ein Fehler. Soll mir heute niemand mit Ostalgie kommen, da war nichts gut in der DDR! Die deutsche Einheit war eine einmalige historische Gelegenheit, und wir hatten nur ganz wenig Zeit, gut ein Jahr, mehr nicht.

FAS: Warum .. braucht das Friedensprojekt Europa unbedingt eine gemeinsame Währung – gegen alle ökonomischen Einwände?

Waigel: Der Euro ist auch ökonomisch notwendig. Wir wären mit der D-Mark ein Spielball des Dollars und des Renminbis. Europa hat nur so eine Chance. Schon die Finanzkrise hätten wir mit 30 einzelnen Währungen nie überstanden. In Deutschland hätten wir heute eine Aufwertung der Mark, die wäre verheerend für die Wirtschaft.

FAS: Trotzdem lautet das gängige Urteil: Die Durchlässigkeit der Gesellschaft nimmt ab, die Elite schottet sich ab.

Waigel: Das Gegenteil ist wahr. Die Barrieren von früher gibt’s nicht mehr. Komme mir niemand mit der guten alten Zeit. Es herrschten eine Theologie der Angst und eine Pädagogik der Schläge. Wir leben heute in der besten aller Zeiten. …

Kommentar W.S.: Ich stimme mit Theo Waigel überein.

2351: „epd medien“ 70 Jahre alt

Freitag, April 19th, 2019

Seit 1949 berichtet „epd medien“ (ursprünglich: „epd Kirche und Rundfunk“) über das Mediensystem in Deutschland. Dort arbeitet eine kleine, fachlich versierte und in ethischen Fragen wache Redaktion. Ihr Selbstverständnis wurde 2005 offenbar, als ihr damaliger Chef, Volker Lilienthal, den Schleichwerbe-Skandal bei der „Bavaria“ aufdeckte. Wegen der Zuschüsse der evangelischen Kirche ist „epd medien“ nicht abhängig von Abonnenten und Anzeigenkunden. Die Nachrichtenagentur sieht sich im Dienst des Qualitätsjournalismus. In Zeiten der Digitalisierung und Kommerzialisierung der Massenmedien ist „epd medien“ heute wichtiger als je zuvor. Die verantwortliche Redakteurin Diemut Roether sagt: „Es braucht jemand, der dem Gerede von der ‚Lügenpresse‘ eine differenzierte Kritik entgegensetzt.“ (Matthias Drobinski, SZ 9.4.19)

2350: Nolde-Dämmerung

Donnerstag, April 18th, 2019

Als kürzlich zwei Gemälde (Leihgaben) von Emil Nolde (1867-1956) im Bundeskanzleramt abgehängt wurden, deutete sich bereits an, was jetzt in der Ausstellung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin bewiesen wird. Emil Nolde ist nicht länger PC. Er war Nationalsozialist und ein glühender, hasserfüllter Antisemit. Nicht alles davon ist ganz neu, beruht aber auf einem sechsjährigen Forschungsprojekt. Durchgeführt haben es Bernhard Fulda (Oxford) und Aya Soika (Berlin). Unterstützt wurden sie dabei vom Direktor der Ada-und-Emil-Nolde-Stiftung Seebüll, Christian Ring, der seit 2013 im Amt ist. Er hat die Vertuschungspolitik der Stiftung konsequent beendet. Legende sind das „Malverbot“ Noldes und das Narrativ von den „ungemalten Bildern“. Die Legende wurde seit 1946 von Emil Nolde selbst ins Leben gerufen, auch mit der Gründung seiner Stiftung. Die Tatsache, dass fast 50 seiner Gemälde in der Nazi-Ausstellung über „Entartete Kunst“ (seit 1937) hingen, hat er geschickt dazu benutzt, eine Existenz in der „inneren Emigration“ zu behaupten. Zur Befestigung dieser Legendenbildung hat nicht zuletzt Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“ (1967), ein Bestseller, beigetragen.

Ich hatte Emil Nolde im Kunstunterricht kennengelernt. Und ich war – verständlicherweise – äußerst angetan von der Leuchtkraft seiner Farben und der Wildheit seiner Motive. Er war ja nicht auf die Nordsee, Wolken, Häuser und Wiesen hinter dem Deich beschränkt. Eine dunkle Pracht herrschte in seinen Landschaften, wie Andreas Kilb richtig schreibt. Heile Welt habe ich seinerzeit nirgends entdeckt. Mit meiner Frau war ich noch in diesem Jahrtausend mehrfach in Nolde-Sonderausstellungen in der Berliner Jägerstraße am Gendarmenmarkt, die von der Nolde-Stiftung veranstaltet wurden. Und da war ich nicht weniger begeistert als zur Schulzeit. So ist es heute noch.

Der Expressionist Nolde steht für das „Starke, Herbe, Innige“ in der Kunst. Das „Süße der Sünde“ und „rundliche Formenschönheit“ gilt ihm als undeutsch und rassefremd. 1933 hat er dem „Führer“ einen „Entjudungsplan“ vorgelegt. Er wollte „der“ Künstler des Nationalsozialismus werden, woraus aber nichts wurde, weil seine Kunst dafür zu schroff und eigenständig war. Für seine Malerkollegen war Emil Nolde nie pflegeleicht. Die Zurückweisung einiger seiner Bilder führte 1909 zu seinem Auszug aus der Sezession. Hier begann sein lebenslanger Hass auf Max Liebermann. Nolde denunzierte Max Pechstein als „Juden“. Der Rassist Nolde wollte eine „reinliche Scheidung“ zwischen Juden und Germanen. Noch kurz vor Kriegsende 1945 hetzte er gegen „Bolschewismus, Judentum u. Plutokratismus“. Er sprach von „Malerjuden“.

1937 war er der am stärksten in der Ausstellung „Entartete Kunst“ vertretene Künstler. 1941 wurde er aus der Reichskammer für die bildende Kunst ausgeschlossen. Aber der „Meister von Seebüll“ kam nicht auf die Idee, sich den Nazis künstlerisch an den Hals zu werfen. Mit seiner Frau reiste er 1942 eigens nach Wien zum dortigen Reichsstatthalter Baldur von Schirach, um die Rücknahme des Ausschlusses zu erreichen. Vergeblich. Emil Nolde blieb der Großverdiener unter den deutschen Künstlern. Auch vor seiner Entnazifizierung 1946. Heute erscheint seine Kunst politisch derartig kontaminiert, dass sogar Meeres- und Gartenszenen nicht mehr zur staatlichen Repräsentation taugen.

1968 hatte der Kunsthistoriker Werner Haftmann (NSDAP-Mitglied seit 1937) das erste Standardwerk über Emil Nolde vorgelegt. Er war der wichtigste Berater Arnold Bodes bei den ersten drei Documentas in Kassel gewesen. Auf Bitten des seinerzeitigen Stiftungsvorstands Joachim von Lepel und wider besseres Wissen verschwieg Haftmann die Wahrheit über Noldes Hitler-Treue und seinen Judenhass. Er propagierte die Legende vom Künstler im Untergrund, der heimlich in der „Waschküche“ malte. Und Walter Jens, der seine eigene NSDAP-Mitgliedschaft systematisch verschwiegen hatte, betonte 1967 zum hundertsten Geburtstag von Emil Nolde, dass wir Noldes Werk „vor dem gefährlichen Zugriff der Eigen-Deutung“ schützen müssten, also den Künstler Nolde vor dem Menschen Nolde. Das mag nicht ganz falsch sein. Was wäre aus Nolde wohl geworden, wenn Adolf Hitler ihn gemocht hätte?

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) verwandelte sein Bonner Büro mittels Leihgaben aus Seebüll in ein „Nolde-Zimmer“. Diese Tradition setzte Angela Merkel fort. Bis zu dem Tag, als die Kuratoren der Berliner Nolde-Ausstellung von ihr das Bild „Brecher“ ausleihen wollten, das in ihrem Arbeitszimmer hing. Mit der folgenden Nolde-Ächtung des Kanzleramts durch die Abhängung eines weiteren Bildes ist nun der Moment eingetreten, wo wir einen Bildersturm erwarten dürfen. Soll ich nun „meinen Nolde“ nicht mehr gut finden dürfen?

Im Bundeskanzleramt wartet ein Stockwerk unter dem Kanzlerinnen-Büro

die nächste Herausforderung

auf uns. Dort hängt Ernst Ludwig Kirchners “ Sonntag der Bergbauern“. Dieser hatte am 25. Dezember 1933 einen Brief an seinen Bruder Ulrich geschrieben. Darin heißt es: „Vollständig falsch und unrecht ist die Bemerkung über jüdischen Einfluss auf meine Arbeit. Da der Jude doch in seiner Religion verboten bekommt, sich mit der Darstellung des Menschen zu befassen, hat er ja überhaupt keine Kunst und kann auch so nicht andere beeinflussen, außerdem weißt du ja, dass ich schon länger vor dem 3. Reich die ‚Brücke‘ gegründet hatte, mit der ich für eine echte deutsche Kunst gegen Kunsthandel und Überfremdung der deutschen Kunst 10 Jahre gekämpft habe.“

(Renate Meinhof, SZ 11.4.19; Till Briegleb, SZ 13./14.4.19; Andreas Kilb, FAZ 13.4.19)